Ansichten eines Informatikers

Warum sind Kühltruhen vernetzt?

Hadmut
4.11.2026 20:30

Ein Leser fragte mich, ob ich erklären könnte, warum Kühltruhen vernetzt sind.

Ich habe erst einmal darüber nachgedacht.

Vor einem Monat hat man in Frankreich große Mengen von Lebensmitteln vernichtet, indem Hacker Tiefkühltruhen und -schränke in den Abtaumodus geschaltet und damit auf 50°C aufgeheizt haben.

Viel gelernt scheint man daraus nicht zu haben, denn jetzt ist es auch in anderen Ländern passiert. Die Schäden sind enorm. Es zeigt, wie sehr bei uns sogar die elementare Infrastruktur, die Lebensmittelversorgung, angreifbar ist. Und es betrifft ja nicht nur Tiefkühlwaren. Auch normal Gekühltes wie Milch, Obst, der ganze Frischkram, kann vernichtet werden, wenn man die den Sonntag über mal „warm stellt“.

Ein Leser hatte mich gefragt, ob ich mal erklären könne, warum man Kühltruhen überhaupt an das Internet anschließt. Ich habe mal etwas darüber nachgedacht.

Sensoren
Ich halte es für dringend erforderlich, gerade in Supermärkten, Arztpraxen, Apotheken und ähnlichem die Kühleinrichtungen und Klimaanlagen zu vernetzen – aber nur deren Sensorik. Denn es kann ja immer mal etwas kaputt gehen oder ausfallen, und dann muss es Alarm geben, damit auch nachts um drei oder am Sonntag einer losfährt und sich drum kümmert, bevor die Lebensmittel auftauen. Oder damit man das überhaupt merkt, wenn die Artikel zu warm geworden sind. Oder auch am veränderten Verhalten der Truhen zu bemerken, dass sich deren Ausfall anbahnt, etwa der Stromverbrauch hoch geht oder sie nicht schnell genug kühlen.

Da hielte ich es sogar für fahrlässig, sie nicht zu vernetzen.

Aktoren
Die Frage ist aber richtig, wozu man aus der Ferne die Temperatur verstellen oder gar die Abtauautomatik einschalten kann, denn das ergibt ja kaum Sinn, wenn nicht jemand vor Ort ist, der die Dinger vorher ausräumt, auswischt, sauber macht. Worin soll der Sinn im Remote-Abtauen liegen?

Ich hatte mir dann überlegt, ob man sie auch nur remote ein- und ausschalten würde, etwa um sie vorzukühlen, bevor die Ware geliefert wird. Aber remote ausschalten? Nein, das setzt ja auch voraus, dass jemand vor Ort ist. Ich sehe da wirklich keinen Sinn, die Dinger remote auszuschalten oder auf Abtauen zu stellen.

Also sollte das eigentlich nur vor Ort, mit einer Taste an der Truhe selbst, die von Hand bedient werden muss, möglich sein.

Aber halt: Das ist auch nicht gut. Dann drückt der nächste Depp im Supermarkt die Taste, und das Ergebnis ist dasselbe.

Eigentlich müsste man beides haben: Eine Taste vor Ort, die gedrückt werden muss. Und eine Freigabe Online, ohne die einem die Taste nichts nutzt.

Wobei ich mich mit diesen Truhen nicht auskenne. Mich würde interessieren, ob die Sensoren haben, die feststellen, ob und wieviel Ware darin ist, und ob die das von einer Vereisung unterscheiden können. Wenn man so etwas hätte, könnte man beispielsweise verhindern, dass die Kühlung abgeschaltet wird, solange Ware darin ist.

Aber gibt es Situationen, in denen man die Truhe doch remote ausschalten muss?

Es ist schwierig, darüber zu dozieren, solange man sich da, wie ich, mit den Anforderungen und Vorgängen nicht auskennt. Trotzdem halte ich es für problematisch und unvertretbar, Tiefkühltruhen zu bauen, die man Remote auf 50°C schalten kann.

IT-Sicherheit
Ich wundere mich aber, wie leicht das überhaupt möglich war und wie sich das nach einem Monat wiederholen konnte. Haben die alle ein Standardpasswort? Stehen die frei im Internet? Wenn ja: Wer baut so etwas?

Und ist das ein Versicherungsfall? Gibt es da Versicherungen, die da mal reinschlagen und sagen „So nicht!“?

Es eskaliert:

Man hat nicht nur Lebensmittel, sondern inzwischen auch Blutkonserven überhitzt – oder es zumindest versucht. Denn da hat die Sensorik funktioniert:

Frankreichs Blutbank ist von einem Cyberangriff auf ihr Kühlsystem getroffen worden, ähnlich wie auch zahlreiche europäische Supermärkte. Betroffen gewesen seien die Kühlräume an drei Standorten, teilte die französische Blutbank (EFS) mit.

Die von einem externen Anbieter bereitgestellten Kühlanlagen seien aus der Ferne derart manipuliert worden, dass die Betriebstemperaturen auf sehr hohe Werte angehoben wurden. Wie das Enthüllungsblatt „Le Canard Enchaîné“ berichtete, wurde die Temperatur von minus 30 Grad auf plus 110 Grad hochgefahren.

Dank der Überwachungs- und Alarmsysteme seien die Unregelmäßigkeiten schnell erkannt und Maßnahmen ergriffen worden, sodass keine Proben oder Blutprodukte beeinträchtigt wurden, betonte die Blutbank.

Und das geht dann schon in den Bereich des versuchten Mordes. Ich hatte das ja schon mal als Beispiel für selbstverstärkende Fehler beschrieben, wie man Leute in einem Krankenhaus durch Hacken umbringen kann. Und es gab auch irgendwann schon mal einen Bericht, wonach jemand in einem Krankenhaus durch Hacker umgebracht wurde. Wenn ich mich recht erinnere, durch Veränderung der verschriebenen Medikamente.

Und das wird zunehmen.

Insofern ist die Frage des Lesers eine äußerst wichtige und notwendige Frage.

Ich vermute auch, dass die Kühltruhen deshalb so „offen“ stehen, weil die großen Supermarktketten das so verlangen. Denn man hört immer öfter, dass das Personal in den Supermärkten nur noch als „Einräumer“ und „Kassierer“ da ist, und alles aus der Zentrale remote gesteuert wird. Da sitzen dann halt drei Nasen, die für die Kühltruhen im ganzen Land zuständig sein und das mit wenig Ausbildung und wenig Aufwand steuern sollen.

Man denkt zwar – natürlich – erst einmal daran, was für einen Mist da die Kühltruhenhersteller geliefert haben. Aber mich würde da schon auch interessieren, welche Rolle die Supermarktketten selbst dabei spielen. Vermutlich nämlich haben die bisher gar keinen Wert auf IT-Sicherheit gelegt, weil Supermärkte meines Wissens bisher einfach kein Angriffsziel waren.