Geister sind auch nicht mehr das, was sie mal waren …
Jetzt musste ich schon dem dritten [hat gerade geklopft, auch dem vierten und fünften] Gespenst erklären, dass das nicht gruselig genug ist, wenn da so ein kleines, schüchternes Geistchen vor der Tür steht und so ganz vorsichtig und leise mit kaum hörbarem Stimmchen sein „süßes oder … ? “ versucht. Die Idee dahinter sei doch, dass ich Angst bekomme und sie anflehe, mich zu verschonen. Mal so von unten aus der Lunge mit der Luftsäule schmettern. Heldentenor oder Mördersopran. Haha, hier bin ich!
Eigentlich sollten die Süßigkeiten ja als Lösegeld dienen und dafür sorgen, dass die bösen Geister mein Leben verschonen. Aber immer öfter gebe ich sie von mir aus als Stärkungsmittel und damit die Geister noch was zulegen können und den Heimweg noch schaffen.
Was mir, wie letztes und vorletztes Jahr schon auffällt: Unter jenen Geistern, die Hausbesuche machen, sind besonders migrantische Kinder auffällig deutlich erzogen, sich zurückhaltend, höflich, bescheiden zu zeigen und niemanden zu stören. Die nehmen sich dann oft nur eins, und überlegen, welches sie aussuchen sollen, und ich muss sie ermuntern, sich doch von jedem eins zu nehmen und statt zu überlegen einfach auszuprobieren, welches am besten schmeckt.
Während Berlin draußen auf den Straßen immer weiter abstürzt und zur Kriegszone wird, gibt es eine zwar dünne, aber eindeutig sichtbare Migrantenschicht, die großen Wert auf eine klassische Erziehung und fehlerfreies Deutsch legt. Letztes Jahr stand noch ein türkischer oder arabischer Vater dahinter, der überaus höflich gegrüßt und penibel darauf geachtet hat, dass sich die kleinen Geister auch höflich benehmen und nur eins nehmen, und hat sich hinterher auch höflich bedankt.
Anfangs dachte ich, meine Süßigkeiten taugten nichts, wenn die so zaghaft zugreifen, oder kritisch wählen. Wobei ich ja immer darauf achte, einzeln verpackte Sachen zu geben, schon aus hygienischen und Sicherheitsgründen. Früher gab man ja Obst, Äpfel, Möhren, Nüsse und so etwas, was eigentlich gesünder wäre, aber nicht mehr vertretbar ist.