Ansichten eines Informatikers

Zum Tod von Patrick Stewart und Jean-Luc Picard

Hadmut
30.10.2026 14:55

„Make it so.“

Ein Leser schreibt:

Guten Morgen Herr Danisch,

offenkundig waren auch Sie ein großer Freund von Star Trek. Fallen Ihnen für Ihren Blog vielleicht ein paar Worte zum Tod von Patrick Stewart ein?

Für mich ist es wieder einmal ein schmerzlicher Hinweis auf die unerbittliche Vergänglichkeit der Zeit…

Traurige, nachdenkliche Grüße

Das ist schwierig. Denn ich kannte Patrick Stewart ja gar nicht. Ich kannte nur Jean-Luc Picard. Für Nicht-Trekkies: Jean-Luc Picard war der Raumschiff-Kapitän, den Patrick Stewart in der größten und bekanntesten der Raumschiff-Enterprise-und-Ableger-Serien spielte.

Vor wenigen Tagen erst starb Walter Koenig, der in der Ur-Sperie, TOS, The Original Series, Pavel Checkov spielte. Schon da war es seltsam, dass Walter Koenig länger lebte als sein Nachfolger Anton Yelchin, der in den neueren Kinofilmen Pavel Checkov spielte und starb, als er in seiner Garageneinfahrt von seinem eigenen, abwärts rollenden Auto erdrückt wurde. Walter Koenig ehrte ihn, als er in der neueren Picard-Serie aus drei Staffeln eine Gastrolle übernahm, nämlich den Sohn des in der Handlung längst verstorbenen Pavel Checkov spielte, der es zum Präsidenten der Föderation gebracht hatte und Anton Checkov heißt. Da fühlte es sich schon seltsam an, wenn ein Schauspieler seinen Nachfolger überlebt. Nun hat William Shatner, der Schauspieler von Käpt’n Kirk, seinen Nachfolger überlebt.

Als eingefleischter Raumschiff-Enterprise-Fan – ich hatte diese Serie als Kind so gerne gesehen – hatte ich mich sehr darüber gefreut, als man damals ankündigte, dass es eine neue Serie geben wird, „The Next Generation“ (TNG), aber mit komplett anderen Personen in einem anderen Jahrhundert, und als die dann kam, dachte ich … uäääh. Was soll’n das sein? Wie gewollt und nicht gekonnt.

Dabei braucht die nur etwas, um sich zu entwickeln. Die Autoren und die Schauspieler mussten erst in den Sattel kommen und sich entwickeln. Und man hat auch noch ein paar Schauspieler und Details ausgetauscht. Und die wurden richtig, richtig gut. Spätestens ab dem Zeitpunkt, an dem ihre Uniformen Kragen hatten, saß das dann auch, und die Serie bekam eine philosophische Tiefe, weil sie gesellschaftliche Probleme und Fragestellungen unter dem Deckmantel der Phantasy und fremder Planeten aufgriff, aber letztlich Fragestellungen der Menschheit betrachtete. Das hatte auch TOS manchmal schon getan, aber noch sehr oberflächlich und hau-drauf-mäßig, weil TOS eben zu einer Zeit entstanden war, als im Fernsehen Western-Serien und Straßenkrimis dominierten, und eine ordentliche Schlägerei eben dazu gehörte, also beamte Käpt’n Kirk stets persönlich runter, um ein paar der Planetenbewöhner eigenhändig zu verdreschen.

Und dann hatten sie in der Nachfolge mit Stewart einen aristokratisch-intellektuell anmutenden Shakespeare-Darsteller als neuen Kapitän. Man dachte noch, ich dachte noch, sind die bekloppt? Wie soll denn der Außerirdische vermöbeln?

Das tat er nie.

Paradebeispiel war die Folge „Darmok“ (Staffel 5, Folge 2). Picard strandete irgendwie mit einem Tamarianer namens Dathon auf einem fremden Planeten und muss sich mit dem auseinandersetzen. Der Tamarianer wirkt feindselig und redet unverständliches Zeug. Kirk hätte sich mit dem geprügelt und nach Steinen und Felsen gesucht, nach der Hälfte der Zeit eine zerrissene Uniform gehabt und der blutige Risse in der Haut zu sehen gewesen wären. Nicht Picard. Picard redet mit dem, so lange, bis er verstand, dass Darmok, dessen Volk, immer nur in Zitaten und Anspielungen auf Sagen und Legenden redet. So sagt Darmok immer wieder „Darmok und Jalad bei Tanagra“ – was soll das bedeuten?

Aus der KI-Zusammenfassung:

Bedeutung der Geschichte

  • Darmok und Jalad waren zwei Fremde, die sich auf der Insel Tanagra trafen.
  • Sie standen sich anfangs feindlich oder misstrauisch gegenüber und konnten sich nicht verstehen.
  • Gemeinsam mussten sie gegen eine gefährliche Kreatur (ein „Beast of Tanagra“) kämpfen.
  • Durch diese gemeinsame Gefahr lernten sie einander kennen, vertrauten sich und wurden Freunde – sie „sprachen“ sozusagen miteinander.

In der Folge wird die Metapher genau auf die Situation von Picard und dem tamarianischen Captain Dathon übertragen: Zwei Fremde, die auf einem Planeten landen, sich zunächst nicht verstehen und durch eine gemeinsame Bedrohung eine Verbindung aufbauen.Die Tamarianer kommunizieren ausschließlich über solche mythologischen oder historischen Referenzen. „Darmok und Jalad bei Tanagra“ steht deshalb für die Idee von Verständigung und Freundschaft zwischen Fremden durch gemeinsames Erleben.

Picard hielt ihn zunächst für einen Gegner und eine Bedrohung, und erkennt im Laufe der Zeit, dass Dathon ihm die Freundschaft anbietet und vorschlägt, sich gegen eine Gefahr (ich weiß nicht mehr, was das war) zu verbünden, sie das in deren Sprache aber nicht ausdrücken können, sondern er es sagt, indem er auf eine Legende verweist, in der das schon einmal passiert ist, die Picard aber nicht kennt. Die Folge handelt davon, dass Picard in einer scheinbar ausweglosen Situation lernt, Dathon zu verstehen, und sie am Ende als Freunde zurückkehren. Picard war der Denker, nicht der Haudrauf.

Umso erstaunlicher war es, als man aus Picard dann in besonderen Situationen doch noch einen Kämpfer machte, nämlich im Kampf gegen die dramaturgisch genial konstruierten Borg, eine Art roboterartiger Weltraumkommunisten, in der Picard kurzzeitig selbst zum Borg wurde und in seinem später besessen werdenen Kampf gegen die Borg viel, viel mehr Tiefe erlangte, als Kirk mit seiner Oberflächenklopperei es je geschafft hätte.

Brent Spiner (Schauspieler des Androiden Data, der Nachfolgefigur von Spock als Raumschiffbesserwisser in allen Lagen) sagte mal auf irgendeiner Convention zu der Frage, warum Data beim Publikum so außerordentlich erfolgreich war, dass man ihm Freiheit und eine gute Story gegeben hat. Er fing als dummer ungelenker Roboter an, bekam aber als Dauerthema das Streben, menschlich zu werden, und die Suche nach dem Verständnis danach. Er sagte, dass die Drehbuchautoren da offen waren und ihm die Möglichkeit gaben, die Entwicklung von Data zu gestalten. Es gab dann solche wunderbaren Augenblicke, als der allmächtige „Gott“ Q sich bei der Crew und Data für etwas bedanken will, ihnen einen Wunsch erfüllt, und Data ihm sinngemäß antwortet, dass Androiden keine Wünsche haben und es gar nichts gibt, womit man einen Droiden beschenken kann, worauf Q eine Handbewegung macht, Data einen – für einen Androiden unmöglichen – Lachanfall bekommt und dann völlig fassungslos feststellt, dass er jetzt weiß, was Lachen ist. Qs Geschenk an Data. Solche gedanklich tiefen Details haben Data zu einem Charakter, einer wichtigen Figur gemacht – und ebenso war es bei Picard, er erst durch Patrick Stewart zu der Figur wurde, die alles überragte. Ich glaube, mich erinnern zu können, dass die Erfindung der Borg, dieser dramaturgisch sagenhaften Über-Böslinge, auch in Zusammenarbeit mit Stewart entstanden sind, weil Picard deren Gegenspieler war.

Was letztlich im Film First Contact kulminierte, Picard und Data gegen die Borg Queen. Stewart ging extra in die Mucki-Bude, um sich Muskeln draufzupacken, weil er da dann doch auch mal den Haudrauf spielte, aber selbst den mit der Tiefe von Shakespeare. Und Picards Besessenheit, die Borg zu jagen, war nicht nur zufällig ähnlich der von Captain Ahab in Moby Dick: Ahab war nicht nur eine der früheren Rollen von Stewart, er zitiert auch als Picard aus Moby Dick, als eine andere Figur ihm vorwarf, besessen wir Ahab zu sein. Es gab auch eine Folge, in der ausgebildete Shakespeare-Theater-Darsteller Stewart als Captain Picard in einer Star-Trek-Folge als Shakespear-Mime in einem Shakespeare-Theaterstück auftrat, und sich nach einigen Sekunden des Wunderns zeigte, dass es auf der Enterprise für die Crew eine Amateur-Theater-AG gibt, in der der Kapitän, Picard, sich als Shakespeare-Darsteller versucht. Man hat da durchaus Stewart und Picard vermischt und Picard nach Stewart geformt. Picard war Stewarts Werk.

Es gab auch vor ein paar Jahren noch drei Staffeln einer deutlich billiger produzierten Kurz-Serie über den gealterten und pensionierten Picard, die etwas ungelenk daherkam und schlechte Kritik bekam, mir aber trotz aller Schwächen, Fehler und Unlogiken in der Story gut gefiel, weil es auch darum ging, die alten Schauspieler alle nochmal auftreten zu lassen. Selbst Walter Koenig aus TOS als Anton Checkov. So schwach die Story, so billig die Produktion – ich habe sie sehr gerne gesehen. Auch wegen des schon steinalten Patrick Stewart und dem von ihm dann eben auch kauzig und eigensinnig gespielten alten Mannes, den jeder für senil hält und keiner mehr ernst nimmt, der zur Belastung für die Sternenflotte wurde, dem man seine früheren Leistungen in Ehren hält, aber meint, dass er jetzt besser zuhause auf seinem Weingut bliebe, und der dann doch noch Abenteuer besteht. Es zeigte, dass Stewart seinen Picard auch modulieren, als eben nicht den dominanten Helden, sondern auch als nervenden, starrsinnigen, kauzigen, senilen Alten darstellen konnte und wollte, der besser in einem Altersheim aufgehoben wäre, und trotzdem loszieht, um im Weltraum noch einmal gegen das Böse zu kämpfen. Erfolgreich, weil er seine ganzen alten Freunde reaktivieren kann und damit all die alten Recken noch einmal ihren kurz-vor-Altersheim-Auftritt bekommen. Stewart hat gar nicht erst versucht, den immer noch jung gebliebenen Helden zu spielen.

Es wurde mal offenbart, dass man die Figur des Jean-Luc Picard eigentlich als Sproß der berühmten Abenteurer- und Entdecker-Familie Piccard entworfen, aber aus Urheber- und Rechtsgründen ein c im Namen weggelassen hatte, um nicht verklagt zu werden. Jemand von der Piccard-Familie sagte auf eine Frage, was sie davon halten, dass es ihnen eine überaus große Freude und Ehre gewesen wäre, wenn Captain Jean-Luc Picard als jemand ihrer Familie mit zwei c aufgetreten wäre.

Und so kam es, dass ich anfangs, nach den ersten Folgen, erst einmal dachte, das wird nichts. Das ist nichts. Und wen haben sie denn da als Kapitän? Den Reitlehrer Wilkins aus „Der kleine Lord“? Liebe Güte, warum nicht gleich die dicke Köchin?

Erst später las ich, dass der Mann zu den besten Shakespeare-Darstellern gehört, die sie gerade zu bieten haben, und dass der eben kein Kirk-Haudrauf-Nachfolger sein solle, sondern da mehr kommt. Und es kam mehr. Picard war nicht der Chef-Prügler, der Außerirdische zu vertrimmen für Chefsache hielt, sondern der Vorstandsvorsitzende und intellektuelle Anführer der Enterprise AG.

Mit einer anderen Rolle Stewarts, Professor Xavier in X-Men, konnte ich eigentlich, wie mit den gesamten Filmen, wenig anfangen, auch wenn sie es wohl waren, die ihn als Kino-Schauspieler bekannt und auch reich gemacht haben. Ich fand ihn da eher farblos, eingeengt, austauschbar, einem festen Drehbuch folgend.

Und so kommt es eben, dass ich keinen Nachruf auf Patrick Stewart schreiben kann, denn ich kannte den Mann ja gar nicht. Ich wüsste nicht viel über ihn zu schreiben. Warum auch, ich hatte mit ihm ja auch gar nichts zu tun.

So ist es ein Nachruf auf Captain Jean-Luc Picard, den Patrick Stewart nach seinen Vorstellungen und Fähigkeiten, und seinem Sinn für Dramen und Dramaturgie, geformt, und damit das Star-Trek-Universum erst eröffnet und möglich gemacht hat. Er war genau der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort, genau da, wo er hingehörte: Auf der Brücke der Enterprise NCC-1701-D. Es hätte keinen besseren Platz für ihn geben können, keine bessere Gelegenheit, einen Charakter über längere Zeit nach seinen Vorstellungen zu entwickeln und zu erzählen.

Doch wie schon der Titel der letzten Folge sagte: „All Good Things…“ (must have an end).