Ansichten eines Informatikers

Über Uwe Barschel, Günther Rexrodt und seltsame Todesfälle

Hadmut
26.10.2026 0:02

Ein Leser schickt mir ein neues Puzzlestück.

Leserzuschrift:

Kryptographie

Hallo Herr Danisch,

als regelmäßiger Leser ihres Blogs möchte ich Ihnen auch mal was berichten.

Ich habe in dem Buch über den Doppelmord an Uwe Barschel eine interessante Passage gefunden, die zu Ihrem Thema (Verhinderung von starker Kryptographie) paßt, vielleicht kennen Sie ja den Inhalt schon. Zusätzlich wird in dem wirklich spannend recherchierten Buch auch eine kuriose Episode benannt, daß nach der Wende im Parlamentarischen Untesuchungsausschuß ausgerechnet die seinerzeit von der Stasi (mit Westtechnik) abgehörten Autotelefongespräche von z.B.Barschel evidente Beweismittel wurden. Und Lügen und Falschdarstellungen aufdeckten, die damals in dem o.g Zusammenhang mit der Ermordung Barschels und der systematischen Vertuschung durch staatliche Amtsträger und dem Spiegel als Hauptbelastungsmittel verwendet wurden.

In dem Buch wird auch die Schwester von Barschel zitiert, die einen anonymen Anruf erhalten habe, in dem der Anrufer mit der Ermordung ihres Bruders ananlog zu Olaf Palme gedroht habe. Und einer Ohrenzeugin eines Telefongesprächs, der offensichtlich die Planung und Gestaltung als Selbstmord bei der Kieler Staatsanwaltschaft zur Anzeige brachte, als relevant erachtet wurde und nie wieder kontaktiert wurde.

Günther Rexrodt. Der Name sagt mir noch was, ein Gesicht dazu fällt mir auch noch ein. Aber was war der nochmal? Wikipedia:

Günter Rexrodt (* 12. September 1941 in Berlin; † 19. August 2004 ebenda) war ein deutscher Politiker (FDP), von 1985 bis 1989 war er Senator für Finanzen des Landes Berlin und von 1993 bis 1998 Bundesminister für Wirtschaft.

Der war Wirtschaftsminister, als der BND mir die Promotion in Kryptographie absägte. Der wird da wohl genau gewusst haben, was die Amerikaner uns gestatten und was nicht.

Und zu dieser Aussage von ihm, die da auf den Buchseiten zitiert wird, passt nicht nur das Erlebnis mit meinem Kryptotelefon von 1994, das ich vernichten musste, sondern auch etwas anderes. Hatte ich zwar auch schon erwähnt, aber nur am Rande.

1997 gab es – damals noch in Bonn – eine Anhörung des Deutschen Bundestages zu einem geplanten Kryptographieverbot. Es war die Zeit der Kryptokriege, als die Amerikaner noch Kryptographie unter Verschluss hielten und nur schwache Kryptographie mit Schlüssellängen bis 40 Bit exportiert werden durfte. Ganz alte Internet-Hasen werden sich erinnern, dass damals der Mozilla-Browser (ich glaube, der hieß damals noch nicht Firefox sondern Netscape, ich müsste aber buddeln gehen, um das nachzuprüfen) außerhalb der USA nur mit 40 Bit Schlüssellänge zu haben war, kurioserweise aber beide Varianten in der Software enthalten waren und findige Leute es schafften, mit einem kleinen Patch die 128-Bit-Verschlüsselung wieder freizuschalten.

Es war eine seltsame Anhörung, denn alle Politiker wollten Kryptographie verbieten. Aber keiner wusste, warum. Ich habe sie gefragt. Sie wussten es nicht.

Mein „Doktorvater“ Professor Beth wurde damals als Sachverständiger geladen, wusste aber nicht, was er da sagen sollte, und ließ sich von mir als Ghostwriter eine Stellungnahme schreiben.

Ich habe natürlich – den Hintergrund damals nicht ahnend – die Stellungnahme frei raus so geschrieben, wie ich das für richtig hielt. Während alle anderen Sachverständigen die Auffassung vertraten, dass man Kryptographie nicht verbieten soll, weil es der Wirtschaft schadet, und man sie mit „Steganographie“ – Top Modebegriff der damaligen Zeit, es kamen auch viele Tools auf, etwa um Informationen in JPEGs zu verstecken – so tarnen kann, dass man sie nicht entdeckt, habe ich damals einen anderen Standpunkt vertreten, nämlich dass man Kryptographie gar nicht verbieten kann, und sie nicht in Steganographie verstecken muss, weil man Kryptographie also solche nicht erkennen kann. Vereinfach gesagt: Klartexte und Chiffrate verwenden dasselbe Alphabet, nämlich Nullen und Einsen. Man kann weder der Null, noch der Eins ansehen, ob sie Klartext oder Verschlüsselt ist. Das ist auch semantisch nicht einfach, denn wenn ich Euch eine Mail schicke, in der steht „Schau mal, dieses Chiffrat hat mir jemand geschickt!“ – ist das dann chiffriert oder Klartext? Ich habe ja nichts verschlüsselt und sage unverschlüsselt die Wahrheit.

Ich hatte Beth dazu damals sowohl den Vortrag, als auch die schriftliche Ausarbeitung geschrieben. Damals lief das noch anders als heute. Heute schicke ich ein PDF hin und die verteilen das weiter, aber damals hat man selbst 50 Dinger davon ausgedruckt und die dann dort zum Mitnehmen ausgelegt. Beth hatte sich das vorher angesehen und wir hatten ihm mit mehreren Leuten am Tag vorher eingetrichtert, was er da sagen soll, wie er das begründet, wie er auf Fragen zu antworten hat.

Ich war dann zusammen mit ihm in Bonn, er verwies auch zu Anfang seines Vortrags auf mich, wenn fachliche Fragen aufkämen, aber dann passierte etwas, womit ich überhaupt nicht gerechnet habe.

Beth war vor der Veranstaltung noch draußen und hat mit jemandem gesprochen, was ich nicht gesehen habe, während ich drinnen im Saal saß und mich drinnen mit Leuten unterhalten habe.

Und der sagte dann in der Rede etwas anders, nämlich dass er ihnen ein Key Escrow-System (Schlüsselhinterlegung) anbieten kann, wenn man ihm nur genug Geld biete.

Ich hatte das damals darauf zurückgeführt, dass Beth eben korrupt war und für Geld das Blaue vom Himmel versprach. Ich habe ihn hinterher drauf angesprochen und gefragt, war er etwas völlig anderes erzählte als geplant, was er mir aber nicht erklären wollte. Ich sagte ihm, dass ich das beweisen kann, dass das nicht haltbar ist, und Key Escrow-Systeme nur freiwillig funktionieren, nicht erzwungen werden können. Die Amerikaner waren gerade mit dem Clipper-Chip auf die Schnauze gefallen.

Beths Antwort: Ich solle das, was ich da wüsste, in die Dissertation schreiben. Deshalb hatte ich das Kapitel 5 in der Dissertation, dass mir dann das Genick gebrochen hat.

Ich bin erst Jahre später drauf gekommen, dass Beth inoffizieller BND-Mitarbeiter gewesen sein muss und seine Aufgabe nicht war, Kryptographie zu betreiben, sondern sie zu sabotieren. Das war damals das Ziel, die Kryptoprofessuren mit unfähigen Leuten zu besetzen und alle fähigen rauszudrücken. Beth muss an diesem Morgen in Bonn, wo er vor der Veranstaltung draußen war und da, wo ich ihn nicht sehen konnte, wo er mit jemandem gesprochen hat, Anweisungen bekommen und deshalb seinen Kurs geändert haben. Denn mit Key Escrow, was er da versprach, wären die Amerikaner zufrieden gewesen und wir hätten trotzdem leidlich vertretbare Verschlüsselung für die Wirtschaft gehabt.

Wir hatten uns damals gewundert, warum Beth, entgegen seines sonstigen Verhaltens, richtig wüst ausfällig wurde und immer wieder mal über Phil Zimmermann, Entwickler von PGP, schimpfte und sich in „Dieses Arschloch!“ reinsteigerte – was einem Nicht-Professor einfiele, sich anzumaßen, Kryptographie-Software zu schreiben und zu veröffentlichen. Wir hatten das damals für ungezügelten Neid gehalten. Heute sehe ich das ganz anders, denn es war wohl nicht Neid, sondern Ärger darüber, dass eine starke Verschlüsselungsmethode mit PKI-Infrastruktur nun jedem kostenlos zur Verfügung stand. Beth war nicht, wie wir damals dachten, neidisch auf den Konkurrenten, sondern sauer über den Gegner Zimmermann, weil der die ganzen Abhörambitionen zunichte machte.

Es erklärt auch, warum Beth uns damals verbot, Ergebnisse und die EISS-Reports allgemein zu veröffentlichen und einfach auf den Webserver zu legen. Er war auch stinksauer, als ich damals – in seinen Augen eigenmächtig und an ihm und seiner Publikationskontrolle vorbei – RFC1824 schrieb.

Beth war kein Kryptoprofessor. Er war ein Kryptosaboteur des BND und damit der CIA/NSA.

Bei Andreas Pfitzmann hatte er das ja auch versucht, den abzusägen. Ich hatte mich später mal in Dresden einen Nachmittag lang mit Pfitzmann unterhalten, auch über die Anhörung in Bonn, denn Pfitzmann war ebenfalls als Sachverständiger geladen. Beth habe mit seiner Aussage große Verwirrung gestiftet, und es habe ihn, Pfitzmann, hinterher viel Zeit und Arbeit gekostet, den Abgeordneten die Flausen wieder auszutreiben und ihnen das Weltbild von der Kryptographie wieder geradezurücken.

Insofern kann man eine solche Aussage von Rexrodt gar nicht hoch genug bewerten. Insbesondere nämlich dann, wenn der damals der Wirtschaftsminister gewesen war und folglich genau gewusst haben muss, was da lief. Und er sagt es ja in dem Text, den mir der Leser da schickt, ja auch ausdrücklich.

Es sollte und musste alles abhörbar sein.

In seinem Prüfungsgutachten, in dem er mich runtermachte, stehen übrigens nicht nur jede Menge frei erfundener Behauptungen. Keine einzige Quellenangabe hält der Nachprüfung stand. Es steht auch ein Detail drin, das Beth nicht wissen konnte, er hatte dafür schlicht zu wenig Ahnung von Kryptographie. Er musste das jemand anderem vorgelegt haben und er wollte mir ja auch die Akteneinsicht verbieten, weil „weiterführende Gedanken“ darin stünden.

Der muss mit jemandem, Leiberich und vermutlich jemandem vom BND, darüber gesprochen haben, und ich nehme an, dass das Gutachten später noch einmal verändert wurde.

Und das passt genau auf diese Aussage von Rexrodt.

Was aber wurde aus Rexrodt?

Wikipedia:

Günter Rexrodt musste sich im Mai 2004 wegen einer Krebserkrankung einer komplizierten Operation am Hals unterziehen. Er starb am 19. August 2004 bei einer Nachbehandlung in der Berliner Charité, allerdings nicht an Folgen der Krebserkrankung, sondern an plötzlichem Herztod, wie eine anschließende Obduktion ergab.

Ist das nicht seltsam?

  • Beth starb nach einer Krebserkrankung von 2004 im Jahr 2005 mit 55. Genaues weiß ich nicht, aber man erzählte mir, ausgerechnet er, der paranoide Hypochonder, habe einen schwarzen Fleck unter dem Fingernagel ignoriert, und das sei dann Hautkrebs gewesen.
  • Pfitzmann starb 2010 mit 52. Genaues weiß ich nicht, aber man erzählte mir, Pfitzmann habe einen sehr seltenen, schwierigen Krebs an irgendwelchen Blutgefäßen in der Lunge gehabt und die Operation nicht überlebt.
  • Rexrodt starb komisch
  • und irgendwas soll das mit der Mutter aller komischen Todesfälle, mit Uwe Barschel zu tun gehabt haben.

Das Buch gibt es nicht mehr. Aber ich habe noch ein gebrauchtes Exemplar online gefunden und bestellt. Es gibt auch eine neuere Version, aber die ist gebraucht gar nicht zu finden.

Ich danke sehr für diesen Hinweis. Weil er gleich mehrfach wichtig ist. Die Person Rexrodt ist wichtig. Der Zeitpunkt ist wichtig. Und was er über die USA sagte, ist sehr wichtig.