Ansichten eines Informatikers

Der Einsturz des Elfenbeinturms, das Ende von Forschung und Lehre

Hadmut
9.10.2026 12:29

Universität vorbei.

Dass die Lehre an den Universitäten vorbei ist, die Abschlüsse nichts mehr wert sind, die US-Firmen anfangen, die Leute gleich nach der Schule abzugreifen und selbst auszubilden, hatte ich schon angesprochen. Dass vor allem die gesiteswissenschaftlichen Studiengänge in den USA bekanntlich mehr kosten, als man im ganzen Leben damit verdienen kann, auch. Der ganze Komplex Lehre ist zur Woke-verblödeten Klapsmühle geworden.

Aber was ist mit dem anderen Ding, der Forschung?

Ähm, ja, mein Chinesisch ist etwas eingerostet, deshalb die automatische Übersetzung:

Die Mathematikwelt ist heute komplett zusammengebrochen, der letzte intellektuelle Elfenbeinturm der Menschheit stürzt ein.

Gerade hat Terence Tao auf seinem Blog eine explosive Erklärung weitergeleitet: OpenAI hat gestern plötzlich und ohne jede Vorwarnung weltweit über 700 Mathematikpapiere rausgehauen und behauptet, direkt eine Menge der größten ungelösten Top-Mathematikprobleme der Menschheitsgeschichte geknackt zu haben.

Doch der „Verein menschlicher Mathematiker“ (AHM), bestehend aus Top-Gelehrten, hat nicht applaudiert, sondern stattdessen kollektiv zu einem Boykott aufgerufen.

Der Wortlaut in der AHM-Erklärung ist extrem aggressiv:

„Auf einmal 700 Papiere abzuladen ist kein akademischer Beitrag, das ist nackte Machtdemonstration.“

Der Wutpunkt der Mathematiker liegt darin:

1. Akademischer Ablehnungsdienst-Angriff (DoS): Das ist, als würde ein Unternehmen für den Börsengang Hype machen, 700 Atombomben auf die Wissenschaftscommunity werfen und dann die unbezahlten Mathematiker der ganzen Welt zu kostenlosen menschlichen Gutachtern machen.

2. Ist eine „unverständliche Lösung“ überhaupt Wahrheit? Wenn ein Jahrhundertproblem durch Black-Box-Rechenleistung plus formalisierten Code brutal geknackt wird, aber niemand in der gesamten Menschheitsgesellschaft die dahinterliegende Intuition und den Mechanismus wirklich kapiert – ist die Mathematik dann wirklich vorangekommen?

Ein hochgelobter Kommentar hat mich total baff gemacht: „Damals, als AlphaGo dreihundert Jahre alte Go-Muster zertrümmert hat, haben die Mathematiker von oben zugeschaut und sich amüsiert; heute, wo ihr eigener Elfenbeinturm umkippt, erinnern sie sich plötzlich daran, die ‚menschliche Verständnis‘ zu verteidigen.“

Am Ende des Tages geht’s um die Interessen der Mathematiker, die verletzt wurden.

Aber ehrlich gesagt: Wenn die Intuitionen, über die Kolmogorow und Poincaré ein Leben lang gegrübelt haben, letztendlich in ein paar Stunden von GPU-Arrays mit purer Kraft ausgewischt werden; wenn Beweise so billig werden wie ein Fließband in einer Automatenfabrik – was bleibt dann eigentlich noch für die menschliche Suche nach Wahrheit übrig?

Auf welcher Seite stehst du?
A. Für AHM: Beweise ohne menschliches Verständnis sind nur Rechenmüll
B. Für OpenAI: Wahrheit fragt nicht nach Herkunft, die menschlichen Torwächter müssen aufwachen

Es ist eine interessante Frage: Geht es in der Mathematik darum, bewiesene Formeln, Gesetze und so weiter zu haben? Oder geht es darum, eine Community zu finanzieren, die gerne an diesen Dingern rumpfriemelt?

Problem dabei: Wenn man die Pfriemler nicht mehr hat, wer soll dann noch die Ergebnisse der Maschine nachprüfen?

Rubik’s Cube

Mich erinnert das an Rubik’s Cube.

Als Schüler war ich auf dem Mannheimer Maimarkt, und dort gab es Exemplare des Rubik’s Cube zu kaufen, deutlich kleiner als das Original, Taschenformat, aber in sehr hoher Qualität. Habe mir einen gekauft. Und unerwartet gab es vom Verkäufer dazu die zwei Seiten Kopien eines SPIEGEL-Artikels, in dem beschrieben wurde, wie der Cube gelöst wird. Den trotz des Hypes seltsamerweise niemand zur Kenntnis genommen hatte. Das habe ich über das Wochenende auswendig gelernt und am Montag morgen im Chemieunterricht das Ding auf dem Tisch liegen gehabt, saß vorne in der ersten Reihe, innen am Gang, wo mich alle sehen konnten. Damals konnte noch keiner den Cube lösen. Der Chemielehrer raunzte mich an, ich soll das Ding wegpacken, wenn ich es nicht lösen kann (weil er dachte, dass niemand das Ding lösen kann). Ich: schrapp – schrapp – schrapp – schrapp – schrapp – schrapp – schrapp – schrapp – gelöst. Der Chemielehrer guckt fassungslos, nimmt das Ding in die Hand, guckt es von allen Seiten an. Totenstille in der Klasse. Lehrer dreht sich rum, verdreht das Ding, so dass ich das nicht sehen kann, gibt es mir zurück „Mach nochmal“ schrapp – schrapp – schrapp … gelöst.

Danisch zur Gottheit erklärt, Chemiestunde gelaufen. In der anschließenden Stunde stehen die Leute Schlange, um sich von mir ihren Würfel lösen zu lassen.

Am nächsten Tag spricht mich eine aus der Klasse an. „Ich hab das meiner Mutter erzählt. Die sagt, Du hast geschummelt, das stand im SPIEGEL.“ Wieso habe ich geschummelt? Ich habe ja gar nichts gesagt, und die Lösung aus dem SPIEGEL zu kennen ist ja keine Schummelei, sondern einfach wissen wie es geht. Halt’ die Klappe und lern’s auch. Am nächsten Tag konnte sie es auch. Dann waren wir für zwei Wochen King und Queen, die einzigen, die das lösen konnten, bis dann andere drauf kamen, dass es Bücher usw. gibt, in denen Lösungen beschrieben wurden.

Jahre später, der Hype längst vorbei, Informatikstudium, Vorlesung und Praktikum Computeralgebra. Aufgabe: Das Ding algebraisch beschreiben und dann mit einem Algorithmus, dessen Namen ich vergessen habe, und einem selbstgeschriebenen Programm Lösungstabellen ausrechnen, um den Rubik’s Cube zu lösen. Das rechnet dann ein paar Stunden und irgendwann ist die Tabelle „vollständig“, kann also jeden Würfel lösen, und je weiter man rechnet, desto kürzer werden die Züge dafür.

Das war ein ganz seltsames Gefühl. Denn als Schüler war das noch eine Sensation, und ich war (für ein paar Tage) der King schlechthin, weil ich den Rubik’s Cube lösen konnte. Ein Wunder.

Und Jahre später steht man am Computer, lässt den rechnen, und dann am Kettendrucker auf 132-Zeichen-Lochpapier Lösungstabellen eines x-beliebigen algebraischen Rechenproblems ausdrucken, mit dem ich auch 9-dimensionale Würfel mit 17 Schichten hätte lösen können, war das nur noch ein Beispiel einer Problemkategorie, die man sich vom Computer ausrechnen und ausdrucken lässt. Wozu selbst machen?

Gut, das war damals noch keine KI, sondern recht einfache und mit damaligen Rechnern zu bewältigende Computeralgebra. Aber was ist KI schon anderes als Computeralgebra? Tensorrechnung. Im Prinzip dieselbe Situation wie bei mir damals mit dem Rubik’s Cube, nur viel, viel, viel größer. Dinge, für die man mal der King war, werden nun vom Computer ausgerechnet und ausgedruckt. Wie in den billigen Science Fiction der 1950er und 1960er Jahre.

Und damit bricht für den Elfenbeinturm neben der Lehre auch das zweite Existenzberechtigungsstandbein weg.

Denn, davon habe ich jetzt gar keine Ahnung, man hört, dass auch in der Chemie nicht mehr klassisch nach neuen Stoffen wie Werkstoffen oder pharmazeutischen Wirkstoffen gesucht wird, sondern die KI sich überlegt, wie die Atome in Molekülstrukturen wirken würden und was man mal ausprobieren sollte und könnte, und dann baut man nur noch die Dinger, die die KI vorschlägt, und prüft, ob das Zeug das tut, was prognostiziert wurde.

Forschung ist damit nicht weg, sondern anders.

Wir sehen aber bei beidem, Forschung und Lehre, dass die Universitäten verlieren und sich das alles in die modernen Tech-Firmen verlagert.

Aus den USA hört man, dass die Geisteswissenschaften nach ihrem gesellschaftszerstörenden Dummheitsboom gerade im Absturz begriffen sind, und dabei auch die anderen Fächer mitreißen. Es besteht also Hoffnung darauf, dass diese Deppentempel endlich in sich zusammenstürzen und das intellektuelle Schneeballbetrugssysteme beendet wird.