Die Mutter aller Puzzlestücke
Seit nun 28 Jahren sammle ich kleine und kleinste Puzzlestückchen darüber, was mir eigentlich damals in meinem Promotionsverfahren passiert ist.
Und dann kommt so ein Klopper daher.
Nur so als Anmerkung, warum ich diese Fund- und Erkenntnisstücke immer „Puzzlestücke“ nenne: Erstens, damit langjährige Leser sofort wissen, worum es geht. Und zweitens, und vor allems, damit ich den ganzen Kram in all den 30.000 Blogartikel, die als Blog auch mein Tage- und Notizbuch sind, jemals wiederfinde. Ich muss nur mach dem Codewort Puzzlestück suchen. Nun habe ich also hunderte, tausende kleiner Stückchen, die schon eher einem Mosaik gleichen, und ich saß heute so im Flieger von Zypern nach Berlin, weil ich ja morgen zur Anhörung muss (nein, stimmt nicht, den Flug hatte ich schon vorher gebucht, es war nur Riesenglück und Zufall, dass das so haarscharf gepasst hat, und müssen im engeren Sinne muss ich auch nicht, ich bin „eingeladen“ und nicht „geladen“), und wie ich gerade in Paphos im Flieger den Sitzplatz „eingenommen“ habe, und noch ein letztes Mal auf Mail und X zu gucken, bevor ich für Stunden offline gehe und „Flugmodus“ drücke, bekomme ich Leserhinweise. Ich dachte erst, das ist Fake.
Das Fachblatt für Spionage und Geheimdienste, die BILD: Spionageverdacht: Hier wird Ex-BND-Chef Hanning verhaftet!
Skandal bei Deutschlands wichtigstem Geheimdienst! Ex-BND-Chef August Hanning (80) wurde wegen Spionageverdachts verhaftet. Hanning war von 1998 bis 2005 Chef des Bundesnachrichtendienstes.
Vorwurf: Die Ermittlungen führt der Generalbundesanwalt gegen beide Tatverdächtigen.
Wie gut, dass ich schon angeschnallt war, sonst wäre ich vom Stuhl gefallen.
Ein korrupter BND-Chef, von 1998 bis 2005. 1998 hat mir der BND die Promotion abgesägt.
Ihr glaubt nicht, wie ich die dreieinhalb Stunden im Flieger gesessen habe, offline, und die Landung gar nicht abwarten konnte, um wieder Netz zu haben und zu sehen, was da los ist.
Er soll irgendwelches Zeug an die Russen weitergegeben haben. Der Knackpunkt ist aber, dass nicht ganz klar ist, ob der 1998 schon korrupt war, oder erst viel später, denn es heißt
Hanning war, das war bekannt, in erheblichen finanziellen Nöten: Seine Pension wurde seit Jahren gepfändet. Grund: Seine Tätigkeit als Aufsichtsrat für eine Bank im Baltikum. Diese soll von einem Oligarchen ausgenommen und in den Bankrott geführt worden sein. Die Aufsichtsräte – darunter Hanning und Ex‑Nato-Chef und Dänen-Premier Anders Fogh Rasmussen (73) – wurden in Haftung genommen. Ob Hannings mutmaßliche Geschäfte mit Staatsgeheimnissen damit zu tun hatten, ist noch unklar.
Kurios ist, dass das ein Zufallsfund aus dem medial ausgewalzten Fall Block war. Die WELT:
Eigentlich ermittelte die Staatsanwaltschaft Hamburg in einem ganz anderen Fall. Als Beamte im September 2025 die Räume des früheren BND-Präsidenten August Hanning durchsuchten, weil dessen Name im Komplex um die Unternehmerin Christina Block und die angebliche Kindesentführung aufgetaucht war, stießen sie auf Material, das überhaupt nichts mit ihrem Verfahren zu tun hatte – aber trotzdem hochbrisant war. Dieser Beifang hat das Zeug, als einer der größten Spionagefälle in die Annalen der Bundesrepublik einzugehen.
Die Bundesanwaltschaft ließ Hanning sowie seinen langjährigen Vertrauten und früheren Büroleiter Manfred D. am Dienstag festnehmen. Gegen beide wurden Haftbefehle des Ermittlungsrichters am Bundesgerichtshof vollstreckt. Die Vorwürfe gegen Hanning wiegen schwer: landesverräterische Ausspähung, Auskundschaften von Staatsgeheimnissen, versuchter Landesverrat und geheimdienstliche Agententätigkeit. Sein langjähriger Weggefährte soll Beihilfe geleistet haben.
Sollten sich die Verdachtsmomente bestätigen, würde das den Bundesnachrichtendienst in seinen Grundfesten erschüttern. Im Zentrum steht ausgerechnet ein Mann, der sieben Jahre lang an der Spitze des deutschen Auslandsgeheimdienstes stand und als einer der einflussreichsten Sicherheitspolitiker des Landes galt.
Nach Angaben der Bundesanwaltschaft soll Hanning spätestens im Frühjahr 2010 mit Manfred D. vereinbart haben, dass er gegen Entgelt fortlaufend interne Erkenntnisse des BND erhält.
So ganz passt das zeitlich aber nicht, denn mein Ärger ging im Frühjahr 1998 los und August Hanning wurde am 17. Dezember 1998 zum Präsidenten des Bundesnachrichtendienstes (BND) ernannt. Er trat damit die Nachfolge von Hansjörg Geiger an und leitete den Auslandsgeheimdienst bis zum Jahr 2005. (Wikipedia). So richtig exekutiert wurde ich aber erst 2000, das passt also schon in dessen Amtszeit.
Junge, dachte ich mir da, weil ich es ja gerade als Bundestagsstellungnahme aufgeschrieben hatte, hinter mir sind sie seit fünf Jahren her, weil sie mich für einen Russenagenten halten, weil ich gemerkt habe, dass Baerbocks Bachelor nicht stimmen kann, aber den Russen-Spion im eigenen Haus bemerken sie erst durch einen Zufallsfund.
„Wir reden hier über ungefähr zweitausend Dokumente mit vertraulichen Informationen“ https://t.co/9NeFhVedAb https://t.co/WNtNBNLDKz
— WELT (@welt) October 6, 2026
Wenn der BND es nicht schafft, den Büroleiter (!) aller (!!) BND-Präsidenten seit 2012 als Spitzel, Maulwurf und Verräter zu enttarnen, gehört dieser BND in seiner jetzigen Form eingestampft. Erkennbar haben sie beim beim BND über ein Jahrzehnt lang nicht mal den Abfluss aus dem Büro des Chefs bemerkt. Absoluter Wahnsinn.
— Julian Reichelt (@jreichelt) October 6, 2026
Meine Einschätzung: Mit der Verhaftung von August Hanning wird sich auch ein medialer Abgrund auftun. Im Entführungsfall Block ist Hanning seit Jahren eine der erkennbar wichtigsten Quellen von BILD, stets auffällig wohlwollend behandelt. Unmittelbar nach seiner Verhaftung erscheint das netteste Porträt über ihn, das es jemals gegeben hat. Hanning, der Kämpfer für Gerechtigkeit: "Wenn August Hanning (80) einen Raum betrat, wusste er meistens mehr als alle anderen." Keine Krisen-PR-Firma der Welt hätte in einer solchen Lage eine solche Reinwaschung bestellen können. Als wäre der Text mit Hannings Juristen abgestimmt, steht drin, dass er schon immer vor Russland gewarnt habe. Irgendwas ist da gewaltig faul.
— Julian Reichelt (@jreichelt) October 6, 2026
„Der Supergau für die Bundesrepublik Deutschland“ https://t.co/HQSctI2iyT https://t.co/dS05qhKLH5
— WELT (@welt) October 6, 2026
Dabei war das durchaus bekannt, dass der für die Russen arbeitet. Die Stuttgarter Zeitung:
Russische organisierte Kriminalität: Die Stuttgarter Spur des Ex-Spions August Hanning
Ein Stuttgarter Mafia-Prozess landet beim High Court in London: Ex-BND-Chef August Hanning nutzte ihn 2012 für den russischen Milliardär Oleg Deripaska in einem privaten Rechtsstreit.
Als August Hanning im Frühjahr 2012 vor einem Londoner Gericht auftauchte, war seine Zeit als Deutschlands oberster Spion lange vorbei. Sieben Jahre hatte Hanning den Bundesnachrichtendienst geführt, anschließend war er Staatssekretär im Bundesinnenministerium. In London arbeitete der ehemalige Spitzenbeamte nun für die Prozessseite des russischen Milliardärs Oleg Deripaska. Und dabei spielte ausgerechnet ein Verfahren des Landgerichts Stuttgart eine wichtige Rolle.
Dass Hanning sein Wissen aus Jahrzehnten im deutschen Sicherheitsapparat in privaten Rechtsstreitigkeiten einsetzt, ist kein neues Phänomen. Heute beschäftigt die Hamburger Justiz seine Rolle im Umfeld des Sorgerechtsstreits der Unternehmerfamilie Block. Doch schon mehr als zehn Jahre zuvor arbeitete der ehemalige BND-Präsident für Deripaskas Prozessseite.
Ein Staatssekretär im Innenministerium und Ex-BND-Chef arbeitet seit 2012 für Russen, setzt dabei sein Dienstwissen ein, und sie kommen erst jetzt, durch Zufall darauf, dass da was nicht stimmt?
Ich habe heute irgendwo noch eine Meldung gesehen, aber finde sie nicht mehr, in der irgendwer meinte, dass wir da 30 Jahre blind gewesen seien.
Jetzt bin ich mal sehr, sehr gespannt, was da so rauskommt.