Ansichten eines Informatikers

Hütet Euch vor Kurbelradios – und denen, die sie Euch empfehlen

Hadmut
24.9.2026 12:21

Eine Anmerkung zu einem wichtigen Thema.

Ständig kommen sie mit dem Ratschlag um die Ecke, für Krisen Kurbelradios vorrätig zu halten.

Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther sorgt für die Krise vor – mit einem besonderen Gerät: „Wir haben jetzt ein Kurbelradio“, sagte der CDU-Politiker einem Bericht des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlags zufolge bei einem Resilienz-Kongress in Kiel. Bevor das Gerät den Weg in den Haushalt der Familie Günther fand, habe ihn seine Ehefrau jedoch ausdrücklich auf die Notwendigkeit hingewiesen, berichtete Günther.

Der Hintergrund der Anekdote ist ein ernster. „Wenn Mobilfunknetz und Internet nicht mehr funktionieren, fallen auch Warn-Apps oder Handywarnungen aus“, heißt es beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Radiosender seien dagegen häufig weiterhin erreichbar.

Leute, ich sag’s Euch: Hütet Euch vor Kurbelradios! Und hört nicht auf die, die sie Euch empfehlen.

Ich sage Euch, warum. Ich hatte übrigens auch schon mal zwei Kurbelradios, eine Kurbeltaschenlampe und ein Kurbel-USB-Ladegerät.

Physikalischer Unsinn
Wenn Ihr es nicht glaubt: Probiert es einfach mal aus. Ihr kurbelt und kurbelt und kurbelt … und könnte damit dann vielleicht 30 Sekunden Radio hören. Der Wirkungsgrad ist so miserabel, dass die Dinger überhaupt nicht praktikabel sind.

Dasselbe gilt übrigens für Radios, Powerbanks und so weiter, die so einen kleinen Alibi-Solarzellenstreifen drauf haben. Das Ding müsst ihr eine Woche in die Sommer-Sonne stellen, um auf eine Akkuladung zu kommen um mal Nachrichten hören zu können. Das ist einer Marketing-HeckMeck.

Taugt nichts
Ich habe noch kein einziges Kurbelgerät besessen oder gesehen, das den Eindruck machte, dass das was taugte. Weil das aus oben genanntem Grund ohnehin Murks ist und von keinem seriösen Hersteller angeboten würde, ist das meinst billiger Plastikkram, der nach 10 Minuten ernsthaftem Kurbeln den Geist aufgibt. Das ist alles irgendwie Murks, der ruckzuck abbricht.
Das Müsli-Syndrom
In Ratgebern für lange Wandertouren usw. findet man immer wieder den Hinweis, dass man das Müsli auf keinen Fall gemischt mitführen soll, sondern alle Zutaten einzeln, und erst dann, wenn man sie essen will, mischen. Warum? Wenn alles gemischt ist und eine Zutat verdirbt, schimmelt, was auch immer, ist das ganze Müsli hin. Hält man sie getrennt, kann man die anderen noch verwenden.

Selbiges hier: Wenn alles in einem Gerät ist, Stromerzeugung, Akku, Verbraucher, kann man auch alles zusammen wegwerfen.

Scheiß-Radio
Ich habe noch kein ordentliches Kurbelradio erlebt, das war immer der billigste Analog-Mist.

Gerade für Krisensituationen sollte man aber ein qualitatives, modernes, digitales Radio ohne bewegte Teile haben, und das vorher auch testen, das auch DAB+ empfangen und Sender speichern kann, das genug Qualität und Trennschärfe hat, auch weiter entfernte Sender gut zu empfangen.

Trennung der Komponenten
Man sollte Energieerzeugung, Energiespeicherung und Energieverbraucher getrennt halten, um sie im Falle des Defekts oder anderen Bedarfs auch rekombinineren zu können. Also etwa

  • Ausreichend große Solarzellen, die auch im Winter bei bedecktem Himmel zumindest genug Strom liefern um Radio, LED-Taschenlampe und Handy zu laden.
  • Mehrere Powerbanks und Powerstations, mit denen man für mehrere Tage aushalten kann, Licht, Handy, Radio, und mit denen man im Notfall auch „Strom holen“, also irgendwo aufladen kann, wo es Strom gibt.
  • Stromverbraucher so wählen, dass sie mit normalen Standardbatterien und/oder USB-Strom laufen, weil USB jetzt eben der Standard ist, den praktisch alle Powerbanks, Solarzellen usw. unterstützen.
Redundanz
Von allem mehrere. Irgendwas geht immer kaputt oder verloren, oder wird geklaut. Oder muss gegen etwas anderes eingetauscht werden.
Testen!
Hilft alles nichts, wenn man das nicht regelmäßig testet und auf Funktionsfähigkeit testet. Bringt nichts, im Notfall das Gerät zerfressen von der ausgelaufenen Batterie oder klebrig vom zerfallenen Softlack zu finden.

Ich kann Euch nur dringend raten: Vergesst diese Scheiß Kurbelradios. Besorgt Euch normale Radios, die man am USB laden oder betreiben kann. Besorgt Euch Powerbanks. Und wenn Ihr dann noch unbedingt kurbeln wollt, besorgt Euch ein separates USB-Kurbel-Ladegerät, so eines, das man an der Tischplatte festschrauben kann. Denn so zwischen zwei Händen wird das nichts. Und dann versucht mal, damit Eure Powerbank auf 10% aufzuladen.