Ansichten eines Informatikers

Herr Urian und die Dekadenz der Reisenden

Hadmut
22.9.2026 22:40

Unschöne Beobachtungen vom Tage.

Dass ich da gestern noch im Bundestag vorturnen konnte, war ziemliches Glück mit dem Termin, denn dieser ganz kurzfristige Termin kam kurz vor Abflug rein – keine 12 Stunden vor dem gebuchten Flug. Ich bin endlich wieder auf Zypern, und versuche nun, auch mal ein paar Tage etwas weniger Druck zu haben, die letzten Monate mit dem ganzen Rechtskram waren sehr stressig. Es ist überaus ärgerlich, wenn man das Meer aus dem Fenster sieht, und dann immer nur am Rechner sitzt statt im Meer zu baden, weil man mit diesem ganzen Rechtskram zugesch…üttet wird. Ich war dieses Jahr noch kein einziges Mal im Meer baden – obwohl es nur ein paar Minuten mit dem Auto dahin sind. Jede Menge Strände zur Auswahl. Mal schauen, ob sich das noch machen lässt, denn es ist zwar Herbst, aber bei Ankunft heute noch 28°C.

Kennt Ihr die Redewendung, oder das Sprichwort, den Spruch „Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben.“?

Ich habe mal die KI gefragt, woher das eigentlich kommt.

Sie stammt aus dem Gedicht Urians Reise um die Welt von Matthias Claudius (1786). Der Originalvers beginnt mit:

Wenn jemand eine Reise tut,
so kann er was verzählen.

Damit ist gemeint: Wer reist, sammelt Erlebnisse und hat hinterher etwas zu berichten. Die Formulierung mit „was erleben“ ist eine gängige Abwandlung, die den Aspekt der Erfahrungen stärker betont.

Das kannte ich noch gar nicht. Volltext hier. Lesenswert, denn es ist ein Dialog. Herr Urian erzählt vom Reisen, und nach jeder Strophe antwortet ein gewisser „Tutti“ (heißt italienisch eigentlich „alle“, könnte also einfach das allgemeine Publikum, die Zuhörer meinen, also die Leser bei einem Blog), er solle doch weiter erzählen.

Wenn jemand eine Reise thut,
So kann er was verzählen;
Drum nahm ich meinen Stock und Hut,
Und thät das Reisen wählen.

Tutti
Da hat Er gar nicht übel dran gethan;
Verzähl’ Er doch weiter, Herr Urian!

Und so geht das über mehrere Strophen. Er erzählt aus fremden Ländern, und das Publikum: „Verzähl’ Er doch weiter, Herr Urian!“

Bis zur letzten Strophe, die geht anders:

Und fand es überall wie hier,
Fand überall ‘n Sparren,
Die Menschen grade so wie wir,
Und ebensolche Narren.

Tutti
Da hat Er übel übel dran gethan;
Verzähl’ Er nicht weiter, Herr Urian!

Ja. Geht mir auch so.

Denn nicht alles, was man auf Reisen erlebt, will man auch erleben.

Der Raucher in Berlin

Heute morgen, 5:30, Flughafen BER, Terminal 2, Einsteigen ins Flugzeug. Wie dort üblich, nicht über einen dieser beweglichen Gänge („Fluggastbrücke“), sondern die Sparversion für Ryanair, man geht zu Fuß vom Gebäude über den Vorfeld zum Flugzeug und steigt vom Boden aus ein. Vorne über die bordeigene, ausfahrbare Treppe, hinten über die vom Flughafen herangefahrene mobile Treppe.

Und damit man da nicht frei herumläuft, sondern nur da, wo man soll, ist das eingezeichnet und stehen Abgrenzungsleinen da.

Und dann bilden sich da Schlangen, wenn die Bordcrew die Leute noch nicht reinlässt, oder weil es eben beim Einsteigen im Flugzeug langsamer geht als draußen. Man stand also in einer langen Schlange draußen auf dem Flugfeld, zwischen den Flugzeugen, und wartete darauf, dass es voran geht.

Es stank. Irgendeiner rauchte. Es war zwar im Freien, aber die Leute standen dicht gedrängt, und da ist das immer sehr ärgerlich, wenn die Leute da so rücksichtslos sind. Weil ich aber zur hinteren Tür musste und die Leute eher für die vordere Tür anstanden, dann aber auch wieder so rücksichtslos sind, dass sie den abgrenzten Weg voll in Beschlag nehmen und die Leute, die zur hinteren Tür müssen, nicht vorbei lassen, überlege ich schon, wie ich mir da Durchgang verschaffen könnte, weil ich zur hinteren Tür müsste, um aus der Abgasfahne des Rauchers zu entkommen. Der Raucher war übrigens ein großer, muskulöser Typ. Die Sorte Typ, die die Kontrolleure in der Bahn nicht mehr nach einem Ticket fragen.

Da passierte etwas, was ich noch erlebt habe, und wovon ich auch nicht wusste, dass das geht.

So ein Flughafenoffizieller mit Flughafenkleidung und gelber Vorfeldwarnweste kam vorbei, eigentlich eher so zufällig. Ein eher schmaler Typ. Als wäre der aus irgendeinem anderen Grund da unterwegs gewesen.

Er hält an. Er schaut sich den (deutlich größeren und stärkeren) Raucher an und sagt „Sie wissen schon, dass hier Rauchverbot ist?“

Ich hatte darüber noch nie nachgedacht, aber eigentlich muss man darüber auch nicht nachdenken. Da steht Technik rum, da sind auch brennbare Stoffe, und da werden Flugzeuge betankt. Soweit ich weiß, ist Kerosin flüssig nicht so direkt brennbar (wie bei Diesel), aber beim Betanken können Dämpfe austreten, und es gibt Videos, dass bei Fehlern beim Betanken auch schon Kerosin herausspritzte. Und dann ein Funke …

Der Raucher bot freundlich an, die Zigarette sofort auszumachen.

Der Offizielle antwortete ebenso freundlich, er mögen ihm zum Flughafengebäude folgen.

Der Raucher dachte, er solle seine Zigarette zu einem Mülleimer bringen, und so hatte ich das auch verstanden, so als Erziehungsmaßnahme, aber der Offizielle stellte klar „Für Sie ist dieser Flug hier zu Ende.“

Ich bin dann durch und hinten eingestiegen, und habe die Sache nicht weiter verfolgt. Aber als eigentlich „boarding completed“ kommen sollte, kam die Durchsage des Kapitäns, dass sich der Abflug verzögert, weil man mitgeteilt bekommen habe, dass ein Passagier nicht wird mitfliegen können, und deshalb erst dessen Gepäck wieder ausgeladen werden muss.

Ich finde es zwar richtig, aber auch erstaunlich, dass die jetzt jemanden rauswerfen, weil er auf dem Vorfeld raucht. Dass man da aus technischen Gründen und wegen Brandschutz nicht rauchen darf, liegt auf der Hand, aber ob da explizite Verbotsschilder sind, darauf habe ich als Nichtraucher gar nicht geachtet. Allerdings kann man nicht sehr helle sein, wenn man da, wo Flugzeuge betankt werden, raucht. Erinnert mich an den Streit, den ich mal mit einer Frau an der Tankstelle hatte, als ich gerade das Auto betankt habe, und die so vier, fünf Meter weiter stand und rauchte. Dass beim Auftanken auch Dämpfe aus dem Tank verdrängt werden und entweichen, konnte die sich nicht vorstellen, und hörte auch nicht auf, als ich sie ansprach. Sie habe das Recht, hier zu rauchen. Gefahr egal. Wieder diese Rudelmechanik, diese soziale Wahrnehmung der Umwelt.

Vielleicht gibt es auch den Gedanken, dass jemand, der sich schon draußen nicht an ein Rauchverbot hält, es drinnen auf dem Flug dann auch nicht tun wird.

Es ist richtig.

Aber es war das erste Mal, dass ich so etwas beobachtet habe.

Busfahren in Paphos

Der Busverkehr in Paphos ist existent, aber in manchen Aspekten vielleicht etwas unterausgeprägt und in der Tendenz rustikal.

Im Prinzip gibt es – wenn man keinen Mietwagen nimmt, was eigentlich die beste Wahl für Urlauber ist – drei bzw. vier Möglichkeiten, vom Flughafen in die Stadt zu kommen:

  • Taxi – sauteuer, zwischen 30 und 50 Euro, kann aber, je nach Fahrzeug, bis zu 8 Leute aufnehmen, und dann kann man sich die Kosten teilen. Ich hatte das schon, dass die Viertelstunde Taxifahrt in die Stadt mehr gekostet hat, als dreineinhalb Stunden Flug von Deutschland nach Zypern.
  • Bus 612 – fährt häufig vom Flughafen zu „Tombs of the Kings“, die Touristenroute. Meistens ein normaler Bus, manchmal ein längerer Gelenkbus, die Touristenroute, fährt am Meer entlang und klappert die Hotel-Gegenden ab.
  • Bus 613 – fährt deutlich seltener vom Flughafen zu Karavela Station, dem Busknotenpunkt in der Altstadt. Das ist eher für Einheimische und Leute, die am Flughafen arbeiten, weil es da kaum Hotels gibt, und das ist nur ein Minibus, wie sie hier meist eingesetzt werden, auf Basis eine Mercedes Sprinter, der innen wie ein Stadtbus ausgebaut ist, aber nur 13 reguläre Sitzplätze hat, außerdem noch einen Eingangsbereich mit 3 Klappsitzen, der aber auch für Gepäck oder einen Rollstuhlfahrer verwendet werden kann. Und noch ein paar Stehplätze. Da achten die sehr drauf.

    Kostenpunkt: Tagsüber 2 Euro, nachts 3, aber keine Umsteigetickets. Zum Umsteigen muss man ein neues kaufen.

  • Organisierte Reisegruppen chartern einen Bus oder werden von eigenen Busunternehmen (wie TUI) weiter transportiert.

Ich brauche den Minibus nach Karavela, und muss dann umsteigen oder zu Fuß weiter.

Nun passierte etwas, was ich vor einiger Zeit schon einmal erlebt habe. Damals war eine riesige polnische Reisegruppe angekommen, so ein Flieger voll, die keinen lokalen Transport gebucht haben, aber auch zu doof sind, auf den Trichter zu kommen, dass es in einer Reisegruppe, in der sowieso alle zum selben Hotel müssen, am günstigsten, bequemsten und einfachsten ist, sich alle zusammen ein Riesen-Taxi direkt zum Hotel zu nehmen und sich den Preis zu teilen. Geht nicht in die Birne.

Damals stürzten sich alle Polen erst auf den Bus 612, in den nur etwa ein Fünftel der Leute passte, und danach dann auf den Minibus, an dem ich eigentlich zuerst stand, aber wird bei Polen dann wie beim Rugby – die drücken jeden anderen gewaltsam weg. Musste damals mit dem Taxi fahren.

Heute dasselbe Spiel, Leute mit osteuropäischer Sprache. Ich habe zwei gefragt, woher sie kommen, beide sagten „Hungary“ – Ungarn.

Der große Bus – voll. Und machen dann auch gnadenlos dicht und lassen die Leute stehen, wenn die gesetzliche Kapazität erreicht ist.

Und dann kam der Minibus. In den also allerhöchstens 13 (Sitze) + 3 (Klappsitze) + 8 (Stehplätze) passen und dürfen, wenn man kein Gepäck hat. Und so gefühlte 150 Leute mit Gepäck wollten da rein. Und ich stand ganz hinten hinter der Meute.

Nun kannte ich den Fahrer vom Sehen, weil das fast immer derselbe ist, und dessen Marotten, und wusste, dass der in solchen Fällen nicht an die Meute heranfährt, habe mich also weiter vorne hingestellt und kam statt als Letzter als Dritter in den Bus und hatte einen Platz. Und dann passierte Absonderliches.

Dazu muss man nun wissen, dass dieser Busfahrer ein Rüpel ist. Der ist notorisch und immer unfreundlich, barsch, aufbrausend, laut, unhöflich, herrscht die Passagiere offensiv an. Aber: Der Mann hat dabei immer recht. Das ist immer sachlich begründet. Der achtete darauf, dass möglichst viele Leute reinkommen, es sauber bleibt, man pünktlich weg kommt. So rüpelhaft das Auftreten, so seriös und dienstbeflissen die Absichten. Der achtet auf Ordnung. Und das liegt auch daran, dass sein, wie er selbst immer wieder sagt, Englisch nicht so supertoll ist.

Und weil ich früh drin war und einen Sitzplatz mit Aussicht auf das Eingangsgeschehen hatte, konnte ich dann miterleben, was da lief:

Erwachsene Leute, geschätzt zwischen 20 und 60, die zu doof sind, in einen Bus zu steigen.

Vor allem die Rücksichtslosigkeit dieser Leute brachte den Fahrer auf die Palme. Draußen standen so 150 Leute, und der versuchte eben, den Bus genau so voll zu machen,j wie es erlaubt ist.

  • Ein großer starker Mann warf seinen Koffer vor die Klappsitze, die damit blockiert waren, und nahm sich dann eine Zweierbank. Den hat er richtig rund gemacht und zusammengeschissen: Er solle sich gefälligst zu seinem Gepäck auf den Klappsitz setzen und das Gepäck während der Fahrt festhalten.
  • Eine Tussi mit Kaffeebecher (so’n to-go-Ding) hat er sofort wieder rausgeschmissen. In seinem Bus werde kein Kaffee getrunken. Der solle so bleiben, dass auch die anderen da sitzen können.
  • Eine andere Tussi hat er rund gemacht, weil die für sich und ihren Rucksack gleich zwei Plätze belegte. Was ihr einfiele. Andere wollten auch rein. Sie habe gefälligst ihre Rucksack auf den Schoß zu nehmen und nur einen Platz zu belegen.
  • Einen längeren Streit gab es mit einem Mann, der unbedingt hinten an der Rückbank stehen wollte, weil da Frauen saßen, mit denen er sich unterhalten wollte. Bis dem das klarzumachen war, dass hinten stehen nicht erlaubt ist, und nur vorne im Eingangsbereich. Wollte der nicht einsehen und nicht kapieren. Letztlich ist der dann doch nach vorne gegangen, hat aber seinen Koffer im Gang stehen lassen, der bei der ersten starken Bremsung durch den Gang geflogen ist.

Mit 10 Minuten Verspätung abgefahren, weil der Busfahrer einer Meute erwachsener Leute erst einmal beibringen musste, wie man sich in einem öffentlichen Bus zu verhalten hat und dass man besonders dann, wenn Platznot herrscht, nur einen Platz belegen darf und sich nicht über zwei oder vier Plätze ausbreiten darf, und sich nicht mit dem Kaffeebecher in den Bus setzt.

Ich saß da und fragte mich, was für Leute das sind, aus was für einem Land sie kommen, wenn man ihnen so elementare Dinge erst einmal beibringen muss.

Mir waren das heute wirklich zu viele Leute, die mit dem Reisen charakterlich einfach überfordert sind. Die vor Ort erst noch erzogen werden müssen. Und beim Schreiben des Blogartikels finde ich dann diese Gedichtstrophe:

Und fand es überall wie hier,
Fand überall ‘n Sparren,
Die Menschen grade so wie wir,
Und ebensolche Narren.

Tutti
Da hat Er übel übel dran gethan;
Verzähl’ Er nicht weiter, Herr Urian!