Ansichten eines Informatikers

Bombage und „Tropenkonserven“

Hadmut
2.9.2026 1:22

Einige Leser schreiben mir, dass es „Tropenkonserven“ gibt, die 10, teils bis zu 25 Jahre haltbar sind.

Zunächst was Fachliches (noch ohne die Tropenkonserven, aber das hilft beim Verständnis):

Sehr geehrter Herr Danisch
Ursache sind anaerobe Bakterien. Für die ist teilweise Sauerstoff Gift. Die Dellen nennt man Bombage. Bin Bäckermeister + Konditor.

MHD bedeutet lediglich Garantie für uneingeschränkte Qualität.

Ja. Und jetzt kommt dazu, dass ich Informatiker bin, und Informatiker immer sehr darauf achten, wie etwas spezifiziert ist und innerhalb dieser Spezifikation zu bleiben. Wenn das MHD heißt „bis dahin uneingeschränkte Qualität“, aber nicht „danach geht noch“, sondern über die Zeit danach einfach gar nichts sagt, bewegen wir uns außerhalb der Spezifikation, und das mögen wir Informatiker nicht. Funktionen, Prozeduren, Programme außerhalb der Spezifikation betreiben – brrr. Mögen wir so gar nicht.

Andere schreiben, ich könne doch „Tropenkonserven“ kaufen, die länger haltbar sind. Hersteller normaler Konserven würden diese möglichst billig herstellen und deshalb nur so kurz wie gerade nötig kochen, weshalb die nur kurz haltbar seien. Es geben aber Hersteller, die die länger kochen.

Da stellt sich mir die Frage nach dem Sinn.

  1. Worin besteht der Vorteil, Konserven zu kaufen, die zwei- bis dreimal so lange halten, aber fünf- bis zehnmal so viel kosten?

    Ist es nicht einfacher, billiger, sicherer, Konserven alle drei Jahre aufzuessen und im nächsten Supermarkt neu zu kaufen, als teure Tropenkonserven zu kaufen und dann diesen Schatz 10 Jahre zu hüten?

    Worin besteht der konkrete Vorteile einer Tropenkonserve, wenn ich nicht gerade die Schutzhütte oben auf dem Berg per Heli damit bestücken will?

  2. Die behaupten, die hätten sie geprüft.

    Wie wollen die das prüfen?

    Dazu müssten sie Exemplare derselben Charge prüfen. Aber wie soll das gehen?

    Schema: Diese Charge haben wir vor 10 Jahren hergestellt und öffnen nun 3 zufällig ausgewählte Exemplare. … Sehen Sie ? Alle noch gut.

    Dann kann ich davon aussgehen, dass die anderen auch gut sind und auch 10 Jahre haltbar waren. Aber nicht, dass sie jetzt nochmal 10 Jahre haltbar sind, denn dazu müssten sie ja 20 Jahre halten.

    Denn wie sollte man nachweisen können, dass jetzt produzierte Konserven identisch mit der Charge von vor 10 Jahren sind? Anders als Supermarktkonserven werden die nicht im großindustriellen Stil gleichbleibend hergestellt. Bei normalen Supermarktkonserven gibt es immerhin Erfahrungswerte, die über die Qualitätsstreuung hinaus sagen „drei, vier Jahre kein Problem“.

    Und ich kann, wie ich das getan habe, meine Konserven in drei, vier verschiedenen Supermärkten und von verschiedenen Herstellern und verschiedenen MHD kaufen, so dass ich eine Streuung habe und Redundanz, falls ein Hersteller Mist gebaut hat. Wieviele Hersteller gibt es von Tropenkonserven?

  3. Woher weiß ich, ob der mich bescheißt? Oder Mist gebaut hat?

    Die gesetzliche Gewährleistungsfrist dauert 6 Montage bzw. 2 Jahre. Was ist, wenn ich das Ding in 10 Jahren aufmache und … uäääh ? Gibt es den Hersteller dann noch? Gewährleistung längst abgelaufen?

  4. Und was eben, wenn es nicht funktioniert hat? Wieviele Leute kaufen diese Konserven und öffnen sie nach über 10 Jahren, um auf die erforderlichen Erfahrungswerte zu kommen?

Mir leuchtet deshalb der Sinn dieser 10- oder 25-Jahres-Tropenkonserven nicht ein, wenn ich nicht gerade für die Forschungsstation in der Erdumlaufbahn oder die Wetterhütte in den Hochalpen Ausrüstung kaufen muss, oder mein Erbe in Konservendosen gestalten will („Wir eröffnen nun das Testament. Ihr Vater hat Ihnen drei Dosen Ravioli und ein Dosenbrot aus der Zeit vor Ihrer Geburt hinterlassen. Sie sind jetzt ein reicher Mann.“)

Ich sehe den Anwendungsfall dafür nicht.

Denn wenn ich 10 Jahre Haltbarkeit brauche, dann gehe ich im Prinzip davon aus, dass ich nach Ausfall der Infrastruktur und der Versorgung noch 10 Jahre lang aus Konservendosen leben müsste. Dann müsste ich also im Prinzip mindestens 10×365 , gute 4000 von den Dingern kaufen. Ich glaube aber nicht, dass man so etwas überhaupt überleben kann, denn Vitamine sind da nicht mehr drin. Da müsste man ganz anderes heran gehen.

Meines Erachtens kann man eine plötzlich eintretende Krisensituation mit Haushaltsmitteln nur bis zu maximal 1 bis 2 Monaten bewältigen. Was ungefähr 60 bis 100 Konserven entspräche.

Da halte ich es für weit sinnvoller, ab und zu eine zu essen, um auch zu sehen, ob die Konserven des Herstellers X auch wirklich 3 Jahre halten, und ob einem das Zeug überhaupt aushaltbar schmeckt, oder was man drauf streut, und die alle drei, vier Jahre durchzurotieren.

Bei meinem Vater galt damals, dass, egal was passiert, man immer ein paar Packungen Miracoli und ein paar Dosen Kartoffelsuppe mit Würstchen im Schrank haben muss, weil es immer mal sein kann, dass man überraschend erst spät abends nach Hause kommt oder man einen Feiertag übersieht, und zumindest diese beiden Produkte wurden auch regelmäßig verbraucht und ersetzt.

Gilt übrigens auch für EPA, die Einmann-Packung der Bundeswehr. Zur Zeit meines Grundwehrdienstes gab es immer wieder auch EPA in der Kasernenkantine. Abgelaufen, muss verbraucht werden. Also haben die alle EPAs derselben Sorte aufgemacht, alles in einen großen Topf, heiß gemacht und drauf auf den Teller. „Muss weg“. Da wurde darauf geachtet, dass das Zeug nicht vergammelt, sondern am Ende der Haltbarkeit gegessen wird.

Und nur dann weiß man ja auch, was man zur Zubereitung braucht. Ob da noch was dran muss, wieviel Gas man braucht und so weiter.