Requiem auf Dagstorp
Zum Tode meiner Chaise Longue.
Mein Sofa ist tot.
Nein, also, besser gesagt, teiltot, halbtot, und der Rest siecht.
Die Sache ist die: Als ich vor 12 Jahren hier eingezogen bin, fehlte mir ein Wohnzimmersofa, weil ich das alte in München entsorgt hatte, das hätte sich nicht gelohnt, damit zweimal umzuziehen. Nun hatte ich dann so ein leeres Wohnzimmer, und da muss ja irgendetwas rein. Nur nur optisch und akustisch, damit man da kein leeres Zimmer hat, sondern man will ja auch irgendwo sitzen oder Gästen einen Sitzplatz anbieten.
Gar nicht so einfach. Es gibt nur noch Schrott.
Alles, was ich damals in Berliner Möbelhäusern gefunden habe, war entweder unfassbar hässlich, sehr, sehr unbequem oder grotesk überteuert. Und in den meisten Fällen sogar alles davon. Was machen? Teuren hässlichen Mist kaufen? Zimmer leer lassen? Irgendwie will man dann den – ohnehin teuren – Ein- und Umzug dann auch mal fertig bekommen.
Ich kam auf eine Notlösung. Ich weiß gar nicht mehr wie ich darauf gekommen bin, an irgendeinem ihrer Computer im Laden habe ich das gefunden: Dagstorp. Das IKEA-Sofa Dagstorp.
Nicht schön, nicht hässlich, nicht erwähnenswert, sondern einfach schwarz und von einer Form, über die es einfach nichts zu sagen gibt. Völlig eigenschaftslos. Das Ding sah einfach so neutral und eigenschaftslos aus, dass es noch nicht einmal billig aussah, sondern einfach nur nach „Sitzen“ aussah. Einfach nur „Sitzen“, und nichts darüber hinaus. Als ob man beim Entwurf und Zusammenbau schlichtweg vergessen hätte, dem Ding ein Aussehen zu geben. Als ob man sich ins Nichts fallen lässt und dann aus unerfindlichen Gründen plötzlich sitzt statt fällt, weil es nicht aussieht, aber physikalischen Widerstand leistet.
Und erstaunlich billig war es obendrein. Die Kombination aus einer Chaise Longue, einem Zweiersofa, und zwei getrennten Seitenteilen, die man in beliebiger Reihenfolge zusammenschrauben kann, damit man die Chaise Longue wahlweise links oder rechts anschrauben kann, kostete lediglich … ich weiß es nicht mehr. Aber ich glaube, es waren entweder 500 oder 700 Euro. Ein amüsanter Bruchteil der Kosten anderer Sofa. Made in Romania. Ich dachte mir, das lohnt sich schon deshalb, weil ich damit die Zeit überbrücken kann, bis mir mein richtiges Sofa fürs Leben begegnet. Es reicht zumindest, um erst einmal für ein Jahr oder so provisorisch zu sitzen. Obwohl ja der Volksmund sagt, dass Provisorien am längsten halten.
Dabei war das nicht einmal einfach zu kaufen.
- Es stand nicht im Katalog.
- Es war auch nicht ausgestellt.
- Das Personal wusste nicht, dass es ein solches Sofa überhaupt gibt.
- So einen Namen führe auch kein Möbelstück.
- Das Personal war felsenfest überzeugt, dass sie ein solches Sofa keinesfalls am Lager hätten, das wüsste sie ja, wenn es so wäre.
- Das ging ja auch gar nicht, weil es dafür auch keinen zugewiesenen Lagerplatz gäbe.
Ich weiß nicht mehr, wie ich darauf gekommen bin, aber an irgendeinem der damals dort im Laden herumstehenden Auskunfts-Computer hatte ich das damals entdeckt, der auch die interne, für Kunden nicht zugängliche Lagerstelle angegeben hatte, nur mir vorsorglich alles notiert. Und die Angabe, dass genau eines davon vorrätig wäre. Mit einem IKEA-Bleistift auf einem IKEA-Notizzettel. Ich sagte, doch, das Sofa gibt es, und es steht da und da. Unsinn, meinten sie, woher sollte ich als Kunde wissen, was bei ihnen im für Kunden nicht zugänglichen Lager stehe. Und sie würden sich in ihrem Lager ja auch schließlich besser auskennen. Und dieses Sofa, auch den Namen, gäbe es ja überhaupt nicht. Wie sollte es da im Lager stehen können. Aber, so fragte ich, wie könne es dann sein, dass der Computer meint, dass das Sofa dort steht.
Also gut, meinte der, er geht jetzt an dieser Lagerstelle nachschauen, um festzustellen, was auch immer da stehe, damit ich endlich Ruhe gebe und verschwinde.
Es dauerte.
Er kam fassungslos mit einem Hubwagen zurück. Darauf: Das Phantomsofa Dagstorb. Genauer gesagt, das einzige Exemplar, das am Lager war. Danke. Eins reicht mir.
Er hat das dann aufzuklären versucht, und meinte schließlich, da stimme was in der Datenbank nicht, das Produkt sei nicht gelistet, sondern nur über die IKEA-Nummer zu finden, und über die Produktlisten unbekannt. Deshalb sei auch niemand auf die Idee gekommen, das auszustellen. Möglicherweise sei das Exemplar auch gar nicht zum Verkauf vorgesehen, sondern als Ausstellungsexemplar gedacht gewesen, aber einfach vergessen worden. Es stünde lediglich deshalb im Lager, weil man es nicht habe verkaufen können – wenn keiner weiß, dass es da überhaupt gibt, und dass sie eines haben.
Perfekt, dachte ich. Dieses Sofa passt zu mir. Gekauft, bezahlt und vom Lieferservice bringen lassen.
Auch wenn es noch so sehr nach gar nichts aussieht, und mit seinem Kunstlederbezug zumindest beim Anfassen billig wirkte – es leistete 10 Jahre gute Dienste. Mehrere Kurzzeitgäste aus dem Freundeskreis, die nur einmal bei mir im Schlafsack auf diesem Sofa übernachtet haben, äußerten sich sehr positiv, man würde bestens darauf liegen.
Und so kam es, dass dieses Sofa zum Dauerprovisorium wurde. Weil es seinen Zweck erfüllte und ich seither niemals mehr ein Sofa gesehen habe, das mir gefallen hätte. Möbelhäuser kommen für mich gleich nach Geisterbahnen. Das letzte Sofa, das mir gefallen hat, war ein unfassbar hässliches Sofa, das ich bei METRO in München gesehen hatte, als METRO noch Möbel verkaufte. Total hässlich, aber es saß sich so unglaublich gut, das habe ich bei keinem Sofa mehr erlebt, dass man darin so gut sitzt und nie wieder raus will. Hätte ich gekauft, wenn ich nicht gerade aus München weggezogen wäre.
Macht das mal. Geht mal in ein Möbelhaus. Ignoriert mal völlig das Aussehen von Möbelstücken und probiert mal Sofas, Liegen, Chaise Longues aus. Ob Ihr darauf gut sitzen könnt. Ob das anatomisch überhaupt passt. Ich finde da nichts mehr, worauf ich sitzen oder liegen kann. Neulich habe ich mir – anderes Möbelhaus, nicht IKEA – solche Entspannungs- und Leseliegen für das Wohnzimmer angesehen und dachte, die sehen schick aus, die wären doch was. Die Dinger sind für Außerirdische gebaut, anatomisch zu mir völlig inkompatibel. Keine einzige, auf der ich bequem liegen würde oder überhaupt liegen bleiben wollte. Da wird nur noch Schrott angeboten.
Deshalb bin ich bei meinem Provisorium geblieben.
Aber, ach.
Die Materialqualität war doch nicht von Dauer.
Es fing damit an, dass ich immer schiefer auf der Chaise Longue lag, weil die sich einseitig abnutzte, denn ich hatte das an der Wand stehen und bin deshalb immer von links darauf gestiegen, zumal auch der Fernseher zentral vor dem Sofa, also etwas links von der Chaise Longue steht. Irgendwann geht einem das auf die Nerven, dass man sich dahin setzt und dann anfangs so um die 5°, später 10° Schlagseite hat, weil sich die Chaise Longue einseitig abnutzt und durchsitzt.
Dann kam ein anderes Problem dazu.
Das Kunstleder löste sich auf. Vermutlich ein Vorgang der Hydrolyse, wie ich ihn schon von Schulsohlen und Kofferrollen beschrieben hatte: Weiche Gummiteile, anscheinend bevorzugt PU- und ähnliche Hartschäume, ursprünglich sehr stabil und belastbar, fangen nach Jahren plötzlich an, zu zerfallen, verlieren ihre Stabilität und zerbröseln einfach. Ist mir bei drei paar Schuhen und einem Reisekoffer/Rucksack passiert.
Und dieses Kunstleder besteht aus einem stabilen, aber dünnen Trägerstoff, auf den eine Schicht aus einem dichten schaumigen Kunststoff, so eine Art PU-Schaum aufgebracht ist, in den man beim Trocknen eine Lederstruktur drückt.
Und diese PU-Schicht (oder welches Material auch immer es ist, ich bin da nicht firm) verlor plötzlich an Festigkeit und blätterte flockenartig ab. Zuerst da, wo ich bei der Chaise Longue mit dem Hintern saß, aber später auch an anderen Stellen, auch die Armlehnen und das Sofa.
Übel.
Sieht nicht nur aus, als hätte das Sofa Karies im Endstadium, sondern die ganze Wohnung war voll mit diesem Schaumflöckchen, weil das Zeug an der Kleidung haftet und man das in der ganzen Wohnung mit sich herumträgt. Ich hatte anfangs gehofft, dass das nichts macht, sich das Kunstleder-Sofa dann eben in ein Stoffsofa verwandelt, ich das zwei-, dreimal zusammenkehre, und fertig, aber das wurde so eine endlose Sauerei und sah richtig schlecht und vergammelt aus. Als hätte ich eine verwesende Sofa-Leiche im Wohnzimmer.
Also beschloss ich, mein Sofa einzuschläfern. Irgendwann ist eben Schluss, und man soll es ja auch nicht unnötig leiden lassen.
In Berlin nicht so leicht.
Normale Sperrmüllabfuhr gibt es nicht.
Ins Auto passt es nicht, um es zum Wertstoffhof zu fahren, wo sie kostenlos Sperrmüll in kleinen Mengen annehmen.
Die Berliner Stadtreinigung holt Sperrmüll gegen Gebühr ab, aber das ist teuer und es dauert, weil man länger auf einen Termin warten muss.
Also fing ich an, die Chaise Longue nach Metzgersart zu zerlegen, und wie man das mit Leichen, die unauffällig weg müssen, eben so macht, stückchenweise im Hausmüll zu entsorgen. Die Weichteile mit dem Messer abgeschnitten und zerteilt. Die Knochen – pardon – die Holzteile mit dem großen Gummihammer bekloppt, bis sie nachgeben, denn obwohl das Ding aus ungehobeltem, billigstem Holz und Pressspan gebaut war, war die Holzkonstruktion, im Gegensatz zu den Weichteilen, verblüffend stabil und dauerhaft. Billigstes Restholz, aber sehr gut verarbeitet und verleimt, auch verwindungssteif.
Die Weichteile dagegen bestanden nur aus Spanngummis und Schaumstoff der billigen Kategorie, und die halten halt auch nicht ewig. Die Gummiriemen geben nach wie die Bünde alter Unterhosen, und der Schaumstoff hatte eben auch keine Stabilität mehr.
Nun frage ich mich:
Ist es besser, ein teures Sofa zu kaufen und Qualität zu erwarten? Gibt es das überhaupt noch?
Oder ist es besser, ein billiges Ding zu nehmen, das Geld spart, je nach Vergleichsstück nur ein Viertel bis ein Zehntel kostet, einem zehn Jahre wirklich gute Dienste leistet, aber dann am Ende ist und sich auflöst? Dafür dann nach Zerlegen und Zerkloppen im Müllcontainer bestattet werden kann?
Ich kann mich noch erinnern, als mein Vater mal mit einem Couchtisch ankam. Triumphierend. Ein Stück höchster Qualität habe er ergattert, Eiche massiv, oberseite gekachelt und total hitzebeständig, schwer, unkaputtbar, noch echte Handwerksqualität. Qualität habe ihren Preis.
Sein Gesicht hättet ihr sehen sollen, als sich nach zwei Jahren, gerade nach Ablauf der Gewährleistung, die so wertvolle Eiche im Bereich der Fußkonstruktion begann, sich in zwei Teile zu spalten: Pressspanplatte und aufgepresste Plastikfolie mit Eichendekor und -maserung. Zumindest im unteren Bereich war die Eiche schlicht Fake.