530 x 1,0 = ?
Vom Verfall des Abiturs.
Ich war damals auf einem der besten Gymnasien der Stadt (Altsprachlich, lauter Streber) und wurde bei der Feier als einer der Jahrgangsbesten ausgezeichnet, weil ich Mathe/Physik so mit 15 Punkten zugepflastert hatte, und ich hatte eine Abi-Note von 1,6. Die Gesamtbeste lag damals nicht viel darunter.
Damals hatte ich mich schon gewundert, wie das eigentlich möglich ist: Ich werde als einer der Jahrgangsbesten ausgezeichnet, und trotzdem würde es nicht für den Numerus Clausus in Medizin reichen (der war damals irgendwo bei 1,4). Obwohl ich das große Latinum auch schon hatte. Es hieß, das sei halt in anderen Bundesländern einfach anders mit den Noten: Wir hätten die bessere Ausbildung, aber die hätten die besseren Noten.
Gut, war mir egal, weil es in Informatik keinen NC gab, und meine Abi-Note bis heute, wenn ich so darüber nachdenke, niemals irgendeine Rolle gespielt hat. War eigentlich völlig egal, welche Note ich da drin stehen hatte. Obwohl – das vielleicht bei manchen Bewerbungen schon eine kleine Rolle gespielt haben könnte. Im Prinzip war es aber egal.
Die Berliner Zeitung: Spitzenjahrgang 2026: Es regnet Einser bei den Berliner Abiturienten
Ständig heißt es, die könnten nicht mehr rechnen und kaum lesen. Und dann
15.200 Schüler haben in Berlin dieses Jahr ihr Abitur bestanden, davon erreichten ganze 530 Prüflinge die Spitzennote 1,0. Die Senatsverwaltung für Bildung teilte zudem mit, an welchen Schulen die höchste Punktzahl erreicht wurde. Die besten drei Abiturienten sammelten sensationelle 896 von 900 möglichen Punkten. Zwei dieser Asse kommen vom Käthe-Kollwitz-Gymnasium, einer besuchte das Rosa-Luxemburg-Gymnasium.
500 mal die 1,0. Ausgerechnet in Berlin. Wer soll das glauben?
Und dann:
Von den knapp 16.000 Prüflingen schafften es 15.967, die Prüfungen erfolgreich abzuschließen. Die Durchfallquote sinkt immer mehr.
Komisch. OBen waren es noch 15.200 die bestanden haben, hier dann 15.967.
Die Durchschnittsnoten im Abitur werden deutschlandweit immer besser. Es ist ein klarer Trend in den vergangenen Jahren. Die Frage ist: Werden die Prüfungen einfacher oder die Schüler besser? Klar ist: In den Corona-Jahren hatten die betroffenen Jahrgänge einige Vorteile bei den Prüfungen, wie zum Beispiel eine längere Bearbeitungszeit im Deutsch-Abitur. Die Corona-Auswirkungen haben die diesjährigen Absolventen in den entscheidenden Jahren in der Oberstufe gar nicht mehr tangiert – und sie erreichten herausragende Ergebnisse.
Ich habe schwerste Zweifel, dass die immer besser werden. Würden sie das nämlich, bräuchte man nicht so viele Aufbaukurse an den Universitäten, die die Leute studierfähig machen, was eigentlich Aufgabe des Abiturs („Allgemeine Hochschulreife“) ist. Wir brauchten so etwas nicht, wir konnten damals gleich loslegen.
Ich habe eher den Verdacht, dass die Masse so lausig schlecht ist, dass sie die Maßstäbe so hochschieben müssen, dass die, die was können, alle an der Oberkannte ankommen, weil sie sonst monströse Durchfallquoten hätten. Ich vermute, dass diese Noteninflation einfache eine Folge des Unterfangens ist, immer mehr Leute, die nicht abiturfähig sind, trotzdem durchzuschieben.
Nicht nur aus politischen und ideologischen Gründen. Schaut man sich nämlich die Geldnot und den Lehrermangel des Schulwesens an, dann können die es sich gar nicht leisten, die Leute noch ein Jahr dazubehalten. Also müssen die alle raus. Und die Statistik muss ja auch schön sein.