Ansichten eines Informatikers

Verschollen im Bermuda-Dreieck

Hadmut
5.7.2026 22:31

Die Legende vom Bermuda-Dreieck kenne ich seit meiner Kindheit.

Das war damals eine ganz große Nummer. Alle redeten vom Bermuda-Dreieck.

Geheimnisvolle Kräfte verschluckten Schiffe und Flugzeuge auf Nimmerwiedersehen. Wer in das Dreieck flog, der sei dem Tode geweiht. Auf einmal sind sie weg, man erreicht sie nicht mehr per Funk, und niemand weiß, was mit ihnen geschehe oder geschehen sei. Wer auch immer in das Dreieck fährt oder schwimmt – er wird es niemals mehr verlassen und wird nie wieder gesehen.

Und keiner weiß, warum.

So der Stand meiner Jugend.

Ich habe mir das in meiner Jugend schon nicht vorstellen können. Ich würde da einfach eine Kaskade von Schiffen hinschicken, von denen jedes das vor ihm im Blick hat. Das vorderste vielleicht ferngesteuert. Dann können ja nicht alle weg sein, wenn das hinterste noch nicht im Bermuda-Dreieck ist, und irgendeines der Schiffe, von hinten nach vorne gezählt, muss ja dann gesehen haben, wohin das Schiff vor ihm verschwunden ist.

Oder sie alle mit einem langen Seil verbinden.

Und keiner wusste so genau, wo das Bermuda-Dreieck ist. Oder wie groß. GPS gab es noch nicht. Google Maps gab es nicht. Googeln konnte man es auch nicht. Und im Diercke-Schulatlas war es nicht eingezeichnet.

Ach, dachte man, das Bermuda-Dreieck ist so geheimnisvoll, dass es nicht einmal in den Karten eingezeichnet sein kann. Wie sollte man es auch einzeichnen, wenn keiner mehr lebend zurück kommt, der jemals dort war?

Theorien von magischen Kräften und bösen Mächten, Seeungeheuern, Parallelen zu den Sirenen aus der Odysee, unterseeische Landeplätze von außerirdischen Ufos, die Kraftfelder haben, damit man sie nicht entdeckt, habe ich viele gehört und gelesen.

Auch naturwissenschaftsnähere Erklärungsansätze habe ich gelesen. So gab es Theorien, dass es da unterirdischen Vulkanismus gebe, der große Mengen giftiger Gase austreten lasse. Dadurch würden Menschen auf Schiffen und in Flugzeugen bewusstlos, Flugzeuge abstürzen. Und Schiffe sinken, weil das Wasser durch das viele Gas spezifisch so viel leichter würden, dass Schiffe nicht mehr genug Auftrieb hätten und einfach so sänken. Blubb und weg, alle tot. Nichts könne einen mehr retten, wenn es einen erwische. Man fahre dahin, und auf einmal brodele das Wasser, und dann ist man auch schon bewusstlos und merke gar nicht, wie man in der Tiefe verschwinde.

Friedhof der Schiffe und Flugzeuge. Geht nicht hin. Ihr werdet alle sterben.

Im Lauf der Zeit hat sich das verloren, gab es immer seltener die Rede davon. Jüngere Leute wissen oft gar nicht mehr, was es mit dem „Bermuda-Dreieck“ auf sich hat.

Das wäre im Zeitalter von GPS, Youtube, GoogleMaps und Online-Tracking von Flügen und Schiffen, Satellitenfunk und so weiter auch schwer. (Von MH370 vielleicht mal abgesehen.) Irgendwie hat das Bermuda-Dreieck seit Jahren an Bedeutung und Strahlkraft, an Magie und Grusel verloren. Weder von verlorenen Schiffen noch Flugzeugen ist die Rede. Gut, vielleicht fliegen und fahren die da alle außenrum? Aber warum sagt dann nie jemand, wo das sein soll, damit man außenrum fahren kann?

Ach, eigentlich hatte ich das auch schon vergessen.

So ähnlich wie das Biedensand-Monster. Als ich Kind war, liebten wir die Legende, dass auf einem Altrhein-Arm das schreckliche Biedensand-Monster hause und Menschen fresse, die sich nachts dahin trauten. Wir hatten schon überlegt, wie wir mit damaligen Mitteln Super-8-Filme fälschen könnten, um „Beweise“ vom Monster zu haben. Mein Vater hatte damals eine Super-8-Kamera mit Zubehör von Bauer, die mit einem Kompendium geliefert wurde. Mit einem dünnen Schlauch, der dazu gedacht war, dass man beim Filmen Zigarettenrauch einblasen kann, damit es nach Nebel aussieht. Das brachte uns auf die Idee, aber es wurde nichts draus.

Denn irgendwann wurde aus der lustigen Grusel-Legende eine, bei der allen die Haare zu Berge standen. Ein Zahnarzt hatte sich umgebracht, und man fand in im Morgengrauen auf dem Biedensand an einem Baum hängend. „Das war das Biedensand-Monster!“ Seither war klar: Das Biedensand-Monster gibt es wirklich. Und es mordet wirklich.

Die Leute bauen sich so gerne gruselige Legenden.

Lange habe ich nichts mehr Bermuda-Dreieck gehört, gesehen, gelesen. Eigentlich hätte es doch tausend Dokus darüber geben müssen, aber irgendwie ist das Thema einfach verloren gegangen.

Ein Leser schickte mir einen Link auf eine Fliegerzeitung, die über das Bermuda-Dreieck schreibt: Wie ein Navigationsfehler den Mythos Bermuda-Dreieck begründete

Ergebnis: Das Bermuda-Dreieck gab es nie.

1945 sind 5 Flugzeuge – 1 erfahrener, aber ortsunkundiger Pilot, der Rest mehrheitlich Anfänger – zu einem Übungsflug mit dreieckigem Kurs

Der geplante Kurs war ein Dreieck über See: Bombenübung über den Florida Keys, danach Schwenk über die Bahamas und Rückkehr zur Basis.

Nun hat ausgerechnet der erfahrene Pilot einen schweren, aber angeblich nachvollziehbaren Navigationsfehler begangen, weil er die Florida Keys mit den Bahamas verwechselt hat. Sie sehen angeblich ähnlich aus. Er meldete, dass beide Kompasse defekt seien. Man weiß aber nicht, ob das stimmt, oder ob er sie nur irrtümlich für defekt hielt. Verblüffenderweise hat sogar einer der Anfänger die richtige Flugrichtung vorgeschlagen, aber Chef setzte sich durch und sie flogen alle in die falsche Richtung. Dann wurde der Sprit knapp und sie verfügten, dass sie alle zusammenbleiben und zusammen notwassern, sobald dem ersten der Sprit ausgeht. Dann sind sie alle zusammen abgesoffen. Man hat ihnen zwei Rettungsflugzeuge geschickt, aber dieses Modell war anfällig für Spritdämpfe und Zündfunken, und deshalb explodierte noch eines davon in der Luft.

So kam es, dass da an einem Tag sechs Flugzeuge abstürzten. Die ersten fünf, weil sie einen Navigationsfehler gemacht haben und dann zusammen blieben und allen der Sprit ausging. Und das sechste war ein Rettungsflugzeug, das wegen bekanntem mustertypischem Konstruktionsfehler in der Luft explodierte.

Fertig.

Das war’s.

Mehr ist nicht passiert.

Bis 1974:

Es gibt nur wenige Orte auf der Welt, um die sich so viele mysteriöse Geschichten ranken, wie um das Bermuda-Dreieck. Im Seegebiet zwischen Süd-Florida, Puerto Rico und Bermuda sollen Schiffe sinken, Flugzeuge abstürzen und Menschen spurlos verschwinden. Der Mythos ist allerdings nicht jahrhundertealt, sondern geht auf das Buch «The Bermuda Triangle» von 1974 zurück. Autor Charles Berlitz, ein Enkel des Gründers der Berlitz-Sprachschulen, war eigentlich Linguist, wandte sich später aber Grenzwissenschaften und pseudowissenschaftlichen Sachbüchern zu.

«The Bermuda Triangle» wurde über 20 Millionen Mal verkauft und war Charles Berlitz größter Erfolg. Berlitz begründete die angeblich hohe Zahl der Todesfälle in dem Gebiet unter anderem mit Außerirdischen, die Schiffe und Flugzeuge entführt haben, um sie zu untersuchen. Auch verortet er die untergegangene Insel Atlantis im Gebiet des Bermuda-Dreiecks, deren versunkene Energiequellen oder Kristalle Störfelder erzeugen, die dafür sorgten, dass gleich sechs Flugzeuge Ende 1945 in dem Gebiet abstürzten.

Typischer Fall von Korrelation und Kausalität verwechselt.

Immerhin weiß ich jetzt endlich, warum die Story in meiner Jugend auftauchte und plötzlich in aller Munde war.

Der Mann dürfte damit ziemlich reich geworden sein.

Ach, hätten wir doch damals den Film über das Biedensand-Monster gedreht …