König George V. und der Rundfunk
Ach, herrje.
Habe ich seiner Majestät Unrecht getan?
Ich hatte doch geschrieben, dass Prinz Albert, der spätere König George VI., Vater von Königin Elizabeth II., als schwerer Stotterer mit den Rundfunkansprachen und öffentlichen Reden haderte, und mich auf den Film The King’s Speech bezogen. Der wollte und sollte ja auch nicht König werden, aber dessen älterer Bruder Edward VIII hatte mit einer unadeligen und geschiedenen Amerikanerin rumgemacht, weshalb der dann abdanken musste. Es geht im Film darum, dass ein Australier George VI. helfen soll, Ansprachen zu halten, was dramatisch darin kulminiert, dass er die Kriegserklärung gegenüber Nazi-Deutschland 1939 öffentlich über den Rundfunk mitteilen muss – und ein Kriegserklärung kann man nicht stottern, das wäre nicht überzeugend. Die Deutschen hätten ihn ausgelacht.
Ich kann mich erinnern, dass es im Film thematisiert wird, dass man George VI erklärt hat, dass der Rundfunk in Zukunft so wichtig sein wird, dass er da nicht drumherum kommen wird, und das einfach lernen muss. Was ja auch nicht überraschend ist, denn so lange gab es den Rundfunk im großen Maßstab ja noch nicht. Rundfunk gab es zwar schon seit den 1920er Jahren, auch in Deutschland, aber kaum jemand konnte sich einen Empfänger leisten.
Ich hatte den Film als historisch korrekt in Erinnerung, weil es mal eine Meldung gab, dass Queen Elizabeth II. den Film als zutreffend und richtig gelobt und sich auch dafür bedankt habe, dass man ihren Vater korrekt und würdig dargestellt habe.
Nun schreibt mir dazu ein Leser
Ich vermute, Sie werden zahlreiche derartige Hinweise erhalten. Nur für den Fall, dass nicht: Schon George V. hielt Rundfunkansprachen, und das sehr erfolgreich,
Habe ich dem guten George V. Unrecht getan? Schaut man in die Filmbeschreibung heißt es da
After Bertie’s father, King George V, broadcasts his 1934 Royal Christmas Message, he explains to Bertie that the wireless will play a significant part in the role of the royal family, allowing them to enter the homes of the people. As Bertie’s elder brother, the Prince of Wales (known to his family as David), has been neglecting his responsibilities, Bertie’s training in using the wireless has become necessary. An attempt at reading the message himself is a failure. However, Bertie plays the recording Lionel gave him that night and is astonished at the lack of stutter. He returns for daily treatments to overcome the physical and psychological roots of his stutter.
George V dies in 1936. David ascends the throne as King Edward VIII. A constitutional crisis arises with Edward over a prospective marriage with twice-divorced American socialite Wallis Simpson. Edward, as the supreme governor of the Church of England, cannot marry her, even if her second divorce goes through, as both of her former husbands are still alive.
At an unscheduled session, Bertie expresses frustration that, while his speech has mostly improved, he still stammers when talking to David, simultaneously revealing the extent of Edward VIII’s folly with Simpson. When Lionel insists that Bertie himself could make a good king, Bertie accuses him of treason and angrily quits Lionel.
Lionel and Bertie reconvene after King Edward decides to abdicate to marry. Bertie, urged by Prime Minister Stanley Baldwin, ascends the throne as King George VI and visits Lionel’s home with his wife before their coronation. This is a surprise for Mrs. Logue when she learns who Lionel’s client has been.
Das war das, was ich in Erinnerung hatte, nämlich dass man Albert/George VI. gesagt hatte, dass das wichtig werden wird und er das lernen muss. Ich hatte nicht mehr in Erinnerung, dass es im Film sein eigener Vater George V. gesagt hatte, aber der hat das schon richtig erkannt. Und es gibt sogar einen Film darüber:
Das waren aber zunächst nur Weihnachtsansprachen, und weil er seine erste am 25.12.1932 gehalten hatte, aber am 20.1.36 verstarb, werden es nicht sehr viele gewesen sein. Und da wird ja auch erwähnt, dass sie eine Tischdecke auf den Tisch legen mussten, weil er so nervös war, dass er so zitterte, dass man das Papier rascheln hörte. Weder werden das fundamentale Reden gewesen sein, noch konnte das seine Amtszeit wesentlich geprägt haben. Er war ja schon ein alter Opa (Elizabeth 1926 geboren). Das war also erst am Ende seiner Amtszeit, er war kein Rundfunkkönig. Das war nicht prägend für seine Amtszeit und Radioansprachen war noch keine große Kunst. Vermutlich war der kaum zu verstehen, während Bertie/George VI. von vornherein Rundfunk-König werden musste. Mussolini und Hitler sind ja auch nicht erst als Opa auf den Rundfunk und elektronische Medien gekommen, sondern haben von vornherein darauf gebaut.
Ich bleibe also bei meiner Einschätzung. George V. hat das zwar sehr richtig erkannt, dass das ungeheuer wichtig werden wird, aber eine wesentliche Rolle hat das für ihn selbst als alten Mann und kurz vor seinem Tod nicht mehr gespielt. George VI. hat es ereilt.
Man sollte dabei übrigens erwähnen, dass sich die britische Königsfamilie vor allem deshalb noch halten kann, weil die Prinzessinnen Catherine und ihre Tochter Charlotte große Medientalente sind. Die retten denen den Laden. Ihr älterer Bruder George wird zwar König werden, aber die Show wird Charlotte machen. Die liebt die Kamera, und die Kamera liebt sie.
Ein anderer Leser weist auf das hin:
Einzigartig, die Nazis.
"1925 wurde die Radiokommission des Zentralkomitees der KP für die direkte Aufsicht über den Rundfunk gegründet."
Franco, Mussolini, Stalin (besonders schön: Drahtfunktechnik) Mao, die Roten Khmer, etc., alles dasselbe.
Aber was kommt immer? Goebbels.— Marius Keller (@kell80201) May 6, 2026
Ja, ja, Rundfunk gab es überall.
Aber die, die die größten Medienspuren in der Weltgeschichte hinterlassen haben, waren nun mal die Nazis. Die haben neue Technik wie Fahrzeuge, Flugzeuge, Lautsprecher, Aufnahmetechniken (Das erste industriell gefertigte Tonbandgerät, das AEG Magnetophon K1, wurde im August 1935 auf der Berliner Funkausstellung präsentiert.), Sendetechnik politisch systematisch genutzt. Das erste regelmäßige Fernsehprogramm der Welt startete am 22. März 1935 in Berlin. Die Olympischen Spiele 1936 in Berlin waren das erste Großereignis der Welt, das live im Fernsehen übertragen wurde. Nicht Stalin, nicht die Amerikaner. Das Medium, die elektronische Hochfrequenzkommunikation, der Tonfilm, waren neu, und keiner hat das so (aus)genutzt wie die Nazis. Stichwort Feuerzangenbowle. Metropolis von Fritz Lang von 1927 war noch ein Stummfilm.
Deutschland war durchaus mal weltweit führend in Medientechnik und ist heute auf das Level ARD und ZDF zurückgefallen, aber ich habe eben die Befürchtung, dass der deutsche Rundfunk zwar den technischen und qualitativen Anschluss verloren, sich aber niemals von der politischen Beeinflussung und der Eigenschaft als Propagandafunk erholt hat. Da hat die Entnazifizierung nie funktioniert.
Ich hatte das schon mal angesprochen, dass Hitler ohne Mikrofon völlig normal und nicht mit diesem typischen Hitler-Schnarr gesprochen hat. Der hat aber Unterricht bei Schauspielern genommen, die wussten, wie man auf der Bühne sprechen muss, um in der letzten Reihe noch verstanden zu werden. Und wenn ich mir anhöre, wie Goebbels gesprochen hat, dann war der auch geschult, so präzise, wie der artikuliert. Eine in Italien aufgewachsene Leserin schrieb mir einmal, dass sie als Kind Reden von Mussolini gehört habe (mir wurde aber nicht klar, ob die den im Original oder auf Aufnahmen gehört hatte) und ihre Mutter gefragt hatte, warum der Mann immer so kurze Sätze spreche und lange Pausen mache. Mutti war schlau und hat der Tochter erklärt, dass der viel mit Lautsprechern gesprochen hat, die eine schlechte Akustik und auf den typischen italienischen Plätzen viel Hall verursachten, und der nach jedem Satz wartete, bis der Hall abgeklungen war.
Die Leute wie Hitler und Goebbels waren keine Stotterer, die lernen mussten, den Satz rauszubringen, sondern die waren rhetorisch, sprachlich, in der Artikulation geschult. Hitler dabei eher brachial, mitreißend, Goebbels eher geschliffen, intellektuell. Und man wird Medien nicht verstehen, solange man sich das nicht bewusst macht und versteht, wie die das ausgenutzt haben – und wie das heute ausgenutzt wird.
Und heute haben wir eben Tiktok-Hüpfer wie Emilia Fester und Zappler wie Timon Dzienus, oder Helge Lindh, zu dem mir spontan kein rechtlich zulässiges Attribut einfällt.