Ansichten eines Informatikers

Die Ruhe vor dem Sturm

Hadmut
2.5.2026 13:48

Warum ich der Nachrichtenflaute nicht traue.

Ich hatte es in den letzten Wochen schon angesprochen: Ist Euch aufgefallen, dass nichts mehr passiert?

Ich komme mir seit Wochen vor wie einer, der morgens aufwacht und sich wundert, warum alles so still ist, man nichts hört, sich nichts bewegt, und der sich deshalb die Frage stellt, ob er vielleicht gar nicht wach, sondern tot ist.

Der Wal Timmy ist nun angeblich in die Nordsee entfleucht – pardon, enttaucht – und damit unsere letzte Nachrichtenquelle versiegt.

Vom Ukraine-Krieg hört man nichts mehr.

Vom Iran-Krieg hört man nichts mehr.

Vom SPD-CDU-Krieg hört man nichts mehr.

Vom Fernandes-Ulmen-Krieg hört man nichts mehr.

Totenstille auf allen Kanälen. Es geht nicht nur mir so. Seit Wochen fällt mir auch auf, dass viele Online-Medien auf ihre Reserven und Konserven zurückgreifen, auf anlasslose Artikel, die man immer bringen kann, und die man so als Reserve für schlechte Zeit auf Lager hat. Hatte man noch gehofft, dass es ordentliche 1.-Mai-Randale gibt, kommt von der Polizei ein so dünnes wie langweiliges „War OK dieses Jahr …“

Ein Leser schrieb mir vor ein paar Tagen dazu, ich möge doch bedenken, worum ich bitte, es könnte mir gewährt werden:

Bedenke worum du bittest, es könnte dir gewährt werden

Hallo Herr Danisch,

Erinnern Sie sich noch an den Blogeintrag

https://www.danisch.de/blog/2021/07/21/eine-bitte-an-raum-zeit-und-universum/

“Könnte ich bitte, bitte, bitte mal ein Vierteljahr oder so zumindest 6 bis 8 Wochen Zeit bekommen, in denen einfach mal gar nichts passiert? In denen die Fernsehnachrichten einfach ausfallen, weil sie nichts zu berichten haben? In denen im Fernsehen nur Wiederholungen kommen? In denen die Bremsscheiben der Autos bei Polizei und Feuerwehr Rost ansetzen, weil niemand sie ruft? In denen die dritte Wiederholung der ZDF Küchenschlacht das aufregendste wäre, was passiert? Nicht mal irgendwo eine Sicherung rausfliegt? Wo sie keine Fernsehkrimis mehr drehen können, weil nicht mal in deren Phantasie noch jemand umgebracht werden kann?…”

Um einen großartigen Menschen zu zitieren:
“Bedenke, worum Du bittest. Es könnte Dir gewährt werden.”

Dennoch vielen Dank und freundliche Grüße

Oh, ja, das ging mir auch schon durch den Kopf. Und in der Tat nutze ich die aktuelle Ruhe, um ein paar Dinge zu erledigen, zu denen ich sonst nicht komme, und den aufgelaufenen Arbeitsrückstand aufzuholen. Solche Dinge, wie endlich mal die Wohnung wieder aufzuräumen, oder Ansätze eines Frühjahrsputzes. Gestern war ich tatsächlich mal wieder im Freibad. Es fühlt sich sehr seltsam an, endlich mal wieder aus dem Arbeitszimmer rauszukommen und nicht nur zweimal die Woche bei Dunkelheit schnell in den Supermarkt zu huschen. Ich bin in gewisser Hinsicht durchaus froh, dass mal etwas weniger Druck ist.

Aber es ist anders.

Es ist so wie der Unterschied zwischen

  • den rumschreienden Kindern zu sagen „Könnt Ihr nicht endlich mal Ruhe geben!“
  • die Kinder liegen blau angelaufen und reglos im Flur

Es gibt so verschiedene Arten von Ruhe. Es ist ein Unterschied, ob Kinder Ruhe geben, weil sie sich mit irgendwas beschäftigen, ein Buch lesen, einen Film schauen, oder blau angelaufen im Flur liegen. Das ist mit Politikern nicht anders.

Und so ist es auch, wenn Ruhe ist, weil die Weltlage läuft und alles in Ordnung ist – oder eben nicht.

Kennt Ihr die Szene aus „Das Boot“, in der Langeweile herrscht, weil alles läuft und in Ordnung ist? („Hast Du Haare in der Nase?“ – „Warum?“ – „Ich habe welche am Arsch, wir könnten sie ja zusammenknoten!“). Oder auf der Enterprise: „Mr. Scott, Meldung!“ – „Es ist alles in Ordnung mit dem verdammten Kahn.“

Es gibt so diese Ruhe, bei der man sich entspannt auf das Sofa legt und sich ein Mittagsschläfchen gönnt. Und es gibt diese Ruhe, der man nicht traut, wo man ständig das Gefühl hat, irgendwas läuft ganz schief und keiner sagt einem Bescheid. Die Kinder liegen blau im Flur.

Es gibt die Ruhe vor dem Sturm. Es gibt die Ruhe, weil der Gegner aus dem Hinterhalt angreift. Es gibt die Ruhe, weil die Kollegen alle tot sind.

Es gibt die Ruhe der Sorte Tschernobyl, bei der man nichts erfuhr, weil es eine Nachrichtensperre gab und der KGB sogar die Telefonleitungen unterbrochen hatte.

Es kommt immer darauf an, ob die Ruhe als Ist-Zustand mit dem Soll-Zustand übereinstimmt. Ob man denkt, dass es in Ordnung ist, dass man Ruhe hat, weil wirklich nichts los ist, oder ob die Ruhe beunruhigend ist, weil man genau weiß, dass es zu hören sein müsste.

Anders gesagt: Ruhe und Stille sind verschiedene Dinge.

Wir haben eine Wirtschaftskrise. Müssten also die Nachrichten nicht jeden Abend 5 bis 10 Minuten allein darauf verwenden, die Maßnahmen der Regierung zu erläutern? Stattdessen müssen sie ihre Sendezeit mit Programmhinweisen auffüllen. Ich habe deshalb nicht das Gefühl, dass ich keine Nachrichten bekomme, weil nichts passiert. Es kann schon sein, dass nichts passiert, aber eigentlich sollte ziemlich viel passieren in unserer Lage. Ich habe vor allem das Gefühl, dass mich jemand gezielt blöd halten will. Mich persönlich, wenn ich auf Twitter schaue. Und uns alle, wenn ich Nachrichten schaue. Als ob da ein Notprogramm läuft, um die Wahlumfragen nicht noch mehr abrutschen zu lassen.

Wie angeschlagen ist Kanzler Friedrich Merz? Und lässt sich diese Krisenregierung überhaupt noch retten? Einer der erfahrensten CDU-Politiker, der frühere Kanzleramts- und Wirtschaftsminister Peter Altmaier (67), warnt jetzt vor einer drohenden Staatskrise – und setzt der Merz-Regierung eine Frist.

„Ich bin keiner, der in Panik macht“, sagte Altmaier, der unter der langjährigen Bundeskanzlerin Angela Merkel (71, CDU) mehrere Ministerposten innehatte, im Podcast von BILD-Vize Paul Ronzheimer. „Ich habe auch den verzwicktesten Situationen etwas Positives abgewinnen können.“

In dieser Regierungskrise sei es anders, so Altmaier: „Ich befürchte zum ersten Mal in meinem politischen Leben oder vielleicht sogar in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland seit 1949, dass wir in eine Staatskrise schlittern können.“

Was diese Krise von anderen unterscheide: „Es gab auch früher schon Regierungen, die Schwierigkeiten hatten, die in den Augen der Bürgerinnen und Bürger nicht geliefert haben. Aber es gab dann immer auch Alternativen. Es gab mehrere Koalitionsmöglichkeiten. Man konnte neue Regierungen bilden, wenn eine gescheitert ist.“ Dies sei nun anders.

Altmaier fürchtet, dass Deutschland selbst im Falle von Neuwahlen keine oder keine stabile Regierung zustande bekommen würde und das Land in einer politischen Lähmung verbliebe: „Wenn das geschehen würde, dann hätten wir nicht nur eine Handlungsunfähigkeit der Staatsorgane – Bundesregierung und Parlament –, sondern wir hätten gleichzeitig auch wahrscheinlich eine wirtschaftliche Rezession, die das übersteigt, was wir in der Banken- und Börsenkrise und auch in der Corona-Pandemie erlebt haben.“

Geile Kombination aus enormer Wirtschaftskrise und politischer Handlungsunfähigkeit. Das wird sicher lustig.

Wobei mich schon seit einiger Zeit eine verfassungsrechtliche Frage umtreibt: Was machen wir eigentlich in einer Kanzlervakanz, wenn wir keinen Kanzler mehr haben, aber die Lage so verfahren ist, dass auch keiner mehr Kanzler werden will? Sich kein Freiwilliger mehr meldet?

Hat nicht irgendein Land – war es nicht Belgien oder Luxemburg – mehrere Monate ganz ohne Regierung überraschend gut gelebt?

Nutzt die Ruhe.

Bald wird es vorbei sein damit. Oder, besser gesagt, mit der Stille.

Denn es ist keine Ruhe. Es ist nur Stille, weil wir nichts mehr hören.