Der Privatstaat Próspera
Auch da tritt ein, was ich mal prophezeit habe.
Ich hatte vor einiger Zeit, mehrmals, geschrieben, dass ich fest überzeugt bin, dass die Zeit herkömmlicher Staaten endet und es nicht mehr lange dauert, bis Staaten durch Unternehmen ersetzt werden. Staaten werden immer ärmer und verschuldter, Unternehmen dagegen haben längst die Billionen-Grenze an Wert überschritten und wissen gar nicht mehr, wohin mit ihrem Geld.
Ich halte es für eine logische Konsequenz, dass diese versuchen werden, eigene Staaten zu gründen, die nicht mehr wie eine Demokratie, sondern wie ein AG geführt werden, von Aktionären, einem Vorstand, vielleicht noch einem Aufsichtsrat, und statt Gesetzen gibt es die jeweilige Fassung der AGB. Statt einer Staatsbürgerschaft ist man „Kunde“. So, wie man einen Account bei Apple oder Amazon hat. Dafür sind dann Kinofilme in der Staatsbürgerschaftsgebühr enthalten, und die Unternehmen machen sich ihre Gesetze einfach gleich selbst.
Zwei – gescheiterte – Versuche in dieser Richtung gab es mal. Irgendein Unternehmen – bin jetzt nicht ganz sicher, war es nicht Amazon? – hatte doch mal den Plan, einen Tanker oder ein Frachtschiff zum Rechenzentrum umzubauen, um auf hoher See außerhalb aller Datenschutzgesetze zu rechnen. Das Schiff war angeblich schon gekauft, der Plan wurde wieder aufgegeben. Auch „The Line“ in Saudiarabien ging in diese Richtung, die Staatsbürgerschaft durch eine Komplettprogramm zu ersetzen, in dem man im Prinzip das Gebäude nie wieder verlässt, weil man alles, was man brauchen soll, innerhalb des Gebäudes bekommt. Ärzte, Schulen, Sportplätze, Unterhaltung, Läden, Post – egal was, man finde alles innerhalb des Gebäudes, und hat nie wieder einen Grund, das Gebäude zu verlassen. War nicht finanzierbar. Angesehen hätte ich mir das schon ganz gerne mal. Es hieß aber, dass die Unterkünfte winzig seien. Ich nehme an, das hätte sich eher wie eine Kajüte auf einem Kreuzfahrtschiff angefühlt. Eng, jede Menge Freizeitkram aus der Retorte, alles voller Menschen.
Was mich noch auf einen anderen Punkt bringt. Ich habe irgendwo mal einen Fernsehbericht über ein Schiff gesehen, das im Prinzip auch nur so ein Kreuzfahrtschiff werden sollte, aber mit dem zentralen Unterschied, dass man darin nicht kleine Kajüten an Urlauber vermietet, sondern kleinere – oder auch größere – Wohnungen an reiche Leute verkauft. Man kauft sich quasi eine Eigentumswohnung auf einem Schiff, auf dem es statt übermäßig Vergnügungskram dann einen Supermarkt, Shopping-Mall, Büros, Hubschrauber zum Mieten und so etwas gibt, um dauerhaft darin zu wohnen, und bei der Gelegenheit um die Welt zu fahren, um zwischen den Arbeiten mal eben kurz auf Hawaii spazieren zu gehen und so weiter. Gar nicht so schlecht, aber irre teuer, und es war nicht klar, ob daraus überhaupt etwas geworden ist, ob jemand so etwas überhaupt will. Aber: Man ist meist auf hoher See und kaum an Gesetze gebunden. Das war wohl auch ein wesentlicher Aspekt, dass man da nicht mehr ohne weiteres einer bestimmten Jurisdiktion zuzuordnen und schwer zu greifen ist, wenn man sein Büro auf hoher See hat.
So etwas ähnliches, nur in billig, gab es wohl auch mal auf Frachtschiffen. Reeder kamen mal auf die Idee, dass man doch noch Geld verdienen könnte, indem man ungenutzten Platz durch Passagierkabinen ersetzen würde, wenig Luxus, dafür Internet per Satellit, und man dann auf einem Frachtschiff um die Welt fahren kann. Todlangweilig und öde, aber vergleichsweise preisgünstig. Außer wenn Piraten kommen oder man durch vermintes Gebiet fährt.
Die WELT berichtet nun: Wo Libertäre und Tech-Millionäre sich ihre eigenen Staaten schaffen
Ist zunächst mal nur eine kleine Stadt, soll aber zu einem Staat ausgebaut werden:
Rund um den Globus errichten Tech-Milliardäre und Libertäre Privatstädte und autonome Zonen. In den Steuerparadiesen gelten eigene Regeln, Unternehmen testen ethische Grenzen aus. Keines dieser Vorhaben ist dabei so weit vorangeschritten wie Próspera. Ein Besuch vor Ort.
Man hat wohl Honduras etwas Gebiet abgekauft.
Vor der Dachterrasse des Wohn- und Arbeitsturms liegt die Welt geordnet wie eine Muschelkette vor ihm. Die wenigen Gebäude der Privatstadt Próspera reihen sich an einer einzigen Straße auf. Hamaili blickt auf die Schranke, die wie eine höhere Ordnungsmacht auf der Hauptstraße sitzt. Der Zugang sei wichtig, sagt der 28-Jährige. Vielleicht ist die Schranke sogar die wichtigste Infrastruktur dieser Stadt auf der honduranischen Insel Roatán.
Die Gesetze von Honduras gelten nur bis zu der bewachten Schranke. Hinter ihr herrschen die Gesetze von Próspera. Wie diese aussehen, bestimmt der Eigentümer der Stadt: das US-Unternehmen Honduras Próspera Inc. Der gebürtige Schwede und frühere Start-up-Gründer Hamaili ist ein Mitarbeiter dieser Aktiengesellschaft. Er ist Vizepräsident für Wachstum dieses seltsamen Ortes.
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Im Blick hat Hamaili Unternehmer, Projektmanager und Digitalnomaden mit ihren Laptops und Ideen. Rund 200 Einwohner und circa 400 Unternehmen gibt es bislang in Próspera. Kapital in Höhe von rund 200 Millionen Dollar hat der Ort laut Hamaili bereits eingeworben. Hamaili und seine Mitstreiter bauen damit nicht nur Gebäude und Infrastruktur. Ihre Aufgabe ist größer. Sie errichten einen Staat.
Was verrückt klingt, ist zum Trend einer kleinen, aber globalen und finanzkräftigen Elite geworden: die Gründung von weitgehend autonomen Privatstädten. Bitcoin- und Tech-Millionäre, Start-up-Unternehmer und Libertäre bilden den Kern dieses verschworenen Zirkels, der die Ordnung der 193 UN-Mitgliedstaaten angreift. So wie Hamaili und seine Mitstreiter arbeiten sie an der Errichtung von Privatstädten, die zu Mini-Staaten gedeihen sollen. Tatsächlich nehmen solche Projekte weltweit erste Formen an.
Vor der Küste Thailands richtete sich ein Bitcoin-Millionärspaar auf einer bewohnbaren Plattform im Meer ein. In Venezuela wird gerade die sogenannte Crypto City, eine Stadt für „freiheitsliebende“ Unternehmer, gebaut. In Norwegen wird auf einer Fläche von 350 Hektar das Projekt Liberstad errichtet, das den Status einer Privatstadt anstrebt. Zwischen Kroatien und Serbien wurde 2015 eine 6,5 Quadratkilometer große Donauinsel besetzt und zum souveränen Staat erklärt, der bereits Staatsbürgerschaften ausgibt.
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Keines dieser Projekte ist dabei so weit vorangeschritten wie die Privatstadt Próspera in Honduras. Um Investoren in das Land zu locken, erlaubte das strukturschwache mittelamerikanische Land im Jahr 2013 die Einrichtung von autonom verwalteten Sonderwirtschaftszonen, sogenannten Zonen für Arbeit und wirtschaftliche Entwicklung (Zede).
Statt der Polizei ist hier privates Sicherheitspersonal Ordnungsmacht. Besteuerung und staatliche Aufsicht über Unternehmen erfolgen unabhängig von honduranischen Gesetzen. Geführt wird Próspera von einem technischen Sekretär und einem Stadtrat, der durch den Betreiber und teilweise durch die Einwohner gewählt wird. Das Stimmrecht ist dabei abhängig von der Größe des jeweiligen Landbesitzes. Das gibt der Stadt einen Anstrich von Demokratie. Aber eben auch nicht mehr als das.
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Die erträumten Neo-Nationen dienen als Testfelder für eine radikal neue Wirtschaftsordnung. Die Staaten sollen funktionieren wie Unternehmen. Statt einfach in eine Nation hineingeboren zu werden, sollen Bewohner und Ordnungsmacht bewusst einen Vertrag über gegenseitige Rechte und Pflichten schließen.
Vorstellen kann man sich das wie bei einem Handyvertrag: Leistungen werden optional gebucht. Wer Schulausbildung oder Sozialversicherung will, muss eben tiefer in die Tasche greifen. Ob das Ganze eine Demokratie oder doch etwas anderes wird, hängt dabei vom Anbieter ab.
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Die Befürchtung Mosers und anderer Kritiker: Die Tech-Elite will sich mit solchen Privatstädten Steuerparadiese und Rückzugsorte schaffen, in denen ihr Treiben nicht mehr hinterfragt wird. Auf der anderen Seite zieht es immer mehr Start-ups, Digitalnomaden und Sinnsucher in solche Privatstädte.
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Das implizite Versprechen des Vortragenden: In Privatstädten könne jeder posten, was er wolle, Verhetzung hin oder her. Breitseiten gegen Migration und ungeschützte Grenzen fanden sich in zahlreichen Vorträgen. Joe Quirk, Mitglied des Seastading-Instituts, das die Kolonialisierung auf der Meeresoberfläche vorantreiben will, teilte auch gegen Sozialisten und Medien aus.
Exakt so hatte ich mir das vorgestellt.
Viele dieser Städte werden wohl verrotten und vergammeln wie die alten Betonhochhäuser der 70er, die ja auch komplette Städte werden sollten.
Aber einige wenige werden aufgebaut, nämlich die, in die Billionen-Unternehmen Geld reinhauen. Spätestens, wenn die EU zur kommunistischen EUdSSR wird oder in den USA wegen Trump die Republikaner die nächste Wahl verlieren und dort die Sozialisten wieder übernehmen, werden sich viele große Unternehmen umschauen, wo sie sich vor der Regulierungswut der Linken in Sicherheit bringen können. Und natürlich vor der Steuerlast fliehen. Und dann werden einige dieser Städte boomen und formal zum Staat werden.
Und über kurz oder lang wird man dann nur noch dort richtig forschen oder auch auf hohem Niveau studieren können – gegen saftige Studiengebühren, versteht sich, aber vermutlich immer noch günstiger als in den übelsten Zeiten der USA.
Recht im eigentlichen Sinne wird es nicht mehr geben, alles ist dann „Deal“ und dreht sich um die Frage, ob man daran verdient. Grotesk, aber es könnte sich als weit besser erweisen als der hirnlose Sozialismus, in dem wir gerade versinken. Dann nämlich müssen Studiengänge auch knallhart beweisen, dass sie mehr bringen als kosten.
Es könnten die irrwitzigen Alternativen zum bekloppten Weltkommunismus werden.