„Fotosucht“
Vom Wahnsinn unserer Zeit.
Schaut man auf Twitter/X, dann kommt kein Tweet einer Redaktion noch irgendein Foto aus – notfalls per KI zusammengepfuscht. Die Leute nehmen die Texte nicht mehr wahr, sondern primär die Bilder.
Wir beschreiben nicht mehr, wir verwenden elektronische Bilder als Ersatzauge. Das geht über andere Wege im Gehirn. Das geht weit mehr über die Emotionen, als Text, und weit weniger über die Ratio. Bilder sind Futter für die Mustererkennung, für die Amygdala.
Vor allem: Text zu schreiben macht Mühe, kostet Zeit, man muss überlegen, formulieren, Wörter kennen und verwenden, Grammatik anwenden.
Für ein Handyfoto dagegen muss man: Ein Handy haben. Hinhalten. Drücken. Fertig.
Es heißt zwar, ein Bild sage mehr als Tausend Worte. Aber versucht mal, diesen Satz als Bild darzustellen. Es ist ein Element einer geistigen Verarmung. Nichts gegen Fotografie und Bilder, aber es geht darum, dass wir das textuelle, das sprachliche Beschreiben und das Denken verlernen. Wir denken nicht mehr. Wir sehen nur noch.
Norbert Zähringer in DIE WELT: Es hat seinen Grund, dass Menschen Fotos schießen – nur ist er leider nicht gut
Wir Menschen machen täglich 5,3 Milliarden Fotos, allein die Mona Lisa im Louvre wird schätzungsweise 15.000 Mal pro Tag fotografiert. Um Erinnerung geht es dabei schon lange nicht mehr. Stattdessen wird beim Knipsen eine brutale Wahrheit offenbar.
Wie viele Fotos täglich weltweit gemacht werden, lässt sich nur grob schätzen. Sicher ist, dass die Anzahl mit dem Auftauchen des Smartphones exponentiell gestiegen ist. Die Internetseite „Photutorial“ kommt auf 5,3 Milliarden Fotos pro Tag, das sind 61.400 Aufnahmen die Sekunde. 2,1 Billionen im Jahre 2025. Nur ein Bruchteil davon, etwa sechs Prozent, werde noch mit digitalen Kameras aufgenommen – und davon wiederum nur ein Teil von professionellen Fotografen. Der größte Teil hingegen ist mit Smartphones privat gemacht.
Was passiert mit diesen Fotos und was wird eigentlich fotografiert? Das meiste Material landet wohl inzwischen bei sogenannten Cloud-Services, in den Rechenzentren der weltweiten Datenspeicherdienste von Amazon, Microsoft, Google, Alibaba oder Oracle. Schon 2020 meldete Google, dass vier Billionen Fotos in seinem Dienst gespeichert seien, wobei wöchentlich 28 Millionen dazu kämen.
5,3 Milliarden Fotos pro Tag, das sind 61.400 Aufnahmen die Sekunde. 2,1 Billionen im Jahre 2025.
Kostet auch absurde Mengen an Strom und Speicherplatz.
Frappierend für jemanden wie mich, der Informatik in den 80er und 90er Jahren gelernt hat, wo es noch eine herausragende Besonderheit war, auf einem Computer ein Bild der Auflösung 256×256, 8 Bit Farbtabelle zu übertragen, zu speichern, anzuzeigen. Da brauchte man schon eine teure Sun Workstation an der Universität, um sie anzuzeigen, und damals hatte ich insgesamt in meinem Datenbestand so vier oder fünf Fotos gespeichert. Mehr Platz hatte ich nicht. Stolz, wer damals eine Herculeskarte, oder dann eine VGA-Karte hatte. Jedes einzelne Bild war noch ein Schatz. Und Bilder in Webseiten einzubinden verpönt, weil eine elende Vergeudung knapper Speicher- und Übertragungskapazitäten. Höchstens eine Graphik pro Seite, mehr nicht.
Und heute?
Heute werden wir überflutet mit Bildern. Egal, wo man hinschaut, überall werden wir mit Fotos, mit Bildern zugedonnert, inzwischen auch zappelnd.
Alle diskutieren gerade darüber, ob social media süchtig machen. Aber keiner fragt, was diese Bilderflut, die Substitution von Text durch visuelle Eindrucke, verursacht.
Inzwischen fotografieren die Menschen vor allem das Essen selbst. Regelmäßig bekommt man von Freunden und Bekannten entweder Fotos ihrer Haustiere oder von ihrem Essen. Die Mahlzeiten, egal ob zu Hause gekocht oder im Restaurant bestellt, sind oft perfekt ausgeleuchtet und arrangiert. Aber warum bekomme ich sie geschickt? Das war mir lange ein Rätsel. Die Social-Media-Dienste nennen die Funktion, mit denen die Fotos weitergeleitet werden (während die Mahlzeiten kalt werden), „sharing“, teilen. Aber wenn jemand mir ein Foto seines Essens schickt, hat er dann auch sein Essen mit mir geteilt? Natürlich nicht. Er hat mich eher hungrig gemacht. Und, wenn ich gerade knapp bei Kasse bin und mir keinen Restaurantbesuch leisten kann, auch neidisch.
Weitere beliebte Motive, die auf den einsamen Servern in den dunklen Rechenzentren von Google und Co. liegen, dürften Sehenswürdigkeiten sein, Kunst vor allem. Früher war das Fotografieren von Gemälden in Galerien und Museen häufig verboten, die dafür benötigten Kamerastative und Blitzlichter waren nicht erlaubt. Doch das Smartphone braucht kein Stativ oder Blitzlicht mehr, lediglich den „Selfie-Stick“ darf man nicht auspacken.
Die Mona Lisa im Louvre sehen täglich zwischen zwanzig- bis dreißigtausend Besucher, und wenn nur die Hälfte ein Foto machen, sind das schon 15.000 Mona Lisas in 24 Stunden.
Was ist die Ursache?
Es sind Trophäen. Und für einen Trophäen-Sammler gilt: Je mehr ich habe, desto besser. Wie ich zu den Trophäen gekommen bin, ist da eher zweitrangig.
Trophäen
Ein guter Hinweis. Vieles, was wir – Jäger und Sammler – sammeln, sind nicht etwa gute Fotos, sondern sie befriedigen einen Sammlertrieb, eine Trophäensammlung. Es geht gar nicht darum, die Bilder anzuschauen, sondern sie auf Platte zu haben.
Ich hatte ein Erlebnis und eine Beobachtung schon oft beschrieben: 2002 war ich in Neuseeland und hatte damals eine der sehr frühen Digitalkameras dabei. Und weil Speicherplatz knapp und kostbar war, und ich für die Kommunikation per E-Mail und mit der Firma damals noch einen Mini-Computer (Fujitsu Biblo B112) dabei hatte, mit dem ich mittels PCMCIA-Modem und den Telefonanschlüssen im Hotelzimmer unter enormem Geldverbrauch online ging, hatte ich auch einen per PCMCIA zu betreibenden flachen CD-Brenner dabei und habe so alle drei Tage zwei CDs gebrannt und eine davon per Post als Backup nach Deutschland geschickt.
Ein Singapur-Chinese in meiner Reisegruppe sprach mich an, ihm werde der Speicherplatz seiner Kamera knapp. Ob ich seine Fotos auch auf CD brennen könne. Klar. Gern. Kein Problem. Als Gegenleistung, bot er mir an, solle ich doch einfach seine superguten Bilder auf der Festplatte behalten und mir anschauen. Auch gerne.
Als ich die sah, traf mich bald der Schlag. Alle gleich. Er hatte eine sehr nette und intelligente, aber etwas langweilige und auch nicht herausragend schöne Freundin, und sämtliche Bilder, die er gemacht hatten, zeigten immer mittschiffs seine Freundin, die in der immer selben gelangweilten schlaffen Pose vor allen wichtigen Punkten der Reise stand. Sie stand immer vorne im Bild und nur der Hintergrund wechselte. Auf jedem Bild, bis auf die wechselnde Kleidung, immer seine Freundin als das Vordergrundelement.
Was soll der Scheiß? Wozu soll das gut sein?
Viele Asiaten fotografieren nicht, um Bilder zu machen. Sie haben nur wenig Urlaub und schießen quasi „Beweisfotos“, um zu dokumentieren und beweisen, dass sie da und dort schon gewesen sind und das nicht, wie viele Hochstapler, nur behaupten. Sie sammeln damit da-bin-ich-gewesen-Trophäen.
Und was dann?
Und was machen wir mit all den Bildern?
Werden die jemals gelöscht? Oder häufen wir immer mehr davon an, und zahlen Speicherplatz, bis wir sterben?
Können wir die überhaupt jemals noch anschauen?
Wer soll die anschauen?
Wann?
Warum?
Wozu?
Ausweg: KI
Letztlich haben alle diese Bilder einen seltsamen, wenn auch ungeplanten, unbeabsichtigten Nutzen. Sie zeigen Billionen von Snapshots aus dem Leben, aus jeder noch so gewöhnlichen oder ungewöhnlichen Situation. Sie sind eine Informationssammlung.
Menschen werden sie nicht mehr unmittelbar wahrnehmen können. Aber man wird die KI darauf trainieren. Ich habe wenig Zweifel daran, dass die großen Cloudanbieter sich den Zugriff auf all diese Bilder genehmigen (stand das nicht schon irgendwo in den AGB?), um damit KI-Systeme visuell zu trainieren.
Und damit ergibt sich letztlich aus dieser Bilderflut doch ein Effekt, nämlich dass die KI durch diese Stellvertreteranwesenheiten, durch dieses „Sehen“, wo sie nicht dabei war, unser Leben durch und durch visuell erfassen kann. Wir haben damit, ohne es gewollt oder geplant zu haben, einen riesigen Trainingspool für KI über das Thema Mensch errichtet.