Warum schmieren Geisteswissenschaftler in Büchern herum?
Ist mir gerade – wieder – aufgefallen.
Die Tage hat mich jemand auf Twitter/X auf einen Text aufmerksam gemacht, der 1943 in einem juristischen Verlag erschien. Unmittelbar nirgends mehr zu finden. Vielleicht zerstört. Vielleicht politisch ausradiert – obwohl es den Verlag selbst noch gibt. Er will mit seiner Vergangenheit aber wohl auch nicht mehr so viel zu tun haben.
Die Recherche, ob der Text nicht doch noch irgendwo gebraucht oder online zu finden wäre, verlief negativ, was die Originalquelle betraf, brachte aber hervor, dass der gesuchte Text in einem anderen Buch aus den 1960er Jahren abgedruckt worden war. Man kann dieses Buch gebraucht für über 100 Euro erstehen – wenn man aber etwas sucht, findet man es auch für etwa 10 Euro plus Versand.
In haben in den letzten Jahren sehr oft gebrauchte Bücher gekauft, weil es interessante und relevante Bücher neu anscheinend kaum noch gibt. Vieles von dem, was heute so erscheint, ist ziemlich Schrott und politisch zensiert und gebügelt. Was aber auch damit zu tun haben kann, dass viele interessante Informationen wie Lehrbücher heute nicht mehr als Buch, sondern online erscheinen. An Universitäten dürfte es längst einfacher und kostensparender sein, Skripte und ähnliche Materialien einfach online zustellen und bei Bedarf zu aktualisieren, als sie – oft ohne finanziellen Gewinn oder sogar unter Kosten – noch mühsam als Buch zu verkaufen, und dann alte Auflagen herumliegen zu haben.
Trotzdem: Früher waren die Bücher irgendwie gehaltvoller, informativer.
Nicht selten passiert es übrigens, dass ich dabei ausgesonderte Bibliotheksexamplare bekomme, aus den USA und aus Deutschland. Oft noch die Standnummer außendrauf und innen der Bibliotheks(und der Aussonderungs-, also nicht geklaut!)stempel, manchmal noch hinten mit den Leihzetteln, an denen man sehen kann, wer das Buch wann ausgeliehen hatte. Manchmal frage ich mich, warum Bibliotheken solche Bücher überhaupt hergeben und sie nicht, wenn sie nicht mehr so gefragt sind, in ein Zentral- oder Fernleihearchiv überstellen.
Also hatte ich zwei der Bücher bestellt. Ich neige dazu, gebrauchte Bücher doppelt zu bestellen, weil das auch schon schief ging und nichts kam oder das Buch bis zur Unbrauchbarkeit versifft war oder Seiten fehlten. Andererseits kann das, gerade bei alten, brüchigen Büchern von Vorteil haben, wenn man ein Opferexmplar hat, dessen Bindung brechen darf, wenn man es auf den Scanner legt. Und weil ich ja zwei Wohnungen habe. Also habe ich mir ein Exemplar für etwa 15 Euro gekauft, das in gutem Zustand sein soll, und noch, als Ersatzexemplar, eines für ein paar Euro, das laut Verkaufswebseite allerdings in erbärmlichem Zustand sei. Ach, dachte ich, für den Scanner wird es reichen.
Gerade klingelte es an der Tür. Zwei Pakete. Die beiden Bücher.
Verblüffenderweise in gleichwertigem Zustand. Nur die Maßstäbe der Verkäufer waren unterschiedlich. Oder sie mussten es loswerden, ohne sich die Preise zu verderben.
Wieder dieser Geruch von sich zersetzendem Papier, das nicht säurefrei ist. Ich hatte das neulich schon mal zu einem alten Buch über Aktfotografie erwähnt. Ein Leser schrieb mir dazu, der Geruch komme vom Schwefel. Durch das Zersetzen des enthaltenen Lignins bildeten sich Schwefel- und – da bin ich jetzt nicht ganz sicher, ich müsste die Mail noch einmal heraussuchen – schwefelige Säure, die wiederum mit dem Papier reagierten. Ich spüre auch schon wieder das typische Jucken auf der Haut. Man spürt es sogar in den Augen.
Ich will aber auf etwas anderes hinaus.
Ich habe nun also zwei Exemplare. Eines eher aus Privatbesitz, eines aus einer Stadtbibliothek.
Warum müssen eigentlich die Leute immer in den Bibliotheksbüchern herumkritzeln?
Das ist mir schon so oft aufgefallen, aber eigentlich immer nur bei geisteswissenschaftlichen Büchern. Praktisch nie in den Naturwissenschaften.
Mir geht das ziemlich auf die Nerven, wenn da zum Beispiel im Inhaltsverzeichnis die Kapitel angekreuzt sind, die irgendwer wichtig fand. Hier ließ es sich radieren, obwohl ich sehr ungern auf brüchigem Papier radiere. Ich markiere in seltenen Fällen zwar auch Textstellen mit Textmarker, aber ausschließlich in meinen eigenen und nicht in fremden Büchern. Außerdem nur mit gelbem Textmarker, weil man den auf Scans dann nicht sieht.
Ich kann mich erinnern, dass ich, aber nicht mehr, wann und wo, schon mal irgendwen in der Bibliothek angefurzt habe, warum er im Buch rumkritzelt. Der meinte dann so etwas wie, das sei doch gut, das nutze doch dem Nächsten, der könne das verwenden und daran weiterarbeiten.
Das muss wohl damit zu tun haben, dass Geisteswissenschaftler Haus- und Semesterarbeiten aufbekommen und jedes Jahr dieselben, und deshalb – zumindest aus ihrer Sicht – Bücher alleine dafür verwendet werden, eine bestimmte Aufgabe zu bearbeiten, und sie es deshalb für tradierenswert halten, die Zusammenhänge zwischen Buch und Aufgabe zu notieren.
Trotzdem: Es geht mir auf die Nerven, wenn Leute in Bibliotheksbücher schreiben oder markieren.