Ansichten eines Informatikers

Die selbstwölbende Aktphotographie

Hadmut
8.4.2026 23:34

So ein Mist.

Ich war vor einigen Wochen beim Rumstöbern, ich weiß gar nicht mehr, wie, auf der Suche nach irgendeinem älteren Fotobuch, über irgendeine Online-Anzeige eines Antiquariats, auf ein Buch gestoßen.

„Die Aktphotographie“. Wien, 1939.

Wollte wohl keiner haben, der Preis war mild. Kleines Geld. Bestellt.

Eher so photohistorisch. Sehr brav, sehr naiv, gibt kaum was zu sehen. Dazu erste Anleitungen, wie man sich an das Thema herantastet. Nicht wirklich erwähnenswert, auch nicht wirklich substanziell. Das war halt damals noch ein Brüller, eine Mutprobe, einen nackten Hintern zu zeigen. Zumal das in Deutschland so meines Wissens auch nicht mehr ging, weil man das als entartet betrachtete. Aktphotographie musste in Deutschland damals hinter irgendwelchen germanischen Bräuchen oder ideologischen Riten verstecken, Kinder des Lichts, Körperertüchtigung, perfekter Körperbau und so’n Kram. Ähnlich wie FKK war das in Deutschland eigentlich verboten und wurde dann unter dem Vorwand, die Überlegenheit des „arischen“ Körpers zu demonstrieren und Rassengesundheit und Rassenhygiene darzustellen, betrieben, weil die Nazis dagegen schlecht was sagen und haben konnten.

Nichts davon merkt man in dem Buch aus Wien. Völlig ideologie- und ausredefrei, soweit ich es bisher überflogen habe. Einfach nur Aktfotografie, aber leider auch als Lehrbuch sehr schlecht, denn es wird fotografisch gar nichts und in Bezug auf Akt kaum etwas erklärt. Ein paar Worte zu Posing, und der Rest scheint – ich habe es noch nicht gelesen, nur überflogen – so allgemeines Blabla zu sein, nichts, was einen weiterbringt. Wohl eher so, damit man wie beim Playboy sagen kann, dass man es wegen der Texte gekauft habe.

Außerdem stinkt es etwas. Das Papier zerfällt, wie typisch für Bücher dieser Zeit. Das Papier wird durch einen Zerfallsprozess säurehaltig. Das riecht man auch, und man spürt es nach gewisser Zeit an den Händen. Ich kann mich erinnern, dass ich vor 25 Jahren, damals im Uni-Streit, in der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe rechechiert habe, juristische Zeitschriften, aber auch alte Ausgaben des SPIEGEL und ähnliches, und nach wenigen Minuten des Blätterns schon ein Brennen an den Händen spürte, und so nach 15 bis 20 Minuten erst einmal unterbrechen und auf die Toilette musste, um mir die Hände mit Seife gründlich zu waschen. Diesen Prozess, wenn auch viel schwächer, merke ich auch bei diesem Buch.

Mir fehlte die Zeit, es mir genauer anzuschauen. Der ganze Rechtskram wieder. Und hatte es deshalb weggelegt, auf einen Tisch, wo es offen rumlag, aber in einem Raum, in dem selten volles Licht ist.

Eben wollte ich es wegräumen.

Mist.

Beide Buchdeckel haben sich stark gewölbt. Konkav. Also oben und unten nach außen, vom Buch weg.

Anscheinend zieht das Buch Luftfeuchtigkeit (obwohl es in dem Zimmer überhaupt nicht feucht ist und ich da auch nur selten drin war, es also keine Atemfeuchtigkeit gibt, und ich ja auch noch verreist war). Die Wölbung war so stark, dass sich fast die Stoffbindung eingerissen hat.

Anscheinend stand das Buch beim Händler zwischen anderen Büchern, und als ich es hier offen rumliegen ließ, fing es an, sich zu wölben.

Jetzt habe ich es erst einmal unter andere Bücher gelegt und beschwert, in der Hoffnung, dass sich das wieder etwas glättet. Wenn nicht, ist es auch nicht so schlimm, das Buch ist ohne Belang. Kein herausragendes Buch.

Trotzdem muss man sich überlegen, wie man mit alten Büchern umgeht.

Es ist wohl so, dass die eingeklemmt zwischen anderen Büchern am besten überleben.