Die 96-Euro-Selbstbau-Stinger
Na, also. Geht doch.
DIE WELT: Im Drohnen-Krieg ist Deutschland wehrlos
Die abfälligen Äußerungen von Rheinmetall-Chef Armin Papperger über ukrainische Drohnen haben weite Kreise gezogen. „Das ist, wie mit Lego zu spielen“, sagte er dem US-Magazin „The Atlantic“. Er sprach von „ukrainischen Hausfrauen“, die „mit 3D-Druckern in der Küche Teile für Drohnen herstellen“. Das sei „keine Innovation“.
Pappergers Aussage war kein Ausrutscher, sondern Ausdruck seiner Überzeugung. Schon im vergangenen Jahr behauptete der Rheinmetall-Chef, Fluggeräte aus Kiew genügten den Anforderungen von Nato-Armeen nicht. Schon damals verwies er wortgleich auf „ukrainische Hausfrauen“. Schon damals spielte er die grundsätzliche Bedeutung von Drohnen als „Effektor unter vielen“ herunter.
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Der Iran greift mit Dutzenden Langstreckendrohnen täglich militärische Ziele und Energieanlagen in der gesamten Region an, treibt so die Kosten des Krieges in die Höhe und stärkt sein eigenes Durchhaltevermögen.
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Diese Form der Kriegsführung ist billig, skalierbar und unberechenbar. Entfernung verliert an Bedeutung, Schutzräume schrumpfen. In Frontgebieten, von der Ostukraine bis in den Südlibanon, schaffen Drohnen immer tiefer reichende Todeszonen, in denen sich die Fluggeräte auf Fahrzeuge und Menschen stürzen. Dadurch beeinflussen Drohnen das taktische Verhalten nahezu aller Kampfsysteme und sind nicht zuletzt auch psychologische Waffen. Was wir in der Ukraine erleben, ist der Anfang einer laufenden Entwicklung vollautonomer Drohnen – in der Luft, am Boden und auf See –, die mithilfe Künstlicher Intelligenz selbstständig Ziele erkennen und angreifen.
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Nicht die Ignoranz eines deutschen Rüstungs-Managers ist das Problem. Sondern eine sicherheitspolitische Realität, der wir noch immer nicht gewachsen sind.
Hausfrauen, die in der Küche mit dem 3D-Drucker Drohnenteile herstellen.
Jau, meint Alisher Khojayev, genau so machen wir das. Der Standard: Bastler baut Stinger-Rakete um 96 Euro aus dem 3D-Drucker
In einem vielbeachteten YouTube-Video präsentiert der Entwickler Alisher Khojayev die Grundlagen seiner an die berühmte “Stinger” angelehnten Kreation. Das System besteht aus dem Werfer, der eigentlichen Rakete und einem optionalen Kamera-Tracking-System.
Die meisten großen mechanischen Teile der Rakete sind aus PLA 3D-gedruckt und werden mit handelsüblichen Maschinenschrauben und Klavierdraht zusammengehalten. Bei den elektronischen Komponenten setzt der Bastler auf günstige, frei verfügbare Mikroprozessoren und Sensoren aus dem Hobby-Bereich.
Sobald ein Nutzer die Rakete in das Startrohr einführt und das Versorgungskabel anschließt, wird das System initialisiert. Wird der erste Schalter umgelegt, baut der Werfer eine WLAN-Verbindung zu einem Steuerungscomputer auf. Der Computer empfängt die Telemetriedaten der Rakete und beginnt mit den ballistischen Berechnungen, die an den Werfer und schließlich an die Rakete weitergeleitet werden. Ein zweiter Schalter macht die Rakete scharf, aktiviert die interne Batterie und beginnt mit der Berechnung der Orientierungswinkel für die beweglichen Canards, kleine Steuerflossen an der Rakete selbst.
Gesteuert wird das Ganze von handelsüblichen Chips. Ein ESP32-Mikrocontroller arbeitet zusammen mit einem Neo6M GPS-Modul, einem Barometer (BMP180) und einem Kompass im Werfer. Ein weiterer ESP32-Chip ist mit einer MPU6050-Trägheitsmesseinheit in der Rakete selbst gekoppelt. Diese berechnen Ausrichtung und Geschwindigkeit der Rakete im Flug.
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Eine herkömmliche militärische Stinger-Rakete kostet zwischen 120.000 und 400.000 US-Dollar.
EPS32, BMP180, MPU6050 – das ist Elektronikbastelkram im einstelligen Europ-Preisbereich. Habe ich hier auch in der Bastelkiste rumfliegen.
So sieht das dann aus:
Geil.
Ok, zugegeben, das Ding ist Spielzeug, das fliegt nicht weiter als Steine werfen und hat keine Sprengladung.
Aber:
Der zeigt, wie man in der Küche aus dem 3D-Drucker mit billigsten Mitteln eine Flugabwehrrakete baut, die im Prinzip funktioniert. Und der Witz am Drohnenkrieg ist ja nicht, dass die Dinger so große Durchschlagskraft hätten, sondern dass die so viele, so billig sind, dass sie den Gegner wirtschaftlich lähmen. Die Menge macht’s.
Deshalb halte ich das für genau den richtigen Ansatz: Möglichst billig, möglichst einfach.
Bedenkt man, dass Drohnen – laut Artikeln, die ich gelesen habe – so zwischen 20.000 und 50.000 Euro kosten sollen, sollten Abwehrwaffen durchaus 2.000 bis 5.000 Euro kosten dürfen. Nun überlegt mal, wenn der als Einzelstück in Handarbeit für 96 Dollar so ein Ding hinbekommt, was man dann hinbekommen könnte, wenn man in Massenproduktion 2.000 bis 5.000 Euro pro Stück ausgeben darf, zumal Drohnen ja nicht so schnell und nicht so hoch fliegen.
Ich glaube mich erinnern zu können, dass Handgranaten auf dem Weltmarkt zwischen 3 und 5 Euro kosten. Die Bundeswehr zahlt gerade für 557.400 Handgranaten 45,4 Millionen Euro, was auf ungefähr 80 Euro pro Granate hinausläuft. Also fast so viel, wie dieser Typ für seine Lego-Rakete braucht.
Egal, Handgranaten-Bumm sollte sich unter 100 Euro machen lassen, und eine derartige Sprengladung an der Spitze sollte reichen, um eine Drohne zum Absturz zu bringen.
Das wäre mal ein Entwicklungsziel, solche Abwehrraketen gegen Drohnen, Hubschrauber und Sportflugzeuge billig und in großer Menge herzustellen, die dann im Notfall mit einfacher Anleitung von Polizei, Feuerwehr, Landwirten aufgestellt werden könnten – was allerdings kriegsrechtlich problematisch wäre, weil sie dann womöglich als „Kombatanten“ gelten.
Ich könnte mir aber auch vorstellen, dass man die Dinger auf selbstfahrene PKW oder Roboterhunde oder ähnliches montiert, und die Dinger sich im Bedarfsfall selbst und ohne Menschen an geeignete Stellen bewegen. Dass sich also irgendwo so ein Ding mit 20 Schuss in den Wald oder auf den Acker setzt, zur Tarnung vielleicht noch etwas eingräbt, und wenn es leer ist, von selbst zurückkommt, um Nachschub zu holen.