Ansichten eines Informatikers

Putins Krieg und warum er ihn braucht und behält

Hadmut
26.8.2025 16:29

Eine Anmerkung.

Da bin ich neulich aber wüst geshitstormt worden. Weil ich geschrieben hatte, dass nach meiner Einschätzung Putin gar keine Lust hat, mit dem Krieg aufzuhören, weil er den Krieg brauche, um das Land und die Wirtschaft noch zusammenzuhalten, und das ohne den Krieg den Bach runter ginge, Putin also ein erhebliches Eigeninteresse – und nicht nur das an der Ukraine oder daran, Amerikaner oder NATO auf Distanz zu halten – daran hat, im Kriegszustand zu sein und zu bleiben. Die Wirtschaft wird dadurch am Laufen gehalten, und er hat erweiterte Überwachungsmöglichkeiten und Kriegsrecht. (Und ganz nebenbei kann er einen Haufen teure Gefängnisinsassen und Berufsverbrecher in der Ukraine loswerden, das ist auch nicht zu verachten.)

Hat mir enorm Shitstorm eingebracht. Ich hätte doch von Russland und Putin überhaupt keine Ahnung und so weiter. Das Übliche.

Nun schreibt aber die australische Zeitung „Herald“ das Gleiche, wie FOCUS berichtet.

Der Ukraine-Krieg schafft Aufstiegsmöglichkeiten für viele zuvor abgehängte Russen. So schildert es die australische Zeitung „Herald“ – und liefert ein Argument, warum die Invasion aus Putins Sicht weitergehen muss.

Eine der großen politischen Fragen, die Donald Trump genauso umtreibt wie die deutsche Bundesregierung, scheint der russische Machthaber Wladimir Putin für sich gelöst zu haben: Was tun mit einer gering qualifizierten Bevölkerungsschicht auf dem Land, wenn viele Fabrikarbeitsplätze weggefallen sind?

Putins zynische Lösung des Problems sind Jobs, die der Angriffskrieg in der Ukraine geschaffen hat. So stellt es die australische Tageszeitung „The Sydney Morning Herald“ in einer langen, aktuellen Analyse dar.

Sie basiert auf Experteneinschätzungen und einem genauen Blick in vormals verarmte russische Randregionen.

Russen aus prekären Verhältnissen haben demnach seit Kriegsbeginn zwei Möglichkeiten, deutlich mehr Geld zu verdienen als anderswo.

1. Fabriken werden plötzlich wieder genutzt und bieten Jobs

[…]
“Putin hat im Grunde genommen das getan, was Trump den amerikanischen Wählern versprochen hat”

[…]

2. Der Fronteinsatz lockt – Krieg macht relativ reich

„Es ist eine gute Zeit, ein russischer Fabrikarbeiter zu sein“, schreibt der „Herold“. “Aber das große Geld wird beim Militär verdient.” Boni bei der Unterzeichnung des Armeevertrags, Schuldentilgung, Sold – es gibt zahlreiche finanziellen Anreize, als Soldat in die Ukraine einzumarschieren.

Bis zu umgerechnet ungefähr 21.000 Euro gebe es in manchen Regionen allein für die Unterschrift. In einer Anzeige werden laut „Herold“ umgerechnet etwa 86.000 Euro für das erste Jahr Armeedienst versprochen – mehr als das Zehnfache des regionalen Durchschnittslohns.

„Doch die größte finanzielle Belohnung gibt es im Todesfall“, schreibt die Zeitung. „Familien von russischen Soldaten, die an der Front getötet wurden, haben Anspruch auf Zahlungen von bis zu elf Millionen Rubel – das entspricht ungefähr 116.000 Euro.“
[…]

„All diese Menschen sind nicht an einer Rückkehr zum Frieden interessiert“, wird Kurbangaleeva beim „Herold“ zitiert. „Ich habe den Eindruck, dass die russischen Behörden das spüren.“

Bezahlt wird der wirtschaftliche Aufschwung durch menschliches Leid: Im April bezifferte ein ranghoher Nato-Beamter die Zahl der getöteten russischen Soldaten auf 250.000. Inzwischen dürfte die Zahl der Toten und Verwundeten allen bekannten Schätzungen zufolge mehr als eine Million betragen.

Vielleicht war das nicht der Grund, warum er den Krieg angefangen hat.

Aber es ist sicherlich ein Hauptgrund, warum er den Krieg nicht beendet hat.

Da geht es mit einiger Wahrscheinlichkeit nicht oder nur nachrangig um die Ukraine und die NATO. Da geht es darum, die Wirtschaft in Gang zu bringen oder in Gang zu halten, und Leuten Jobs zu machen und zu bieten.

Viele sagen, Russland würde an dem Krieg pleite gehen. Es ist aber gut möglich, dass sie ohne Krieg schon früher pleite gehen oder es schon wären. Denn viel mehr als den Export von Energie und ein paar Bodenschätzen hat Russland auch nicht zu bieten. Zu Sowjet-Zeiten waren sie kommunistisch und rustikal, aber in gewisser Weise autark, weil sie vieles selbst herstellten. Schaut man sich das aber heute an, dann importieren sie ziemlich viele Dinge vom Computer über Taucheranzüge und Handys, nahezu alles. Man sieht häufig schöne Bilder aus ihren paar wenigen Glanzstädten wie Moskau oder St Petersburg, mit ein paar schönen Straßen und Luxus, aber wenn man genau hinschaut, ist nahezu alles von diesem Luxus importiert, bekannte Weltmarken. Im Prinzip steht Putin damit vor demselben Problem wie Trump: Zu viel Import, zu wenig Eigenproduktion. Zu wenig Arbeitsplätze, zu wenig eigene Wirtschaft.

Trump versucht es mit Zöllen.

Putin hat – ob nun geplant oder als unerwartete Nebenwirkung – den Krieg, um die Wirtschaft des Landes zwangsanzukurbeln.

Die Ursula-von-der-Leyen-Paradoxie

Die USA und die EU versuchen ja, Russland durch Embargos und Wirtschaftsblockaden unter Druck zu setzen und einzuschüchtern.

Das Dumme daran ist, dass Putin eigentlich genau das will: Er will die Importe reduzieren und die Waren wieder im eigenen Land produzieren – genau wie Trump. Nur dass Trump die Importe durch Zölle runterfährt, während es bei Putin die ihm zuliefernden Exportländer wie USA und EU gleich selbst tun. Statt Putin unter Druck zu setzen, hilft man ihm bei seinem Plan, alles, was man bisher importiert hat, durch eigene Produktion zu ersetzen.

Und mit jedem Panzer, den man in der Ukraine in die Luft sprengt, kurbelt man die Binnenproduktion an. Im Prinzip läuft da etwas Ähnliches wie das Wirtschaftswunder im Nachkriegsdeutschland: Wir sind ja damals auch daran gesundet, das zu ersetzen und wiederaufzubauen, was der Krieg zerstört hat. Bei uns waren es Häuser, bei Putin sind es eben Panzer.

Und deshalb funktioniert die Taktik von der Leyens auch nicht.

Es hört sich paradox an, aber im Prinzip hätte man das Gegenteil tun sollen, nämlich Russland so lange mit billigen Waren überschwemmen und beschenken, bis es da gar keine Wirtschaft mehr gibt.

Funktioniert hat das schon einmal. Wir haben so viele Altkleider nach Afrika verschenkt, dass dort die Textilindustrie durch die billige Konkurrenz vernichtet wurde.

Man hätte sich also einen Wirtschaftszweig nach dem anderen vornehmen und einen nach dem anderen durch Dumpingpreise zerstören müssen, bis sämtliche produktiven Arbeitsplätze vernichtet sind, als hätte der Feminismus eingeschlagen.