Ansichten eines Informatikers

Vergiftete Brunnen: Desinformation um den Attentäter von Krakau

Hadmut
8.11.2026 16:16

Da geht mir der Sonntag schon wieder so auf die Nerven.

Ich habe heute mal geschaut, wie die Informationslage um den Attentäter von Krakau ist.

Die Regierung unter Donald Tusk verkündete ja sehr schnell:

Bei ⁠den Schüssen ⁠auf dem auch bei Touristen beliebten Marktplatz von Krakau wurden vier Frauen sowie zwei ​Männer getötet. Unter ihnen ist nach Regierungsangaben eine Person mit britischer Staatsangehörigkeit. Zudem gibt es mindestens 15 Verletzte, darunter auch Menschen aus Deutschland, Österreich, Portugal, Russland und Großbritannien.

Der ​Täter habe mit einer Langwaffe militärischer Bauart wahllos auf Passanten gefeuert. Er sei angeschossen und festgenommen worden, hieß es. Polens Innenminister Kierwinski sagte, alles deute darauf hin, dass der Schütze von rechtsextremer Ideologie beeinflusst sei.

Das verstehe ich nicht.

Wenn der Täter „von rechtsextremer Ideologie beeinflusst“ oder, wie es an anderer Stelle hieß, „fasziniert“ – warum schießt er dann wahllos auf Leute und nicht gezielt auf Ausländer? Warum sollte er dann Eltern und Schwester umbringen?

Und was heißt überhaupt „beeinflusst“ oder „fasziniert“? War er nun rechtsextrem? Oder war er es nicht? Oder wollte man nur eine Aussage „der war sicher rechts“ posaunen, die aber so formulieren, dass sie nicht so richtig zu falsifizieren und zu greifen ist, dass man sich damit nicht blamieren kann? Man kann schließlich auch von einem Feind fasziniert sein. Einen notorisch linksextremen Antifaschisten könnte man ebenso damit beschreiben, dass er von rechtsextremer Ideologie „beeinflusst“ oder „fasziniert“ ist.

Was genau sagen die da eigentlich?

Und woher wollen sie das so schnell wissen?

Warum verbreiten unsere Medien das so ungeprüft weiter?

Bringt ein linker oder islami(sti)scher Attentäter Leute um, dann heißt es sofort „Einzelfall“ und „psychisch krank“. Hält man ihn aber für rechts, geht es sofort um Organisationen und Hinternmänner, stecken da ganze Netzwerke dahinter. Ich frage mal ganz direkt: Sind solche Formulierungen wie „von rechtsextremer Ideologie beeinflusst“ nicht letztlich auch eine Verschwörungstheorie? Insbesondere zu einem Zeitpunkt, zu dem man noch gar nichts weiß, und sich etwas zusammenreimt, was ins Weltbild passt?

Die Gegenseite ist aber auch nicht besser. X hat mir heute Posts aus Spanien in die Timeline gespült, die sich sicher sind, dass der Täter ein Linksextremist war und die Regierung das vertuschen will, deshalb den Facebook-Account des Täters habe sperren lassen.

Woher das Foto mit der Regenbogenflagge stammt und was es bedeutet, wird nicht erwähnt. Nur weil man sich mit etwas zeigt, heißt das nicht, dass man dafür ist. Es könnte auch dagegen sein. Leute, die Flaggen oder den Koran oder etwas Ähnliches verbrennen, zeigen sich auch damit und sind trotzdem dagegen.

Außerdem fällt mir auf, dass die Person mit der Gasmaske nicht mit dem Bild vom Täter übereinstimmt. Die Augenbrauen sind ganz anders. Das kann nicht dieselbe Person sein. Gut zu sehen in dem Post oben von antonflux, darin das erste angeheftete Bild, darin oben links das Foto mit der Gasmaske und der Regenbogenflagge, gleich rechts daneben ein Foto des angeblichen Täters im Auto. Für mich sind die Augenbrauen so unterschiedlich, dass das auch mit unterschiedlichen Gesichtsausdrücken nicht zu erklären wäre.

Trotzdem wurden mir heute einige solcher Tweets aus Spanien in die Timeline gespült, die diese Bilder enthielten. Und so ähnlich, wie sich bei den Soziologen jeder, der eine Korrelation findet, eine Kausalität frei ausdenken darf, darf sich in den social media jeder, der irgendwoher ein Bild hat, eine Erklärung dafür frei ausdenken.

Wieder andere behaupten, der Täter hätte ukrainisch geredet. Mit wem soll er denn gesprochen haben?

Langer Rede kurzer Sinn

Eigentlich ist da an Informationen gar nichts belastbar. Eigentlich ist das alles nur Mist. Jeder behauptet irgendeinen Scheiß, der ihm gerade in den Kram passt, dabei weiß man noch gar nichts, und hat überhaupt keine Anknüpfungspunkte.

Derselbe Mist passiert gerade mit Hubert Aiwanger. Kein Mensch weiß bisher öffentlich, woran der gestorben ist. Vermutlich wird man das entweder noch nicht genau wissen, oder man wird es nur der Familie gesagt haben, weil das die Öffentlichkeit eigentlich ja auch erst einmal nichts angeht. Bei einem stellvertretenden Ministerpräsidenten ist der öffentliche Informationsanspruch mit der Ansage, dass es keine Hinweise auf Fremdverschulden oder Suizid gibt, schon erfüllt. Alles andere ist eigentlich nur Sache der Familie, ob die das mitteilt. Und wenn es keinen dringenden Grund gibt, teilen Familien so etwas erfahrungsgemäß entweder gar nicht, oder erst etwas später, nach der ersten Schockphase, mit, wenn die sich etwas berappelt haben.

Trotzdem kommen die einen schon mit Ritualmord durch den bösen Zimmernachbarn im Hotel, und die anderen sind sicher, dass es an der Impfung liegen müsse.

Eigentlich ist die gesamte Nachrichtenlage nur noch ein einziger großer vergifteter Brunnen.

Und ich kann es nicht anders formulieren: Es geht mir enorm auf den Sack, dass da sofort jeder loströtet, was er gerne lesen will, anstatt sich nach irgendwie greifbarer Informationen und Indizien umzuschauen. Ein Problem daran ist, dass man damit der Regierung und den Mainstream-Medien zuarbeitet, weil die Social Media damit unglaubwürdig, nämlich zum vergifteten Brunnen macht.