Ansichten eines Informatikers

Vom Konzept der Reservierung und der Schwierigkeit, es zu verstehen

Hadmut
5.11.2026 23:15

Das wird auch immer schlimmer.

Ich war gestern und heute in der Staatsbibliothek zu Berlin. Eigentlich nur, um auf die Datenbanken Juris und Beck Online zuzugreifen.

Das ist nicht ganz einfach, denn sie haben darin viel zu wenig Arbeitsplätze. Im Prinzip ist die Staatsbibliothek (Standort Unter den Linden) eine Fehlkonstruktion, denn das Gebäude ist ein riesiger, aber letztlich komplett hohler Würfel, der nur außenrum ein paar Bücherregale und ein paar Tische mit Stühlen hat. Hätte man da Decken eingezogen, hätte man darin enorm viele Arbeitsplätze schaffen können.

Das Problem ist nämlich, dass direkt nebendran die Humboldt-Universität liegt, und die Staatsbibliothek fast komplett von Studenten in Beschlag genommen wird, etwa weil sie da ihre Hausarbeiten machen, oder auch einfach, weil sie außerhalb wohnen und keine andere Arbeitsgelegenheit haben. Und manche wohnen auch darin. Man kann dort auch Arbeitsplätze in verschließbaren Glaskabinen mieten, und darin habe ich schon welche schlafen gesehen.

Eigentlich ist das eine totale Fehlkonstruktion, wenn die Universität die benachbarte öffentliche Bibliothek in Beschlag nehmen muss, weil sie selbst nicht genug Arbeitsplätze hat, und damit der steuerzahlenden Bevölkerung die Nutzung der Bibliothek entzieht. Man hätte das vorhersehen können und statt der klassischen hohlen Bibliothekshalle ganz normale Etagendecken bauen können. Hässlich, unschön, aber nützlich.

Man könnte natürlich auch einfach die Frage stellen, warum man zur Nutzung von Juris und Beck überhaupt selbst in die Bibliothek gehen muss. Wenn ich das von zuhause aus nutzen könnte, würde ich da nicht nur mehrere Stunden anderen den Platz wegnehmen, sondern würde mir auch Hin- und Rückweg sparen, da geht auch nochmal eine Stunde drauf.

Und weil sie so knapp an Arbeitsplätzen sind, kann man da auch nicht einfach mal hin und sich irgendwohin setzen (oder nur mit viel Glück), weil die nicht-reservierbaren Plätze in der Mitte praktisch immer belegt sind, und die reservierbaren Platze reserviert und belegt.

Man muss also vorher online Termine für Arbeitsplätze buchen. Stundenweise einen genauen Platz belegen. Und wenn man dann dort am Platz ist, einen QR-Code scannen und per Handy mit einem zugesandten PIN-Code bestätigen, dass man den Platz auch tatsächlich eingenommen hat.

Weil die Plätze aber bis 17:00 praktisch immer schon auf Tage und Wochen hinaus von Studenten belegt sind, hat man als Normalbürger, wenn nicht gerade die Prüfungen anstehen und die immer besetzt sind, nur abends ab 17:00 zuverlässig Chancen, an einen Arbeitsplatz zu kommen.

Die Buchungen sind immer stundenweise, die vollen Stunden.

Und oft ist es dann eben so, dass der, der den Platz vorher hatte, da noch sitzt und entweder nicht auf die Zeit geachtet und nicht gemerkt hat, dass seine Zeit vorbei ist, oder einfach wartet, ob überhaupt jemand kommt und den Platz reserviert hat. Dagegen ist ja auch grundsätzlich nichts zu sagen, es ist ja im Sinne einer optimalen Ausnutzung sogar logisch und algorithmisch sinnvoll, den Platz einfach weiterzubenutzen, bis tatsächlich einer kommt, der ihn beansprucht. Keine Einwände. Ich muss fast immer den Vornutzer verscheuchen. Kein Problem. Die sagen halt „ja“, packen zusammen und gehen. Dauert eine Minute und der Stuhl ist warm.

Gestern und heute war das aber anders.

Ich kam hin, und der Platz ist besetzt, aber keiner da. Jacke, Notebook, Handy, Bücher, Kabel, Flasche, Stifte, Schreibzeug – aber weit und breit keine Person.

Was tun? Man kann dann ja niemandem sagen, dass man den Platz haben möchte, aber auch nicht einfach fremdes Zeug wegpacken. Ich hatte den Eindruck, dass das Absicht war, weil die nach einiger Zeit, so fünf bis 10 Minuten, doch kamen, und man am Tonfall gemerkt hat, dass sie darauf spekulierten, dass der Nachnutzer aufgibt und geht, weil niemand da ist, den man ansprechen kann.

Gestern war das um 17:00 Uhr, und da war es noch voll. Da hatte ich keine Alternative.

Heute war ich um 19:00 Uhr da. Da ist es nicht mehr voll, da waren links und rechts mindestens fünf freie Plätze, nur der von mir reservierte wieder belegt, aber die Person weg.

Ich habe mich dann halt auf den Platz nebendran gesetzt und gehofft, dass da niemand kommt.

Nach einer Weile kam die Frau, der das Zeug gehörte, und tat so ganz komisch, überbetont, als wäre nichts. Ich sagte, dass ich den Platz belegt habe. Sie grinste dabei so verständnislos-seltsam-herablassend, es sei doch genug Platz und so.

Ja, freilich ist Platz. Ich weiß aber von keinem Platz, ob der auch frei bleibt, oder da gleich jemand kommt, der den haben will. Wenn die an der Humbold irgendeine Vorlesung haben, die bis 19:00 Uhr geht, kann das durchaus sein, dass da gleich 20 Leute kommen und einen reservierten Platz beanspruchen, das also nur leer aussieht, aber nicht leer ist.

So richtig einsehen, dass man sich auf selbst reservierte Plätze setzt, und nicht einfach irgendwohin, wollte sie das nicht, und die Mimik war Tsunami-artig, aber gegangen ist sie dann doch, nämlich zum nächsten Platz hinter der Säule, und es war klar, wie lächerlich sie das fand.

Erinnerte mich an das Erlebnis in einem Flugzeug von Schiphol nach Berlin, wo eine zwar sehr hübsche, aber sich wie eine 8-Jährige gebärdende Niederländerin auf meinem Sitzplatz saß (und ich auch keinen anderen freien Platz sehen konnte), und die sich dann mit der Stewardess anlegte. Die hatten mit 6 oder 7 Freundinnen einen Flug gebucht, aber nicht alle Plätze beisammen bekommen. Eine war nicht mitgeflogen, und deshalb waren sie der Ansicht, dass ihnen die Sitzplätze gehörten und sie frei darüber verfügen konnten. Dass der Computer der Fluglinie diesen nicht angetretenen Sitzplatz aber mir zugewiesen hatte, weil mein vorangegangener Flug stark verspätet war und ich deshalb meinen Anschlussflug verpasst hatte, der Computer mir also diesen freien Platz im nächsten Flug gegeben hatte (und das Flugzeug deshalb extra auf mich gewartet hatte), und ihr Affentheater dann den Flug noch weiter verzögerte, konnte sie nicht einsehen. Das Konzept „Setz Dich einfach auf den Platz, der auf Deiner Bordkarte steht“ ging ihr nicht in die Birne. Warum ich mich nicht einfach auf ihren Platz setzen könne. Ja, das würde ich ja tun, wenn ich denn wüsste, wo der wäre. Ich sah aber keinen freien Platz, ich sehe nur einen Flieger voller Holländer, die mich hasserfüllt anschauen, weil der Flieger wegen dem Deutschen Verspätung hat, anstatt einfach zu sagen, da ist ein freier Platz.

Nachdem die Auseinandersetzung zwischen der Purserin und der Doofen auf niederländisch abgelaufen war und ich zunächst nichts verstanden hatte, hatte ich beim Aussteigen die Purserin gefragt, was das jetzt eigentlich passiert und was da los war. Erst dann habe ich das verstanden, als die mir das erklärt hat. Erst da wusste ich, warum da auf meinem Platz eine Frau saß, die auch von der Purserin nicht dazu zu bewegen war, sich auf den richtigen Platz zu setzen. Das richtige Dumme daran war ja, dass die Tussi sich damit auch noch darin bestätigt sah, dass sie sich mit Renitenz durchsetzt, und meinte, der Deutsche habe dem Niederländer zu weichen. Die Purserin sagte mir, dass sie solche Fälle viele haben und das längst aufgegeben hätten, dagegen noch anzukommen. Das sei hoffnungslos. Und werde immer schlimmer.

Und dass eine erwachsene Frau – geschätzt Mitte 20, wirklich gut aussehend und attraktiv, sehr gepflegt, teuer gekleidet, keine Vogelscheuche oder sonst irgendwie Außenseiter – sich insgesamt, intellektuell und im Benehmen, aufführt, wie ein kleines rotziges Mädchen, das nehme auch rapide zu. Die konnte auch nicht normal sitzen bleiben. Die hatte sich sofort wie ein Kind rumgedreht, kniete auf dem Sitz, hing über der Stuhllehne, um mit ihren Freundinnen in der Reihe dahinter zu gackern wie Mädchen aus der dritten Klasse es tun.

An die musste ich heute denken, weil die auf dem Sitzplatz in der Bibliothek mit Mimik und Gestik auch zu verstehen gab, dass sie das überhaupt nicht einsehen konnte, warum man einen reservierten Sitzplatz freigibt, insbesondere wenn es noch freie Plätze gibt (deren Reservierungszustand aber nicht ersichtlich war).

Von Ryanair hört man in letzter Zeit verstärkt, dass sie da rigoros durchgreifen, weil Verzögerungen Geld kosten. Wer nicht spurt, wer ihnen da blöd kommt, fliegt sofort raus – oder besser gesagt, gar nicht erst mit. Anscheinend sind diese Leute ein ernster Kostenfaktor geworden. Ich habe das zweimal selbst miterlebt und mehrfach davon gelesen. Ich hatte das neulich schon berichtet, dass sie da – das könnte aber eine Maßnahme des Flughafens selbst gewesen sein – einen aussortiert haben, weil der auf dem Weg zum Flieger rauchte. Und auf Zypern sagte mal eine, die gerade eingestiegen war und schon saß, dass ihr plötzlich nicht gut sei. *Zack*, sofort die ganze Gruppe, 6 Leute, raus. Leute, denen nicht gut ist, könne man nicht mitnehmen.

Hintergrund ist wohl, dass mehrmals, auch in Berlin, schon das Bodenpersonal von Passagieren angegriffen und geschlagen wurde. Man merkt recht deutlich, dass die da die Faxen dicke haben.

Warum ist das so, dass die Leute immer weniger in der Lage sind, sich an einfache Regeln zu halten, die offensichtlich der Effizienz, Rücksichtnahme und Kooperation dienen? Warum sind immer mehr Leute auf diesem „ich setze mich da jetzt aber durch“-Trip?

Kapieren die das nicht mehr?

Oder haben wir zuviele Regeln, ist die Toleranzgrenze überschritten?