Ansichten eines Informatikers

Die Verschwörungstheorie-Theoretiker

Hadmut
3.11.2026 16:47

Wisst Ihr, wer mir gerade – wieder – so richtig auf die Nerven geht?

Im Zusammenhang mit dem LearJet-Absturz tun sich gerade wieder jede Menge Besserwisser hervor, die sich künstlich über „Verschwörungstheoretiker“ aufregen, die, kaum passiere etwas, sofort aus ihren Löchern kämen und Verschwörungstheorien verbreiteten. So wie „Mondlandung war ein Fake“ oder „9/11 war ein Fake“.

Das Problem daran:

Mir ist zum LearJet-Absturz noch keine einzige Verschwörungstheorie untergekommen. Was meinen die damit? Sie sagen, es ginge darum, dass Leute von einem Abschuss geredet bzw. spekuliert haben.

Das ist aber Schwachsinn, denn wenn man vermutet, dass ein Zivilflugzeug versehentlich von einem Abwehrsystem abgeschossen wurde, dann ist das ein Unfall, vielleicht Unfähigkeit, Blödheit, Inkompetenz, aber eben keine Verschwörung. Wenn man aber jemandem eine Verschwörungstheorie vorwerfen will, dann muss derjenige aber doch irgendetwas geäußert haben, worin wenigstens eine Verschwörung drin vorkommt.

Wo wäre da die Verschwörung?

Oder überhaupt der Fehler?

Wenn ein Verkehrsflugzeug vom Himmel fällt, wie keines zuvor (es werden jede Menge Flugexperten mit Aussprüchen zitiert, dass sie noch nie einen solchen Absturz gesehen hätten und keinen vergleichbaren Fall kennen würden), dann ist es nicht nur naheliegend, sondern sogar ein Gebot der Sorgfalt, der Weitsicht, alle möglichen Ursachen zu betrachten, und nicht von vornherein und bevor noch irgendetwas geklärt ist, den Blick so einzuengen, dass nur noch die Ursachen in Betracht kommen, die einem selbst in den Kram passen. Ich habe das in der Fehler- und Angriffsssuche schon so oft erlebt, dass die Ursache sich irgendwo fand, wo es vorher niemand für möglich gehalten hätte.

Irgendwer erzählte uns das damals im Informatikstudium als Beispiel dafür, dass man wirklich nach allem suchen muss: Irgendwer an der Uni soll das Problem gehabt haben, dass ihm fast jedesmal an einer roten Ampel der Motor des Autos ausging. Dreimal hat er das Auto zur Werkstatt gebracht, dreimal sagten sie, sie können keinen Fehler feststellen, bei allen Probefahrten habe das Auto tadellos funktioniert. Kaum wieder beim Besitzer, trat der Fehler wieder auf. Es kam zum Streit. Bis der Meister sich auf den Beifahrersitz setzte, und dem Besitzer sagte, er solle mal fahren. Motor geht aus. Beim zweiten oder dritten Mal rief der Meister „Ursache gefunden!“: Das Zündschloss war ausgeleiert. Saß der Besitzer drin, hatte er einen schweren Schlüsselbund am Schlüssel, der beim Abbremsen an der Ampel wippte und die Zündung unterbrach. In der Werkstatt hatten sie aber nur den Schlüssel, und der wippte nicht.

In meiner Zeit bei einem Provider war ich auch Fourth-Level-Support: Ich bekam immer die besonders schwierigen Fälle auf den Tisch, an denen First-, Second- und Third-Level Support gescheitert und verzweifelt waren. Und das war immer sehr tricky, die zu lösen. Eines Tages riefen sie mich mal, weil sie einen renitenten, laienhaften, unbelehrbaren, wütenden Kunden hätten, der sich auf die absurde, bekloppte Idee versteift hätte und nicht davon abzubringen sei, wir als Provider würden die Druckauträge zwischen seinem PC und seinem Drucker in seinem Büro entführen und in die USA umleiten. Verschwörungstheorie! Ich habe die Sache gründlich untersucht und kam zu dem Ergebnis „Tut mir leid, Kollegen, aber der Mann hat recht.“ Details hier Betriebsgeheimnis, aber ich konnte nach einiger Suche technisch exakt nachvollziehen und belegen, dass es genau so war, wie der Mann es durch seine Laienbrille gesehen hatte.

Die Abschussfrage

Ist es denn abwegig, nach einem versehentlichen Abschuss zu fragen?

Immerhin sind die USA im Krieg mit dem Iran, und es gehen Gerüchte, dass Trump nach den aktuellen Wahlen erneut den Iran angreifen wolle. Und es hieß ja, dass man genau dort in dieser Stadt vor wenigen Tagen mobile Flugabwehrsysteme aufgestellt und in Betrieb genommen habe, die den Flughafen und Trumps Anwesen schützen sollen.

Ist es also abwegig, die Frage zu stellen, ob da versehentlich was losgegangen ist?

Vor einiger Zeit gab es auf Zypern auf einem der beiden Flughäfen, Paphos, da wo ich immer ankommen und abfliege, die Ansage, dass dort alle Flüge von und nach Israel abgesagt worden seien. Früher gab es da ganz viele Flüge (inzwischen auch wieder), aber zwischenddurch war Paphos für alle Flüge von und nach Israel gesperrt. Was mich verwundert hatte, denn eigentlich hat Zypern ein gutes Verhältnis zu Israel, warum sollten die diese Flüge sperren? Haben die Knatsch? Auf finsteren Kanälen erfuhr ich dann, dass das Gegenteil der Fall sei, dass man natürlich ein gutes Verhältnis zu Israel habe und die Flüge auch weiter stattfänden – man aber vor dem größeren Flughafen Larnaca Luftabwehrsysteme aufgestellt habe, teils auch auf See, aber eben nur dort, und man es deshalb für erforderlich halte, dass alle Flüge über Larnca gehen, weil es dort Flugabwehrsysteme gebe. Und im kleineren Paphos eben nicht.

Und es gab ja nun schon einige Abschüsse von Zivilmaschinen, die meist als Versehen oder Verwechslung hingestellt werden. Der Malaysia-Airlines-Flug MH17 wurde am 17. Juli 2014 auf dem Weg von Amsterdam nach Kuala Lumpur über der Ostukraine von einer russischen Buk-Luftabwehrrakete abgeschossen. Neulich ist irgendwo in Russland versehentlich eine Zivilmaschine abgeschossen worden.

Ist es also abwegig, oder gar Verschwörungstheorie, danach zu fragen, ob ein Zusammenhang zwischen dem neu aufgestellten Flugabwehrsystem und einem LearJet zu stellen,aus dem Himmel fiel, wie LearJets das sonst eben nicht tun?

Einige (mehr oder weniger) sachkundige Leute sagten inzwischen, dass man einen Abschuss durch lokale Systeme ausschließen könne. Dann hätte das Flugzeug ja einen Schaden haben müssen (wie sich inzwischen zeigte, hatte es einen, denn man hat Teile des Flugzeugs in einiger Entfernung gefunden, die sich nicht erst beim Aufprall gelöst haben können).

Und die kleinen, leichten Systeme, die man dort aufgestellt habe, kämen weder in die Höhe, auf der das Flugzeug flog, noch hätten sie die horizontale Reichweite bis zum Ereignis.

Größere Systeme könne man aber auch ausschließen, weil man die nicht abfeuern könne, ohne dass „alle“ das hören und sehen.

Gut, das sind durchgreifende Argumente – aber sind sie dadurch schon ein Grund, die Frage erst gar nicht zu stellen, oder sind sie nur die Antwort auf die Frage?

Rundumblindheit

Mir fällt wieder dieses Syndrom auf, das ich schon oft beobeachtet und beschrieben habe: Die Leute lassen nur die Erklärung als einzig möglich zu, und zwar schon zu einem Zeitpunkt, an der sie selbst noch gar nicht wissen können, was passiert ist, und noch weniger, was nicht passiert sein kann, mir der sie selbst das geringste Risiko eingehen, am wenigsten „Blamierrisiko“, und die sie in ihrem Weltbild für die bequemste halten.

Mir ist das erstmals aufgefallen, als zu meiner Studentenzeit „Die Spinne in der Yucca-Palma“ mit den „Urban Legends“ angesagt waren und jeder die kannte. Auf einmal gab es so eine Schickeria, die sich darin gefiel und gut vorkam, alles, was ihnen nicht passte, als „urban legend“ abzutun. An irgendeiner US-Universität haben sich aber mal Leute daran gemacht, die Stories zu untersuchen, woher die Lügen kamen und wie sie entstanden, und die kamen zu dem verblüffenden Ergebnis, dass die allermeisten Stories einen belegbaren, wahren Kern haben und deutlich näher an „wahr“ als „gelogen“ waren, dass die sich eher so beim Weitererzählen immer so ein bisschen verändert haben. Dasselbe gab es übrigens mit unserern Märchen. Man hat das untersucht und kam zu dem Ergebnis, dass die meisten Märchen einen wahren Kern haben. Zwerge, Riesen, Hexen, Schneewittchen – die gab es alle wirklich.

Wieder aufgefallen ist es mir, als Photoshop in Mode kam und man mit manipulierten Bildern geflutet wurde. Da wurde „gephotoshopped“ zum ständigen Ausspruch. Alles, was man nicht glauben wollte, war „gephotoshopped“. Meistens war es das wirklich, aber manchmal eben auch nicht.

Dasselbe wiederholt sich mit KI. Klar, wir werden mit Fakes überflutet, aber inzwischen halten die Leute alles für Fake. Auch das, was kein Fake ist.

Und denselben Effekt gibt es mit „Verschwörungstheorien“. Klar, vieles ist Mist und Verschwörungstheorie. Aber eben nicht alles. Und eine Frage ist noch lange keine „Theorie“ und eine Theorie noch keine „Verschwörungstheorie“. Fragen zu stellen muss erlaubt sein.

Und was mir auch immer wieder auffällt, ist, dass die, die am lautesten „Verschwörungstheorie“ schreien, am wenigsten wissen, was eine Theorie ist. Denn eine Theorie behauptet ja nicht, dass etwas so wäre, sondern ist eine hypothetische Annahme, die die Beobachtungen erklären würde, und zur Nachprüfung gestellt wird.

Wenn also jemand behauptet, dass die Mondlandung ein Fake war und 9/11 eine Sprengung, dann ist das sicherlich Blödsinn, und enthält auch Verschwörungen, aber eine Theorie ist es nicht.

Unter anderem deshalb verwenden ja auch viele inzwischen die Formulierung „Verschwörungserzählungen“, was letztlich genauso dämlich ist, aber den Fehler vermeiden soll.

Genauso dämlich

Ich neige inzwischen dazu, diejenigen, die alles als „Verschwörungstheorie“ abtun, selbst wenn einer nur fragt, für (mindestens) genauso dämlich zu halten, wie die „Verschwörungstheoretiker“ selbst, weil sie denselben Denkfehler machen: Sie blenden etwas, was ihnen nicht passt und sich nicht in ihre Weltsicht einfügt, einfach aus, indem man es nicht mehr sachlich betrachtet, sondern in den Bereich der bösen fremden Absicht verschiebt.

Das ist letztlich wieder so ein Ding im Hirn, weil man nicht mehr rational denkt (präfrontaler Cortex), sondern die Rudelmechanik zuschlägt (das sagt er, weil er zu den Bösen gehört). Das ist das selbe Phänomen, das ich schon bei deutschen Professoren beschrieben habe, die nicht kritikfähig sind: Statt die Gegenansicht rational zu prüfen und entweder zu widerlegen oder als Möglichkeit anzuerkennen, wird der, der sie äußert, vom Kreis der Äußerungslegitimierten ausgeschlossen: Das sagt der nur, weil …, also demjenigen eine böse Absicht unterstellt wird.

Das ist typisch archaisches Rudel- und Amygdala-Denken, weil damit der andere als feindlich eingestuft wird, statt zu betrachten, was er inhaltlich sagt. Feinderkennung durch Nonkonformität.

Tragik

Letztlich also gehört der Vorwurf, dass etwas Verschwörungstheorie sei, selbst zum Bereich dieser „Verschwörungstheorien“, weil man unterstellt, dass die, die sie äußern, sich verschworen hätten.

Hirntechnisch übersetzt heißt das, sie für ein feindliches Rudel zu halten.

Das ist so ähnlich, wie wenn „Antifaschisten“ andere als „Faschisten“ beschimpfen und dabei nicht merken, dass sie dabei selbst dieselben Methoden anwenden.

Weil dieselbe Mechanik im Hirn dahinter steckt. Es geht nicht darum, richtig und falsch zu unterscheiden, sondern um die Freund-Feind-Erkennung anhand der Konformität. Und die halte ich für einen der schwersten Denkfehler unserer Zeit.

Das ist sicherlich sehr wichtig, sehr richtig, fundiert und plausibel, was Leute wie der da sagen, und beruht auf Jahrzehnten von deren Berufserfahrung. Aber wenn man sauber arbeitet – und die wenigsten Berufspiloten haben auch eine wissenschaftliche Ausbildung, wenn sie nicht gerade Physik oder Luft- und Raumfahrttechnik studiert haben – muss man zunächst konstatieren, dass auch das zwar eine sehr naheliegende, aber eben auch – noch – nur eine Theorie ist, weil sie das Beobachtete zwar erklären könnte, aber noch keine Evidenz vorliegt, dass es auch so war.

Wer also sauber arbeitet, setzt Fragestellungen und Vermutungen wie Vereisung durch Unwetter und Abschuss auf die Liste der Hypothesen, die nach und nach durch Feststellungen ausgeschlossen werden können. Dann ist der Abschuss eine Hypothese, die ausgeschlossen werden konnte, und keine „Verschwörungstheorie“.

Wie gesagt: Diejenigen, die andere als Verschwörungstheoretiker einstufen, sind selbst oft nicht besser.