Ansichten eines Informatikers

Frisch verprügelt

Hadmut
2.10.2026 17:17

Ist es tröstlich, dass es in Frankreich vielleicht schon etwas schlimmer ist, als bei uns?

Mich irritiert etwas anderes, nämlich etwas, was vorhin im Radio kam. Leider habe ich dafür jetzt keine Quelle, aber da wurde gesagt, dass in Frankreich auch eine erhebliche Zahl von Lehrern angegriffen und verprügelt worden seien, darunter 40 Schulleiter (das findet sich noch in der Presse).

Und die hätten übereinstimmend gesagt, dass sie die Leute, von denen sie verprügelt wurden, nicht kennen, dass da also Fremde kommen, um die Lehrer zu verprügeln.

Die eigenen Lehrer zu verprügeln wäre zwar auch nicht entschuldbar, aber immerhin eine emotionale Motivation. Das ist ein Motiv.

Warum aber gehen Leute an Schulen, mit denen sie nichts zu tun haben, um die Lehrer zu verprügeln?

Das ist nicht Rache oder Streit, das ist Vernichtung. Irgendwer will da systematisch die Schulen zerstören. Nachdem man in Frankreich auch die Kirchen schon niedergebrannt hat, ist nun auch die Bildung dran.

Wisst Ihr, woran mich das erinnert? „Boko haram“. Die afrikanische islamische Gang, die meint, dass Bildung böse ist. Man solle keine Bildung haben außer dem Koran.
Der hausa-sprachige Begriff „Boko Haram“ bedeutet frei übersetzt so viel wie „Westliche Bildung ist eine Sünde“ (oder verboten).

Wir haben so etwas ja auch, aber bei uns macht das die SPD-Regierung, und bei uns heißt das nicht „Boko Haram“, sondern „Quality is a myth“. Ist aber dasselbe.

Ach ja, irgendwo anders kam im Radio (gestern?), dass Frankreich ja eigentlich auch richtig pleite wäre und man den rebellierenden Schülern deshalb sagen musste, ja, also ihre Forderungen, die seien ja auch schon schön und sinnvoll, aber das werde nichts, weil man dafür gerade gar kein Geld habe.

Das wird dann lustig, wenn sich die Schüler mit der Frage auseinandersetzen müssen, ob sie ihre Situation in maroden Schulen wirklich verbessert haben, wenn sie sie in einem Pleitestaat niederbrennen und dann kein Geld da ist. Das wird dann auch bald keine Schulen mehr geben, sondern nur noch ein Tablet und einen Account beim KI-Lehreravatar – solange Strom und Internet funktionieren.

Ich hatte mal so eine Phase, in der ich mir etwas zu altmodisch vorkam, weil ich mal auf einem altsprachlichen Gymnasium mit Latein und Griechisch war, so Bildung von vorgestern. Mich hatten auch schon Leute gefragt, warum gerade ich nicht auf einem technischen Gymnasium gewesen sei. Was ich sogar war, denn der Informatik-Unterricht in der Oberstufe fand an einer anderen Schule, an einem technischen Gymnasium statt, die das damals als Einzige anboten, und deshalb dem Altsprachlichen anboten, dass deren Schüler zu ihnen kommen können. Die hatten dann dort ein Foucaultsches Pendel im Treppenhaus, statt wie wir den Griechen- und Römerkram, ansonsten hat sich das aber gar nicht so viel geschenkt.

Wenn ich aber sehe, was heute an den Schulen los ist, komme ich mir immer wie ein Bildungsmonster vor. Und damit meine ich gar nicht mal das altsprachliche Gymnasium, sondern schon die Grundschule. Ich musste umzugsbedingt zweimal die Schule wechseln, einmal Grundschule, einmal Gymnasium. Deshalb kann ich mich genau daran erinnern, dass ich in der Mitte der ersten Klasse an die neue Schule kam, dabei das Bundesland wechselte (Rheinland-Pfalz -> Hessen) und die Lehrerin mich am ersten Tag fragte, ob ich schon lesen kann, woran die in Hessen noch arbeiteten. Na, klar. Das glaubte sie mir nicht und gab mir ein albernes Kinderlesebuch mit Schreibschrift – in Rheinland-Pfalz hatten wir im Kindergarten und in der Schule mit richtiger Schrift gelernt – wo ich da problemlos und flüssig eine halbe Seite vorgelesen und sie ein wenig überrascht habe. In Hessen war das dann erst so gegen Ende der ersten Klasse der Fall, während wir in Rheinland-Pfalz schon zu Anfang der ersten Klasse im Prinzip lesen konnten, weil wir das mit den Buchstaben schon im Kindergarten gelernt hatten. Eigentlich haben wir Lesen gar nicht so explizit gelernt, das kam so von selbst. Wir konnten das eben. Das fiel so vom Buchstabentraining im Kindergarten nebenbei mit ab, noch ein bisschen üben mit den Eltern, fertig. Ich kann mich erinnern, dass ich in der ersten Hälfte der ersten Klasse flüssig lesen konnte, aber ich kann mich nicht erinnern, das irgendwie gelernt zu haben. Wir konnten das einfach so. Ich kann mich auch erinnern, dass ich in der Schultüte zur Einschulung eine graue Daimon-Taschenlampe und einen gelben Spielzeug-Abschleppwagen hatte und das ohne weiteres lesen konnte, was da drauf stand. Und dann kamen irgendwann die Karl-May-Bücher, eins nach dem anderen.

Ich kann mich erinnern, Jahre später, als die Harry-Potter-Welle ihren Höhepunkt hatte und Amazon einen Sonderservice hatte, die Bücher um Mitternacht des ersten Verkaufstages auszuliefern, einige dieser Bände einem Kind im Bekanntenkreis geschenkt und direkt dorthin ausliefern zu lassen. Die waren schon verblüfft, wenn es um Mitternacht bei ihnen klingelte, und „Ihr Harry-Potter-Buch“ kam. Ergebnis: Das Kind hat nicht geschlafen, sondern durchgemacht und war am nächsten Morgen in der Schule um 8 Uhr der King, weil das Kind schon wusste, was im Buch steht. Und diese Harry-Potter-Bücher waren ziemliche Brocken. Wenn man es schafft, die über Nacht so zu lesen, dass man danach die Handlung mit Details kennt, dann kann man eindeutig lesen.

Und dann höre und lese ich, dass heute selbst Gymnasiasten nicht ordentlich lesen können.

Eigentlich ganz hübsch, dass ich meine guten Jahre noch mit Bildung verbracht habe und auf meine alten Tage zur Unterhaltung noch Zeuge des Untergangs unserer Zivilisation werde.