Ansichten eines Informatikers

Mein neuer Polyurethangürtel

Hadmut
18.9.2026 2:47

Womit habe ich das nun wieder verdient?

Ich habe ein Problem. Schon wieder. Oder, besser gesagt, ich hatte eines. Nun habe ich zwar die Lösung des Problems vor mir auf dem Tisch liegen, aber ich frage mich gerade, was schlimmer ist: Dieses Problem oder diese Lösung zu haben.

Ich hatte schon oft beschrieben, dass es mir immer wieder passiert, dass mir Schuhe zerfallen, wenn ich sie einige Zeit nicht benutzt hatte, weil die besonders weichen Innensohlen – obwohl, oder gerade weil teure Markenschuhe, kein Billigkram, Anzugschuhe und Wanderstiefel durch Hydrolyse zerfallen, ohne Vorwarnung zerbröseln. Richtig übel. Auf dem Weg zu einem Vorstellungsgespräch bin ich unterwegs meiner Schuhsohlen komplett verlustig gegangen und unter dem Oberleder auf Socken gelaufen. Ich weiß noch, wie ich in München aus dem Zug stieg, am Hauptbahnhof bei jedem Schritt so eine halbe Handvoll Krümel von der Sohle verloren habe, und damit an der Polizei vorbeiging, die gerade einen wegen Drogen kontrollierten. Ich dachte mir nur, jetzt unbedingt so gucken, als wäre das normal, als gehörte das so. Glücklicherweise gab es direkt gegenüber des Hauptbahnhofs ein Schuhgeschäft, und die Ersatzschuhe, die ich dort gekauft habe, waren zwar teuer, aber ich habe sie nach inzwischen 18 Jahren immer noch im Einsatz.

Blöd war das natürlich, als ich mit Wanderschuhen in Urlaube wollte, und auf dem Weg zu Flughafen die Sohlen verloren habe. Da hat mich gerettet, dass ich noch Sandalen im Gepäck hatte. Und ein anderes Mal hat es mir die Gepäckrollen von teurem Markenreisegepäck zerbröselt – die dann aber kostenlos getauscht wurden, obwohl das Gepäck auch schon über 20 Jahre alt war.

Dazu kommt der Ärger mit dem Softlack, der mich auch an allen Ecken und Enden heimsucht. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob das – chemisch betrachtet – dasselbe oder ein anderes Problem ist, ob auch der Softlack von Hydrolyse betroffen ist.

Nun hatte ich bekanntlich die letzten paar Jahre eher Freizeitkleidung im Einsatz, letzte Woche aber nach längerer Zeit mal wieder Anzug und so weiter, und hatte schon gehofft, dass mir nicht wieder irgendwas ab- oder auseinanderfällt.

Und doch, es fiel, aber etwas, womit ich nun wirklich gar nicht gerechnet hätte: Ich hatte noch einen passenden Gürtel, eigentlich nagelneu und unbenutzt, da hing noch das Schutztütchen gegen Kratzer über der Schnalle. Keine Ahnung, wann ich den gekauft habe, es muss ewig her sein. Ach, dachte ich, schön, ich habe noch einen völlig unbenutzten, schwarzen, gutaussehenden Ledergürtel. Der passt von den Maßen und vom Aussehen, wie schön, den nehme ich. Denn früher habe ich immer nur Ledergürtel getragen, aber mir das aus irgendwelchen Gründen komplett abgewöhnt. Ich weiß nicht warum, ich trage zum Freizeitlook nur noch diese ganz einfachen Textilgürtel mit stufenlos verstellbarer Klemmschnalle. Ich habe welche mit in die Gürtelschnalle versteckt eingestanztem Kapselheber. So etwas geht aber nicht, wenn man sich in Schale schmeißt, also diesen wunderbaren, nagelneuen, völlig unbenutzten, tadellosen, in jeder Hinsicht genau passenden Ledergürtel angezogen.

Aber, ach.

Diesmal war es der Gürtel, der mir auseinandergefallen ist. Der hat über den Tag schon Partikel verloren, und sah abends dann aus als hätte ich ihn schon 20 Jahre angehabt. Wie kann das bei Leder sein?

Ganz einfach: Es war kein Leder. Sah zwar genau aus wie Leder, roch sogar so (offenbar mit irgendwas behandelt), aber hatte eine Konsistenz wie lederlaminierte Pappe. Da war ich einem Schwindel aufgesessen. Sah von außen aus wie Leder, war es aber nicht, sondern etwas, was inzwischen nach Jahren des im Schrank hängens in irgendwelche Schichten zerfallen ist. Anscheinend so ein Verbundwerkstoff, bei dem der Verbund nicht mehr hielt.

Heute war ich in der Stadt und wollte mir einen Ersatzgürtel kaufen.

Gar nicht so einfach. Während es in rauen Mengen Kleidung für Frauen gibt, ist Herrenkleidung sehr zurückgefahren worden und wenn, dann gibt es nur noch irgendwelchen Modekram oder noch ein paar Anzüge von Hugo Boss. In einem Laden hatten sie nichts von dem, was ich im Sinne hatte. Also gut, dachte ich, gehst’e zu C&A, denn die waren ja in den letzten 60 Jahren meines Daseins immer der zwar langweilige, aber verlässliche Laden mittlerer Preise und mittlerer Qualitäten.

Dort habe ich dann für 12 Euro einen Gürtel erstanden, der optisch und von der Größe genau das ist, wonach ich suchte (eigentlich das Gleiche wie den, den ich gerade weggeworfen habe, weil er zerfallen ist), und der angenähte Warenzettel liest sich wie Billigfutter aus der Fabrik. Sie zwar aus wie Leder, aber:

100% POLYURTHANE-SYNTHETIQUE

Na, toll. Deshalb ist da auch kein Leder-Zeichen eingeprägt. Weil es zwar wie Leder aussieht, und sogar ein bisschen wie Leder riecht, aber kein Leder ist.

Wenn ich mir das genau ansehe, scheint es der gleiche Mist zu sein, wie der Gürtel, der mir gerade bei der ersten Nutzung zerfallen ist. Nur eben chemisch frisch.

Wo bekomme ich jetzt noch echte Ledergürtel her? (Ich hätte noch welche aus meiner Jugend, aber die sind mir inzwischen, wie soll ich das jetzt ausdrücken, etwas zu kurz geworden.) Deshalb noch Gürtel bei Amazon bestellt, wo sie einem ab 12 Euro echte Ledergürtel versprechen. Oder, was ich gewählt habe, Doppelpack braun und schwarz zu knapp 20 Euro.

Nun sitze ich da und überlege, was ich von Polyurethengürteln halten soll.

Leder wird ja offenbar weniger und teurer, jetzt wo die alle so vegan essen. Ist das dann überhaupt Rinds- oder Schweinsleder? Schweine werden ja auch immer weniger geschlachtet.

Und wenn der PU-Gürtel nur ein paar Jahre hält – was solls, solange er eben ein paar Jahre hält.

Aber ist das jetzt wirklich die Konsequenz dieses ganzen Öko- und Klima- und Bio- und Tierwohl-Hypes, dass ich Gürtel aus Polyurethan statt aus Leder tragen solle?

Ist das die schöne, neue, Carbon-Fossil-freie Welt? Mit Polyurethan-Gürteln als Lederersatz, die daherkommen wie ein Jägerschnitzel aus Tofu?

Oder haben sich C&A, und wie sie alle heißen, einfach an die Realitäten und Kundschaften angepasst und sagen sich „Das merkt von denen sowieso keiner, die kaufen ohnehin ständig neue Klamotten, und wer liest schon den Materialzettel? Wer kann noch lesen?

Und dann wundern die sich, warum die Leute im Internet kaufen.