Vorbildliche Kommunikation
Es kommt selten vor, dass ich etwas lobe. Aber ab und zu muss das schon sein.
Es gibt Videoaufnahmen davon, wie auf dem CSD der Abbruch der Veranstaltung kommuniziert wurde:
Video zeigt Moment des CSD-Abbruchs: pic.twitter.com/bN5vb4VzMF
— ColdJack (@TheColdJack) July 26, 2026
Ich habe mir das jetzt seit zwei Tagen mehrmals angesehen und muss sagen, dass ich daran nichts auszusetzen finde, sondern das im Gegenteil recht gut finde.
Beim ersten Mal kam mir das etwas tuntig albern vor, aber der hat da genau den richtigen Ton getroffen, um einerseits klar, eindeutig und unmissverständlich zu sagen „Ist vorbei, geht nach Hause, und zwar jetzt! Es gibt ein Problem! Wir brechen ab.“, andererseits aber eine Panik und Stampede zu vermeiden.
Stellt Euch vor, der wäre in Panik auf die Bühne gestürzt, heulend, kreischen, „Rettet Euch, rettet Euch, sie bringen uns alle um, alles voller Blut, ein Anschlag! Rennt! Rennt um Euer Leben!“
Oder mehr so diskutiv „Also wir haben gerade hinter der Bühne darüber gesprochen und das ausdiskutiert, die Isabel, die Ulrike, die Sandra und ich sind der Meinung, dass das jetzt nicht so gut ist und irgendwie auch nicht vertretbar, und wir das jetzt besser fänden, wenn wir jetzt alle doch irgendwie was anderes machen …“
Kurze, klare, eindeutige, aber nicht panische oder übertrieben gefahrsignalisierende Ansagen. Auch nicht drumherumgefaselt, sondern geradeaus auf den Punkt. Die Musik sofort aus, die Tänzer von der Bühne, und auch nicht auf Diskussionen und Verhandlungen eingelassen, sondern klipp und klar gesagt, was Sache ist, wir brechen hier ab, geht nach Hause, sofort, aber in Ruhe und meidet den Weg zur Siegessäule, und dann auch klar gemacht, die Veranstaltung ist vorbei. Keine Musik, keine Tänzer, niemand mehr auf der Bühne, kein Video, dafür „Evakuierung“. Ein Wort, das klar sagt, was läuft, statt „Ende“ oder „Abbruch“.
Der hat auch nicht in Panik gesprochen, sondern das ruhig und sachlich verkündet, ohne dabei aber Hektik oder Gefahr auszustrahlen. Sich erst einmal Aufmerksamkeit verschafft.
Auch die Graphik, die sie gezeigt haben, war sehr gut, richtig informativ, deutlicher Kontrast zu den Veranstaltungsvideos, aber auch nicht zu dramatisch panikauslösend.
Und wie man an den Reaktionen der Zuschauer sehr deutlich merkt, haben die auch sofort kapiert, was er ihnen sagen will. Aus, vorbei, Abbruch, geht nach Hause. Die wollten zwar wissen, warum, aber besser es nicht zu sagen. Erstens konnte der das selbst noch nicht genau wissen. Zweitens hätte das Flucht-Zeit verschwendet, wenn der da erzählt hätte, was passiert ist, dann wären die Leute nur stehen geblieben statt zu gehen. Drittens hätte das eine Massanpanik auslösen können. Oder die hätten alle versucht, einander zu finden.
„Schwierige Situation“ hört sich komisch an, war aber wohl genau richtig dosiert. Nicht zu wenig, nicht zu viel Alarm. Das sieht auch nicht spontan formuliert aus, sondern nach einer vorher überlegten, geplanten, zurechtgelegten Formulierung und Choreographie, zumal sie ja auch diese Graphiken parat hatten. Möglicherweise von einem Trainer oder Berater vorbereitet. Vielleicht sogar vorher geübt. Das hat möglicherweise weitere Verletzte oder Tote verhindert.
Muss man lobend erwähnen – genau richtig gemacht. Taugt als Schulungsvideo.
Man denke da zum Vergleich beispielsweise an die Love-Parade 2010 in Duisburg. 21 Tote. 652 teils schwer Verletzte. Einfach durch Druck der Massen.