Projekt Panama und die deutsche Kultur
Auch eine Bücherverbrennung – aber möglicherweise eine Positive
Das Fachblatt für Literatur und Antiquariatswesen, die BILD, berichtet: KI-Gigant kauft und zerstört massenhaft deutsche Bücher
Hunderte Bestellungen von Tausenden Büchern. Immer nur ein Exemplar, immer nachts, immer automatisiert und nicht selten ausgerechnet die Ladenhüter. Seit Wochen geht das schon so. Erfahrene Händler waren erst misstrauisch, doch die Rechnungen wurden stets pünktlich bezahlt. Und mittlerweile zeichnet sich ab, was hinter dem unverhofften Geldsegen stecken könnte.
Die Dimensionen sind gewaltig. Antiquariate berichten von Bestellungen über jeweils 100 Bücher. Manche Händler sollen innerhalb weniger Wochen bis zu 50.000 Euro Umsatz gemacht haben – nicht mit gesuchten Schätzen, sondern mit Titeln, die oft seit Jahren niemand mehr wollte. Kochbücher, Biografien, Reiseführer, Sach- und Märchenbücher: alles dabei.
Man wunderte sich, warum da irgendwer jede Menge Bücherschrott aufkauft, immer genau eines, immer zu festen Größen, und pünktlich bezahlt.
Des Rätels Lösung:
Dort berichtete die „Washington Post“ über das „Projekt Panama“, hinter dem der Tech-Gigant Anthropic stehen soll. Ziel: die Digitalisierung möglichst vieler gedruckter Bücher. Dafür werden erst die Rücken abgeschnitten, dann wird jede Seite durch Hochleistungsscanner gezogen. Was übrig bleibt, landet auf dem Müll. Die eingescannten Texte dienen wiederum dem Training von KI-Systemen, die immer neues Material brauchen.
Das riecht nach Bücherverbrennung, könnte aber einen genau gegenteiligen, positiven Effekt haben.
Ich hatte vor Jahren in irgendeinem Blogartikel geschrieben, dass ich Deutschland für nicht überlebensfähig halte und in kürzester Zeit unser gesamter historischer Bestand ausgelöscht und durch Einheits-Allah ersetzt werden wird, und dass die Einzigen, die sich noch um deutsche Kultur scheren werden, vermutlich ausgerechnet die Chinesen sein werden, die deutsche Architektur, deutsche Musikwerke kopieren.
Vielleicht lag ich da falsch.
Es könnte durchaus sein, dass der einzige Ort, an dem deutsche Kultur konserviert und erhalten wird, die amerikanischen KI-Rechenzentren sind, die alles lesen, was sie zu lesen bekommen können, in die KI fressen, speichern.
Wenn die Deutschen nicht mehr existieren, hier gar nichts mehr „deutsch“ ist, was meiner Schätzung nach in spätestens zwei Generationen der Fall sein wird, findet „Deutschland“, findet „Deutschtum“ nur noch als Erinnerung in amerikanischen KI-Rechenzentren statt.
Und vielleicht ist das am Ende eine bessere Konservierung als ägyptische Hieroglyphen und irgendein Papyrus aus der Antike. Möglicherweise sind die die Einzigen, die unsere Kultur konservieren können.
Es erinnert mich an ein Filmprojekt in Australien. Die Aborigines haben nie Schrift entwickelt. Wie mir ein Aborigine mal erklärte, lief das bei denen so, dass die Alten alles, was man so wissen muss und zum Überleben braucht, den Jungen erzählten. Und es vielleicht einmal, allerhöchstens ein zweites Mal wiederholen, weil man bei den Aborigines zwingend verlangt, dass die Jungen zuhören und sich das sorgfältig merken. Merken ist lebenswichtig. All das Wissen, all die Besonderheiten der Sprachen, wurden rein mündlich tradiert.
Und das funktioniert in der modernen Welt nicht mehr, weil auch die Aborigines inzwischen moderne Dörfer haben. Ich bin mal versehentlich in eines dieser Aborigine-Dörfer gefahren und wunderte mich sehr, weil ich mir vorkam wie in einer amerikanischen Mustervorstadt, so mit mustergültiger Grundschule, Kindergarten, Spielplatz und so weiter. Es ist mir erst an der Beschriftung der Schulen als Aboriginal School und so weiter aufgefallen, wo ich bin. Alles pico bello sauber, wie frisch geleckt, aber nicht ein einziger Mensch zu sehen. Wie eine Geisterstadt, wie tot. Bis ich mal in einen Kiosk gegangen bin, um etwas zu trinken zu kaufen. Verkäuferin Aborigine. Ich fragte, warum in dieser Stadt niemand lebe. Oh, sagte sie, die Stadt sei voll. Die Hälfte sei extern arbeiten, die andere zuhause. Der Punkt sei, dass ich niemanden gesehen hätte, aber tausend Leute mich gesehen hätten. Die Kinder seien in der Schule im Unterricht.
Das traditionelle Leben funktioniert nicht mehr. Deshalb haben vor ein paar Jahren junge, technikaffine Aborigines angefangen, die Erzählungen der Alten, und damit auch die Sprachen, auf Video aufzunehmen, weil klar war, dass diese nicht mehr lange leben würden, es aber niemanden mehr gab, der ihnen zugehört hatte. Sie konnte ihr Wissen und die Sprachen nicht weitergeben. Erstaunlicherweise fanden die Alten das Projekt gut und machten bereitwillig mit. Somit besteht ein wichtiger Teil der Tradition inzwischen aus diesen Videoaufnahmen. Es ist eine Vorlage für die KI, um deren Kultur zu „lernen“.
Es gab mal einen Bericht über einen afrikanischen Informatikstudenten, der in den USA studiert und KI lernt, und dessen ganz persönliches Problem war, dass er mit seiner eigenen Mutter nicht sprechen konnte, weil diese nur irgendeine abgefahrene Stammessprache spricht und er diese eben nicht. Irgendwie hat er es geschafft, einer KI die Sprache beizubringen und kann sich nun per KI mit Leuten unterhalten, die diese Sprache noch sprechen. Erinnert an den Babelfisch und den Universalübersetzer vom Raumschiff Enterprise.
Bei den Pueblo-Indianern erzählte ein Häuptling, wo man übrigens auch fast niemanden im Dorf sah, aber alle die Besucher beobeachteten, auf meine Frage, wo er sie in 200 Jahren sehe, dass er die Frage nicht verstehe, weil sie nicht in der Zukunft und nicht in der Vergangenheit lebten, sondern nur im hier und jetzt, und sich deshalb über so etwas überhaupt keine Gedanken machen. Die Frage ist bei ihnen gar nicht stellbar. Er sagte aber – vorher, deshalb hatte ich gefragt – auch, dass sie Nachwuchssorgen haben, weil nur noch die Hälfte der Jugend auf die traditionelle Weise leben will, die andere Hälfte in die Städte zieht um zu arbeiten. „Traditionell“ hieß bei ihnen, dass jedes dieser traditionellen Häuser Fernseher und Klimaanlage hatte und vor jedem Haus ein moderner großer Pickup stand.
Und in Deutschland schreibt sich ein einsamer Blogger die Finger wund, dass von unserer Kultur bald nichts mehr übrig ist und sie schon jetzt schwindsüchtig und tuberkulös ist.
Könnte es also sein, dass diese riesigen amerikanischen KI-Rechenzentren, die gerade hochgezogen werden, der einzige Ort sind, an dem deutsche Kultur, deutsche Sprache, deutsche Musik, deutsche Kochrezepte, deutsch Literatur erhalten bleiben?