Ansichten eines Informatikers

Demokratie – wie und wo man sie fühlen kann

Hadmut
11.7.2026 19:29

Fällt mir gerade so spontan ein. Ist aber ganz wichtig, so von unten aus dem Gedärm herauf.

Wie man vielleicht gemerkt hat, bin ich die letzten Wochen im Blog etwas kürzer angebunden als sonst, weil ich gerade über alle Ohren zu tun habe mit Fristsachen und der Erstellung von Texten. Deshalb auch noch keine Bilder von Mykonos. Kommt alles noch irgendwann, wenn ich Zeit habe, auch wenn es mir in der Seele weh tut, das nicht sofort und zeitnah zu machen.

Jedenfalls kam ich gerade wieder an einer Stelle vorbei, in der es darum ging, dass unsere Regierung keinen blassen Schimmer davon hat, was das Wort „Demokratie“ bedeutet und stattdessen lauter Mist darüber erzählt, und den Quatsch dann „Unsere Demokratie“ nennt.

Mir ging dabei Zypern durch den Kopf. Die Taxi-Fahrt, bei der Taxifahrer mir als Deutschem gegenüber mal sein Herz ausgeschüttet und so richtig vom Leder gezogen hat. Die Deutschen. Die EU. Sie, die Griechen, die Zyprioten, sie hätten die Demokratia erfunden. Und jetzt kämen diese Armleuchter von der EU und aus Deutschland, und wollten ihnen erzählen, was Demokratie bedeute.

Demokratie ist unheimlich wichtig. Wenn in Zypern irgendwo öffentlich gebaut wird, stehen da Bauzäune auf denen ein offizielles Logo wie ein Siegel prankt, auf dem steht, dass hier die Demokratia von Zypern baut. Das Volk. Demos.

Mir ging aber noch etwas anderes durch den Kopf.

Ich hatte doch beschrieben, dass ich Mykonos total enttäuschend und entsetzlich fand, und es der von Lesern empfohlene Tagesausflug auf die Nachbarinsel Delos war, der es herausgerissen hat. Der mir so gut gefallen hat, dass ich da gleich zweimal hin bin.

Auf Delos gibt es eine – für damalige Verhältnisse – große Ruinenstadt, die auch noch verblüffend gut erhalten ist, und die einem einen ziemlich guten Eindruck davon vermittelt, wie die damals gelebt haben. Und das gar nicht mal so schlecht, von der Kriminalität abgesehen. Viele Häuser hatten gar keine Fenster, damit man da nicht hinterrücks einbrechen und überfallen kann. Ein reicher Schnösel hatte sogar ein eigenes Wachzimmer sogar mit mit Eisen vergittertem Fenster, damit die von drinnen sehen konnten, wer sich draußen auf der Straße herumtreibt.

Ich will aber auf etwas anderes hinaus.

Zu den beeindruckendsten Bauten in der antiken Stadt von Delos gehört das Amphitheater. Das ist ziemlich groß, in einem auf den ersten Blick erstaunlich guten Zustand und wirkt an Stellen wie den Treppen oder den Abschlüssen der – ergonomisch geformten! – Sitzbänke der ersten Sitzreihe für die Prominenz samt Abwasserkanälen und Treppenaufgängen sogar erstaunlich modern.

Man bekommt aber gesagt, dass das gar nicht mehr in einem so guten Zustand sei, wie es wirkt, weil es ursprünglich doppelt so groß war und die obere Hälfte eingestürzt ist. Das, was man noch sieht, sei nur die untere, erhaltene Hälfte.

Ich habe mal versucht, von da unten eine Rede zu halten. Sauschwer, weil man da noch den Wind und die Windgeräusche vom Meer hat. Damals sind die großen Redner entstanden, weil es ein eigener Beruf war, sich in so einem Theater überhaupt verständlich zu machen. Demosthenes wird nachgesagt, dass er Steine in den Mund nahm und damit gegen das Meer anbrüllte, um sein Stottern zu heilen und die Stimme zu stärken. Steht man in diesem Theater auf Delos, dann weiß man auch, warum. Da muss man sehr laut sein und deutlich reden, um überhaupt gehört werden zu können.

Dasselbe Thema hatte ich ja schon zum Forum Romanum beschrieben, wo man vermutet, dass es da „Repeater“ gab, Leute, die das, was vorne gesprochen wurde, wiederholte. Zu Mussolinis Umgang mit dem Hall hatte ich ja auch schon geschrieben.

Man bekommt dort auch gesagt, dass nahezu jede Stadt des alten Griechenlandes ein solches Theater hatte, das war einfach Standard. Das brauchte man.

Auch auf Zypern gibt es noch einige dieser alten Amphitheater. Aber nicht als Ruinen, sondern in gepflegtem Zustand, denn die halten darin immer noch gelegentlich Veranstaltungen ab. Die verwenden die einfach weiter. Ich habe es aber noch nicht geschafft, eine Veranstaltung in so einem Theater zu besuchen. Beim Besichtigen von Wohnungen war ich sogar mal in einer neueren Wohnanlage, in der es für die Bewohner ein kleines, neu gebautes Amphitheater gab, damit die da Veranstaltungen abhalten können.

Man bekommt da, besonders auf Delos, wo man ja auch die alten Häuser noch sieht und merkt, wie nah das war, dass das Theater direkt am Ende der Hauptstraße stand, dass das eigentlich – mangels Fernsehen und so weiter – eine Selbstverständlichkeit war, dass sich die Bürger der Stadt häufig in diesem Theater versammelten, um dort Angelegenheiten und Neuigkeiten zu besprechen und darüber abzustimmen.

In diesen Ruinen sieht, hört, spürt man förmlich, was Demokratie ist, wie sie sich anfühlt, wie sie funktioniert. Die Erörterung in der Öffentlichkeit, in der sich jeder zur Sache äußern kann und darf, wo abgestimmt wird.

KI-Zusammenfassung: Unter einem Scherbengericht (Ostrakismos) versteht man ein politisches Abstimmungsverfahren im antiken Athen. Athener Bürger konnten mittels eingeritzter Tonscherben unliebsame oder zu mächtige Politiker für zehn Jahre aus der Stadt verbannen. Dies diente dem Schutz der jungen Demokratie vor möglichen Tyrannen.

Es gibt Orte, an denen man die Demokratie sehen, fühlen, hören, sich erlaufen kann.

Und das ist dann auch nicht einfach nur eine Reise.

Das ist Bildung.