Der seltsame Fall der Jeniffer Castro aus Brasilien
Gerade hatte ich über die neuen Sitten in Berlin geschrieben, da stoße ich auf einen genau dazu passenden Fall aus Brasilien.
Jeniffer Castro, 29, eine einfache, unbeachtliche Bankangestellte, saß am 4. Dezember 2024 auf einem bis dahin ebenso unbeachtlichen Flug der Linie GOL Airlines. Sie hatte extra dafür bezahlt, einen Sitzplatz am Fenster zu reservieren.
Aber, ach.
Als sie sich auf ihren Platz setzen wollte, saß da schon ein Kind. Sie wollte aber auf ihrem Platz sitzen und deshalb, dass das Kind aufsteht und sich auf seinen richtigen Platz setzt. Es wird berichtet, dass das Kind geschrien habe, aber die Berichte sind nicht so detailliert, dass man daraus entnehmen könnte, ob das Kind da schon schrie, oder ob es schrie, weil es nicht am Fenster sitzen durfte.
Solche Situationen kenne ich. Ich hatte ja auch mal Ärger in einem Flugzeug voller Niederländer, in dem eine Niederländerin auf meinem Sitzplatz saß und nicht nur sie, sondern viele Niederländer im Flugzeug nicht einsehen konnten, dass man sich im Flugzeug auf den Platz setzt, der auf dem Ticket steht, und nicht einfach irgendwohin, und dass ich ja nicht im Gang stehen bleiben kann, weil ich nicht sehen konnte, wo noch etwas frei ist. Die gehörte zu einer Gruppe von Freundinnen, die zusammen flogen, aber leider bei der Platzwahl teils über das ganze Flugzeug verteilt worden waren. Eine von ihnen war aber nicht mitgereist, und sie meinten dann, dass der Platz bezahlt sei und sie deshalb frei darüber verfügen und sie sich auf den Platz der nicht mitgereisten Freundin setzen könnte, um bei ihren anderen Freundinnen zu sitzen. Sie waren nicht in der Lage, einzusehen, dass der Computer den Sitzplatz als frei angesehen hatte, weil die Freundin nicht eingecheckt hatte, und den Platz als den einzigen freien Platz mir zugewiesen hatte, weil mein Flug von Kapstadt nach Amsterdam 6 Stunden Verspätung und ich deshalb meinen Anschlussflug nach Berlin verpasst und in einen späteren Anschlussflug umgebucht werden musste. Der Computer meinte, „passt, da ist noch einer frei, da setz’ ich den Danisch hin“, was dann zu einem erheblichen Streit zwischen der Cabin Crew und den Niederländern geführt hatte, auch Unbeteiligten. Weil der Streit aber auf niederländisch ausgetragen worden war und ich praktisch nichts verstanden hatte, hatte ich mir das beim Aussteigen von der Purserin nochmal erklären lassen, was da eigentlich zum Streit geführt habe. Die hatte mir das dann erklärt, dass die meinte, sich könne sich einfach auf den Platz ihrer Freundin setzen, weil die das Ticket doch bezahlt habe und sie deshalb über den Platz frei verfügen könnten. Sie meinte, solche Streitereien haben sie ständig, die Leute seien wirklich nicht in der Lage, das zu kapieren, dass die Sitzplätze anderweitig vergeben werden und sie sich für nur eine Stunde einfach mal auf den Platz setzen sollten, der auf der Bordkarte steht. Ich hatte ja neulich auch von einem Zypern-Berlin-Flug von dieser patriarchalisch geführten (norddeutschen) Großfamilie berichtet, die nicht begreifen konnte, dass ein Flugzeug nicht deren Wohnzimmer ist und sie sich nicht aufführen können wie zuhause in ihrer Wohnung. Flugzeuge sind eine Angelegenheit, die viele Leute charakterlich und mental hoffnungslos überfordert. Was Flugangst angeht, habe ich weit mehr Angst vor den Passagieren als vor Versagen der Crew oder der Technik. So viele Menschen in einer Blechbüchse zusammengesperrt ist per se ein Krisenzustand, der darauf wartet, zu eskalieren. Menschen und Blechbüchsen sind nicht füreinander gemacht.
In diesem brasilianischen Flugzeug ging es dann genau so weiter, wie mir das kürzlich im LIDL passierte. Und so ähnlich wie im niederländischen Flugzeug. Auch Supermärkte überfordern manche Leute intellektuell und mental, sind ein Krisenzustand am Rande des Eskalierens.
Ein unbeteiligter Dritter mischte sich ein und ging die Frau dafür an, weil sie einfach nur auf ihrem Platz sitzen wollte. Man filmte sie als die Böse und stellte sich dann als die böse Hexe in die Social Media. Ein Shitstorm brach über sie herein. Sie verlor ihren Job, verließ lange Zeit ihre Wohnung nicht mehr. Klage gegen Fluglinie und den Dritten, der sie gefilmt hatte. Großer Bericht in der Daily Mail.
Since she had selected the window seat in advance, she expected the child to move to another seat.
‘I waited for him to correctly accommodate himself in another seat, and then I sat down in my seat,’ Jeniffer recalled.
The situation escalated when someone began filming the Castro without her consent, she said.
‘Throughout the flight, the child cried a lot, which, although uncomfortable, is understandable when traveling,’ she recalled.
‘What surprised me was the fact that a person who had nothing to do with the situation started filming me without permission, insulting me and trying to publicly embarrass me simply because I didn’t want to change seats.’
The viral video led to widespread public backlash, which Jeniffer said had severe consequences for her mental health and professional career.
‘My reaction was complete shock,’ she said. ‘I never imagined that something so simple could take on such proportions.
‘Professionally, my life has changed a lot, so much so that today I am no longer in the field I worked in before,’ she added.
‘I was a banker. In my personal life, at the height of the repercussions, I practically didn’t leave the house.’
But it wasn’t all bad press for Jeniffer, as her steadfastness endeared her to some netizens leading her to unexpectedly achieve social media fame with her Instagram following skyrocketing to 2.1million.
And this opened up a new revenue path as she locked down multiple brand deals as an influencer, Jeniffer said.
Despite this, in response to the public scrutiny and the unauthorized filming, the 29-year-old said she decided to take legal action and has officially filed against GOL Airlines, to seek compensation for distress and damages caused by the ordeal.
The budding influencer also said she has filed against the fellow passenger who filed her.
Sie ist jetzt irgendwas mit Social Media und verdient womöglich sogar mehr als vorher, letztlich könnte ihr die Publizität sogar – vorrübergehend – genutzt haben.
Was aber sehr deutlich wird, ist, dass wir in einem Zeitalter angekommen sind, in dem Regeln und Ordnung nicht mehr gelten, und jeder meint, seine persönlichen moralischen Vorstellungen entweder mit Gewalt oder mit der Kamera und Social-Media-Shitstorms durchsetzen zu müssen, können, dürfen. Im Prinzip fallen wir damit wieder vom Zeitalter der Zivilisation in das des Rechtes des Stärkeren zurück.
Leider wurde nicht bekannt, wer der Idiot war, der das gefilmt hatte und meinte, per Social Media Selbstjustiz zu üben. Wäre ich die Fluglinie gewesen, hätte ich den auf die Sperrliste gesetzt.
Schaut man aber in die Social Media, gibt es eine Menge Leute, die ausfällig werden und meinen, sie sei zwar rein rechtlich im Recht gewesen, aber nicht moralisch. Moralisch hätte sie den Sitzplatz aufgeben müssen. Eine nachvollziehbare Erklärung dafür habe ich noch nicht gefunden. Aber es gibt so eine neue Pseudomoral, wonach man Kinder nicht erziehen muss und sie alles dürfen, auch jeden behindern und belästigen, so wie es mir neulich in einem Supermarkt gegangen ist.