Ansichten eines Informatikers

„Was halten Sie von Ubuntu 26.04?“

Hadmut
1.5.2026 22:04

Ich solle mal was dazu schreiben, schreibt ein Leser.

Vor über zwei Wochen schrieb mir einer:

Was halten Sie als (auch) Ubuntu Benutzender von dem Youtube-Clip “Stop Celebrating Ubuntu 26.04 — It’s a Disaster“, insbesondere der Minimalforderung von 6GB Hauptspeicher und der Einzementierung von Snap dadurch, dass das Audiosubsystem Pipewire in einem solchen Container ausgeliefert wird und daher fürderhin der Einsatz von Snap in einer Ubuntu-Installation installiert wird? (Beides sind unternehmerische Entscheidungen von Canonical, die mich frappant an Windows 11 und TPM 2.0 erinnern.)

Ich habe mir das Video angesehen, mir aber verkniffen, etwas dazu zu schreiben, bevor Ubuntu 26.04 überhaupt erschienen ist. Normalerweise teste ich immer schon die Beta, dafür hatte ich dieses Jahr aber keine Zeit.

Um mal barsch anzufangen: Ich halte das Video für Bullshit. Der hat keine Ahnung und will sich wichtig machen. Man soll nicht jedes Video ernst nehmen, das irgendwer auf Youtube rotzt. Es gibt zwar einiges an Kritik an Ubuntu, aber der Typ trifft da nichts.

6GB RAM – Mehr Speicherbedarf als Windows:
Viel Spaß auch mit Windows auf 4GB.

Ich muss das mal so direkt sagen, aber wer heute noch mit 4GB RAM loslegen will, der ist 10 Jahre hinterher. Das ist ein völliges Quatschargument. Ich selbst halte 16GB inzwischen für viele einfache Anwendungen gerade noch so für ausreichend, benutze dann, wenn ich es frei wählen kann, 32 oder 64GB. Ich habe zwar noch Rechner mit 8GB im Einsatz, aber nur für Nischenanwendungen, beispielsweise wenn ich in die Bibliothek gehe.

Linux und die Applikationen sind so wahnsinnig an Funktionen gewachsen, dass die einfach mehr Speicher brauchen, und das hat nichts mit Ubuntu zu tun. Mir passiert es beim Bloggen immer wieder, dass mir auf einem 32GB-RAM-Recher der Speicher knapp wird, weil ich zu viele Firefox-Tabs offen habe und Firefox enorm viel Speicher belegt. Thunderbird auch. Das kann man aber nicht Ubuntu anlasten, und auch nicht, dass sie da einfach ehrlicher als Microsoft sind.

Kommt halt auch immer drauf an, was man macht.

Aber: Im Gegensatz zu Windows gibt es bei Ubuntu auch noch die Versionen mit dünnerem Desktop wie Lubuntu und Xubuntu, die mit weniger Speicher auskommen.

Während man für Windows immer ziemlich aktuelle Rechner verwenden muss, läuft Linux/Ubuntu normalerweise auch auf 10 oder gar 15 Jahre alten Rechnern. Ich hatte schon Ubuntu auf Rechnern, auf denen Windows und MacOS nicht mehr lief, weil sie nicht mehr unterstützt wurden.

Das Argument ist einfach Quatsch.

Rewrite der Core-Utils
Wird ja nicht von Ubuntu gemacht, verstehe nicht, warum er das Ubuntu anlastet.

Davon abgesehen halte ich es aber für richtig, die nach 25 Jahren neu zu schreiben, zumal viele der Utilties noch aus der Zeit um 1990 stammen und in sehr verschiedenen Programmierstilen geschrieben sind und voller Altlasten stecken. Etwa, wie man damals noch „./configure“ aufrief, um all die Macros für das jeweilige Unix anzupassen, obwohl es viele dieser Unix-Varianten längst nicht mehr gibt. Warum soll man heute noch Code mitschleppen, der noch auf IRIX läuft, obwohl das 2006 eingestellt wurde?

Außerdem wissen wir heute sehr viel mehr über Bedrohungen und Angriffe und haben ein ganz anderes Gefährungsniveau. Ich halte es deshalb für wichtig und richtig, den ganzen Kram in einer Sprache neu zu schreiben, die im Gegensatz zu C Speicherverletzungen abfängt und viele weitere Programmierfehler verhindert, und damit auch wieder „wartbar“ wird.

Wayland statt X11
Ich habe 26.04 noch nicht ausprobiert, bin gerade an der ersten Installation, habe aber 25.10 intensiv benutzt und die unterscheiden sich da kaum. X11 wurde 1987 erfunden und ist für heutige Anwendungen ein Flaschenhals und veraltet, ein wesentlicher Nachteil von Linux gegenüber anderen Betriebssystemen, außerdem ein Haufen von Altlasten, weil man die Anforderungen damals ganz anders einschätzte. Ein X11-Server hat viele Funktionen, die nie verwendet wurden, und beispielsweise Fonts oder Graphiken haben sich auch stark verändert. Außerdem ist X11 zumindest in seiner Normalversion eigentlich gar nicht videotauglich. Ich verstehe auch nicht, warum er da auf Ubuntu schimpft, andere sind schon früher umgestiegen, etwa Fedora.
snaps
Er regt sich mehrfach über die Snaps auf, die statt Ubuntu-/Debianpaketen verwendet werden.

Ich bin mit snap auch nicht glücklich, da wurden einige Entwurfsfehler gemacht.

Aber: Software hat sich verändert. Die Release-Zyklen sind heute ganz andere, und die Komplexität der Abhängigkeiten nicht mehr zu beherrschen. Ein Beispiel, bei dem ich selbst einige Probleme hatte, ist RabbitMQ. Dessen Autoren sind hochgradig ignorant und rücksichtlos, und bauen in kurzen Abständen Versionen, auf die man innerhalb von Ubuntu-Releases nicht abgraden kann, weil sie zu oft erscheinen, die man aber auch nicht überspringen kann, weil die Datenbank von jeder einzelnen Version aktualisiert werden muss. Man braucht Paketsysteme, die das abfangen können.

Aus solchen Problemen heraus hat sich beispielsweise Docker entwickelt, das aber kein Paketsystem ist, auch wenn es inzwischen oft so verwendet wird.

Eine Alternative ist Flatpak. Flatpak ist aber per Design nur für graphische Applikationen und nicht für Serverdienste und ähnliches.

Wie sollte man es also machen?

Man brauchte ein System, mit dem man Applikationen unabhängig von der Ubuntu-Release einpacken konnte, weil es viel zu viel Arbeitsaufwand ist, die für jede einzelne Ubuntu-Version zu packetieren und anzubieten.

Ich halte das für ziemlichen Quatsch, was der da blubbert. Der hat wenig Ahnung, will aber ein Aufreger-Video machen. Weil das so in Mode ist, Videos zu machen, in denen vor irgendwas gewarnt wird. Clickbait.

Vor allem stört mich daran, dass der Typ nicht merkt, dass vieles, was er beklagt, Versuche sind, mit schwindender Arbeitsleistung klarzukommen. Der will altes Zeug ohne Update, merkt aber nicht, wieviel Pflegeaufwand das verursacht. Warum macht er nicht eine Distribution, die nach seinem Geschmack ist?

Ubuntu hat enorme Probleme. Die damit zusammenhängen, dass sie nicht genug Arbeitsleistung haben. Normalerweise habe ich die letzten Jahre Lubuntu oder Xubuntu verwendet, weil ich LXDE/LXQT oder XFCE viel lieber mag. Der kommen aber beide nicht mehr in die Pötte, weil sie zuwenig Arbeitsleistung haben, und hängen beide immer noch auf X11, können eigentlich nur noch maintenance machen, aber nicht mehr fortentwickeln.

Ubuntu Desktop gefällt mir nicht so, weil Gnome bis 2 meine Lieblingsoberfläche war, mir Gnome 3 aber nicht gefällt.

Deshalb verwende ich längst KDE, obwohl mir KDE nicht gefällt, viel zu over-engineered, viel zu viele Funktionen, von denen viele nur nerven. Aber: Das ist gut gepflegt, da funktioniert alles, das läuft mit Wayland. Das ist ein Vorwurf, den man erheben muss, dass sie sich in zu viele Desktops verzetteln, obwohl sie die Arbeitsleistung dafür nicht mehr haben.

Nein, mir gefällt auch vieles an Ubuntu nicht (mehr). Aber es sind gänzlich andere Dinge als der Typ da anmeckert. Und die Frage stellt sich, was man als Alternative nehmen würde, in Zeiten, in denen die Arbeitsleistung schrumpft und viele Projekte nur noch im Maintenance-Mode sind, wenn überhaupt, und alles von Quotenhonks übernommen wurde. Wer soll denn all die vielen Desktops und Distributionen noch pflegen, wenn gleichzeitig die Zahl der Entwickler und die Arbeitsmoral rapide sinken?

Eine Alternative wäre beispielsweise Fedora. Mit ihren ungefähr-Halbjahres-Zyklen sind sie ziemlich aktuell. Ich hatte ja schon mit Kinoite (die immutable-Version) herumgespielt, die zwar gut geflegt ist, aber auch deutliche Probleme hat und nur zum empfehlen ist, wenn man mit der Grundinstallation klar kommt.

Für Applikationen verwenden die Flatpak. Das scheint deutlich kommoder zu sein als snap, aber ist eben nur für graphische Anwendungen geeignet. Und es teilt sich mit snap das Problem, dass man bei vielen Paketen schlicht nicht weiß, woher die kommen und wie vertrauenswürdig die Quelle sein kann. Und beim offiziellen Flatpak-Repo ist auch manches Schrott, ungepflegt oder verschwindet einfach.

Ja, es gibt deutliche Mängel bei Ubuntu.

Nein, dem Video kann ich nicht zustimmen, ich halte das für Quatsch. Da will einer motzen und hat zuwenig Ahnung dafür. Das ist nicht haltbar, was der da moppert.