Stillstand
Eine Leserzuschrift.
Land verlassen
Hallo Herr Danisch
Ich würde es ihnen gönnen, von hier nach dort zu kommen. Aber ich bitte Sie den Moment nicht zu verpassen. Irgendwann steht unsere Zivilisation still, wie bei einer Uhr. Sie muss dann neu aufgezogen werden. Vielleich ist nach dem Aufzug es ja hier wieder lebenswert und die Moral wieder auf 12 Uhr eingestellt.
Viel Glück
Mir ist jetzt nicht ganz klar, ob er damit sagen will „schnell weg, bevor es zu spät ist“ oder „bleib da, es wird wieder besser“.
Ich glaube, nicht, dass es wieder besser wird.
Nach dem Dritten Reich wurde es danach wieder besser, weil die Last weg und die Leute noch da waren, soweit nicht im Krieg gefallen. Aber wenn ich hier durch die Stadt gehe, dann sehe ich nicht, wie diese Zivilisation wieder leben können soll.
Und selbst wenn: Ganz sicher nicht mehr zu meinen Lebzeiten. Zivilisation fängt im Kindergarten, in der Schule an, und da funktioniert nichts mehr, geht es steil bergab. Wir wüssten ja noch nicht einmal mehr, wo wir noch ordentliche, taugliche Lehrer herbekommen sollen. Selbst die, die dafür noch taugten, wären ja nicht so blöd, sich dafür noch zu opfern.
Ich stimme dem Gedanken, dass wir einen Gesellschaftseinsturz, ein Ende des Systems brauchen, damit es wieder besser werden kann, so wie man die Nazis nur durch den Untergang los wurde. Aber es ist ja dann kaum jemand mehr da, der diese Zivilisation sein könnte. Das müsste ja alles innerhalb von 10 Jahren passieren, damit ich noch etwas davon haben könnte. Wie soll das gehen?
Abgesehen davon, dass ich gar nicht mehr daran glaube und überzeugt bin, dass wir hier für lange, lange Zeit den Peak Zivilisation und die beste Zeit der Menschheit erlebt haben und jetzt nichts mehr kommt, was dabeiseinswürdig wäre, wüsste ich nicht, wie das früher als in vier, fünf, sechs Generationen wieder gelingen können sollte.
Wir haben außerdem noch ein anderes Problem:
Frühere Generationen haben ihr Wissen dauerhaft aufbewahrt, dokumentiert. Wir können noch 2000 Jahre alte Schriften finden und lesen.
Das, was wir heute produzieren, hält keine 50 Jahre lang. Da brauchen wir nur einen großen Stromausfall oder eine Dürre in der Versorgung mit Speichermedien, und dann war es das erst einmal. Unser aufgebauten Wissen wird nicht überdauern. Sollte es die Menschheit überhaupt schaffen, wird es Jahrhunderte dauern, das alles neu zu erforschen.
Ehrlich gesagt, glaube ich aber nicht daran. Das wird jetzt ziemlich finster werden und in eine primitive Gewaltgesellschaft zurückfallen, in der nur noch Gewalt, Korruption und elementare Alltagsbedürfnisse zählen.
Man wird, solange die Ruinen halten, einfache, vollgestopfte Unterkünfte haben, ein paar Lebensmittel, etwas Kleidung. Sonst nichts. So, wie man das aus Slums und Townships kennt. Strom nur noch gelegentlich.