Die Feminismus-Rochade
Und wieder mal ist plötzlich alles anders.
Erinnert Ihr Euch noch?
So ungefähr 25 Jahre lang wurden Männer als Sexisten, Patriarchen, Unterdrücker, Ausgrenzer, Alte weiße Männer und so weit und so fort beschimpft, wenn ein Mann einer Frau die Tür aufhielt oder ihr in den Mantel half. Man würde damit ja unterstellen, dass Frauen schwach seien, und damit Geschlechterstereotype reproduzieren. Sozialismus eben. Irgendwo stand mal, dass es in der DDR zu Ärger und Strafverfolgung führte, wenn man auf der Autobahn fuhr und von der rechten auf die linke Spur wechselte, um einen auf die Autobahn auffahren zu lassen, weil man damit unterstellte, dass man stärker und nicht gleich sei.
Der informierte Mann hielt schon lange keiner Frau mehr die Tür auf, allein schon aus Sorge um den Fall, es könnte ein Bild von 1936 auftauchen, auf dem ein Nazi einer Frau die Tür aufhält. Oder die Feministinnen und Genderistinnen würden ihm die Augen auskratzen, er seinen Job und seine gesellschaftliche Stellen verlieren, die Antifa ihm auflauern.
Und so ganz plötzlich:
Unsere Kolumnistin schämt sich für die Männer ihrer Generation. Sie halten sich für längst aufgeklärt, schaffen es aber noch nicht mal, einer Frau die Tür aufzuhalten. Anders als die angeblich so rückständigen Boomer. https://t.co/iQ1Ptx9WlG
— Frankfurter Allgemeine (@faznet) April 22, 2026
Ich habe die performative Härte der Gen X jahrzehntelang als natürlich hingenommen, nach dem Motto: So sind Männer halt. Doch diese neue Männergeneration zeigt vor laufender Kamera, wie konstruiert unser Bild von Männlichkeit ist. Und sie entlarvt damit zugleich das verlogen-feministische Selbstverständnis der Generation X, gerade im Vergleich zu den angeblich so rückständigen Boomern.
Genau wie Christian Ulmen halten sich Gen-X-Männer für ultrafeministisch. Doch was wir damals Feminismus nannten, war eher seine Abwesenheit in attraktiver Verpackung. Die Kulturwissenschaftlerin Angela McRobbie hat dafür den Begriff des Postfeminismus geprägt. Konsum- und Popkultur griffen das Bild von weiblicher Freiheit und Autonomie auf und schufen ein Narrativ, in dem der Feminismus längst gewonnen hatte – und damit nicht mehr gebraucht wurde.
Dieser MTV-Feminismus kam den Männern unserer Generation sehr gelegen. Sie mussten gar nichts tun – außer zuschauen und sich dabei aufgeklärt fühlen. Die Gen-X-Männer glauben, sie seien per se gut zu Frauen. Ein Beispiel: der Moderator Mola Adebisi, wie er über den After-Baby-Body seiner Frau spricht. In einem Podcast hat er gerade erklärt, er habe „unheimlich Glück gehabt“ – das Kind sei 16 Monate alt, und bereits nach sechs Tagen habe seine Frau wieder ausgesehen, als hätte sie nie ein Kind bekommen. Es hagelte Kritik. Adebisis Reaktion: Er habe das doch als Kompliment gemeint. Als der Shitstorm nicht abebben wollte, schaltete er einen Anwalt ein.
[…]
Ich glaube, deswegen sind Gen-X-Männer von der Gegenwart gekränkt: Aus ihrer Sicht sind sie schon längst aufgeklärt. Doch heute müssen sie sich mit der Normalisierung von Dingen wie Klimakrise, Psychoanalyse und Feminismus herumschlagen. Sie sollen weniger Fleisch essen, über ihre Gefühle reden und Frauen die Hälfte von allem abgeben. Das Türaufhalten und In-den-Mantel-Helfen der Boomer mag anachronistisch wirken, würde den Männern der Generation X aber nicht einfallen. Feminismus bedeutet für sie, dass sie unhöflich sein dürfen, weil: Frauen – wolltet ihr nicht befreit sein? Dann könnt ihr auch eure Umzugskartons selbst schleppen.
Wenn ich diese heute 50-Jährigen in ihren Adidasjacken auf den Flohmärkten, mit ausgefahrenen Ellenbogen nach Drei-???-Kassetten wühlen sehe, schäme ich mich für sie, weil sie sich in ihrem unreflektiert-kindlichen Gebaren auch noch rebellisch vorkommen. Sie sind manisch darauf bedacht, ihr Connaisseurtum in Sachen Popkultur zu pflegen, und merken dabei nicht, dass dieses Connaisseurtum inzwischen selbst überholt ist.
Aha.
Rund 25 Jahre lang wurde auf Männer eingeprügelt, um ihnen die Männlichkeit auszutreiben, sie zu feministischen Jammerlappen und Heulsusen umzubauen, die alles respektieren und tolerieren, aber eben auch alles für gleich halten und sich niemals in die Belange anderer einmischen, auf dass diese sich niemals diskriminiert fühlen. Jahrelang hat man auf Männer als sexistisch eingedroschen, wenn sie Frauen die Tür aufhielten.
Und jetzt beklagt man sich, dass Männer genauso so sind, wie man sie sich gemacht hat: Leute, die die Unterhosen mit Hosenträgern tragen. Geliefert wie bestellt.
Jetzt beklagt man sich, dass Männer Frauen feministisch respektieren und fördern, aber ihnen nicht mehr die Tür aufhalten. Dabei war das doch genau das Ziel, der Inhalt der Erziehung.
Nun sind Männer genau so, wie Frauen sie haben wollten – und wer ist dran schuld? Nicht etwa der Feminismus oder die Frauen, sondern – wie immer, noch nie waren Feministen jemals selbst für irgendetwas verantwortlich – die Männer selbst. Die Männer sind jetzt dran schuld, dass sie so sind, wie Frauen sie haben wollten.
Sie erzählen sich gern Sexgeschichten, sind aber nicht in der Lage, über Gefühle zu reden. Sie spielen mit den Requisiten queerer Subkultur, wenn sie sich ihre kleinen Fingernägel schwarz lackieren, finden das Genderverbot in Bayern aber ganz gut. Sie haben bis 30 studiert, die Häuser inklusive Midcentury-Interieur ihrer bösen Boomer-Eltern geerbt, fühlen sich aber betrogen, wenn in ihrem Unternehmen über die Anschaffung von Tamponspendern gesprochen wird. Da lobe ich mir wieder einmal die konsternierten Blicke der Boomer: Denen bereitet schon das Wort „Tamponspender“ solches Unbehagen, dass sie den Beschaffungsantrag der Gen-Z-Praktikantin beim Controlling schnell durchwinken.
Es scheint, als würden die Gen-X-Männer dem gleichen Dilemma wie ihrem Lieblingsfilm anheimfallen: „The Big Lebowski“. Der Film kann eigentlich als Dekonstruktion von Männlichkeit gelesen werden, doch das daraus entstandene Fandom reproduziert genau die Männlichkeitskultur, die der Film angeblich unterläuft. Die Lebowski-Fests, das „Dudeism“ als Quasireligion, die White-Russian-Trinkerkultur, das endlose Zitieren von Männerdialogen – die Gen-X-Männergemeinschaft hat aus einem vermeintlich subversiven Film ein Bro-Ritual gebaut.
Meine männlichen Freunde weigern sich bis heute, mit mir GNTM zu schauen. Eines ihrer Argumente: Das ist doch voll sexistisch.
Man muss den Feminismus eigentlich gar nicht als dumm beschimpfen. Das macht er schon selbst. Feminismus ist so dumm, dass man Feministinnen brauchte, um ihn zu erschaffen. Jetzt sollen sie sich die Türen eben selbst aufhalten. Bedenke, worum Du bittest. Es könnte Dir gewährt werden. Und fangt endlich mal damit an, dass Frauen für den Mist, den sie bauen, selbst verantwortlich sind, und nicht immer der nächstgreifbare Mann.
Eine andere Frage ist freilich: Wer kauft eigentlich noch die FAZ, bei dem Quatsch, den die drucken?