Hilfe! Ich werde taub!
Medientaub.
Ich werde medientaub.
Wisst Ihr, was mir am Wochenende mit dem Doppelgeschrei zur Rheinland-Pfalz-Wahl und zum Collien-Fernandes-Feminismus-Lynchmob so auffiel?
Ich werde alterstaub.
Medientaub.
Ich lese und lese, aus jeder Ecke schreit es, lauter Leute, die eigentlich nichts, aber grundsätzlich alles besser wissen, und jeder schreit. Es gab mal den Spruch „Es wurde schon alles gesagt, nur noch nicht von jedem.“ Inzwischen wird stündlich alles von jedem gesagt.
Das an sich wäre noch nicht so schlimm, wenn es schlau wäre.
Aber die meisten Leute tragen nur noch ihre Dummheit zu Markte. Die Schreiintensität verhält sich reziprok zur Sachkunde. Es wirkt, als müssten die Leute umso schneller und umso lauter schreien, je weniger Ahnung sie von der Sache haben.
Ich sehe vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr.
Ich höre vor lauter Geschrei die Meinung nicht mehr.
Es fällt mir zunehmen schwer, aus diesem Massensgeschrei noch greifbare, konkrete, bearbeitungswürdige Inhalte herauszuschälen. Ich finde oft nicht mal mehr den Usprung, weil jeder inzwischen abschreibt, plagiiert, retweetet. Selbst wenn eine Äußerung wichtig erscheint, finde ich oft erst mit langer Suche oder auch gar nicht, woher sie eigentlich kommt. Wer sie als erster getan hat. Von welcher Agentur sie in Umlauf gesetzt wurde.
Ich weiß nicht, ob das an mir selbst liegt, ob ich alt werde. Ich hatte die letzten Wochen sehr, sehr viel Arbeit (noch nicht berichtsreif, aber bald), und war entsprechend überarbeitet. Ich hatte versucht, das Blog nicht zu sehr zu vernachlässigen, und mir zumindest aktuelle, wichtige Themen vorzunehmen.
Die Recherche kam mir vor, als müsste ich mit einem Stecken und in Gummistiefeln auf einer Müllhalde nach Essbarem suchen.
Jeder schreit was.
(Fast) Keiner weiß was.
Alles stinkt.
Als hätten wir so eine Art Informationsvermüllung.
Oder: Als wollte jemand den Brunnen „Social Media/Alternative Medien“ vergiften.
Mir ging die Frage durch den Kopf, ob es in der Causa Ulmen/Fernandes vielleicht gar nicht mal nur um das naheliegende Gesetz zu Klarnamen ging. Sondern ob das vielleicht auch eine Art Not-Wahlkampf zu Rheinland-Pfalz war, ein letztes Aufbäumen. Und ob das eine Art Honey-Pot, eine Falle war, damit sich wirklich jeder irgendwie äußert und man dann auswerten kann, wer ein strammer Sozialist ist und jeden Mist bestätigt, und wer eben nicht.
Erstaunlich viele Leute haben so wenig Ahnung, dass sie noch nicht einmal merken, dass sie keine Ahnung haben. Weil inzwischen eine Debattenkultur gebaut wird, in der sich wirklich jeder zu allem äußert, und zwar allein aus moralischer Empörung heraus. Sachkunde, überhaupt zu wissen, was denn die vorgeworfene Tat sein soll, ist nicht mehr erforderlich. Die Leitkuh gibt vor, welche Sau heute durchs Dorf gejagt wird, und die Schafherde macht mit.
Es geht nicht mehr darum, was passiert ist. Ob es falsch oder richtig ist. Wie es juristisch zu sehen ist.
Es geht nur noch darum, dass die Schafherde zu jedem x-beliebigen Kommando im Chor synchron mitblökt.
Mir fällt aber auf, dass die Schafherde doch nicht völlig homogen aus mitblökenden Schafen besteht. Schaut man ganz genau hin, dann mischen sich unter die Schafe auch Meinungswächter, die systematisch jeden angreifen, der anderer Meinung ist. Man bekommt eine drauf oder sogar Haue, als wäre man eine Frau, die im Iran ohne Kopftuch rumläuft. Schon wie eine Schafherde. Aber eine Schafherde mit Hütehunden, die sich als Schafe tarnen.
Und ich stehe da, mir dröhnen die Ohren, ich höre nur noch Schafe blöken. Und ein paar Hunde bellen.
Und ich frage mich, ob genau das das Ziel ist.
Doch muss ich leider feststellen, dass ich merke, dass ich inzwischen medientaub werde.