Vom „Anerkennen von Fakten“
Aktuelles aus der Rudelmechanik.
Ein Leser schreibt mir:
Hallo Herr Danisch,
Ich lese ihren Blog täglich und einige ihrer Blogeinträge sind wirklich klasse. Was mich jedoch immer wieder enttäuscht, ist die Tatsache, dass ein unbestreitbar intelligenter Mensch wie Sie auf einigen Gebieten anscheinend nicht in der Lage ist rational zu analysieren. Ich schenke es mir auf die Gebiete auf die sich ihre Blindheit bezieht zu benennen, aus ihren Antworten auf ähnliche Mails anderer Blogleser weiß ich dass Sie schlicht nicht in der Lage sind, warum auch immer,gewisse Fakten anzuerkennen.
ohne jeglichen Hinweis, worauf sich das bezieht und was „gewisse Fakten“ sind.
Da stimmt die Erwartungshaltung nicht.
Ein Punkt ist, dass ich unter Fakten etwas anderes verstehe als andere Leute. Fakten kann man nämlich nicht „anerkennen“ wie einen Staat oder eine Forderung, Fakten kann man nur beobachten. Fakten sind nicht anerkennungsfähig oder -abhängig. Sie sind da oder sie sind nicht da.
Beispiel: Ein Berg. Hängt die Existenz der Zugspitze davon ab, ob ich sie anerkenne? Nein. Die ist da, ob ich will oder nicht. Man kann versuchen, dagegen und hindurch zu rennen, als wäre da nichts. Und man wird merken: Aua, da ist was.
Fakten sind nicht anerkennungsfähig, genausowenig wie Wissenschaft konsensfähig ist.
Ich weiß zwar nicht, auf welches Thema sich das jetzt bezieht, aber es wird sehr deutlich, dass man von mir einen Konsens, eine Konsenskonformität erwartet. Ich soll zustimmen und mit den Wölfen heulen. Irgendwer hat irgendwo irgendetwas beschlossen. Und weil man mich gerne liest (parasozialer Effekt) erwartet man von mir, dass ich mich in das Rudel einordne. Obwohl ich nicht einmal weiß, worum es geht.
Geht so nicht.
Will ich auch nicht.
Außerdem ist eine Anerkennung so bindend, so irreversibel. Wenn ich falsche Schlüsse ziehe oder mich verrechne, dann kann ich zugeben, dass es Mist war und mich korrigieren. Wenn ich etwas anerkenne, dann nicht mehr.
Und noch viel außerdemiger: Wem gegenüber soll ich etwas „anerkennen“? Eine Anerkenntnis ist ein Erklärung, die man abgibt. Ich fände es ja nicht so schlimm, wenn die Leute forderten, dass ich etwas einsehen möge, weil das ein innerer Vorgang ist. Aber Anerkennen, als öffentliche Erklärung, als Bekenntnis? Wie käme ich dazu?
Die Argumentation „nicht in der Lage sind“
Wisst Ihr, was mir so richtig auf den Sack geht?
Leute, die mit so einer Erpressungskeule argumentieren. Die mich nicht von etwas zu überzeugen versuchen, indem sie zur Sache vortragen, sondern die mit sozialem oder anderem Druck versuchen, mich zu einer Erklärung zu nötigen. Die wollen mich nicht überzeugen, sondern mich per Ausgrenzungsandrohung zur Konformität zu zwingen. Wenn Du das nicht machst, dann bist Du blöd, dann darfst Du nicht mitspielen.
So „Du bist nicht in der Lage, anzuerkennen“.
Freilich bin ich in der Lage, etwas anzuerkennen. Ich bin wach und voll geschäftsfähig. Klar kann ich anerkennen.
Aber ich will nicht. Warum auch? Wozu?
Warum sind die Leute nicht in der Lage zu kapieren, dass es nicht daran hapert, dass ich nicht in der Lage wäre, sondern dass ich nicht überzeugt bin, nicht will? Weil ich das anders sehe als sie und gar nicht erst die Absicht habe, in ihrem Rudel mitzuspielen?
Erinnert mich an London: Ich bin mal in London im Vergnügungsviertel abends die Straße entlang gegangen. Plötzlich gurkt mich einer von der Seite an, Türsteher, also in dem Aufzug käme ich bei ihm nicht rein. Da habe ich ihn gefragt, wie er denn auf den Gedanken käme, dass ich ihn sein komisches Loch da rein wolle. Ja, jeder wolle da rein, aber nicht jeder käme rein. Falsch, sage ich, ich will da überhaupt nicht rein, ich will ganz woanders hin. Sein Dresscode sei mir scheißegal, er möge mir aus dem Weg gehen. Guckte mich an als wäre ich ein Außerirdischer.
Wieso glauben die Leute eigentlich immer, man wäre auf ihre Gegen-Anerkenntnis aus? Man würde ihre Tribe-Zeichen übernehmen?
Noch dazu von Leuten, die ich gar nicht kenne, und von denen ich nicht weiß, was die überhaupt machen und meinen?
Wisst Ihr, warum mir das so auf den Sack geht?
Weil ich das große Latinum habe. (Jetzt guckt Ihr …)
Im Latein hat man sich das nämlich überlegt. Das Verb persuadere hat zwei unterschiedliche Bedeutungen, je nachdem, wie es grammatikalisch verwendet wird. Steht es mit einem Accusativus cum Infinitivo (AcI), im Deutschen ein Nebensatz mit dass … , dann heißt es überzeugen. Steht es mit ut und Konjunktiv, dann heißt es überreden, etwas zu tun.
- Man überzeugt jemanden, dass etwas so und so ist.
- Man überredet jemanden, etwas zu tun.
Das ist ein wichtiger Unterschied. Wenn ich jemanden von etwas überzeuge, dann ist das, wovon ich ihn überzeuge, etwas, was zeitlich in der Vergangenheit oder zeitlos ist. Physik, der Apfel fällt. Der Hund ist tot. Dann ist das, was passiert ist, kausal, und die Überzeugung die Konsequenz.
Wenn ich aber jemanden überrede, dann, etwas zu tun, was in der Zukunft liegt. Dann ist das überreden kausal, und die Handlung die Konsequenz.
Deshalb geht das nicht, wenn Leute mich drängen, irgendwelche Tatsachen anzuerkennen. Weil man mich von Tatsachen nur überzeugen könnte und nicht zu deren Anerkennung bringen, weil das ein überreden wäre.
Das waren so die Dinge, die man auf einem altsprachlichen humanistischen Gymnasium lernte. Heute nicht mehr so.
Äußerungsrecht
Was Leute auch nicht kapieren: Denken und Sagen sind in diesem Land zweierlei. Man darf nicht alles sagen, was man denkt.
Ich sage schon nicht alles, was ich denke.
Ich halte es aber für eine Unverschämtheit, wenn mich Leute mit solchen Taktiken dazu drängen wollen, dass ich sage, was sie denken. Und dafür die Verantwortung übernehme.
Ich habe mal gesagt, dass ich den Islam nicht für eine Religion halte, weil nach meiner Defition Religion ist, das zu tun und zu lassen, woran man selbst glaubt, der Islam für mich aber ist, das tun und lassen zu müssen, woran andere glauben.
So ist das im Prinzip auch mit der Meinungsfreiheit: Meinungsfreiheit ist, zu sagen, was man selbst meint, und nicht, sagen zu müssen, was andere meinen.