Ansichten eines Informatikers

Der Iran

Hadmut
8.3.2026 14:02

Schade eigentlich.

Seit über zehn oder fünfzehn Jahren steht der Iran eigentlich auf der Liste meiner Reiseziele. Eigentlich.

Denn ebenso eigentlich, eigentlich noch viel eigentlicher, ist das seltsam, denn eigentlich weiß ich praktisch gar nichts über den Iran. Ich hatte auf einer der Australienreisen im australischen Fernsehen eine Folge einer Natursendung über den Iran gesehen (unklar, ob die ganze Serie oder nur diese eine Folge vom Iran handelte), so in der Art von Heinz Sielmann oder Andreas Kieling.

Und habe gestaunt. Ich hatte vorher (auch nie danach) Bilder gesehen, wie es außerhalb der Städte im Iran aussieht. Der Iran ist ein unglaublich schönes Land, mit atemberaubender Flora, Fauna und Natur. Für Natur- und Tierfilmer ein Paradies. Ich saß da vor dem Fernseher und habe mich gefragt, warum so etwas in Deutschland nie zeigt. Damals hatte ich den Entschluss gefasst, dass ich da mal hin muss.

Kurioserweise hatten mich viel der Iraner im Studentenwohnheim (ich hatte als Student lange Zeit eine Zottelfrisur und einen langen Rauschebart bis zur Brust) für einen Iraner gehalten, weil „Danisch“ ein im Iran sehr bekannter und verbreiteter Name ist, die hatten da mal eine Dynastie namens Danisch-mand, und das heißt „Gelehrter“. Hadmut hört sich an wie Mahmoud, und dann der Bart – Iraner haben mich für einen Iraner gehalten. Sogar in der Uni-Bibliothek hatten sie mir meinen Bibliotheksausweis irrtümlich auf jährliche Verlängerung gesetzt, was nur für Ausländer gilt, weil sie mich irrtümlich für einen Iraner gehalten hatten. Als ich mal einen fragte, wie das sein könne, meine Haare und mein Bart seien nicht schwarz, meine Haut ganz hell, ich sähe doch gar nicht aus wie ein Iraner, sagte der mir: Doch! Nordiran. Im Norden des Irans sähen die Leute so aus wie ich. Solange ich den Mund nicht aufmachte, könnte ich im Nordiran herumlaufen und keiner würde mich für einen Fremden halten. Und dann noch der Name. Deshalb hielten mich so viele Iraner für einen ebensolchen. Ich hatte den Bart aber nicht mehr lange. (Aus anderen Gründen.)

Ich habe nicht viele Iraner kennengelernt. Aber leider waren die meist, vorsichtig ausgedrückt, schwierig. Irgendwie so kompliziert undurchsichtig pseudohöflich, und selbst sehr, wie sagt man, etepetete.

Zur Folklore im Studentenwohnheim gehörte, dass es da viele blutige Messerstechereien gegeben habe, weil sich vor und zur Zeit des Sturzes des Schahs dessen Anhänger und dessen Gegner auch im Wohnheim in Karlsruhe blutige Schlachten geliefert hätten.

In der Firma, in der ich um die Jahrtausendwende war, hatten wir jedes Jahr einen Stand auf der CeBIT, mal mehr, mal weniger groß.

In einem Jahr (2000 oder 2001) hatten wir so einen richtig teuren, richtig großen, dreietagigen schicken Angeberstand. Und dazu hatte die Abteilung für Werbung und PR so richtig Geld rausgehauen, und – wie man das eben so macht – nicht nur einen riesigen teuren Messestand gemietet und Werbematerial hingestellt, sondern auch Messehostessen bei der Agentur bestellt. Halt so hübsche Mädels in schicken, knappen Klamotten, die in vorderster Reihe als Blickfang und Ansprechpartner stehen, während wir in zweiter Linie und dann drinnen im Stand die Fachgespräche führen, und die Vertriebsabteilung dann Angebote macht und so weiter. Wie man das damals eben noch so machte.

Unter diesen Messehostessen waren zwei iranische Studentinnen, die sich da was verdienen wollten. Viele Messehostessen sind Studentinnen, die sich so etwas verdienen.

Hübsch, charmant, aber sehr, sehr schwierig. Man konnte eigentlich gar nichts sagen, was die nicht irgendwie als gegen sie gerichtet auslegten und missverstanden. Schön anzusehen, aber reden konnte man mit denen nicht. Egal, was man sagte, sie waren von allem eingeschnappt und so leicht-beleidigt. Irgendwie immer beleidigt, oder wie sich Deutsche herausnehmen könnten, irgendetwas über … Iran, Wetter, was auch immer … zu sagen. Egal, was man sagte, es war für sie immer verkehrt und daneben. Als ob es gar nicht darauf ankommt, was man sagt, sondern es schon ausrecht, dass ein Deutscher es sagt. Nicht auszukommen mit denen. Keiner kam mit denen aus.

Am zweiten oder dritten Tag gab es dann den großen Knall und sie verschwanden einfach.

Auslöser war eine Panne der – wohlgemerkt, ausschließlich aus Frauen bestehenden – Werbe und PR-Abteilung, die den Messestand leitete. Kein Mann daran beteiligt.

Die Firma hatte damals ein Problem. Man hatte nämlich vor Gericht den Streit um den Namen verloren, weil irgendeine unbeachtliche winzige Modemfirma, die keiner kannte, denselben Namen etwas vorher mal verwendet hatte. Keine Sau kannte die, aber die hatten darauf spekuliert, sich ihre Namensrechte vergolden zu lassen. Weil wir aber aufgekauft worden waren und sowieso bald den Namen wechselten, hatte man das nicht getan und stattdessen als billigste Lösung den Prozess einfach verloren. Wir durften deshalb gerade noch bis nach dieser CeBIT den Namen verwenden, Monatsende. Danach nicht mehr.

Weil dieselbe Werbe- und PR-Abteilung aber auf einem großen Kellerraum voller Werbeartikel mit eben jenem Namen drauf saß, hatte sie uns angewiesen, das Zeug auf der CeBIT loszuwerden, und auf keinen Fall mehr zurückzubringen, dann hätten wir nur noch die Entsorgungskosten am Hals. Das Zeug muss raus, egal wie. Also haben wir Mousepads, Kugelschreiber, Notizblöcke verteilt wie bekloppt. Und sind abends nach Messeschluss an andere Stände gegangen, um Regenschirme zu tauschen, weil wir als Mitarbeiter ja selbst nicht mehr mit dem dann verbotenen Firmennamen hätten rumlaufen dürfen. Ich hatte danach für Jahre genug Regenschirme, und ich glaube einen dieser Tauschbeuteschirme noch heute. Und es ist überaus erstaunlich, mit welcher Geschwindigkeit ein Stapel Mousepads „verdunstet“, wenn man ihn absichtlich unbewacht ganz vorne hinstellt.

Nun gab es aber auch ein Problemprodukt. Die Werbeabteilung – ausschließlich Frauen, kein Mann – als Werbeartikel auch Kondome gekauft und mit Logo und Spruch bedruckt. Irgendwas mit „Sicherheit“, weil wir doch Firewalls und Virenschutz verkauften. Mit … sind Sie sicher! Allerdings so, dass man es nicht gleich erkannt hat, so ein gefaltetes Pappschildchen drum. Man musste es aufmachen, um zu sehen, dass ein Kondom drin ist. Und das hatte auf zwei Messen zuvor für Mörderärger gesorgt. Weil nämlich die Leute Werbegeschenke massenhaft einstecken, ohne sie anzuschauen. Man nimmt, was man greifen kann (war zumindest damals so). Also steckten sich viele Männer Mousepads, Kugelschreiber, Pfefferminz, aber eben auch Kondome ein, ohne es zu merken. Zuhause hat dann die Gattin die Taschen des Gatten geleert um Mantel oder Sakko wieder aufzuhängen, in der Tasche jede Menge Kondome gefunden und technikfern nicht gemerkt, dass die Werbung für einen Internetanbieter steht. Und weil in den Zeitungen damals auch stand, dass aus ganz Deutschland Huren in Hannover zusammengezogen werden, um den Messebedarf zu befriedigen (wir hatten einmal abends, hundemüde, richtig Streit mit dem Taxifahrer, weil der uns gegen unseren Willen unbedingt zum Bordell fahren wollte, weil er finanziell auf deren Provision angewiesen sei). Kann sich nur um Besucher handeln, denn als Standpersonal ist man abends gerädert und will eigentlich nur noch kurz was essen und sich schlafen legen, weil man am nächste Morgen in der Frühe wieder fit sein muss. Aber die Gattinnen dachten dann, der Gatte sei zur CeBIT gefahren, um sich durch die Bordelle zu bumsen. Zweimal passiert. Das gab riesigen Streit und Eheprobleme. Deshalb durften Kondome nicht mehr ausgegeben werden.

Was aber damit tun? Aufgedruckten Namen darf man nicht mehr verwenden. Ein Verfallsdatum haben sie auch. Und Entsorgungskosten will man auch nicht haben. Also hat man sie an die Mitarbeiter verteilt.

Die Abteilung hatte für jeden Mitarbeiter einen Messerucksack gepackt. Ein Handtuch (mit Firmenlogo, muss weg). Kölnisch Wasser. Erfrischungstücher. Zahnbürste. Taschentücher, Pfefferminz. Kaugummi. Alle wichtigen Informationen. Was man so braucht. Und natürlich – die Dinger mussten irgendwie weg, egal wie – eine Handvoll Kondome. „Euch wird schon was einfallen, was man damit machen kann.“.

Nun hatte man – unbedacht – auch jeder der Hostessen so einen Rucksack geschenkt.

Zuerst hatten die sich auch artig bedankt und den nur in ihr Fach gestellt. Abends in der Unterkunft haben sie dann aber wohl reingesehen, den Inhalt inspiziert, und hatten die Kondome nicht als Geschenk oder Werbekrempel aufgefasst, sondern so verstanden, als würde die Firma von ihnen für das Honorar verlangen, mit den Männern am Stand zu bumsen. Deshalb auch das Handtuch.

Oh, gab das einen Streit. Je mehr wir versuchten, ihnen zu erklären, dass das Unfug sei, desto wütender wurden die. Es gibt Leute, die in einen Modus geraten, indem sie alles, egal was man ihnen sagt, für den Beweis ihrer Auffassung halten. Kein vernünftiges Wort mehr möglich.

Die Werbechefin wurde sauer und sagte, dass das so nicht geht, mit dem Auftreten könnten sie nicht als Messehostess fungieren – und dann waren sie weg. Weil sie meinten, jetzt würde ihnen auch noch verboten, empört zu sein. Ersatz kurzfristig nicht mehr zu bekommen.

Das hatte noch eine gewisse Komik.

Etwas ganz anderes hatte ich früher im Studentenwohnheim erlebt.

Wir hatten mal einen Iraner auf dem Flur. Ein Riesen-Kerl von einem Mann, groß, breit, schwer, stark wie ein Bär. So ein Brocken. Und immer extrem freundlich, immer lächelnd, aber immer so aufgesetzt, unglaubwürdig, übermäßig, wie einen Löffel zuviel Zucker im Tee. Aber: Immer zu jedem sehr freundlich, höflich, zuvorkommend. Eigentlich erstaunlich unproblematisch.

Eines Abends dann passierte es.

Wir hatten damals ein paar Kühlschränke in und vor der Küche, in denen jeder vom Flur sein eigenes Fach hatte.

Der Iraner hatte sein Fach immer voll, weil er viel selbst gekocht hat.

Ich dagegen hatte mein Fach meist nicht mal halb voll, weil ich wenig gekocht habe, ich war so ein Mensa-Gänger.

An diesem Tag stand in meinem Fach eine fremde Butterdose. Seine, das wusste ich aber nicht. Das war aber auch völlig egal, denn das störte mich nicht und war so üblich, dass wenn ein Fach nicht reicht, man es zu den anderen stellte, ich hatte ja auch genug Platz, und das überhaupt nicht weiter zur Kenntnis genommen, auch nichts gesagt oder geguckt. Alles, was ich getan hatte, war, die Butterdose mit dem Finger ein bisschen zur Seite zu schieben, weil ich etwas herausnehmen wollte, was hinter der Butterdose lag.

Und dann explodierte der.

Weil ich seine Butterdose angefasst hätte. (In meinem Fach. Ich wusste nicht einmal, dass es seine war.)

Der wollte mich gleich umbringen. Hat er auch laut gebrüllt. Und dann, dass er uns alle umbringt.

Glücklicherweise war gerade Abendkochen und alle da, wir haben fünf durchtrainierte Männer gebraucht, um den Kerl zu bändigen und zu Boden zu bringen.

Und dann brach das aus dem raus. Er bringt uns alle um. Er habe keine Angst vor der Polizei, deutsche Gefängnisse seien für ihn ein Witz. Er habe jahrelang im Iran im Gefängnis gesessen und sei gefoltert worden, da könnten ihn deutsche Gefängnisse nicht schrecken.

Der Mann hatte schwerste psychische Probleme, die lange Zeit zurückgehalten, und dann ist das irgendwann geplatzt. Der Mann war im Iran gefoltert worden, und das nicht nur einmal, und hatte auch dazu passende Narben. Irgendwie war der da raus- und als Gaststudent nach Deutschland gekommen, und konnte es überhaupt nicht ertragen, dass wir da so ein lockeres, leichtes, lustiges Leben hatten und über alles Witze machten. Und auch noch jeder mit jedem. Und zu allem Überfluss: Wir hatten auch noch einen türkischen und einen palästinensischen Muslim, die aber mit dem Islam gar nichts am Hut hatten und bei uns voll mitgealbert hatten und an der lustigen Flurstimmung mitgemacht hatten, was für ihn auch unerträglich war. Die ganze Situation, das gesamte Umfeld war für den überhaupt nicht zu ertragen.

In gewisser Hinsicht fand er es eigentlich schlimmer, in Deutschland sein zu müssen als im iranischen Gefängnis.

Der musste aus politischen Gründen den Iran verlassen, war eigentlich erzkonservativ, musste deshalb in der für ihn so fremden Welt in Deutschland unterkommen, kam aber mit dem Leben in Deutschland nicht zurecht. Also so locker, zum Lachen, alles Ulk, Stimmung, Musik, alle gemischt, Männer und Frauen in derselben Dusche und so weiter und so fort. Ich weiß heute nicht mehr, ob ich zu dem Zeitpunkt den Bart noch hatte. Der wusste ja, dass ich Deutscher bin. Ob ihn das irgendwie provoziert hatte, dass ich nach Aussagen anderer Iraner wie ein Iraner aussehe? Vielleicht wie einer der Folterknechte? Ich weiß es nicht. Ich habe es nie herausgefunden.

Der konnte nicht ertragen, dass es uns gut geht, und hier alles lieb und nett ist, wir über alles Witze machen. Er hatte monatelang versucht, an der guten Laune teilzunehmen, indem er lächelte und freundlich war, aber es ist nicht gelungen. Das war die Hölle für den. Der hatte erwartet, dass wir alle an seiner Depression, an seinem Leid, an seiner Welttrauer teilnehmen. Obwohl wir von der Sache nicht einmal wussten.

Wir hatten schon überlegt, ob wir die Polizei rufen, denn wie sollte es weitergehen auf einem Flur, wenn einer brüllt, er will alle umbringen.

Seine deutsche Freundin kam dazu. Er hatte mit einer Deutschen angebändelt, die auf dem Heiratsmarkt hier, sagen wir mal, sehr chancenarm gewesen wäre, und die so einen Samariterdrang hatte, wohl auch froh war, dass sie einen abbekommen hat, und sich mit ihm eingelassen hatte. Sie sagte, sie regelt das, sie bekäme das hin, wir sollten das ihr überlassen. Sie habe ausreichend Kontrolle über ihn und das im Griff. Die wohnte da mit ihm zusammen im Zimmer.

Tatsächlich haben wir dann wochenlang nur noch sie gesehen, ernsten Blickes aber unversehrt, und er schien das Zimmer nicht mehr verlassen zu haben. Nach ein paar Wochen tauchte er verstohlen und wortlos wieder auf, erkennbar aber immer noch in psychischer Ausnahmesituation, tat so, als wäre nichts gewesen, aber alles merklich hochnotpeinlich für ihn. Nach einigen Wochen sind die beiden dann auch ausgezogen und ich habe die nie wieder gesehen.

Man kann sicherlich nicht einen auf alle verallgemeinern. Ich will ja auch nicht mit irgendeinem Malle-Deutschen auf eine Stufe gestellt werden.

Trotzdem hat das einen sehr bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen und mir veranschaulicht, wo da die Probleme liegen, auf welcher Ebene das stattfindet. Und seit dem Tag habe ich dann auch diese Erzählungen von den früheren Messerstechereien im Wohnheim (HaDiKo) mit gänzlich anderen Augen gesehen und die auch nicht mehr für übertrieben gehalten.

Alle drei, sowohl der auf dem Flur im Studentenwohnheim, als auch die beiden Messehostessen ein paar Jahre später, haben bei mir den Eindruck hinterlassen, dass sie sich im sittenverlotterten Deutschland extrem unwohl fühlen, und unsere offenen Sitten, ob nun im Wohnheim rumzukaspern, Witze zu reißen und alle zusammen nackig unter die Dusche zu gehen, oder eben ohne jeden Hintergedanken jedem Mitarbeiter einen Haufen Kondome zu schenken, jedenfalls für diese drei Leute völlig unerträglich waren und die sich hier wie in der Hölle fühlten, dass es für sie wie eine Strafe war, in Deutschland sein zu müssen.

Besonders seltsam daran, geradezu paradox war, dass die beiden Frauen sich doch sehr darüber freuten, dass sie hier unverschleiert und ihn sehr knappen Klamotten herumlaufen dürfen (es waren ihre eigenen und sie hatten die selbst ausgesucht und das wollten die auch so), und für den Mann hier keine Gefahr der Folter mehr bestand, er „sicher“ war.

Eigentlich hätte es allen dreien hier doch gefallen müssen, wenn man rationale Gründe anlegt.

Tat es aber nicht. Alle drei waren hier völlig „auf dem falschen Dampfer“.

Beide Erlebnisse trugen dazu bei, dass ich diese „Diversitätsbegeisterung“ nicht nachvollziehen kann. Es funktioniert nicht, Leute einfach so in einen anderen Kulturraum zu stecken.