Ansichten eines Informatikers

Die Gier nach Kriegsberichterstattung

Hadmut
2.3.2026 22:13

Wie ich es mache, ist es verkehrt.

Ein Leser beschwert sich:

Hisbollah greift Zypern an – und bloggst über Feminismus ???

Hallo Hadmut,

is natürlich deine Sache über was du so schreibst, aber ich hatte heute mit etwas Kriegsberichterstattung gerechnet.

Die Hisbollah hat eine RAF-Basis angegriffen und Tehran drohnt Zypern mit einem Flächbombardement.

siehe: https://www.dailymail.co.uk/news/article-15606015/RAF-base-Cyprus-issues-imminent-security-threat-alert-warns-servicemen-families-cover-braces-fresh-attacks-overnight-Iran-drone-strike.html

Also, wenn ich nix mehr von dir lese, habe ich eine Idee, was der Grund sein könnte. 😉

Tja.

Wäre ich jetzt auf Zypern, dann wüsste ich, wen ich da persönlich fragen könnte. Ich habe jemanden in der Nachbarschaft, der über sowas Bescheid weiß. Ich weiß aber nicht, ob der antworten dürfte und würde.

Ich bin aber – aus ganz anderem Grund – seit ein paar Tagen in Berlin. Zufall.

Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich froh sein soll oder mich darüber ärgern, jetzt nicht auf Zypern zu sein. Gerade wenn ich die Fotos und Videos vom Flughafen Paphos sehe, sozusagen mein „Hausflughafen“.

Also bin ich im Moment darauf angewiesen, die Medien zu verfolgen und mein allgemeines Zypern-Wissen einzusetzen. Ich kann gerade nicht mal eben zum britischen Standort fahren und gucken. Und es wäre im Moment auch keine so gute Idee, da herumzufotografieren. Das könnte Ärger geben, vor allem als Ausländer. Und ich bin mir sicher, dass ich das auch gar nicht erst zu versuchen bräuchte, weil die mit Sicherheit die Straßen dicht gemacht haben, weil sie vor ein paar Tagen Spione verhaftet haben.

ABER:

Nach allem, was ich da bisher in Erfahrung bringen konnte, gibt es da nicht viel zu berichten. Das wird im Moment weit übertrieben. Soweit zu erkennen, ist eine Drohne auf einer Startbahn des britischen Stützpunktes Akrotiri eingeschlagen und hat dort einen Schaden verursacht, der aber wohl nicht groß genug war, um die Bahn dauerhaft außer Funktion zu setzen.

Dass der Flughafen Paphos evakuiert (nicht geschlossen!) wurde, sei auf Sichtung von Drohnen zurückzuführen.

Nur: Der Flughafen ist nicht großräumig abgesichert. Da ist zwar ein Zaun außenherum, aber da kann man am Meer dran vorbeispazieren (naja, flach spazieren nicht überall, ein bisschen über Felsen kraxeln muss man an manchen Stellen schon). Da kommt man auf normalen Spazier- und Touristenwegen relativ nah dran.

Und dann kann jeder Heinz da mit Drohnen rumfliegen. Ist zwar verboten, aber nichts hindert einen.

Das können also alle möglichen Drohnen gewesen sein. Und ob die Raketen wirklich auf Zypern oder irgendwelche Schiffe gerichtet waren, ist auch unklar.

Oder anders gesagt: Dass ich keine Kriegsberichterstattung aus Zypern mache, liegt daran, dass ich auch nach sorgfältiger Verfolgung der Medien nichts gefunden habe, was es zu berichten gäbe. Da ist bisher außer einem Schaden an der Startbahn nicht viel passiert.

Fake News?

Immer wieder werfen mir Leute vor, ich wäre bei irgendwas auf Fake News oder KI reingefallen.

Bei dieser Sache prüfe ich aber sorgfältiger auf Plausibilität (und kann das wegen meines Ortswissens auch), und sehe, dass fast alles, was da gerade ventiliert wird, Fake, oder heiße Luft oder was auch immer ist.

Also berichte ich das nicht – und wieder ist es nicht in Ordnung.

Was soll ich denn berichten? Soll ich mir Fake News ausdenken? Oder irgendwas übertreiben?

Da ist bisher nichts passiert außer einem Schaden an einer Startbahn. Und es heißt, das wäre eine Drohne aus dem Libanon und nicht aus dem Iran gewesen.

Soll ich jede Stunde schreiben „Es ist noch nichts passiert…“?=

Interessant ist, dass die Griechen gerade Schiffe und Flugzeuge zum Schutz von Zypern abstellen. Das könnte ich aber auch nicht aus eigener Beobachtung berichten.

Was ich berichten kann, ist das:

Ein iranischer General behauptet, die Amerikaner hätten alle ihre Flugzeuge auf Zypern geparkt. Was ich für gar nicht plausibel halte, aber bitte. Manche Leute behaupten auch, ganz Zypern sei nur ein einziger großer unsinkbarer Flugzeugträger.

Und der droht nun, dass sie Zypern mit ganz vielen Missiles bombardieren werden.

Die zypriotische Regierung sagt „Ja, kann sein, aber nicht Zypern, wir haben damit nichts zu tun, sondern nur die britischen Standorte.“

Kann also durchaus sein, dass es noch etwas zu berichten gibt.

Bisher aber nicht.

Und selbst wenn da etwas passieren würde, wäre es sicherlich keine gute Idee, wenn ich als Ausländer da mit der Kamera rumlaufen würde, während die Polizei Spione verhaftet.

Leute fragten, ob es da Schutzräume gibt.

Ja. Es gibt sogar eine App dazu.

Aber: Ich habe zwar drei Schutzräume in Entfernungen, die ich in einer Viertelstunde zu Fuß erreichen könnte, aber die sind alle nicht groß und bis dahin mit Sicherheit mit Zyprioten gefüllt, und die würden sicherlich Frauen und Kindern Vorrang vor alten Ausländern gewähren.

Sollte es tatsächlich zu Angriffen kommen auch auf die Wohngegend, in der ich da wohne, obwohl es da überhaupt nichts Militärisches gibt, würde ich mich ins Auto setzen, Schlafsack und Notkram einpacken, und entweder an die Nordküste, hoch ins Gebirge oder in den türkischen Teil fahren. Oder irgendwohin, wo Schiffe anlegen können.

Zumal Paphos – außer seinem Flughafen – auch kein militärisches Ziel ist. Das ist die kleinste richtige Stadt, da gibt es aber militärisch gar nichts und der Hafen taugt nur für ein paar Fischer-, Touristen- und Sportboote. Und Opern.

Der Flughafen ist 20 Minuten mit dem Auto von Paphos weg, hat allerdings ein paar minimilitärische Quadratmeter, und die richtigen militärischen Angelegenheiten liegen alle östlich, 45 bis 60 Minuten mit dem Auto weg.

Die Gefahr sehe ich da also nicht.

Gefahr besteht allerdings insoweit, als es Warnungen der Tankstellen gab, dass die Preise steil gehen können, und die Regierung sagt, dass die Spritvorräte auf Zypern 2 Monate reichen. Das ist nicht so toll in einem Land, in dem wirklich alles auf dem Auto beruht. Insofern ärgert es mich, dass ich vor dem Abflug nicht getankt habe.

Und wenn man fies ist, könnte man die Trinkwasserversorgung leicht sabotieren.

Aber bisher gibt es schlicht (noch) nichts kriegszuberichten.

Außer, dass immer dann, wenn Krieg ist, mein Telefon nicht mehr gut klingt, weil Zypern an einer Stichleitung der Mittelmeerleitungen zwischen Nahost und Europa hängt. Und immer, wenn da Krieg wird, ist die Internetleitung wohl ausgelastet.

Wenn mein Telefon krächzt, weiß ich, morgen ist Krieg.

Sonst hätte ich da bisher nichts zu berichten.

Irgendwie habe ich aber den Eindruck, dass manche Leute gerade eine enorme Erwartungshaltung haben, dass ich jetzt live aus dem Kriegsgebiet berichte.

Aber das ist es halt nicht. Sorry.

Berlin

Ich sitze gerade in Berlin. Seit Freitag.

Es gehen jede Menge Meldungen herum, dass Benjamin Netanjahu in Berlin, im Adlon sitze.

Das wäre nicht völlig auszuschließen, das Adlon hat bekanntlich abgeschottete Räume mit eigenen, geheimen Fahrstühlen, an die das normale Reichvolk nicht drankommt. Ich habe keine Ahnung, wer Gast im Adlon ist.

Schaut oder fragt man aber nach, worauf diese Meldungen beruhen, dann findet man:

  • Das Regierungsflugzeug von Israel wurde aus Sicherheitsgründen in Berlin geparkt, nachdem es wohl über dem Mittelmeer gekreist habe und es dort keiner habe haben wollen. Der Flieger steht am BER.
  • Es gibt ein Foto, auf dem viele Polizeiautos mit Blaulicht vor dem Adlon stehen.

Mehr ist nicht da. Also gar keine Grundlage.

Daraus folgern viele, dass Netanjahu in Berlin sei.

Als ob Netanjahu im Kriegsfall mit einen Flugzeug flöge und über dem Mittelmeer Kreise zöge, auf dem groß „Israel“ draufsteht. Da könnte er auch gleich eine Zielscheibe draufmalen.

Und die Wahrscheinlichkeit, dass er sich dann, wenn er in Berlin wäre, ausgerechnet ins Adlon setzen würde, das weder gepanzert ist, noch über die nötigen Kommunikationsmittel verfügt, wo ihn aber jeder entdecken und verraten könnte (z. B. Personal oder die Social Media), würde ich als gleich Null einschätzen.

Bundesregierung und Mossad würden den garantiert woanders unterbringen, wenn sie ihn hätten. Aber es gibt ja Aufnahmen und Aussagen, dass der in Israel sei.

Also: Haltet mal die Knochen ruhig.

Und gewöhnt Euch mal die Eskalationsgier und Sensationsgeilheit ab. Da werden gerade viel zu viele Nachrichten herumgepumpt, die keine sind. Klar, alle wollen jetzt Gruselberichte haben und sehen. Da ist aber – bisher – nichts.

Und deshalb habe ich auch keine Kriegsberichterstattung aus Zypern, weil da schlicht und einfach (noch) kein Krieg ist.

Im Gegenteil: Es war zu lesen, dass die zypriotische Regierung sauer ist, weil die britische Regierung ziemlich unprofessionell unnötige Panik verursacht habe. Es sieht so aus, als ob von der „Schutzmacht“ England nicht mehr viel übrig sei und stattdessen Zypern gerade die Griechen zu Hilfe kämen.

Es gibt Befürchtungen, dass Erdogan Kriegswirren nutzen könnte, um sich ganz Zypern zu greifen. Da haben aber die Griechen schon gesagt, dass sie Zypern mit allen Mitteln verteidigen würden.