Ansichten eines Informatikers

Die Post-Olympia-Depression

Hadmut
1.3.2026 17:24

Rein zufällig im Fernsehen gesehen:

Im „Ersten“ läuft gerade „Sportschau“, was ich normalerweise nie schaue. Lief gerade zufällig.

Sie haben einen nachdenklichen Bericht über „Olympia-Depresseionen“ – (Gold)Medaillengewinner berichten, dass sie von Olympischen Spielen, auf denen sie als Sieger gefeiert wurden, nach Hause kommen und schon nach zwei, drei Tagen einfach gar nichts mehr fühlen und dann Monate brauchen, um sich aus einem Tief herauszukämpfen. Die Leute „fallen in ein Loch“. Ausgerechnet Sieger, aber auch solche, die scheitern, fallen in postolympische Depressionen. Bei denen, die dort spektakulär oder dramatisch, stark oder knapp gescheitert sind, ist das verständlich. Aber die Sieger?

Mir kommt das sehr bekannt vor. Ich kenne den Effekt, aber viel kleiner.

Aus dem Studium.

Ich habe mich immer Volldampf auf Prüfungen vorbereitet, einige Wochen vorher angefangen, mir alle Literatur beschafft, und mir das Zeug rund um die Uhr reingedonnert. Und – im Gegensatz zu vielen anderen Leuten – hatte ich dabei eine eiserne Regel: Bücher, Material, Notizen, alles bleibt draußen bis nach der Prüfung. Weil ich die Verbindung zum Prüfungsstoff nicht verlieren und alles griffbereit halten wollte, falls ich doch noch etwas nachschauen will. Nicht selten wachte ich nachts um vier auf, hatte eine Frage, die nachgesehen, und mich dann wieder hingelegt und weitergeschlafen. Erst nach der Prüfung, wenn ich von der Prüfung zurückkam, habe ich das Zeug weggeräumt, ins Regal gestellt, abgeheftet, in die Bibliothek zurückgegeben, den Tisch wieder frei geräumt.

Und dann?

Dann steht man im Zimmer und weiß nicht, was man jetzt machen soll, weil das Hirn ein Thema ablegt. Deshalb hatte ich meistens den Prüfungsstoff am Tag nach der Prüfung plötzlich wieder „vergessen“, nicht mehr im Zugriff, bis der dann nach ein, zwei Wochen wieder „da“ war, aber auch im Hirn im Regal eingeräumt war, weil das Gehirn das irgendwie wegräumt. Irgendwie aus dem aktiven in das Langzeitgedächtnis umschaufelt.

Man steht da und weiß nicht mehr, was man jetzt eigentlich machen soll, weil das „Programm“ fehlt. Das geht aber nach ein, zwei Tagen wieder vorbei. Außerdem muss man ja aus dem Haus, um die Bücher in die Bibliothek zurück zu bringen, und im Zweifel hilft die Selbstdisziplin zu entschlossenem, wohlverdienten Nichtstun. Man muss sich dann auch einfach sagen, dass wenn einem partout nicht mehr einfällt, was man jetzt tun soll, man es dann auch einfach mal bleiben lässt, weil das ein Zeichen ist, dass man alles, was zu tun war, erledigt hat, und man nun durchaus auch mal einen Tag lang wirklich einfach gar nichts tun darf und kann. Oder kochen oder in der Küche quatschen oder sowas.

Einen sehr ähnlichen Effekt hatte ich oft nach langen, erlebnisreichen Reisen.

Ich habe die tollsten Dinge erlebt, kommen nach Hause, und es ist, als hätte ich gar nichts gemacht, nichts erlebt, bin nirgends gewesen. Ich wache morgens in meinem eigenen Bett und frage mich nur, in welchem Hotel, in welcher Stadt ich heute bin und habe nur ein einziges Problem: Verdammt, steige ich nach links oder nach rechts aus dem Bett?

Leute fragen mich „Wie war die Reise?“ – und ich weiß es nicht. Mir fällt nichts mehr ein.

Und dann dauert das vielleicht so eine Woche oder bis zu zwei – und plötzlich ist alles wieder da. Plötzlich habe ich – vermeintlich ohne Zutun – ein riesiges buntes Bilderbuch im Kopf von einer phantastischen Reise, die ich gemacht habe, von lauter tollen Dingen, die ich erlebt habe, die ich nie wieder vergesse – und mit denen ich Freunde nerve, weil ich mal wieder von Reisen erzähle. So wie „Opa erzählt vom Krieg“ – „Hadmut erzählt vom Reisen“.

Das Hirn speichert das Zeug irgendwie um, wenn der Druck weg ist.

Und weil die Vorbereitung auf olympische Spiele natürlich viel intensiver sind und viel länger dauern, die psychische Belastung natürlich viel, viel höher ist als bei einer Uni-Prüfung oder einer Reise, nehme ich an, dass das genau derselbe Effekt ist – nur eben sehr viel intensiver. Es ist ja auch eine Art Prüfung – nur eben Weltelite mit Milliarden Zuschauern.

Ich kann mir das sehr gut vorstellen.

Ich halte es aber – anders als die Sportschau – nicht für krankhaft oder psychosomatisch, sondern für eine normale Funktion des Gehirns und des Gedächtnisses, die aber bei der Überbelastung von olympischen Spielen auch übermäßig ausfällt.

Meines Erachtens sollte man darauf achten, dass solche Sportler nicht nur körperlich nachtrainieren (die hören ja auch nicht schlagartig auf), sondern auch deren Hirn nach den Spielen mit etwas zu beschäftigen. Normalerweise lässt man die einfach alleine, lässt ihnen mal ein paar Tage oder Wochen ohne Training zur Erholung, aber genau das dürfte das Problem sein.

Im Prinzip müsste man die Leute auch „psychisch abtrainieren“ und nicht hart in die Ruhe entlassen. Zum Beispiel könnte man die Leute einspannen, um Einführungsdokumentationen für ihre Sportart für Kinder zu machen. Oder mit denen in der Wochen nach den Spielen einen touristischen Videorundgang durch den Ort der Spiele. Einfach das Gehirn „nachkneten“, damit das nicht von der schlagartigen Entlastung stehen bleibt.

Sie zwar entlasten, aber nicht schlagartig „in Ruhe lassen“.

Dieses „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan. Der Mohr kann gehen.“ vermeiden.