„Enshittification“
Gestern abend erst hatte ich von Peak Computerisierung geschrieben,
heute das:
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— WELT (@welt) February 23, 2026
Warum das Internet immer schlechter wird – und das kein Zufall ist
Ist das Internet in einen Zustand digitaler Entropie eingetreten? Für immer mehr Nutzer fühlen sich die Produkte der großen Techgiganten immer schlechter an. Warum das System hat und was die Ursachen sein könnten.
Irgendwas stimmt mit dem Internet nicht. Instagram ist zur Slot-Maschine geworden, die schrille Clips, KI-Müll und Werbeanzeigen auf das Display schleudert. Amazon erschlägt den Kunden mit Sponsorings, Krimskrams und fummeliger Bedienung. Die Google-Suche endet immer öfter im digitalen Nirwana. Netflix ist mittlerweile mit Werbung so teuer wie noch vor wenigen Jahren ohne Werbung. Und das iPhone funktioniert irgendwie auch nicht mehr so richtig. Ist das einfach die natürliche Entwicklung von Unternehmen, die wachsen und wachsen, also schlicht eine Folge von Skalierung? Oder steckt doch eine Art digitale Entropie dahinter, ein langsames Ausfransen der Plattformen hin zu einem Zustand von Chaos?
Sie beschreiben ein Buch, „Enshittification“, dessen Autor Cory Doctorow das Phänomen beschreibt, dass in der IT gerade alles schlechter und nicht besser wird, und der das „Enshittification“ nennt, was sie aber sprachlich hilflos schlecht mit „Beschissenifizierung“ übersetzen.
„Enshittification“ beschreibt das Gefühl vieler Internetnutzer, dass digitale Räume einem beschleunigten Qualitätsverlust unterliegen. Doctorow liefert dazu eine Diagnose. In seinem jüngst erschienenen Buch „Enshittification“, das im Sommer auch auf Deutsch herauskommen soll, untersucht er, warum große Technologiekonzerne ihre Produkte schrittweise verschlechtern – mitunter sogar gezielt.
Es geht darum, dass gerade die Finanzkrise von 2008 und deren Gegenmaßnahme, die Zinsen bis auf Null zu senken, dazu geführt hat, dass man ein riesiges IT-Imperium entwickeln und auf Kredit reinbuttern konnte, das alles noch nutzerfreundlich, weil auf Wachstum ausgelegt war. Nun aber seien die Grenzen des Wachstums erreicht, und man geht daran, das alles durchzukommerzialisieren, weshalb da nun alles mit irgendwelchen Werbelayern und ständigen Rückfragen, ob man nicht auch noch dies und das kaufen will, überhäuft wird.
Seiner These nach haben die großen Internetunternehmen wie Meta, Amazon und Google im vergangenen Vierteljahrhundert vier Phasen durchlaufen. Zunächst waren Plattformen besonders nutzerfreundlich, das Ziel war schnelles Wachstum. Waren sind günstig, Dienstleistungen komfortabel, die Oberfläche meist werbefrei. Sobald eine kritische Masse erreicht war, verschoben sich in Phase zwei die Prioritäten. Die Plattformen begannen, Geschäftskunden zu bevorzugen, zahlende Partner erlangten Vorteile, die organische Reichweite sank. Ziel war es, die Geschäftskunden an die Plattform zu binden und Abhängigkeiten zu erzeugen.
Und ich glaube, dass das so nicht stimmt. Oder, besser gesagt, schon stimmt, aber nicht der wesentliche, der kausale Grund ist.
Meiner Beobachtung nach hat das alles noch gut funktioniert, als und solange das Internet die Sache der Nerds und Opensource-Entwickler war.
Als das Ding aber zum Massenphänomen wurde, ist das Ding
- qualitativ abgestürzt,
- in einen fatalen wirtschaftlichen Wettbewerb und damit eine oberflächenhafte Featuritis geraten
- haben jede Menge Leute, vor allem Linke, Feministen usw., die keine Ahnung haben, das Sagen übernommen.
Und anstatt die Sachen inhaltlich zu warten und fähige Leute einzustellen, hat man immer mehr inkompetentes Personal eingestellt und Vorgesetzte, die in Geschäftsmodellen, aber nicht technisch denken. Man hat fatale Entwicklungsmodelle wie scrum entwickelt, in denen Leute, die keine Ahnung haben, andere Leute, die wenig Ahnung haben, triezen können, ständig neue Features, Gimmicks, Bells and whistles aufzutürmen. Und das ganze noch unter den Wünschen der Investoren.
IT ist kein Projekt mehr.
IT ist ein großer Haufen Asset, an dem viele irgendwie mitverdienen wollen, ob nun als Manager, Quotenangestellte oder Investor. Ein paar Nerds und Informatiker hatten es aufgebaut, und dann haben sich alle draufgestürzt. Und man hat einen Markt gebaut, in dem die Leute praktisch alle 2 bis 4 Wochen irgendein neues Feature erwarten, oder zur Konkurrenz wechseln.
Mich erinnert das alles sehr an das, was mir mal ein Insider auf einer Fotomesse erzählte. Früher hat man Kameras für den europäischen Markt entwickelt. Der Europäer, vor allem der Deutsche, erwartet, dass eine Kamera mindestens 5 Jahre funktioniert, dass sie robust und zuverlässig ist, weshalb er einen Haufen Geld ausgibt und sich eine teure Fotoausrüstung kauft, die 10, 15 Jahre lang halten muss. Und wenn sie dann doch eine neue kaufen, muss die Kontinuität ausstrahlen.
Asiaten dagegen sei das ziemlich egal, wie lange die Kamera hält, die nähmen auch Plastikkameras. Spätestens nach 2 Jahren schmeißen sie sie weg und wollen neue, weil sie die Gimmicks der Kamera nun kennen und neue wollen, die Kamera sie langweilt. Wenn die eine neue kaufen, muss die disruptiv anders sein.
Die IT-Landschaft hat eine sehr ähnliche Veränderung durchlaufen. Früher robust und zuverlässig, haben wir jetzt einen Haufen crap, der ständig neue Features und Änderungen liefern soll.