Der Fastenmonat Ramadan aus islamischer Sicht
Ein Muslim schreibt mir.
Ich hatte doch die Tage was zum Ramadan und zum Koran geschrieben. Und „Essen, Trinken, Vögeln, Fasten“. Dazu hat mir ein korankundiger Muslim geantwortet (er arbeitet darin viel mit Kursivschrift, die ich aus der mit vielen HTML-Tags und stylesheet versehenen Mail nicht einfach ins Blog kopieren kann, deshalb lasse ich die Kursivsetzung außer bei den jeweils am Anfang stehenden Verszitaten, jetzt mal weg, das wird mir jetzt zuviel Arbeit, das fehlerfrei zu übertragen):
Sehr geehrter Herr Danisch,
zu Ihren Posts vom 20. Februar 2026 „Sure 2 Vers 185: Der Fastenmonat Ramadan“ sowie „Essen, Trinken Vögeln, Fasten“,
und Ihrer anschließenden Frage, worauf der Ramadan denn eigentlich beruht, und auch hinsichtlich des Gebarens vieler Menschen, die behaupten, sie verhielten sich islamisch, gerne wie folgt.
Aber zuersteinmal möchte ich mich wirklich aufrichtig entschuldigen für all die teils hanebüchenen Koranübersetzungen, derer Sie in Ihren Posts habhaft wurden. Das macht wirklich keinen Spaß, so etwas zur Kenntnis zu nehmen, um dann auch zu versuchen, sich daraus ein angemessenes Bild zu schaffen, was es mit dem islamischen Fasten und dem Fastenmonat Ramadan eigentlich auf sich haben könnte.
Hinzu kommt, daß heutige Muslime in überwältigender Mehrheit genausowenig über ihre Lehre wissen wie die heutigen Christen über die ihrige, respektive das, was von ihren jeweiligen Religionstiftern eigentlich in die Welt getragen wurde. Das schließt Religionsgelehrte und Ritualkundige (Geistliche etc.) ausdrücklich mit ein, in beiden Lagern.
Es besteht folglich das Problem, daß die Lehren so gut wie auschließlich an dem Verhalten derjenigen gemessen werden, die vortragen, einer bestimmten Religion anzugehören – bedauernswerterweise aber genau nicht anhand der entsprechenden Lehre selbst. Aus diesem Grund glaubt der gebildete Mitteleuropäer zumeist ersteinmal unhinterfragt und ungeprüft das, was er sieht oder liest oder was ihm präsentiert wird, am besten gleich noch via sogenannter sozialer Netzwerke und/oder Leitmedien, wo Unwissenheit, Verblödung und Ideologie regieren und entspannte Sachinformation meist nur mit der sprichwörtlichen Lupe aufzufinden ist.
Kurzum, was kann eine Lehre für den Unfug, den diejenigen anstellen, die sich ihr zugehörig erklären, gleichzeitig indes in vollkommenem Antagonismus verharren? Und warum sollte die jeweilige Lehre für solches Verhalten zur Verantwortung gezogen werden? Hier gilt es m.E. – und das gerade im Diskurs – eine klare Trennung zu ziehen zwischen Behauptung und Tatsächlichkeit. Es ist nicht die Schuld von Lehre respektive Religion, wenn Rechte der Menschen mit Füßen getreten werden.
Kritik ist infolgedessen niemals das Problem; aber wenn schon, dann doch bitte an die korrekte Adresse gerichtet.
Ich hatte ja bereits an anderer Stelle dargelegt und wiederhole hier nur kurz, daß das Wesen von Religion auf bloß zwei übergeordneten Aspekten gründet. Das wären erstens die Rechte gegenüber Gott, wozu gehört, wie man an Gott glauben und ihm vertrauen soll und wie er verehrt werden soll. Und das zweite wären jene Rechte, die gegenüber Gottes Schöpfung zu erfüllen sind. Dazu gehört, wie man Mitgefühl, Liebe, Freundlichkeit und Wohlwollen gegenüber Gottes Schöpfung zeigen und deren Leiden, Schmerzen und Trauer lindern soll.
In diesem Sinne nachstehend nun einige Anmerkungen hinsichtlich Ihrer Frage, worauf der Ramadan denn nun beruht und warum es ihn gibt. Besprochen sind die Verse 184 bis 189 aus der koranischen Sure Al-Baqarah.
2:184:
O die ihr glaubt! Fasten ist euch vorgeschrieben, wie es denen vor euch vorgeschrieben war, auf daß ihr Rechtschaffenheit erlangen möget –
Das Gebot zu fasten, wie auch immer es im Einzelnen aussehen mag, findet sich in den meisten Religionen in der einen oder anderen Form. Die frühen Andachten und Fastenperioden Buddhas (siehe Lalitavistara & Buddhacharita), das Fasten Mosi vor dem Empfang der Zehn Gebote (Ex 34,28; Dtn 9,9) und das Fasten Jesu vor seiner Berufung durch Gott (Mt 4,2) zeugen alle von der Bedeutung dieser Institution. Tatsächlich ist Fasten eine Form der Hingabe und Selbstdisziplin, die für den Menschen eine natürliche Anziehungskraft hat. „In den meisten Religionen“, so die Encyclopaedia Britannica, „sowohl in den niederen als auch in den mittleren und höheren Kulturen, ist Fasten weitgehend vorgeschrieben: Und wenn es nicht vorgeschrieben ist, wird es dennoch in gewissem Umfang von Einzelpersonen als Reaktion auf die Eingebungen der Natur praktiziert.“ Der kommentierte Vers bedeutet gleichwohl nicht, daß das Fasten für die Muslime in derselben Form vorgeschrieben wurde, wie es für die Menschen früherer Glaubensrichtungen vorgeschrieben war. Der Islam hat diese Institution stark spiritualisiert, indem er ihr eine Reihe äußerst nützlicher Vorschriften und Einschränkungen hinzugefügt hat.
Der Satzteil „auf daß ihr Rechtschaffenheit erlangen möget“ erklärt die tiefgründige Philosophie, die dem Gebot des Fastens zugrunde liegt. Es ist ein besonderes Merkmal des Korans, daß er wichtige Gebote nicht willkürlich erteilt, sondern auch deren Nutzen erklärt, damit der Adressat von der dahinterstehenden Weisheit überzeugt und damit zufrieden ist. Das Ziel von Fasten wird in diesem Vers als das Erreichen von Rechtschaffenheit angegeben. Und darüber hinaus, daß das eigentliche Ziel des Fastens erstens darin besteht, vor Schaden und Leid bewahrt zu werden, und zweitens darin, vor Sünde und Bösem bewahrt zu werden.
Das erste Ziel wird durch Fasten auf zweierlei Art erreicht: (1) Wenn ein Mensch schlechte Taten begeht und aufgrund dieser Taten Gottes Strafe verdient, sich später jedoch ihrer schämt und sich in Reue Gott zuwendet, dient das Fasten als Sühne für seine Sünden. (2) Fasten macht einen Menschen nicht nur fit und fähig, Entbehrungen zu ertragen, sondern läßt ihn auch die Leiden seiner Brüder in Not erkennen und Mitgefühl für sie empfinden. So trägt das Fasten wesentlich dazu bei, die Schmerzen und Leiden der Menschheit zu beseitigen und zu minimieren.
Das zweite Ziel, nämlich die Erlösung von Sünde und Bösem, wird durch das Fasten insofern erreicht, weil ein Mensch während des Fastens nicht nur auf Essen und Trinken verzichten muß, sondern sich auch bis zu einem gewissen Grad von weltlichen Anbindungen fernhalten muß und seinen Begierden nicht nachgeben darf, was dazu führt, daß seine Gedanken sich auf ganz natürliche Weise spirituellen Dingen zuwenden. Spirituelle Menschen aller Religionen bezeugen einstimmig auf der Grundlage persönlicher Erfahrungen, daß ein gewisses Maß an Loslösung von körperlichen Beziehungen und weltlichen Anbindungen für den spirituellen Fortschritt unerläßlich ist und eine starke reinigende Wirkung auf den Geist hat. Andererseits läßt sich nicht leugnen, daß eine zu weitgehende Loslösung den Körper in einem unerwünschten Maße schwächt, sodaß der Mensch nicht nur seine sozialen und religiösen Pflichten nicht mehr erfüllen kann, sondern auch Versuchungen nicht mehr widerstehen kann, was ein gewisses Maß an Kraft erfordert. Islam folgt daher dem Weg der goldenen Mitte. Er schreibt zwar ein gewisses Maß an Enthaltsamkeit von materiellen Freuden vor, erlaubt jedoch keine solche Schwächung des Körpers, das er nicht mehr zur Ausübung seiner normalen Funktionen fähig wäre. Aus diesem Grund hat der Heilige Prophet (Friede und Segnungen Alllahs seien auf ihm) kontinuierliches Fasten verboten und gesagt: „Dein Selbst hat einen Anspruch auf dich, deine Familie hat einen Anspruch auf dich und deine Gäste haben einen Anspruch auf dich“ (Tirmidhi). Von einer anderen Gelegenheit ist überliefert: „Wahrlich, ich bin der Rechtschaffenste unter euch allen, doch manchmal faste ich und manchmal verzichte ich auf das Fasten, und so sollt auch ihr es halten“ (Bukhari).
Fasten steht obendrein als Symbol für völlige Aufopferung. Wer fastet, verzichtet nicht nur auf Essen und Trinken, die die wichtigsten Lebensgrundlagen verkörpern und ohne die Überleben unmöglich wird, sondern auch auf den Geschlechtsverkehr mit seiner Frau, der die Fortpflanzung sicherstellt. Wer fastet, bekundet damit seine Bereitschaft, notfalls alles für die Wahrheit zu opfern. Das Fasten ist in der Tat eine wunderbare Schulung für den Menschen.
Es muß hier des weiteren angemerkt werden, daß dieser Vers eigentlich keinen Befehl zum Fasten enthält – selbiger erfolgt erst im übernächsten Vers. Der hier besprochene Vers bereitet die Muslime lediglich auf das kommende Gebot vor, indem er sagt, daß (1) das Fasten, das ihnen vorgeschrieben werden wird, nichts Neues sei, sondern auch den Menschen vorgeschrieben war, die vor ihnen lebten, und daß (2) es eine äußerst nützliche Sache ist, die ihnen mit Sicherheit großen Nutzen bringen wird. Es wird deutlich, daß der Koran sehr oft keine plötzlichen Gebote erteilt, sondern zunächst durch allgemeine Bemerkungen den Boden dafür bereitet.
2:185:
eine bestimmte Anzahl von Tagen. Wer von euch aber krank oder auf Reisen ist, (der faste) an ebenso vielen anderen Tagen; und für jene, die es schwerlich bestehen würden, ist eine Ablösung: Speisung eines Armen. Und wer mit freiwilligem Gehorsam ein gutes Werk vollbringt, das ist noch besser für ihn. Und Fasten ist gut für euch, wenn ihr es begreift.
Auch dieser Vers enthält noch kein direktes Gebot zum Fasten, sondern bereitet ergänzend den Boden vor für ein solches, indem er darauf hinweist, daß das Fasten, welches im anschließenden Vers vorgeschrieben wird, nicht für alle Tage gilt, sondern nur für eine begrenzte Anzahl von Tagen. Indes soll auch dieses Gebot nicht unter allen Umständen befolgt werden, denn Kranke und Reisende sind davon ausgenommen. Tatsächlich ist der Islam eine praktische Religion. Er gibt keine Gebote, deren Einhaltung unmöglich wäre. Daher macht der Koran in Bezug auf seine Vorschriften zum Fasten deutlich, daß wer krank ist oder anderweitig gesundheitlichen Einschränkungen unterliegt oder auf Reisen ist, nicht fasten soll, sondern die dadurch bedingte Aussetzung der Fastentage zu einer anderen Zeit nachholen soll, nachdem die Krankheit vorbei oder die Reise beendet ist.
Somit erwähnt der Vers drei Gruppen von Gläubigen, denen eine Ausnahmeregelung in Bezug auf das Fasten gewährt wird: (1) Kranke; (2) Reisende; und (3) diejenigen, die weder auf Reisen sind noch tatsächlich krank sind, deren körperliche Verfassung oder ihr allgemeiner Gesundheitszustand es ihnen verunmöglicht, zu fasten, ohne ihre Gesundheit zu gefährden. Solche Menschen, zu denen alte Männer und alte Frauen, junge Männer und junge Frauen, Frauen während ihrer Menses, schwache Personen, schwangere Frauen und stillende Mütter gehören, dürfen nicht fasten, sondern sollten für jedes nicht eingehaltene Fasten jeden Tag einen Armen entsprechend des eigenen Lebensstandards mit Essen und Trinken versorgen.
Einige Kommentatoren erkennen die zuletzt genannte Gruppe nicht als von den ersten beiden getrennt und unabhängig an, sondern betrachten sie als Ausnahme von diesen. In diesem Fall würde der Vers bedeuten, daß diejenigen Kranken und Reisenden, die es sich leisten können, arme Menschen zu ernähren, dies auch tun sollten, zusätzlich zum Fastennachholen für die gleiche Anzahl von Tagen, nachdem die Krankheit oder die Reise beendet ist.
2:186:
Der Monat Ramadan ist der, in welchem der Qur-ân herabgesandt wurde: eine Weisung für die Menschheit, deutliche Beweise der Führung und (göttliche) Zeichen. Wer also da ist von euch in diesem Monat, der möge ihn durchfasten; wer von euch aber krank oder auf Reisen ist, (der faste) an ebenso vielen anderen Tagen. Allah wünscht euch Erleichterung und wünscht euch keine Beschwernis, und daß ihr die Zahl (der Tage) erfüllen und Allah preisen möchtet dafür, daß Er euch richtig geführt hat, und daß ihr dankbar sein möchtet.
Nachdem in den beiden vorangegangenen Versen der Boden entsprechend vorbereitet wurde, gibt dieser Vers das erwartete Gebot zum Fasten. Aber auch hier geht dem eigentlichen Gebot eine passende Beschreibung des Monats Ramadan voraus, in dem gefastet werden sollte. Der Monat wurde nicht willkürlich gewählt, sondern für das Fasten ausgewählt, weil es ein heiliger Monat war, in dem der Koran offenbart wurde. Und der Koran ist kein gewöhnliches Buch. Es ist ein Buch voller rechter Führung und leuchtender Zeichen und von Dingen, die helfen, zwischen Wahrheit und Falschheit zu unterscheiden. Dieses erhabene Vorwort vor dem Gebot zum Fasten enthält eine implizite Frage, die sinngemäß lautet: Wollt ihr jetzt nicht fasten, wo das Fasten doch eine bewährte Sache ist, wo es so nützlich ist, wo es nur für wenige Tage einzuhalten ist, wo sogar in diesen wenigen Tagen geeignete Möglichkeiten zur Verfügung gestellt werden und wo diese wenigen Tage zuguterletzt mit einem Monat zusammenfallen, der voller Segen ist?
Wie oben angedeutet, erwähnt dieser Vers den Grund, warum der Monat Ramadan für das Fasten ausgewählt wurde. In diesem Monat wurde der Koran offenbart. Die Offenbarung des Korans im Monat Ramadan kann zwei Dinge bedeuten: (1) daß die Offenbarung des Heiligen Buches im Monat Ramadan begann, denn es ist überliefert, daß der Heilige Prophet (Friede und Segnungen Allahs seien auf ihm) am 24. Ramadan seine erste Offenbarung erhielt (Musnad & Jarir); (2) daß die Offenbarung des Korans dem Heiligen Propheten (Friede und Segnungen Allahs seien auf ihm) jedes Jahr im Monat Ramadan wiederholt wurde, denn es ist auch überliefert, daß der Engel Gabriel dem Heiligen Propheten (Friede und Segnungen Allahs seien auf ihm) jedes Jahr während dieses Monats den gesamten offenbarten Teil des Korans vortrug, und dies tat er bis zum Todesjahr des Propheten (Friede und Segnungen Allahs seien auf ihm) (Bukhari, Kap. über Manaqib). Somit kann in gewisser Weise gesagt werden, daß sogar der gesamte Koran im Ramadan herabgesandt wurde.
Die Worte „deutliche Beweise der Führung und (göttliche) Zeichen“ weisen darauf hin, daß der Koran ein Buch ist, das sich nicht mit bloßen Behauptungen begnügt. Er untermauert jede seiner Behauptungen mit den dafür notwendigen Gründen und Argumenten, die sowohl klar als auch überzeugend sind, und er führt auch himmlische Zeichen an, welche Recht und Unrecht mit solcher Klarheit unterscheiden, daß sie keinen Raum für Zweifel lassen. Diese Vorzüglichkeit kommt ausschließlich dem Koran zu. Zwar werden auch andere Schriften als „Licht und Rechtleitung” bezeichnet, aber von keiner von ihnen wird gesagt, daß sie Gründe, Argumente und Zeichen zur Untermauerung ihrer Behauptungen liefern.
Obwohl auch früheren Propheten Zeichen gegeben wurden, damit die Menschen sie als göttliche Gesandte anerkennen konnten, enthielten die Schriften, die sie brachten, nichts, was ihre Wahrheit bezeugen könnte. Nur der Koran enthält alle Arten von Beweisen – rationale, schriftliche und himmlische –, um die Wahrheit seiner Lehren zu demonstrieren, sodaß er selbst die notwendigen Beweise für seine Wahrheit liefern kann und daß, anders als bei anderen Schriften, Geschichten und Erzählungen aus der Vergangenheit nicht seine einzige Stütze sind.
Der Satzteil „der möge ihn durchfasten“ bedeutet, daß es notwendig ist, alle Tage des Monats Ramadan zu fasten; es reicht nicht aus, nur ein paar Tage zu fasten. So muß von den zwölf Monaten im Jahr mindestens einer – der Ramadan – der Verehrung Gottes gewidmet sein.
Der Satzteil „wer von euch aber krank oder auf Reisen ist, (der faste) an ebenso vielen anderen Tagen“ scheint auf den ersten Blick eine unnötige Wiederholung dessen zu sein, was bereits im vorangegangenen Vers mit identischen Worten gesagt wurde, aber das ist nicht der Fall; denn während dieser Satz im vorangegangenen Vers Teil eines Verses war, der die Grundlage für das Gebot des Fastens schaffen sollte, ist sie in diesem Vers Teil des eigentlichen Gebots. Der Satz bedeutet, daß man im Monat Ramadan, wenn man denn krank ist oder auf Reisen, aufgrund der damit verbundenen zusätzlichen Strapazen nicht fasten sollte, sondern die gleiche Anzahl von Tagen nachholen sollte, wenn man von der Krankheit genesen ist oder die Reise beendet ist. Der Koran verzichtet gleichwohl und klugerweise darauf, die Begriffe „Krankheit“ und „Reise“ zu definieren, und überläßt ihre Definition dem allgemeinen Sprachgebrauch der Menschen.
Der Satz „Allah wünscht euch Erleichterung und wünscht euch keine Beschwernis“ weist auf den sehr wichtigen Grundsatz hin, daß göttliche Gebote nicht dazu dienen, Probleme oder Unannehmlichkeiten zu verursachen, sondern Leichtigkeit und Erleichterung zu bringen. Man vergleiche demgegenüber, wie der heilige Paulus das Gesetz als eine Verstrickung in „das Joch der Knechtschaft“ (Gal 5:1) betrachtet, wenn nicht sogar als einen „tatsächlichen Fluch“ (Gal 3:10 und 3:13). Wobei Paulus gleich mal vergißt, daß wahre Freiheit und damit auch wahres Glück nur in der bereitwilligen Befolgung einer guten und gerechten Gesetzgebung liegen. Das islamische Recht ist selbst „in Bezug auf Speisen und Getränke, verschiedene Waschungen und fleischliche Vorschriften“ eher eine echte Hilfe und Anleitung als Hindernis oder gar Knechtschaft.
Der Zusatz „die Zahl (der Tage) erfüllen“ deutet darauf hin, daß Gottes Absicht bei der Festlegung einer bestimmten Anzahl von Tagen darin besteht, daß die Gläubigen die Zahl vollenden können, die in Seinen Augen für ihr spirituelles Wohlergehen unerläßlich ist. Eine feste Zahl war unerläßlich, denn sonst hätten einige Menschen möglicherweise nicht einmal die Mindestzahl an Fastentagen eingehalten, während andere unnötig darunter gelitten hätten, daß sie die erforderliche Zahl nicht erreicht hätten, obwohl sie sie längst überschritten hatten.
Der Satzteil „und Allah preisen möchtet dafür, daß Er euch richtig geführt hat“ weist auf ein weiteres Ziel hin, das diesem Gebot zugrundeliegt. Alle derartigen Ausdrücke, in denen das Darbringen eines bestimmten Lobes an Gott vorgeschrieben wird, bedeuten zweierlei: (1) daß der Mensch als Geschöpf Gottes Ihm fortwährend Lob darbringen soll, indem er sich auf die jeweilige göttliche Eigenschaft beruft, die der Situation angemessen ist; (2) daß er auch versuchen soll, diese Eigenschaft Gottes in seiner Person widerzuspiegeln. „Gott preisen“ würde daher nicht nur die Verherrlichung Gottes bedeuten, sondern auch die Erhebung und Verherrlichung des Gläubigen selbst. Tatsächlich braucht Gott kein Lob. Er ist, was Er ist, ob wir Ihn loben oder nicht. Genaugenommen ist also alles zum Wohle des Menschen selbst, und der zugrundeliegende Nutzen des Fastens ist die Verherrlichung des Menschen, moralisch und spirituell und in gewisser Weise auch physisch.
Der letzte Satzteil „und daß ihr dankbar sein möchtet“ ist ebenfalls voller tiefer Bedeutung. Gott ist nicht grausam oder unfreundlich; Er nimmt Rücksicht auf die menschlichen Schwächen und setzt die Menschen keinen unnötigen Schwierigkeiten aus; und alle Schwierigkeiten, denen Er sie aussetzt, dienen deren eigenem Wohl. Diese gütige und liebevolle Haltung Gottes ihnen gegenüber sollte in den Herzen ein entsprechendes Gefühl der Liebe zu Ihm hervorrufen, und sie sollten Ihm für Seine Liebe und Güte dankbar sein.
Für einen oberflächlichen Betrachter mag die Sprache des Korans, wie sie in diesem Vers verwendet wird, eher unzusammenhängend erscheinen und voneinander unabhängige Satzteile bilden. Bei näherer Betrachtung offenbart sich dahingegen eine bewunderswerte Anordnung zwischen ihnen. Tatsächlich liefern die vier Satzteile im abschließenden Teil dieses Verses Gründe für die vier Gebote, die im ersten Teil des Verses enthalten sind, wobei die nachfolgenden Gründe in ganz natürlicher Weise der umgekehrten Reihenfolge der vorangegangenen Gebote folgen.
Der erste Grund, der in diesem Vers genannt wird, ist in dem Satz enthalten: „Allah wünscht euch Erleichterung und wünscht euch keine Beschwernis “, d.h. Allah möchte euch Erleichterung verschaffen und möchte euch keine Schwierigkeiten auferlegen. Obwohl sich der Wortlaut dieses Satzes von dem der folgenden Sätze unterscheidet, ist er tatsächlich auch einer von denen, die einen Grund liefern, denn in Wirklichkeit lautet der Satz: „damit euch Erleichterung gewährt wird usw.“ Entsprechend dieses Satzteils haben wir das letzte Gebot des Verses, nämlich „wer von euch aber krank oder auf Reisen ist“, usw.
Der zweite Satzteil, der einen Grund liefert, lautet: „der möge ihn durchfasten“, soll heißen „damit ihr die Anzahl von Tagen vollendet“, dementsprechend das Gebot besteht: „Wer von euch in diesem Monat zu Hause ist, der soll darin fasten“, was darauf hindeutet, daß Gott von den Muslimen erwartet, den ganzen Monat zu fasten.
Der dritte Satzteil, der einen Grund angibt, lautet „und Allah preisen möchtet dafür, daß Er euch richtig geführt hat“. Dazu passen die Worte „deutliche Beweise der Führung“, sprich „eine Rechtleitung für die Menschen“ usw.
Und schließlich kommt der Satzteil, „und daß ihr dankbar sein möchtet“, zu dem jener Satzteil „der Monat Ramadan ist der, in welchem der Qur-ân herabgesandt wurde“ paßt, was darauf hindeutet, daß der weise Gott den heiligsten und gesegnetsten Teil des Jahres für das Fasten ausgewählt hat, damit die Muslime doppelt davon profitieren.
2:187:
Und wenn Meine Diener dich nach Mir fragen (sprich): „Ich bin nahe. Ich antworte dem Gebet des Bittenden, wenn er zu Mir betet. So sollten sie auf Mich hören und an Mich glauben, auf daß sie den rechten Weg wandeln mögen.“
Als die Gläubigen von den Segnungen des Monats Ramadan und des Fastens in diesem Monat erfuhren, wollten sie natürlich so viel wie möglich davon profitieren und fragten den Heiligen Propheten (Friede und Segnungen Allahs seien auf ihm) nach der besonderen Haltung Gottes in diesem Monat, d. h. ob Er Seinen Dienern in Bezug auf Gnade und Barmherzigkeit näher komme und ob Er im Ramadan mehr Gebete annehme und so weiter. Der Vers gibt eine Antwort auf diese Frage.
Die Worte „Meine Diener“ beziehen sich offensichtlich nicht auf alle Menschen, sondern nur auf diejenigen, die an Gott glauben und bereit sind, Ihm zu gehorchen, insbesondere auf Muslime, die Seine Gebote in Bezug auf Gebete, das Fasten usw. befolgen. Tatsächlich werden Atheisten oder, was das betrifft, rebellische Menschen im Koran niemals als „Meine Diener“ bezeichnet.
Der Satz „Ich bin nahe“ bezieht sich nicht auf körperliche Nähe und kann sich auch nicht darauf beziehen. Die vorangegangenen Verse sagen, daß das Gebot zu fasten gegeben wurde, um die Menschen zu reinigen, und daß Gott damit ihr Wohlbefinden im Sinn hatte und ihnen keinerlei Qualen bereiten wollte. Die Vorstellung von einem so liebevollen Gott weckt natürlich in allen Menschen den Wunsch, ihm spirituell nahe zu sein. Daher enthält der vorliegende Vers die frohe Botschaft, daß der Zugang zu Gott nicht außerhalb der menschlichen Möglichkeiten liegt und Seine Nähe nicht das Monopol eines bestimmten Volkes oder einer bestimmten Religion ist. Die Vereinigung mit ihm ist für jeden Mann und jede Frau erreichbar, und die Tür seiner Barmherzigkeit und Gnade steht ebenfalls allen offen.
Die Worte „Ich antworte dem Gebet des Bittenden, wenn er zu Mir betet“, sprich „Ich erhörte die Gebete des Bittenden“, weisen darauf hin, daß nicht nur die wahren Gläubigen und die Rechtschaffenen von Gott erhört werden, sondern daß Gott die Gebete aller Menschen hört und erhört. Tatsächlich ist die Erhörung von Gebeten ein Ausdruck der Gnade und Barmherzigkeit Gottes, die sowohl Muslime als auch Nichtmuslime umfaßt. Es wäre ungerecht zu denken, daß Gott, der „Herr der Welten“, nur die Gebete der Muslime erhört. Es ist jedoch nur natürlich, daß Er denen, die Ihm gehorchen, an der Wahrheit festhalten und gerecht handeln, größere Gunst erweist. Deshalb hört Er ihren Gebeten mehr zu als denen anderer, und Er lehnt sicherlich solche Gebete ab, die gegen Seine Geliebten gerichtet sind. Er akzeptiert auch keine Gebete, die zu Ergebnissen führen könnten, die der Sache der Wahrheit abträglich sind. Aber Er ist der Herr aller und hört allen zu.
Der Satzteil „so sollten sie auf Mich hören“ bedeutet, daß sie an Gott glauben sollen (denn ohne Glauben kann es kein Hören und keine Antwort auf Seine Rufe geben) und Ihm gehorchen sollen. Gott verspricht „Seinen Dienern“ die Erhörung ihrer Gebete, aber Er erwartet auch, daß Seine Geschöpfe an Ihn glauben und Seine Gebote befolgen. Dadurch werden ihre Gebete umso mehr zur Erhörung berechtigt.
Die Worte „und an Mich glauben“ beziehen sich hier nicht auf den Glauben an die Existenz Gottes, denn dieser Gedanke ist bereits in der vorangehenden Formulierung „so sollten sie auf Mich hören“ enthalten, da es unmöglich ist, auf Gott zu hören und Seinen Geboten zu gehorchen, ohne an Seine Existenz zu glauben. Die Worte „an Mich glauben“ beziehen sich hier daher auf den Glauben an die Macht Gottes, Gebete anzunehmen, und auf den Glauben daran, daß Er den Menschen sicherlich zu Hilfe kommen wird, wenn sie Ihn anrufen.
Der letzte Satzteil „auf daß sie den rechten Weg wandeln mögen“ bedeutet, daß Menschen, wenn sie nach der in diesem Gebot enthaltenen Führung handeln, (1) Gottes Nähe erlangen und (2) feststellen werden, daß Gott immer mehr geneigt ist, ihre Gebete anzunehmen.
Aber wie bei allen anderen Dingen gibt es auch für die Erhörung von Gebeten Einschränkungen und Bedingungen, auf die sich der kommentierte Vers teilweise bezieht. Diese lassen sich kurz wie folgt zusammenfassen:
(1) Man sollte ein Diener Gottes sein, Seine Herrschaft über sich akzeptieren und Ihn allein anbeten, wie es die Worte „Meine Diener“ andeuten.
(2) Man sollte nur Gott um Hilfe bitten und sich keinem anderen Wesen oder keiner anderen Sache zuwenden, die Ihm entgegenstehen, wie die Worte „wenn er zu Mir betet“ zeigen. Es gibt in der Tat viele, die zwar scheinbar zu Gott beten, aber ihr eigentliches Vertrauen in andere Dinge setzen oder sich manchmal sogar falschen Gottheiten zuwenden, um Hilfe zu erhalten. Solche Menschen können nicht erwarten, daß ihre Gebete angenommen werden.
(3) Man sollte auf Gottes Ruf hören, d.h. nicht nur an ihn glauben, sondern auch seine Gebote befolgen, seine Gesandten annehmen und in Übereinstimmung mit seinem Gesetz gerecht handeln, wie die Worte „auf Mich hören“ zeigen.
(4) Man sollte fest daran glauben, daß Gott nicht nur die Macht hat, die Gebete eines Menschen anzunehmen, sondern sie auch tatsächlich annehmen würde, wenn man nur beharrlich darum bittet, wie die Worte „an Mich glauben“ bedeuten. Es gibt in der Tat viele, die eine zeitlang beten und dann müde werden. Diese glauben nicht wirklich; denn wenn sie geglaubt hätten, hätten sie bereitwillig gewartet. Der Heilige Prophet (Friede und Segnungen Allahs seien auf ihm) sagt: „Gott würde die Gebete eines Menschen erhören, wenn dieser nur keine Ungeduld zeigte, indem er sagt: ‚Ich habe gebetet und bin nicht erhört worden‘“ (Muslim).
(5) Die Gebete derer, die sich gegen Gott auflehnen, Seine Gebote ablehnen und sich Seinem Willen widersetzen, werden nicht angenommen, insbesondere solche Gebete, in denen etwas gegen Seinen Willen oder etwas, das der Sache Seiner Geliebten schaden könnte, erbeten wird. Gott sagt: „Doch das Gebet der Ungläubigen ist vergebens“ (40:51).
Ein Ausspruch des Heiligen Propheten (Friede und Segnungen Allahs seien auf ihm) erklärt die Philosophie des Gebets auf sehr schöne Weise. Er soll gesagt haben: „Jeder Muslim, der zu Gott betet und dessen Gebet nichts enthält, was eine Sünde ist, d. h. nichts, was gegen Gottes Willen oder gegen Seine Gebote oder gegen Seinen Weg verstößt, oder nichts, was eine Ungerechtigkeit oder Unfreundlichkeit gegenüber einem Verwandten beinhaltet, wird sein Gebet angenommen bekommen. Die Annahme des Gebets kann jedoch drei Formen annehmen: (a) Entweder gewährt Gott dem Bittenden seine Bitte in diesem Leben; oder (b) Er bewahrt die Sache für ihn im nächsten Leben auf; oder (c) Er wendet ein ähnliches Übel von ihm ab“ (Bukhari).
2:188:
Erlaubt ist euch, in der Nacht des Fastens zu euren Frauen einzugehen. Sie sind euch ein Gewand und ihr seid ihnen ein Gewand. Allah weiß, daß ihr gegen euch selbst unrecht gehandelt habt, darum hat Er Sich gnädig zu euch gekehrt und euch Erleichterung vergönnt. So möget ihr nunmehr zu ihnen eingehen und trachten nach dem, was Allah euch bestimmte; und esset und trinket, bis der weiße Faden (des Morgens) vom schwarzen Faden (der Nacht) aufgrund der Morgendämmerung zu unterscheiden ist. Dann vollendet das Fasten bis zum Einbruch der Nacht; und gehet nicht ein zu ihnen, solange ihr in den Moscheen zur Andacht verweilt. Das sind die Schranken Allahs, so nähert euch ihnen nicht. Also macht Allah Seine Gebote den Menschen deutlich, auf daß sie sich vor dem Übel schützen möchten.
Es war unter den Israeliten Brauch, anläßlich des Fastentages, dem einzigen von Moses für sein Volk vorgeschriebenen Fastentag, von einem Abend bis zum nächsten auf alle Arten von Speisen zu verzichten. Als nun den Muslimen erstmals das Fasten vorgeschrieben wurde und die Einzelheiten darüber noch nicht bekannt waren (der Koran wurde über einen Zeitraum von 23 Jahren offenbart), dachten sie, daß sie wie die Juden ebenfalls 24 Stunden fasten müßten, mit einer kurzen Unterbrechung für das Frühstück. Daher kamen sie aus eigenem Ermessen zu dem Schluß, daß es ihnen erlaubt sei, zu essen und zu trinken und zu ihren Frauen einzugehen, solange sie nicht zu Bett gingen, und daß es ihnen nach dem Einschlafen bis zum nächsten Abend nicht gestattet sei, etwas zu essen oder zu trinken oder zu ihren Frauen einzugehen. Bukhari gibt die folgende Überlieferung unter Berufung auf Bara’ wieder: „Als das Gebot zum Fasten offenbart wurde, fastete jeder, der abends schlafen ging, und verzichtete bis zum Fastenbrechen am nächsten Tag auf Essen, Trinken und Geschlechtsverkehr“ (Bukhari, Kapitel über Saum/Fasten). Diese Tradition und andere von gleicher Bedeutung zeigen, daß es nicht aus Gehorsam gegenüber einem Gebot Gottes oder des Heiligen Propheten (Friede und Segnungen Allahs seien auf ihm) war, daß seine Gefährten nach dem Zubettgehen auf Geschlechtsverkehr verzichteten, sondern daß sie sich diese Einschränkungen allein aufgrund ihrer eigenen Nachahmung ähnlicher Bräuche unter den Anhängern der Schrift auferlegt hatten. Da diese Einschränkungen allerdings gegen den Willen Gottes verstießen, wurde bald eine Offenbarung herabgesandt, die es den Gläubigen erlaubte, während der Nacht zu essen, zu trinken und sich ihren Frauen zu nähern, wie sie wollten; nur während des Fastens am Tag war ihnen dies verboten.
Einige Kommentatoren haben aus den Worten „daß ihr gegen euch selbst unrecht gehandelt habt“ geschlossen, daß die Gefährten des Heiligen Propheten nicht in der Lage waren, das Gebot zu befolgen, während der Fastennächte auf Geschlechtsverkehr mit ihren Frauen zu verzichten, und es häufig gebrochen haben. Dies ist jedoch offensichtlich falsch, da es kein solches Gebot gab, das gebrochen werden konnte. Darüber hinaus widerlegen auch die Worte des Korans, d.h. „so möget ihr nunmehr zu ihnen eingehen“, diese Interpretation, denn die Verwendung des Wortes „nunmehr“ deutet eindeutig darauf hin, daß die Gefährten des Heiligen Propheten (Friede und Segnungen Allahs seien auf ihm) nicht auf der Seite der Nachsicht, sondern auf der Seite der Enthaltsamkeit irrten. Der Koran konnte offensichtlich nicht zu einem Volk, das bereits zu seinen Frauen einging, sagen: „Nunmehr dürft ihr zu ihnen gehen.“
Der Satz „Sie sind euch ein Gewand und ihr seid ihnen ein Gewand“ beschreibt sehr schön den Zweck der Ehe. Der Vers weist darauf hin, daß der Zweck der Ehe nicht die Befriedigung fleischlicher Leidenschaften ist. Der eigentliche Zweck vielmehr ist der Trost, der Schutz und die Verschönerung der Parteien, denn dies sind die Verwendungszwecke eines Gewandes, wie auch in 7:27 und 16:82 erklärt. So hat der Koran mit wenigen Worten die wahre Beziehung beschrieben, die zwischen Mann und Frau bestehen sollte, eine Beschreibung, die in kaum einer anderen Schrift eine Entsprechung findet.
Der Satz „bis der weiße Faden (des Morgens) vom schwarzen Faden (der Nacht) aufgrund der Morgendämmerung zu unterscheiden ist“ bezieht sich nicht auf einen Faden aus Garn, sondern auf den Lichtstreifen, der bei Tagesanbruch am östlichen Horizont erscheint. Der Vers schreibt vor, daß Muslime während des Fastens von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang auf Essen, Trinken und Geschlechtsverkehr verzichten sollen. Zwischen Sonnenuntergang und Morgendämmerung steht es ihnen jedoch frei, diese Dinge zu tun. An Orten, an denen die Tage und Nächte ungewöhnlich lang sind, d.h. näher an den Polen, sollte die Berechnung für das Fasten auf der Grundlage durchschnittlicher Bedingungen erfolgen, d.h. in einem solchen Fall würde man davon ausgehen, daß Tag und Nacht jeweils zwölf Stunden dauern (Muslim, Kapitel über Ashratus-Sa‘at).
Der Satzteil „solange ihr in den Moscheen zur Andacht verweilt“ bezieht sich auf die Praxis des I‘tikaf, bei der man sich während der letzten zehn Tage des Ramadans Tag und Nacht in der Moschee aufhält. Während dieser Tage darf der Gläubige, der sich für die Einhaltung des I‘tikaf entscheidet, den Moscheeraum nur aus menschlichen Notwendigkeiten verlassen, soll heißen, um seinen natürlichen Bedürfnissen nachzugehen usw. Er betritt die Moschee am Morgen des 20. Ramadans und bleibt dort bis zum Ende des Fastenmonats, fastet von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang und beschäftigt sich mit Gebeten oder der Rezitation des Korans oder anderen religiösen Studien oder Meditationen.
Während des I‘tikaf, welches sozusagen die Vollendung des Geistes des Fastens darstellt, sind Geschlechtsverkehr mit Ehefrauen und dessen Vorbereitungen selbst nachts nicht erlaubt. Die Klausel „das sind die Schranken Allahs, so nähert euch ihnen nicht“ weist auf den sehr wichtigen Grundsatz hin, daß ein Mann nur dann wahre Frömmigkeit erlangen kann, wenn er sich davon fernhält, sich den von Gott verbotenen Dingen auch nur „zu nähern“. „Manche Handlungen“, sagt der Heilige Prophet (Friede und Segnungen Allahs seien auf ihm), „sind zweifelhafter Natur, man weiß nicht, ob sie richtig oder falsch sind. So ist es immer besser, diese zu vermeiden. Die verbotenen Dinge sind wie eine Weide, die der weise Gott den Menschen verbietet. Wenn ihr eure Tiere an den Grenzen eines solchen Landes weiden laßt, d.h. wenn ihr eure Tiere in deren Nähe kommen laßt, besteht die Gefahr, daß sie in den verbotenen Bereich eindringen“ (Bukhari, Kap. über Iman). Dies ist eine äußerst weise Anweisung, die allen Übertretungen bereits an der Wurzel entgegenwirkt. Nur diejenigen können sich vor Sünde schützen, die allen ungesetzlichen Dingen aus dem Weg gehen.
Der letzte Satzteil nun „auf daß sie sich vor dem Übel schützen möchten“ wiederholt die Idee aus 2:184, in dem das Thema Fasten erstmals eingeführt wurde. In beiden Versen wird als grundlegendes Ziel des Fastens das Erreichen von Frömmigkeit, Rechtschaffenheit und Schutz vor dem Bösen genannt, die allesamt verschiedene Formen göttlichen Segens sind. Der aufmerksame Leser mag diesen Gedanken ruhig noch einmal mit dem Glauben der Christen vergleichen, daß das Gesetz ein Fluch sei (Gal 3:10 und 3:13), wie zuvor schon darauf verwiesen.
2:189:
Und verzehrt nicht untereinander euren Reichtum durch Falsches und bietet ihn nicht der Obrigkeit (als Bestechung) an, daß ihr wissentlich einen Teil des Reichtums anderer zu Unrecht verschlingen möget.
Das Gebot des Fastens verpflichtet Muslime dazu, innerhalb bestimmter Zeiträume auf rechtmäßiges Essen und Trinken zu verzichten, um Frömmigkeit und Rechtschaffenheit zu erlangen. Dies war daher der günstigste Zeitpunkt, um die Menschen daran zu erinnern, daß unrechtmäßiges Essen, sprich unrechtmäßiger Erwerb von Reichtum, umso gewissenhafter vermieden werden muß. Tatsächlich ist eines der größten Übel, welches in der Welt vorherrscht, die Praxis, das Eigentum anderer Menschen durch Lüge, Betrug und Rechtsstreitigkeiten zu verschlingen. Viele Sünden sind nichts anderes als eine Ausprägung dieses Übels. Der Islam verurteilt die Praxis, das Eigentum eines anderen Menschen ohne dessen Wissen oder Zustimmung ansichzunehmen. Ebenso ist es unrechtmäßig, sich den Besitz einer anderen Person durch falsche Rechtsstreitigkeiten anzueignen. Wenn ein Mensch Besitz von einem Eigentum ergreift, das ihm nicht rechtmäßig zusteht, wird dies sein Verderben sein, selbst wenn ein Gericht dieses Eigentum ihm zusprechen sollte. Der Heilige Prophet (Friede und Segnungen Allahs seien auf ihm) sagt: „Seid auf der Hut! Ich bin nur ein Mensch wie ihr, und es kommt manchmal vor, daß ein Prozeßführer zu mir kommt, der redegewandter ist als sein Gegner, und ich, nachdem ich seine Argumente angehört habe, zu seinen Gunsten entscheide. Aber wenn das Eigentum nicht wirklich ihm gehört, wird meine Entscheidung es in den Augen Gottes nicht zu seinem Eigentum machen; in diesem Fall ist es nichts anderes als ein Stück brennendes Feuer; folglich soll er dieses Feuer in seinen Bauch aufnehmen, wenn er will, oder es liegenlassen“ (Bukhari).
Der Vers geht an die Wurzel des Übels, das in der heutigen Zeit selbst unter denen aufgetreten ist, die sich auf Kultur und Aufklärung berufen. Die Menschen halten es im Allgemeinen nicht für lohnenswert, darüber nachzudenken, was Recht ist und was nicht. Alles, was sie sehen, ist, wie der Richter entscheidet. Wenn ein Richter einem Mann ein Grundstück zuspricht, nimmt dieser es eifrig in Besitz, ohne die geringsten Gewissensbisse, selbst wenn es ihm rechtlich nicht zusteht. Es kommt ihm nie in den Sinn, daß er in den Augen Gottes nichts weniger als ein Usurpator ist, der sich gewaltsam das Eigentum eines anderen aneignet.
Übrigens verurteilt der Vers auch nachdrücklich die Praxis der Bestechung, die heutzutage leider so weit verbreitet ist. In vielen Ländern muß Gerechtigkeit tatsächlich erkauft werden. Noch schlimmer ist, daß durch diese üble Praxis dem rechtmäßigen Eigentümer oft die Tür zur Gerechtigkeit verschlossen bleibt. Diese Praxis ist sogar in fortgeschrittenen westlichen Ländern anzutreffen und soll in bestimmten Teilen der Neuen Welt weitverbreitet sein. Der Heilige Prophet (Friede und Segnungen Allahs seien auf ihm) hat dies mit den schärfsten Worten verurteilt und gesagt: „Der Nehmer und der Geber von Bestechungsgeldern sind einander gleich, und beide sind verflucht“ (Tirmidhi).
In der guten Hoffnung, Ihnen mit dem Vorhergesagten ein wenig weitergeholfen zu haben,
verbleibe ich mit geschätzten Grüßen,
Ehrlich gesagt … nicht so wirklich. Es gibt mir – einen in Teilen schon bekannten – Einblick in das islamische Weltbild.
Fast hätte ich mit Goethes Faust „Die Botschaft hör’ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube“ geantwortet, aber das Problem ist größer.
Ein Problem, das ich damit habe, ist, dass mir das immer wieder begegnet ist, dass mir Muslime den Islam und den Koran mit – scheinbar – schönen Worten umschreiben, beschreiben, und die Exegese dann süß schmeckt wie Baklava. Ich weiß, dass es da verschiedene Formen der Exegese gibt. Es gibt Formen, die wohlschmeckend daherkommen, und das alles als so sinnvoll und vorteilhaft, ganz lieb darstellen. Es gibt andere, bei denen es für mich am Ende auf die Wahl zwischen Betritt zum Islam und Enthauptung hinausläuft. Und viele dazwischen.
Es ändert aber nichts daran, dass das alles Zirkelschlüsse sind, selbstreferentiell. Man muss erst an Gott glauben, damit die Worte einen Sinn ergeben (könnten). Und das hatte auch der Imam damals in Dubai eingeräumt, dass sie keinen Beweis dafür haben, dass das alles stimmt, dass man es einfach glauben muss.
Ich glaube es eben nicht, denn ich habe es nicht mit dieser Symbolik, und mal tagsüber nichts zu essen, um die Seele zu reinigen und den Sündenablass zu begehen, um dann, kaum dass die Sonne untergegangen ist, reinzuhauen, dass die Wände wackeln, und sich den Kalorienrekord des Jahres zu geben, dass dann aber gottesfürchtiges Fasten zu nennen – Sorry, nein. Weder mit noch ohne Glaube.
Wobei ich betone, und auch immer wieder sage, dass alle drei Buchreligionen, Judentum, Christentum und Islam, viele Komponenten haben, die meines Erachtens und meines Wissens gar keine spirituelle oder theologische Komponente haben, sondern einfach nur Benehmen, Sozialverhalten und vor allem Hygieneverhalten betrafen. Alle drei Religionen enthalten – mehr oder weniger – Anweisungen, wie man sich zu benehmen hat, wie die Gesellschaft funktionieren möge, wie man gesund bleibt – auf dem Wissensstand von vor 2000 Jahren.
Ich will dies auch nicht negativ werten. Im Gegenteil. Ich halte es für sehr gut, einen Verhaltenskodex zu haben, der zum Beispiel Streit oder Krankheiten vermeidet und damit die Sippe – ganz im evolutionären Sinne – erhält.
Nur: Dafür muss man nicht an Gott glauben, und es hindert einen sogar daran, es zu verstehen. Schwein und Hund haben vor 1400 Jahren zweifellos Krankheiten mit sich herumgetragen. Das hat aber nichts mit Gott zu tun. Und ich halte es deshalb für schräg, wenn der Islam gleichzeitig behauptet, der Gründer der Wissenschaft und Erfinder der Mathematik zu sein, wegen al-Chwarizmi und weil Algorithmus und Algebra aus der arabischen Sprache kommen, obwohl das in Wirklichkeit die Inder und die Griechen erfunden haben, und zwar lange, bevor es den Islam gab, und die Leute wie al-Chwarizmi, die das dann aufgeschrieben haben, Muslime werden mussten, um an die Universität zu können. Es widerspricht sich bis zur Unvereinbarkeit, einerseits den Islam für eine Quelle der Wissenschaft zu halten oder als solche hinzustellen, und andererseits alles als Gottes Gebot aufzufassen und die Welt in haram und halal aufzuteilen. Beides geht nicht. Für eines davon muss man sich entscheiden.
Ich will es mal anders formulieren:
Wenn einer kommt und sagt, dass er überzeugt ist, dass das Fasten der Reinigung seines Körpers und seiner Seele diene, auch noch der Erlösung von Sünden und Bösem – gut. Von mir aus gerne. Kann man machen. Warum auch nicht.
Wenn aber derselbe, der mir das eben noch sagte, kaum, dass es dunkel wird, sich auf ganze Tische voller Süß- und kalorienhaltiger Speisen stürzt, und schlemmt, wie sonst das ganze Jahr nicht – dann hat er ein Problem mit seiner Glaubwürdigkeit. Jedenfalls bei mir. Und wenn einer so heuchelt, dass er behauptet zu fasten, und jeden Abend Bankett abhält, dann ist das mit der Reinigung der Seele und Erlösung von der Sünde auch nicht weit her. Ich bin zwar kein Christ, aber in unserer Kultur gilt die Lüge als Sünde – und zwar auch dann, wenn man sich selbst belügt.
Und die Frage, die sich mir da immer stellt, ist: Wenn die unter „Fasten“ verstehen, tagsüber aggressiv zu sein und sich dann abends zur Reinigung der Seele das Futter reinzuhauen wie sonst das ganze Jahr nicht – was genau verstehen die dann unter „Arbeiten“?
Versteht mich nicht falsch.
Mir ist das durchaus bewusst, und das wird auch in dieser Zuschrift sehr deutlich, dass es da eine große Bandbreite gibt. Es gibt die Muslime, die versuchen, den Koran und den Islam auf eine schöne, freundliche, vermeint sinnvolle und konstente Weise auszulegen, als sei das alles Gottes wunderbares Geschenk, das man annehmen und glücklich werden könne. Es gibt aber auch Muslime, die das ganz anders sehen. Und ich weiß, dass die sich dann auch gegenseitig verachten und sich aneinander stören (was ja in der Zuschrift eingangs auch auftaucht).
Das ist ein wesentlicher Grund, warum man im Christentum nicht nur einfach gehen, austreten, sondern wenn man sich danebenbenimmt, sogar rausfliegen kann, exkommuniziert werden. Den Islam kann und darf man nie wieder verlassen. Dazu nochmal diese Textstelle:
Es besteht folglich das Problem, daß die Lehren so gut wie auschließlich an dem Verhalten derjenigen gemessen werden, die vortragen, einer bestimmten Religion anzugehören – bedauernswerterweise aber genau nicht anhand der entsprechenden Lehre selbst. Aus diesem Grund glaubt der gebildete Mitteleuropäer zumeist ersteinmal unhinterfragt und ungeprüft das, was er sieht oder liest oder was ihm präsentiert wird, am besten gleich noch via sogenannter sozialer Netzwerke und/oder Leitmedien, wo Unwissenheit, Verblödung und Ideologie regieren und entspannte Sachinformation meist nur mit der sprichwörtlichen Lupe aufzufinden ist.
Kurzum, was kann eine Lehre für den Unfug, den diejenigen anstellen, die sich ihr zugehörig erklären, gleichzeitig indes in vollkommenem Antagonismus verharren? Und warum sollte die jeweilige Lehre für solches Verhalten zur Verantwortung gezogen werden? Hier gilt es m.E. – und das gerade im Diskurs – eine klare Trennung zu ziehen zwischen Behauptung und Tatsächlichkeit. Es ist nicht die Schuld von Lehre respektive Religion, wenn Rechte der Menschen mit Füßen getreten werden.
Doch, dafür kann die Lehre was. Ich halte ja nichts vom Christentum, aber wenigstens in dem Punkt sind sie da ehrlicher: Wem’s nicht passt, der kann (heutzutage, früher war das schwerer oder unmöglich) auch gehen, austreten, es bleiben lassen. Der muss sich nicht lebenslang mit der Bibel und dem Glauben herumschlagen. Und wer sich nicht benimmt, fliegt im Extremfall eben auch heraus.
Deshalb kann man das dem Islam als Lehre durchaus vorwerfen, dass er sich einerseits über die ärgert, die Unfug anstellen, andererseits aber die Auffassung vertritt, aus dem Islam könne man nicht mehr austreten. Diesen Konstruktiosnfehler kann und muss man der Lehre vorhalten.
Und das ist der zentrale Punkt an dieser Lehre: Im Islam geht es nicht um Gott. Das ist nur die Verkaufsmasche. Die PR-Masche. Es geht darum, den Kampf zu gewinnen, die Krieg zu führen.
Grundsätzlich habe ich kein Problem mit Leuten, die das friedlich auslegen wollen und eben ihre Sitten und Gebräuche verfolgen. Ich hätte überhaupt kein Problem damit, wenn die dann sagten, dass sie das eben so feiern, wie andere Leute eben Weihnachten feiern. Geschenkt. Gerne. Guten Appetit zum Fasten, lasst es Euch schmecken!
Die Realität ist aber nun einmal eine andere:
Notfallsanitäter berichtet aus seinem Berufsalltag: „Er rief, ich schlachte euch wie Lämmer, ihr Ungläubigen”https://t.co/dXglJNBV7N
— Ralf Schuler (@drumheadberlin) February 23, 2026
Nun weiß ich durchaus, dass das Schächten, das Schlachten mit der Klinge durch den Hals, ursprünglich weltlichen und hygienischen Ursprungs ist, und eine Anleitung, wie auch der Laie schnell und sicher schlachten kann. Ebenso wie die Burka ursprünglich auch nur der Staubmantel für die Wüste war. Oder der Rat, sich vom Schwein fern zu halten.
Aber es war eben diese Lehre, die daraus ein allgemeines, ausnahmsloses göttliches Verhaltensgebot machte, und manche Leute dazu bringt, allem und jedem die Kehle durchschneiden zu wollen. Die Enthauptungen nehmen deutlich zu. Bei uns war das früher nicht üblich.
Und deshalb ist genau das der Lehre auch anzulasten. Es fällt gewissermaßen unter die Produkthaftung. Man kann nicht sagen, dass man das für die Feingeister macht, und nichts dafür kann, wenn dann andere damit losziehen und morden.
Gerade ist mir das untergekommen: Angeblich haben Muslime auf Threads die KI für sich entdeckt und produzieren dort am laufenden Band solche Gottes-Kitsch-Videos:
Os. Muçulmanos do Threads descobriram a IA e estão fazendo uns vídeos breguíssimos, cada um melhor que o outro. pic.twitter.com/lXBlykeDzX
— cardoso (@Cardoso) February 22, 2026
Und das laste ich der Lehre auf jeden Fall an, dass sie auch den schlichtesten Gemütern einhämmert, dass es am Ende so zugehe. Genau so ticken nämlich die meisten oder zumindest erstaunlich viele Leute. Die glauben das.
Und dann hilft Fasten auch nichts mehr.
Schon gar nicht Stunden-Fasten.
Und eine Lehre muss sich eben dann, insbesondere wenn sie jeder Empirie entbehrt und keinen plausiblen Weg zu ihr hat, sondern den Zirkelschluss-Sprung braucht und verlangt, und das Verlassen verbietet, sehr wohl danach bewerten lassen, ob sie in der Gesamtbilanz von Nutzen ist oder nicht.
Und da kommt der Islam gar nicht gut weg.