„Der Islam gehört zu Deutschland“
Weil mir gerade einige Leser geschrieben haben.
Ich hatte diesen Spruch Wolfgang Schäuble zugeschrieben. Einige Leser schrieben aber, das sei doch von Christian Wulff.
Ich kann mich erinnern, dass damals rum ging, dass der nicht originär von Wulff kam, und das erschien mir auch plausibel, weil ich mich nicht erinnern könnte, dass überhaupt jemals irgendetwas originär von Christian Wulff kam. Ich könnte mich nicht erinnern, dass der Mann überhaupt etwas gemacht hätte, kassiert aber seit Jahren ein Bundespräsidentenruhegehalt.
Das ging zwar damals rum, weil der das so gebracht hatte, dass sich alle aufregten, weil der sich damit in den Vordergrund spielen und auf politisch korrekt und modern machen wollte, aber das kam nicht von dem, das hatte er nur nachgeplappert. Hätte er es geschrieben, wäre es ein Plagiat gewesen.
Ich hatte das deshalb extra nochmal nachgesehen, bevor ich das geschrieben hatte. U.a. beim Deutschlandfunk (der zwar nicht seriös ist und in meiner Achtung bei ungefähr Null steht, aber nicht dafür bekannt ist, Politikern der gottgleichen Parteien Aussagen in den Mund zu legen):
Die Aussage, der Islam gehöre zu Deutschland, wird Christian Wulff zugeschrieben. Doch es war der damalige Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble, der ihn schon vier Jahre vor dem späteren Bundespräsidenten geprägt hatte. 2006 war auf Initiative Schäubles erstmals die Islamkonferenz zusammengekommen, die auch heute wieder tagte. Damals sagte Schäuble in seiner Eröffnungsrede: „Der Islam ist Teil Deutschlands und Europas“. Bis gestern, als Angela Merkel den Satz erneut aufgriff, wurde er immer mit einordnen und ergänzenden Bezügen – wie auf Europa oder die jüdisch christlichen Prägungen – der deutschen Kultur versehen. So auch als Christian Wulff am 3. Oktober seine Rede zum 20. Jahrestag der deutschen Einheit hielt:
„Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“
Es heißt, der Satz gehe auf eine Anregung des afghanisch-stämmigen Fernsehproduzenden Walid Nakschabandi zurück, der während der Vorbereitungen zu der Einheitsrede von Wulffs Sprecher Olaf Glaesecker angerufen worden sei. Nakschabandi schrieb Wulff daraufhin einen Brief, in dem er über Sorgen und Ängste muslimischer Immigranten vor dem Hintergrund der damaligen Debatte über das Buch des ehemaligen Bundesbankvorstands Thilo Sarrazin berichtete. Seiner Ansicht nach gehöre der Islam zu Deutschland, schrieb Nakschabandi.
Kritik an Wulffs Botschaft kam schnell auf
Als Wullf sich den Satz zu eigen machte, löste der Bundespräsident damit vor allem in der eigenen Partei heftige Abwehrreaktionen aus.
So ungefähr hatte ich das in Erinnerung, ich war mir nur nicht mehr sicher, wer der erste Politiker war, der das gesagt hatte (Schäuble).
Zu bemerken ist allerdings, dass Schäuble das eher sachlicher, feststellender, wertfreier formuliert hatte, „Der Islam ist Teil Deutschlands und Europas“.
Ob Wulff darüber nachgedacht hat, ist mir nicht bekannt, und ich wage es anzuzweifeln, aber er hat es zumindest rhetorisch wertend formuliert: „Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“ – auch wenn er es vielleicht gar nicht wertend gemeint hat. Es hört sich aber nun nicht mehr wie eine Feststellung, sondern wie eine Soll-Vorschrift an. Ich hatte damals schon den Eindruck, dass dem ziemlich egal ist, was er sagt, er sich einfach an den Zeitgeist anbiedern wollte und sagte, wovon er glaubte, dass es gut ankommt.
Schäuble dagegen wäre ein solcher Schwafelfehler nie unterlaufen. Aber er hat es ja auch anders formuliert. Und der meinte das dann auch so, wie er es gesagt hatte.
Rückblickend würde ich sagen, dass Schäuble die Situation und Lage nicht richtig erkannt hat und sein Satz ein taktischer Fehler war. Wulff würde ich eher so einschätzen, dass der halt einfach irgendetwas dahergeschwätzt hat, was ihm sein Redenschreiber untergejubelt hat.
Absicht Wulffs war wohl, sich einfach gegen die SPD zu positionieren und Sarrazins Buch mit der SPD gleichzusetzen, er also einfach das Gegenteil von dem sagen wollte, was in Sarrazins Buch stand – egal was, ohne nachzudenken, einfach Gegenteil-SPD. So „wir sind die Guten, SPD sind die Bösen“.
Wulff hat damit zwar gewaltigen Ärger ausgelöst und wird immer wieder zitiert.
Das eigentliche Problem sehe ich aber auf der Achse Schäuble-Merkel.
Tragisch ist freilich, dass Sarrazin mit seinem Buch genau das Gegenteil dessen erreicht haben könnte, was er wollte (abgesehen davon, dass er an dem Buch wohl sehr viel verdient hat): Denn manches deutete darauf hin, dass sein Buch „Deutschland schafft sich ab“ von 2010 aus Wahlkampfgründen dazu geführt hat, dass die CDU sich – durch so Oberflächenschwimmer wie Wulff und Merkel – völlig gedankenlos auf das Gegenteil verlagert und islamfreundlich gemacht hat. So nach dem Motto „Wenn die SPD den Islam nicht will, dann muss der Islam gut sein und wir sind dafür, dann mögen uns die Leute und auch die Türken wählen uns.“
Deshalb könnte Sarrazins Buch eine self-fulfilling prophecy gewesen sein.
Möglicherweise säße Deutschland jetzt nicht in der Allah-Bredouille, wenn SPD-Sarrazin nicht genau davor gewarnt und geistige Nichtschwimmer wie Wulff und Merkel aus Wahlkampfgründen einfach das Gegenteil davon gemacht hätten.
Da drängt sich mir ein kurioser Gedanke auf. Was wäre gewesen, wenn statt Sarrazin ein CDU-Politiker genau dasselbe Buch geschrieben hätte? Wäre dann die Geschichte anders verlaufen, weil Wulff und Merkel dazu dann nicht die Gegenposition vertreten hätten?
Womöglich wäre es genauso gelaufen. Denn hätte ein CDU-Politiker Sarrazins Buch geschrieben, hätte die SPD die CDU als islamophob, rassistisch, ausländerfeindlich beschimpft, weil auch die immer die Gegenposition einnehmen, egal welche. Und dann hätte Opportunisten-Merkel den CDU-Politiker, der das geschrieben hätte, abgesägt, gemeuchelt und auch da die Gegenposition eingenommen.
Was aber wäre gewesen, wenn Sarrazin ein proislamisches Buch geschrieben und die Islamisierung Deutschlands gefordert hätte?
Das weiß ich nicht, ob Wulff/Merkel dann eine islamkritische Gegenposition eingenommen hätten – oder im Gegenteil auf „wir sind noch viel islamfreundlicher als die SPD“ gemacht hätten.
Wie man es dreht und wendet: Ich glaube nicht, dass Wulff und Merkel einen blassen Schimmer davon hatten, was sie da sagten und machten. Die haben den Islam betrachtet, als seien sie einfach eine Konkurrenzmarke, eine andere Automarke oder andere Sorte Kaugummi, als ginge es um eine religiöse Marktwirtschaft. So nach dem Schema „Die beten halt ein bisschen anders, und was macht das schon, wenn wir neben Katholiken und Evangelischen noch eine dritte Sorte haben?“
Beide, Wulff und Merkel, wirkten auf mich – gerade in solchen Themen – enorm ungebildet. Die wussten gar nicht, wovon sie reden.
Schäuble dagegen war nicht dumm. Aber überheblich. Selbstüberschätzend. Sein Charakter war sein Problem. Der blickte auf andere herab, und hielt den Islam auch für etwas, worauf er herabblicken kann.
Noch ein paar Quellen dazu:
Schäuble hat nicht nur die Bundespolitik maßgeblich beeinflusst.
Vergleicht man seine Reden, ist ihm sein Fehler irgendwann zwischen 2010 und 2019 – Vielleicht so um 2015 – aufgefallen und er formuliert 2019 deutlich anders, und redet nun auch von einem politischen, intoleranten, nicht integrationswilligen Islam.
Aber da war es dann zu spät.
Alle reden von Merkel und 2015, aber auch Schäuble dürfte uns den Salat eingebrockt haben. (Bevor mir jetzt wieder die Leute schreiben: Ja, ich weiß, man brockt sich die Suppe ein, und den Salat hat man dann. Aber beides ist zu schwach, und eine Suppe mit Brocken oder ein Salat sind ja noch kein echter Kritikpunkt.)
Wulff hat zwar mit seinem Satz einen Aufreger gestartet. Aber ich glaube nicht, dass er sich dabei etwas gedacht hat. Und Wulff war einfach egal, irrelevant.