Ansichten eines Informatikers

Bullshit-Konferenzen und Promi-Huren

Hadmut
18.2.2026 13:07

Heute: KI

Das Fachblatt für Informatik und künstliche Intelligenz, die BILD: Ausgerechnet Dunja Hayali moderiert KI-Expertenrunde

Sie berichten über eine KI-Konferenz:

Ausgerechnet Hayali! Am Sonntag moderierte sie noch KI-gefälschte Bilder im „heute journal“ des ZDF an, nächsten Montag wird sie vor 300 Entscheidern eine KI-Expertenrunde moderieren. Unter anderem mit dem ehemaligen Vizekanzler Robert Habeck (56, Grüne) und DFB-Sportdirektor Rudi Völler (65).

[…]

Ausgerechnet sie soll jetzt die KI-Expertenrunde „Mensch & KI. Unbewusst gelenkt. Bewusst geführt“ in Hamburg zwei Tage lang (23./24. Februar) als Moderatorin führen. Mit exklusivem Abendevent im Luxus-Hotel „Vier Jahreszeiten“.

Auf der Hamburg-Seite wird geschwärmt, dass 300 Entscheider vor Ort in Hamburg sind. Als Sprecher sind unter anderem der ehemalige Vizekanzler Robert Habeck (56) und der Fußballweltmeister und DFB-Sportdirektor Rudi Völler (65) eingeladen, aber auch die ehemalige EU-Kommissarin Margrethe Vestager (57) und Professor Dr. Jürgen Stock (64), ehedem Generalsekretär von Interpol.

Eine KI-Konferenz, geführt von Dunja Hayali mit Robert Habeck und Rudi Völler.

Mit „exklusivem Abendevent“. Im Luxushotel. (Wieso „exklusiv“? Machen Dunja Hayali und Robert Habeck sonst nicht immer auf Inklusion, niemanden auszugrenzen? Mit Honorar sieht das wohl anders aus. Und Sozialismus ist gegen Honorar auch gerade aus.)

Und, wer hätte das gedacht, Maja Göpel ist auch dabei.

Keynotes, Paneldiskussionen, h+ai Skill-Workshops

Exklusives Abend-Event zum Netzwerken

Irgendwas über konkrete Themen oder irgendjemanden, der richtig Ahnung hat, habe ich da nicht gefunden.

Dafür sind die Preise gesalzen:

Vorabendevent und Congress: 1.885€ zzgl. MwSt.

Congress: 1.395€ zzgl. MwSt.

Ja.

Sowas kennt man.

Das sind so typische Bullshit-Konferenzen für Laien. Völlig überteuert, Luxushotel, mit „300 Entscheidern“ (=fachfremde ahnungslose Nobodys mit Geld), auf denen nur Bullshit geboten wird. Eben

Keynotes, Paneldiskussionen, h+ai Skill-Workshops

Exklusives Abend-Event zum Netzwerken

Eigentlich ist das Steuerbetrug. Denn verkauft wird letztlich nichts anderes als ein Luxus-Abendessen, wer gibt rund 500 Euro pro Person für ein „Abendevent“ aus, bei dem er nicht einmal weiß, was er bekommt? Für 500 Euro kann man manchmal zur richtigen Zeit eine Woche Urlaub machen.

Und vor allem: Keynotes, Paneldiskussionen, Speaker:innen – völlig nutzloses Geschwätz. Zeitvergeudung. Geldverschwendung.

Der eigentlich Knackpunkt ist, dass sich Leute damit auf Firmenkosten mal

  • Tag in Hamburg
  • Essen auf Firmenkosten
  • Rumsitzen
  • Promis begegnen

leisten. Und das dann von der Steuer absetzen. Beachte: Die angegebenen Preise sind „zzgl. MwSt.“. Sowas ist als allgemeines Angebot gar nicht zulässig, Preise müssen in Deutschland immer Endkundenpreise inklusive Mehrwertsteuer sein. Netto-Preise dürfen nur dann angegeben werden, wenn ausschließlich gewerbliche Kunden angesprochen werden (z. B. im Großhandel wie Metro oder direkten Geschäftsverkehr zwischen Firmen.)

Das heißt, dass die zwar unerlaubt, aber faktisch Kunden ansprechen, die vorsteuerabzugsberechtigt sind, und damit den Besuch als Betriebsausgabe verbuchen.

Und der Staat fördert solchen Scheiß auch noch, indem er das zulässt und als Ausgabe akzeptiert.

Natürlich gehen Leute wie Dunja Hayali und Rudi Völler dort nicht hin, weil sie so bekannte KI-Experten sind. Die bekommen in der Regel deftig Honorar und vergolden sich ihren Promi-Status, machen sich die Taschen voll, zeigen ihr Gesicht, und schütteln auch mal irgendwelchen Leuten die Hand.

Die Kalkulation kann man sich überlegen:

Wenn da angeblich „300 Entscheider“ kommen (beachtlicherweise sind die nicht ausverkauft, man kann noch Eintrittskarten kaufen), nehmen die 300 x 1.395 € = 418.500 € ein.

Davon haben die ein paar Kosten, indem sie im Konferenzhotel einen Saal mit 300 Sitzplätzen, Leinwand, Beamer und etwas Catering mieten. (Abendevent wird ja gesondert berechnet). Ich kenne jetzt die aktuellen Preise nicht so, aber so teuer ist das nicht. Man bekommt kleine Hotelveranstaltungsräume schon zwischen 100 und 500 Euro pro Tag, und einer für 300 Personen wird wohl auch deutlich unter 10.000 Euro bleiben. Ich habe mal gesucht, und es gibt Angebote mit einer Pauschale von 59 Euro pro Person, in denen alles drin ist: Catering, Technik, Beamer, Lautsprecher, Getränke, Schreibzeug und so weiter. Lass es im Luxushotel mal 150 sein, dann bleibt immer noch fett Geld übrig. Dann bleiben immer noch mindestens 300 bis 350.000 Euro über.

Und die kann man dann auf die Promis verteilen.

Da kann dann jeder ein fortgeschritten fünfstelliges Honorar bekommen. Macht man sowas einmal im Monat, hat man allein für ein paar Stunden leeres Blabla ein fettes Einkommen. Da kann man sehr gut auf ein sechsstelliges Zusatzeinkommen kommen. Macht man das öfter und ist entsprechend bekannt, kommt man da auch auf eine Million.

Und der Steuerzahler subventioniert das alles, indem das als Betriebsausgabe ausgegeben wird.

Letztlich ist das nichts anderes als Untreue und damit ein Korruptionstatbestand, außerdem Steuerbetrug, weil eine Vergnügungsangelegenheit.

In seriösen Firmen würden die Controller so etwas nicht zulassen.

Da aber immer mehr Firmen sparen müssen, besteht eine gewisse Hoffnung, dass solcher Bullshit zwar nicht ganz verschwindet, aber doch deutlich schrumpft.

Faustregel: Seriöse Veranstaltungen

  • Haben Themen und Agenda
  • Haben Fachleute
  • Haben keine fachahnunglosen Promis
  • Haben keine „Paneldiskussionen“ (oder höchstens ganz am Rande, zum Abschluss, wenn die meisten schon zum Flieger müssen und die Übriggebliebenen noch unterhalten werden müssen, aber nichts Wichtiges mehr kommen darf)
  • Haben angemessene Preise, weil sie näher an der Kostendeckung als am fetten Gewinn sind
  • Finden eher in verkehrsgünstigen Massenhotels als in Luxushotels statt
  • Richten sich an das Fach- und nicht das Entscheiderpublikum
  • Machen die Social Events nicht zum Mittelpunkt und machen sie, wenn überhaupt, eher bescheiden, damit sich jeder die Teilnahme leisten kann, z. B. Grillabend oder irgendwas besichtigen.
  • Sind keine reinen Präsenzkonferenzen, sondern geben hinterher Proceedings, Papers usw. raus
  • Unterscheiden klar, ob sie Neuigkeiten präsentieren (und damit singulär sind) oder Schulungsveranstaltung (und damit wiederholt mit gleichem Inhalt stattfinden).
  • Verkaufen nicht „Netzwerken“ als die herausragende Leistung, weil sie sonst nichts zu bieten haben.

Ich kann beim besten Willen nicht nachvollziehen, wie jemand – auch noch für exorbitant hohe Eintrittspreise – die Teilnahme an einer KI-Konferenz buchen kann, die Dunja Hayali moderiert und auf der „DFB-Sportdirektor Rudi Völler“ auftritt. Nichts gegen Rudi Völler, der Mann ist sachkundig und seriös – aber in Fußball und nicht in KI. Und selbst wenn er in KI etwas drauf hätte (KI-generierte Fußballtaktiken, KI-optimiertes Training, KI-Spielerauswahl), dann würde das thematisch da stehen und nicht dessen Anwesenheit verkauft.

Hayali bekommt ja beim ZDF angeblich schon ein gerüttelt sechsstelliges Gehalt. Und mit solchen Promihonoraren kommt die meiner Einschätzung nach locker auf eine Million im Jahr. Warum eigentlich? Ich halte die Frau für völlig kontrasympathisch, und könnte bisher nicht bemerken, dass die irgendeine greifbare Fähigkeit erlernt hat oder beherrscht.

Es ist der „parasoziale Effekt“ – man kennt die Leute aus dem Fernsehen, hält sie im Hirn für Bekannte, und will sich mit ihnen treffen.

Ich hatte das schon mal erzählt: Auf einer dieser Journalistenkonferenzen stand ich mal beim Essen an einem Stehtisch und unterhielt mich mit jemandem, der zufällig am selben Tisch stand, als ein „Bekannter“ vorbeikam, ich den im Gespräch vertieft, nur in irgendeinem Nebenwinkel meines Gehirns wahrnahm, so beiläufig grüßte, wie man das macht, so zunicken und lächeln, und ärgerte mich noch, warum der nicht zurückgrüßt und mich völlig ignoriert, bis ein paar Zehntelsekunden später mir meine Ratio sagt „Du Idiot, warum soll der Dich grüßen und warum grüßt Du ihn? Ihr kennt Euch doch gar nicht, denn siehst Du nur im Fernsehen!“ Ich weiß nicht mehr, wer das war, irgendsoein Fernsehgesicht eben.

Und das ist das Problem: Die Leute sitzen per Fernseher bei uns abends im Wohnzimmer mit am Esstisch, und werden so zu „Bekannten“, gelten als Leitfigur, und zwar selbst dann, wenn sie doof wie Stroh sind – aber viele Schauspieler leben genau davon.

Übrigens ein Punkt, warum ich Social Media für Jugendliche tatsächlich für gefährlich halte.