Ansichten eines Informatikers

Von Blauwalen und Tüpfelhyänen, Österreichern und Wissenschaftlern

Hadmut
2.2.2026 18:03

Es ist schrecklich.

Ich hatte doch vorhin diese Sendung „Fakt oder Fake“ des ORF erwähnt, laut derer männliche Säugetiere nicht größer seien als die weiblichen.

Es gab Leserzuschriften.

Laut Leserzuschriften sind bei diesen Säugetierarten die Weibchen geringfügig bis deutlich größer:

Besonders interessant ist aber, dass einer auf diese Studie verweist: New estimates indicate that males are not larger than females in most mammal species mit der Erkenntnis:

Our analyses of wild, non-provisioned populations representing >400 species indicate that although males tend to be larger than females when dimorphism occurs, males are not larger in most mammal species, suggesting a need to revisit other assumptions in sexual selection research.

Sie wollen herausgefunden haben, dass Männchen nur bei den Spezies größer als die Weibchen sind, bei denen Männchen und Weibchen unterschiedlich groß sind.

Toll.

Hört sich nach politisch geförderter Bullshit-Studie an: Männer sind nur dann größer als Frauen, wenn sie nicht gleich groß sind. Das reicht für drei Doktortitelinnen.

Our final dataset included 429 species with a minimum sample size of 9 for each sex: the minimum sample size that mitigates for the inflation of confidence intervals with low sample size in our dataset (Supplementary Fig. 1). We achieved at least 5% representation for each mammalian order except for Eulipotyphla (3.8%). We also achieved at least 5% representation for 66 out of the 78 mammalian families comprising at least 10 species (Supplementary Fig. 2, Supplementary Table 1). Our estimates, based on the frequency with which the 95% confidence interval for the between-sex difference in mean body mass straddles zero, and weighted by species richness in each family, indicated that 38.7% of mammalian species are sexually monomorphic in body mass, while 45.1% of species are male-biased dimorphic and 16.2% are female-biased dimorphic (Fig. 1).

Heißt: Sie haben von den 6.600 bis 7.000 Säugetierarten 429 betrachtet, nicht einmal 10%. Und da ist natürlich die Gefahr ganz groß, dass man sich die selektiv herausgesucht hat, die politisch passen, für die man Fördergelder bekommt.

Und da taucht dann auch die Graphik auf, von der der ORF anscheinend abgeschrieben und die Y-Achsen-Beschriftung ausgetauscht hat, denn da steht was anderes. Da steht nicht die Zahl der Geschlechter, sondern die Zahl der Species in jeder Ordnung (der an der unteren Achse aufgelisteten Ordnung).

Ein Leser hat mir auch das Video der Sendung geschickt.

Das ist keineswegs eine Wissenschaftssendung, sondern so eine gewöhnliche Laber- und Quizsendung, in der irgendwelche ahnungslosen Gastpromis irgendwas raten sollen, und eine Feld-Wald-und-Wiesen-Redaktion sich irgendwelche Fernsehwahrheiten zusammengoogelt.

Als Wissenschaftlerin führen sie dann die „Biologin und Expertin für Säugetierstockmaße Nicole Amberg“ vor, dem Aussehen nach dürfte es die hier sein, nach der Einblendung im Video „Molekularbiologin“.

Die sagt, dass es schon dem alten Darwin aufgefallen sei, dass es den „sogenannten Geschlechterdimorphismus“ gebe. Und der habe herausgefunden, dass männliche Säugetiere größer als weibliche seien. Er habe das damit erklärt, dass die Männchen in Konkurrenz stünden und miteinander kämpfen müssten.

Nun gebe es zwar Studien, die das auch belegt hätten, die sich aber immer nur auf sehr wenige Arten beschränkt hätten.

US-amerikanische „Forschende“ (da weiß man dann schon, von welchem Baum die kommt) hätten das aber zum Anlass genommen, das noch mal zu untersuchen, hätten 429 Tierarten betrachtet (sie meint also wohl wirklich die oben erwähnte Studie) und hätten als Messkriterium das Körpergewicht genommen.

Und dann blenden sie eben die Graphik ein, der man deutlich ansieht, dass sie die bei Nature abgeschrieben haben, dabei aber nicht nur einen Teil der Gattungen weggelassen, sondern vor allem die Beschriftung der Y-Achse geändert haben. Die dann natürlich unsinnig wird.

Deshalb seien die Männchen „nur“ bei 45% der Spezies größer, während die Weibchen bei großartigen 16% größer seien. (Wohlgemerkt, bei nicht einmal 10% der untersuchten und vermutlich selektiv zum passenden Ergebnis ausgewählten Arten.)

Und würde man statt des Gewichts die Länge betrachten, würden Männchen sogar nur noch bei 28% der Arten größer sein.

Ja, sagt sie, beim Menschen seien die Männchen schon größer als die Weibchen – aber das hätte hormonelle Gründe.

Was für eine Scheiß-Aussage: Beim Menschen seien die Männchen größer, aber das läge ja nur an den Geschlechtsunterschieden?

Das Östrogen sorge dafür, dass die Mädchen als Jugendlichen schneller in die Höhe schießen, weshalb Östrogen eigentlich für stärkeres Wachstum sorgten, aber leider, leider dann die Wachstumsfugen zu schnell verknöcherten, und das Wachstum abrupt stoppe und Mädchen davon abhalten, größer zu wachsen.

Sie will sagen: Eigentlich würden Frauen ja größer, wenn sie nur nicht durch diese verflixten verknöcherten Wachstumsfugen von ihren Möglichkeiten abgehalten würden. Arme diskriminierte, behinderte Frauen.

Sie kommt zu dem Ergebnis:

Es ist eigentlich eine schöne Biologenfrage, weil wir anworten wahnsinnig gerne auf alles mit „Das kommt darauf an“. Aber hier im generalisierten Fall muss man leider festhalten, dass es sich um einen Fake handelt.

Aha.

Sie sagt, es gibt Studien, wonach die Männchen größer sind, aber es gibt eine Studie, die 429 von 7.000 Säugetierarten untersucht hat und zu dem Ergebnis kam, dass bei 45% der Arten die Männchen und bei 16% die Weibchen schwerer seien, und die Männchen bei noch weniger auf Länge kämen, und es deshalb „Fake“ sei, zu behaupten, dass Männchen größer seien. Wobei sie sich zur Größe nicht einmal geäußert haben, sondern zu Gewicht und Länge.

Das ist natürlich verständlich, dass dem ORF dieser Schwachsinn so peinlich ist, dass sie nicht wollen, dass das irgendwer außerhalb Österreichs sehen könnte.

Denn schaut man sich diese Graphik an, sieht man recht deutlich, dass die Weibchen nur bei den Fledermäusen („Chiroptera“ = Handflügler), Afrosoricida (Tenrekartigen), Macroscelida (Rüsselspringer), Cingulata (
Gepanzerte Nebengelenktiere), Pilosa (Zahnarme wie Ameisenbären) und Lagomorpha (Hasenartigen) vorne liegen.

Man hat also schon sehr exotische Säugetiere suchen müssen, um auf das Ergebnis zu kommen.

Immerhin wissen wir jetzt, dass Bugs Bunny recht damit hatte, die Blaue Elise in der deutschen Übersetzung von einer Frau sprechen zu lassen, weil die Ameisenbären zu den Gattungen gehören, wo die Weibchen größer sind.

Völlig falsch dagegen sind die Batman-Comics und -Filme, weil Batgirl eigentlich größer und schwerer als Batman und nicht klein, niedlich, hübsch sein müsste, Fledermäuse eben. Aber dann kauft’s keiner. Schon die Vorstellung ist gruselig. Spiderman ginge es da aber auch nicht besser.

Und auch für Graf Dracula sind das keine guten Nachrichten.

Zeigt aber mal wieder, was für ein Mist „Wissenschaft“ heute ist. Beweisführung durch „es gibt eine Studie“. Und: Es gibt zwar viele Studien, aber wir zitieren halt die, deren Behauptung uns gerade in den Kram passt.

Übrigens: Eine der Autoren ist Psychologin, und einer ist Pädagoge.

Wer wäre besser geeignet?