Er hat die Schnauze voll und fährt jetzt Straßenbahn
Von der Schriftstellerei.
Der Kölner Stadtanzeiger hat einen Artikel über den Zustand Deutschland: Schriftsteller fährt jetzt Straßenbahn – „Irgendwann reicht’s, ich habe die Schnauze voll“
Christoph Poschenrieder hat acht Romane in 15 Jahren beim Schweizer Diogenes-Verlag veröffentlicht. Für die Geschichte eines schwulen Kunsthistorikers, der sich in Apulien auf die Spuren von Friedrich II. begibt („Das Sandkorn“), war er für den Deutschen Buchpreis nominiert. Jetzt arbeitet er als Straßenbahnfahrer. Auf seiner Website hatte er es angekündigt: „Fräulein Hedwig“ sei sein letzter Roman. „Es ist genug“, schreibt er da.
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Seit einem Jahr fährt der 61-Jährige jetzt Straßenbahn. Morgen Nachmittag hat er von 16 Uhr bis 1.30 Uhr wieder Dienst, er fährt dann die Tram 25 vom Max-Weber-Platz über Ostfriedhof, Wettersteinplatz und Großhesseloher Brücke zum Derbolfinger Platz in Grünwald und zurück, bei Schichthalbzeit wechselt er auf die Tram 19, von Pasing nach Laim, bei Touristen sehr beliebt, weil sie den ganzen Reichtum Münchens zeigt, Justizpalast und Alter Botanischer Garten, Promenadeplatz, Residenz, Nationaltheater, Marienplatz, Maximilianstraße, Maximilianeum.
Vom Schriftsteller zum Straßenbahnfahrer.
Wie ging das in München eigentlich, als freiberuflicher Schriftsteller zu (über)leben? Es sei ein Auf und Ab gewesen, hat Poschenrieder in einem mit Schreibtisch, Büchern, Waschbecken und Geschirr vollgestellten Kabuff der Buchhandlung erzählt. Seine Frau sei auch Freiberuflerin, als Dokumentarfilmerin passabel im Geschäft. „Mit Lesungen kann man ein bisschen was verdienen, wenn man 20 oder 30 macht pro Buch. Aber man hat natürlich keine Sicherheit, nie. Mit 35 kann man das verputzen, aber irgendwann wurde mir das zu heiß. Ich bin jetzt über 60…“
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Wenn er früher mal mit der Brotlosigkeit des Literaturbetriebs gehadert habe, habe er immer gesagt: „Dann werde ich halt Straßenbahnfahrer. Das habe ich jetzt einfach gemacht.“ In die Ironie mischt sich ein bisschen Trotz.
Buchhändlerin Haas, die Poschenrieder zum fünften Mal eingeladen hat und ihm nach der Lesung das Du anbieten wird, ist nicht nur traurig, sie ist wütend. „Der Verlag hat diesen herausragenden Autor vernachlässigt – er ist nicht so gefördert worden, wie es einem Schriftsteller seines Rangs gebührt“, sagt sie. „Es ist ein Jammer.“ Der tief blicken lasse auf den Zustand des Betriebs.
Geisteswissenschaften, zumal die altmodischen, zählen nicht mehr.
Er hätte sich zur Frau erklären und auf LGBTQ machen, seine Diskriminierung beklagen müssen.
Schriftsteller müssen dann aber schon fragen lassen, für wen sie in Zukunft eigentlich schreiben wollen, wenn doch die Schulen gerade immer mehr Probleme damit haben, Kinder überhaupt das Lesen auf grundlegendem Niveau beizubringen.
Das ist die Tragik der Presse, der Medien, der Verlage, der Autoren: Sie wollten unbedingt links sein, weltoffen, inklusiv, multikulturell – und bedachten nicht, dass in dieser Welt, die sie herbeiredeten, für sie kein Platz mehr ist.
Wer soll in einem migrantischen, diversen, ungebildeten Land eigentlich noch Literatur konsumieren wollen und können?
Ich warte ja nur darauf, dass die Frage aufkommt, wer noch Zeitungen kaufen und lesen soll.