Ansichten eines Informatikers

Über Geisteswissenschaften

Hadmut
28.11.2025 18:57

Ein Leser ist nicht mit meinen Aussagen einverstanden.

Geschwätzwissenschaft vs. Wissenschaft

Lieber Hadmut,

immer wieder projizierst und verallgemeinerst Du die Geisteswissenschaften.

Das verärgert mich sowohl als Natur- wie auch als Geisteswissenschaftler.

Denn eines ist klar:

Formallogik und ähnlich wichtige Dinge sind eigentlich Teil der Philosophie, die, wenn sie ernst genommen wird, keine Geschwätzwissenschaft, sondern tiefste logische Durchleuchtung ist. Diese Mindestbildung war eigentlich Teil der Hochschulreife, die ja faktisch abgeschafft wurde.

Das Problem ist, dass sich die Geisteswissenschaften, die Du meinst, nämlich Genderquatsch, und damit verbunden einige Teile der Soziologie, sowie Literaturwissenschaften, von dem neuen Unwissen heimgesucht wurden, und auch an den Naturwissenschaften versucht wurde zu nagen (das geht natürlich nicht, weil die Realität sofort Rückmeldung liefert).

Das ändert jedoch nichts daran, dass auch in der Geisteswissenschaft wissenschaftliche Prinzipien gelten und mindestens die formale Logik aus der Philosophie.

In allen Disziplinen mit materiellen bzw. Schriftquellen (alle Geschichtswissenschaften, sowie Archäologie und natürlich Musikwissenschaft) gilt darüber hinaus sämtliches naturwissenschaftliches Werkzeug und Logik der Überlieferungen.

Wer da nicht sauber argumentiert, wird schnell korrigiert.

In der Musikwissenschaft gelten physikalische Gesetze von Klang, und darüberhinaus schadet es da auch nicht, sich mit Wissenschaftsgeschichte auszukennen, was parallele naturwissenschaftliche Erkenntnisse angeht, z. B. Vincenzo Galilei (Musiker, Musiktheoretiker und Physiker (Schwingungsverhalten von Saiten), außerdem Vater von Galileo), oder Marin Mersenne (wichtig für Mathematik UND Musik).

Wissenschaft war immer als Wissenschaft im Allgemeinen gedacht.

Geschwätz ist keine Wissenschaft, und Wissenschaft kein Geschwätz.

Daran ändern auch Psychos nichts, die Schwachstellen ausgenutzt haben, mit Hilfe aus der Regierung von von “N”GOs.

Lieber Leser,

nein.

Das ist Wunschdenken aus der Verzweiflung der Geisteswissenschaftler über sich selbst.

„Die Philosophie“ hat niemals logisches Denken, Formallogik hervorgebracht.

Es ist umgekehrt: Man hat auch die Leute, die das entwickelt und formalisiert haben, früher als „Philosophen“ bezeichnet – und zwar aus dem einfachen Grund, dass es klassisch, historisch nur vier Fakultäten an den Universitäten gab: Theologie, Recht, Medizin und Philosophie.

Goethe, Faust:

Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor;

Heißt einfach nur: Ich habe alle (vier) Fachrichtungen studiert.

Der Grund, warum man die Logik der Philosophie zuschlug, war keineswegs, dass Philosophen logisch denken, sondern das Leute, die logisch denken, natürlich nicht zu Juristen, Medizinern und Theologen passen. Deshalb kam die philosophische Fakultät als Sammeltopf für alles andere dafür in die Zuständigkeit. Das heißt aber nicht, dass Philosophen logisch denken. Eine Kartoffel wird ja auch keine Paprika, nur weil ich sie zusammen in denselben Suppentopf werfe.

Bis in das ungefähr frühe/mittlere 18. Jahrhundert waren wir Agrargesellschaften, die rein mit (menschlicher oder tierischer) Muskelkraft, und ein bisschen Wind- und Wassermühle handwerklich-bäuerlich produzierten. Wir hatten zwar gute Handwerker und Handwerkskunst, aber die war nicht akademisch und beschränkte sich auf einfaches Rechnen, Umgang mit Zirkel und Lineal. Mathematik, Physik, Chemie spielten nur am Rande eine Rolle, im Vordergrund standen Landwirtschaft und Handwerk, Medizin und Juristerei.

Erst mit der industriellen Revolution, Dampfmaschine, Maschinenbau, ab ca. 1760 in England wurden die Ingenieurwissenschaften und damit die Mathematik richtig wichtig und bekamen eigene Fakultäten, wurden ausgebaut und vorangetrieben, auch weil es zu wirtschaftlichem Wettbewerb kam.

Damals bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts hat man alles, was irgendwie sinnvoll und verwertbare, zu gebrauchen war, in ingenieurwissenschaftliche oder sogar eigene Fakultäten wie Mathematik, Physik, Chemie, Maschinenbau, Elektrotechnik ausgegliedert.

Seither ist die „Philosophie“ nur noch der erbärmliche Rest, die Ladenhüter, das, was keiner haben wollte und gebrauchen konnte.

Es ist daher systematisch falsch zu behaupten, dass die formale Logik ein Produkt der Philosophie sei, weil dieser Teil ausgegliedert ist und die Philosophie seither nur noch der logikuntaugliche Restekram ist. Seither sind Philosophen nur noch das, was übrig bleibt, wenn jeder, der was kann, eine eigene Fakultät bekommt. Die Leute, die sich vorher im Sammelbecken getarnt haben.

Das ist eine Begriffsverschiebung.

Früher war Philosophie „alles außer Theologie, Juristerei und Medizin“.

Heute ist sie auch „alles außer … Logik, Mathematik, Naturwissenschaft, Empirie, Nützlichem“.

Fangen wir das Ganze nochmal anders an.

Es gibt eine allgemeine und verfassungsrechtliche Sichtweise, dass es eine Wissenschaftsfreiheit gebe und diese nicht abgeschlossen sei, nicht auf bestimmte Methoden beschränkt werden könne, sondern offen sei. Ich halte das für nicht richtig und ein Produkt der Juristen, die nicht wissen, was Wissenschaft ist, will das hier jetzt aber nicht angreifen, weil das zu weit führte, sondern nehme das einfach mal als gegeben hin und an. Einigen wir uns darauf.

Die Konsequenz daraus ist, dass man nicht zu einer Fakultät gehen und sagen kann, Ihr müsste da so und so machen, damit es wissenschaftlich ist. Man kann sie nicht auf bestimmte Methoden einengen.

Die Konsequenz daraus ist aber, dass sie das selbst tun müssten. Wenn man sie fragt „Warum glaubt Ihr, Wissenschaft zu sein?“ müssten sie antworten „Weil wir das so und so machen und das für wissenschaftlich halten“.

Und dann kann (und darf!) man sich seine Gedanken machen, ob man das für wissenschaftlich hält, oder auch aufzeigen, warum es das nicht ist.

Da kommt aber nichts.

Die können nicht sagen, worauf ihre Wissenschaftlichkeit beruhe. Nicht mal aus ihrer eigenen Sicht.

Sie können es noch nicht einmal falsch, schlecht, fehlerhaft, dumm. Sie können es gar nicht.

Und solange da einfach gar nichts kommt, man ihnen nicht einmal die Fehler direkt aufzeigen kann, weil da einfach gar nichts ist außer willkürlichem Geschwätz und einer Sammlung willkürlich ausgenutzter Denkfehler, solange sind sie für mich keine Wissenschaft.

Wissenschaft fängt bei mir nicht da an, wo es „richtig“ ist.

Wissenschaft fängt bei mir da an, wo es dokumentiert, nachvollziehbar, der Gedankengang erkennbar ist – mag er auch noch so falsch und fehlerhaft sein. Man muss erst einmal weitergeben können, was man sich dabei überhaupt gedacht hat (oder eben auch nicht), damit überhaupt erst einmal die Voraussetzung geschaffen ist, damit ein anderer sich überlegen kann, ob und warum er es für falsch oder richtig hält.

Wer aber nicht einmal das kann, der hat mit Wissenschaft einfach gar nichts zu tun.

Und deshalb sind „Philosophen“ für mich nur noch Schwätzer, die sich mit einem einstmals großen Begriff schmücken, der nur so lange berechtigt groß war, bis man alles, was ihn ausmachte, in eigene Fakultäten auslagerte.

Die heutige Philosophie ist nur noch der nutzlose Restposten, nachdem man alles ausgelagert hat, was irgendwie von Nutzen war.

Und ein zentrales Element aller MINT-Fächer, oder überhaupt aller wissenschaftlichen Fächer, ist die Verifikation. Das aber haben die heutigen Philosophen und Geisteswissenschaftlicher nicht nur nicht, sie lehnen es sogar rundheraus ab („Positivismus-Streit“).

Und spätestens, allerspätestens dann, wenn man (vgl. Popper) die Auffassung vertritt, dass Wissenschaft sei, einfach zu behaupten, was man wolle, dass jede x-beliebige Behauptung „Wissenschaft“ sei, und es dann Aufgabe des Publikums sei, diese zu widerlegen (und man dann von der Antifa aufs Maul bekommt, wenn man das versucht), ist es bei mir vorbei.

Wer selbst behauptet, dass jedes beliebige Geschwätz Wissenschaft sei, und den Begriff jeglicher Bedeutung entleert, der kann weder ernstlich behaupten, Wissenschaftler zu sein, noch sich darüber beschweren, von mir Schwätzer genannt zu werden – zumal wir uns da ja bei der Methodik sogar einig sind, nur über deren Wertung streiten.