„Unruly passenger“
Normalerweise wird dieser Begriff in der Luftfahrt für Leute verwendet, die randalieren, besoffen sind oder unter anderen Drogen stehen, Leute angreifen, Sachen demolieren, rumschreien, stören, wie man das von vielen Videos von Vorfällen an Flughäfen kennt.
In Deutschland ist es anders.
Wenn man die Grünen kritisiert, wird einem das Konto geschlossen.
Wenn man den Flughafen kritisiert, wird einem der Flug gestrichen.
Das Fachblatt für Flughafensicherheit und Untertänigkeit, die BILD: Lufthansa-Pilot verbietet Ex-Metro-Chef den Einstieg: Bomben-Spruch am BER – Flugverbot!
Brisanter Zwischenfall vor dem Lufthansa-Flug LH 1927 nach München am Berliner Flughafen BER: Ex-Metro-Chef Eckhard Cordes (74, aktuell Aufsichtsratschef des Dienstleisters Bilfinger SE) wurde der Einstieg in den Flieger verweigert, nachdem sich der Manager lautstark über den Airport beschwert hatte. Cordes sagte demnach, der Flughafen „sei so schlecht, dass man sich manchmal wünsche, er würde besser in die Luft gesprengt werden“.
Für den Lufthansa-Kapitän war danach klar: Cordes darf nicht mit. Sogar die Polizei wurde zum Gate gerufen. Lufthansa-Mitarbeiter berichten ihren Kollegen: Cordes sei als „unruly passenger“ abgeladen worden – ein Fachbegriff für einen störenden Passagier. Grund sei seine Wortwahl in Verbindung mit Sprengstoff oder Bombe. Da schrillten beim Personal alle Alarmglocken.
In Deutschland gilt man als „unruly passenger“, wenn man die falschen Worte wählt, gar den Flughafen kritisiert. Niemals, unter keinen Umständen, an einem amerikanischen oder deutschen Flughafen Worte wie „sprengen“ oder „Bombe“ sagen. Keine Geschäftsbesprechungen. „Das sprengt unser Budget“ – zack, festgenommen.
Was genau war passiert?
Donnerstagmittag am Lufthansa-Gate. Obwohl die Maschine an der Fluggastbrücke stand und erste Gäste des vorherigen Flugs bereits das Flugzeug verlassen hatten, mussten die anderen Passagiere an Bord bleiben, berichtet ein Cordes-Sprecher auf BILD-Nachfrage. Dies bedeutete, dass die wartenden Passagiere nicht einsteigen konnten.
Ja, das kenne ich. Der BER ist der einzige mir bekannte Flughafen, bei dem man sich auch nach pünktlicher Landung auf der Landebahn bis zum Verlassen des Ankunftsbereichs noch eine deftige Flugverspätung einhandeln kann. Mal bringt niemand die Treppe, oder mal ist keine frei, mal ist niemand da, der Passagiere bewacht, weil die ja nicht alleine rumlaufen dürfen, mal fehlen Busse oder Busfahrer, mal ist niemand da, der das Gepäck auslädt und so weiter. Der BER ist ein endloses Ärgernis, und dabei trotzdem teurer als andere Flughäfen.
„Davon war auch Herr Cordes betroffen, der ebenfalls die mangelnde Information und die dann noch arrogante Art des Personals kritisierte. Herr Cordes sagte dann, dass dies typisch für seine Erlebnisse am Berliner Flughafen sei. Der sei so schlecht, dass man sich manchmal wünsche, der Flughafen würde besser in die Luft gesprengt und neugebaut werden.“
Womit er – wie ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann – durchaus recht hat. Ich halte den BER für richtig verkorkst. Der wurde von Leuten gebaut, die nicht wissen, was ein Flughafen ist. Ich habe das ja schon anhand von Anzeigetafeln und Toiletten oder der bescheuerten Steuerung der Aufzüge besprochen. Der BER ist der einzige mir bekannte Flughafen, wo man beim Abflug nach der Passkontrolle nichts mehr zu essen bekommt, und – schlimmer – der einzige mir bekannte Flughafen, bei dem man im Wartebereich am Gate stehen muss, weil nicht genug Sitzplätze vorhanden sind. Als hätten die, die das gebaut haben, nie darüber nachgedacht, dass das nicht nur eine Sitzeecke für ein paar Gelangweilte ist, sondern da genau so viele Leute warten müssen, wie in ein Flugzeug passen. Das scheint keiner gewusst zu haben.
Ich kenne auch keinen Flughafen, bei denen die Passagiere bei der Ankunft ihr Bordgepäck in einem engen, verwinkelten Treppenhaus rauf und dann wieder runtertragen müssen. Das sagt sich so leicht, aber wenn man es am Rücken hat, oder eben Mutter mit zwei Kindern ist, ist das wirklich übel. Und die Passkontrollen bekommen sie auch nicht ordentlich hin, die unterscheiden sich nicht wesentlich vom Stand der 1980er Jahre.
Der BER ist eine völlig verkorkste Fehlkonstruktion.
Aber wehe man sagt es.
Dabei waren damals nicht wenige Leute der Meinung, dass man statt der Reparaturversuche den Flughafen besser wieder abgerissen und ihn von Leuten, die was davon verstehen, komplett neu hätte bauen lassen. Ich hatte schon einige Male darüber geschrieben: Man merkt dem BER an allen Ecken und Kanten an, dass er nicht von einer einheitlichen Unternehmerschaft gebaut wurde, sondern daran eine Vielzahl von flughafenunerfahrenen Partikularauftragnehmern herumgemurkst haben, die sonst anscheinend nur Bürogebäude bauen, bei denen sich niemand für die Funktion interessierte, sondern jeder nur damit beschäftigt war, gerade so sein Pflichtenheft zu erfüllen. Bau da Toiletten hin. Also irgendwie. Oder mach da Anzeigen hin. Irgendwie. Egal, ob man sie von den Sitzplätzen aus sehen kann. Hauptsache, irgendwo hängt eine Anzeige. Bau da Aufzüge hin. Ob die Steuerung überhaupt zu einem Flughafen passt – völlig egal, Hauptsache Aufzüge. Bahnhof am Flughafen, aber Rolltreppe nur aufwärts? Egal. Wer kommt schon mit Gepäck an einem Flughafen an und will mit der Bahn weiter? Sowas macht doch keiner.
Aufgrund der Unruhe rief das Bodenpersonal den Kapitän zum Gate, der mitteilte, dass er wegen eines drohenden Gewitters das Aussteigen abgebrochen habe. Daraufhin hätten Cordes und andere Passagiere darauf hingewiesen, dass es doch draußen kein Gewitter gebe.
Der Cordes-Sprecher: „Der Pilot hat dann entschieden, dass er Herrn Cordes auf diesem Flug nicht mitnehmen werde. Diese Entscheidung wurde von Herrn Cordes kritisiert, der gegenüber dem Piloten zwar dessen Entscheidung zur Wetterlage akzeptierte, aber darum bat, seinen Punkt zu sehen, dass es draußen nach wie vor kein Gewitter gebe.“
► Wegen der lautstarken Meinungsverschiedenheit waren zwischenzeitlich zwei Polizisten geholt worden, um den Streit zu schlichten. Der Kapitän blieb hart: Cordes hat Flugverbot. Der Sprecher: „Herr Cordes ließ sich von den Polizisten zum nächsten Mietwagenschalter bringen. Er ist dann per Mietwagen nach München gefahren.“
Ein interessanter Punkt. Denn wenn man die ganzen Warte-Zeiten und die Hin- und Abfahrt vom Flughafen betrachtet, ist ein Mietwagen rein zeitlich betrachtet gar nicht mal so schlecht, wenn man den in der Innenstadt abholt und nicht wie Cordes einen Teil der Flughafenzeitverschwendung schon begangen hat. Außerdem kann man mitnehmen, was und soviel man will.
Mit seiner Kritik am BER steht Cordes nicht allein. Zuletzt hatte Eddie Wilson, Chef der irischen Billigfluggesellschaft Ryanair, den Airport scharf kritisiert: „Man hat sieben Milliarden Euro für den Berliner Flughafen ausgegeben, der halb leer ist und wo die Preise steigen.“
In Lufthansa-Kreisen wurde bereits spekuliert, ob der Ex-Metro-Chef nun Hausverbot in den Airline-Lounges bekommt. Cordes hat den höchsten Vielflieger-Status „HON Circle“. Mitglieder erhalten exklusive Vorteile wie Zugang zu First-Class-Lounges und in Frankfurt und München sogar Limousinen-Service auf dem Rollfeld.
Ein Lufthansa-Sprecher sagte dazu nur allgemein: „Fluggesellschaften können Passagieren die Beförderung verweigern oder ein Flugverbot aussprechen, wenn Sicherheit, Ordnung oder Vertragsbedingungen verletzt werden – etwa bei aggressivem Verhalten. Es handelt sich stets um eine sorgfältige juristische Einzelfallprüfung, die unter besonderen Umständen auch zu einem Hausverbot oder sehr selten zu einem Statusentzug führen kann.“
Da wäre die Frage, womit der eigentlich „Sicherheit“, „Ordnung“ oder „Vertragsbedingungen“ verletzt haben soll.
Selbst als vermeintlich harmloser Scherz werden Bemerkungen zu Bomben im Sinne der Flugsicherheit als potenzielle Bedrohung aufgefasst und führen fast immer zu Flugverbot und ggf. strafrechtlichen Ermittlungen. Ein Sprecher der Berliner Bundespolizei bestätigte den Vorfall: „Bei Ausschlüssen von Fluggästen durch Piloten obliegt die abschließende Bearbeitung der Polizei Brandenburg.“
Reichlich absurd.
Und letztlich ein Grund, nicht mit Lufthansa, sondern mit ausländischen Fluglinien zu fliegen, die kein Deutsch verstehen.
Und ich glaube nicht, dass der BER das so noch lange weitermacht. Irgendwann wird es irgendwem zu doof. Wenn da mal ein oder zwei große Fluglinien ganz den Stöpsel ziehen, und die Einnahmen zu sehr unter den Kosten liegen, sich Berlin und Brandenburg das Ding aber nicht mehr leisten können, dann haben die entweder ein richtiges Problem, oder gar keine Probleme mehr.
Ob man Lufthansa fliegt, sollte man sich überlegen. Wenn die schon mit Vielfliegern im höchsten Status so umgehen, wie gehen die dann erst mit normalen Touristen der Billig-Klassen um?
Was mich übrigens zu einer Frage bringt. Ich wurde doch neulich bei meiner Japan-Reise wegen der Streiks in Helsinki sowohl für den Hin-, als für den Rückflug umgebucht. Gebucht hatte ich ein Ticket der japanischen Airline. Der Flug hatte auch eine Nummer der Japanischen Fluglinie. „Operated by Finnair“. Die haben halt eine Kooperation, und das ist ja dann oft so, dass ein Flug von Partner-Airlines betrieben wird und dann sogar mehrere Flugnummern haben kann, eine für jedes Mitglied der Partnerschaft, damit die Flugnummer zum Ticket passt. Eingecheckt und den Preis für den Sitzplatz gezahlt hatte ich dann bei Finnair.
Und weil der Flughafen Helsinki wegen Streiks nicht zu gebrauchen war, hatten die mich dann auf Lufthansa über München umgebucht.
Mit wem hatte ich denn dann eigentlich ein Vertragsverhältnis?
Das ist durchaus keine akademische Luxusfrage. Bei irgendeinem Flug hatte ich mal so ein Problem, die genauen Umstände weiß ich nicht mehr. Ich glaube, das war Australien oder Neuseeland, wo ich einen Flug mit Emirates gebucht hatte, weil ich da immer viel Gepäck dabei habe und Emirates damals großzügigere Gepäckgrenzen als andere Fluglinien hatten. Weil Emirates aber nicht ab Berlin fliegt, musste ich vorher – ich weiß es nicht mehr genau, ich glaube – mit Air Berlin nach Düsseldorf fliegen und von dort mit Emirates weiter, und auf dem Rückflug dasselbe umgekehrt.
Auf dem Hinflug konnte ich nicht einchecken. Gepäck zuviel, Gepäck zu schwer, das gehe gar nicht. Ich weiß die Details nicht mehr, aber ich glaube, ich war deutlich über den 23kg, und Emirates akzeptierte damals bis 30kg. Und 23kg ist so eine eiserne Gewerkschaftsregel. Mit AirBerlin-Regeln unvereinbar. Sie würden mich nicht mitnehmen.
Vorgesetzen ranholen lassen. Und dann mal verklickert, dass mich die AirBerlin-Regeln eigentlich nicht interessieren, weil ich kein AirBerlin-, sondern ein Emirates-Ticket habe, und da steht (wenn ich mich richtig erinnere) 30kg drauf. Das sei der Vertrag und der gelte. Ich erwarte Erfüllung.
Und das brachte sie dann richtig in Probleme, weil sie einerseits zugeben mussten, dass das zählt, was auf dem Ticket steht, und ich einen Vertrag mit Emirates und nicht AirBerlin habe, ihre Software aber das Einchecken des Gepäcks verhindere und sich nicht umgehen lasse. Das sei, so mein Standpunkt, aber nicht mein, sondern ihr Problem, und eine Haftungsfrage, wenn ich deshalb den Flug und den Reiseantritt verpasste. Das würde dann richtig teuer.
Irgendwie haben sie es dann geschafft, indem sie irgendeinen schrägen Trick angewandt haben. Ich weiß es nicht mehr, den Koffer als Rollstuhl registriert und direkt ans Flugzeug gebracht oder sowas. Man versicherte mir aber, dass der Fall internen Klärungsbedarf hervorgerufen habe und man sich darum kümmern werde.
Das ist deshalb im Streitfall durchaus wichtig zu wissen, mit wem man da welchen Vertrag hat.
Hätte sich die Lufthansa also bei besagtem Japan-Flug mir gegenüber auf ihre Vertragsbedingungen berufen können? Hatte ich überhaupt einen Vertrag mit der Lufthansa? Ist der zustandegekommen, als mich die Finnair fragte, ob ich stornieren oder deren Umbuchungsangebot annehmen wolle?
Es kam nämlich – ich weiß nicht mehr, ob auf dem Hin- oder Rückflug, aber ich glaube, es war der Hinflug mit Lufthansa – noch zu einem anderen Problem. Ich hatte nämlich bei Finnair Geld bezahlt, um einen bestimmten Sitzplatz zu bekommen, weil es mir bei Langstreckenflügen sehr wichtig ist, am Gang zu sitzen und einfach aufstehen und an das Gepäckfach gelangen zu können, nicht von schlafenden oder mürrischen Passagieren blockiert zu werden. Bei der Umbuchung hatte man die Sitzplatznummern übertragen. Obwohl beide Ersatzfluglinien – Lufthansa und Qatar – dieselben Flugzeugtypen einsetzten, hatten die andere Bestuhlungen. Bei einem der Flüge hatte ich deshalb ein Ticket auf genau diesen Flug erhalten, mit einer Sitzplatznummer, die es in diesem Flugzeug nicht gab, was erst beim Einsteigen auffiel. Man hat mir dann das Ticket getauscht. Es hätte aber auch leicht dazu führen können, dass kein Platz mehr frei gewesen wäre (oder keiner am Gang).
Und dann?