Ansichten eines Informatikers

Ubuntu 23.10

Hadmut
13.10.2023 13:02

Eieiei.

Nachdem ich mich über einige Unzulänglichkeiten von Ubuntu 23.04 geärgert hatte und gewohnheitsmäßig immer die letzte Version vor der nächsten LTS ausprobiere, um noch rechtzeitig auf Probleme hinzuweisen und das vorher anzutesten, habe ich gestern abend die Ubuntu 23.10 Desktop ausprobiert.

Oder besser gesagt, ich habe es versucht.

Ich habe es nämlich, trotz inzwischen knapp 30 Jahren Linuxerfahrung (von Anfang an, noch bevor es überhaupt Distributionen gab), Debian von Anfang an, Ubuntu von Anfang an, zum ersten Mal nicht geschafft, Ubuntu zu installieren. Die haben einen ganz neuen Installer, und der ist meines Erachtens untauglich. (Könnte unter Umständen auch am Rechner gelegen haben, weil ich einen neuen Rechner mit neuem N100-Prozessor ausprobiert habe, aber nachdem die Distribution auf dem Desktop lief, sehe ich nicht, wo da ein Installationsproblem sein sollte.)

Denn erstens braucht der immer ewig lang, um von einem Schritt zum nächsten zu gehen. Das heißt, dass die Installation viel, viel länger dauert als sonst, und damit auch das Testen und Eingrenzen von Fehlern.

Zweitens weil der Installer immer wieder hängenblieb und einfach gar nicht weiterkam. Man klickt auf „Weiter“ und es passiert einfach nichts. Nachdem ich den Verdacht hatte, dass einige Probleme online-verursacht sind, habe ich da mal die offline-Installation gewählt, aber danach kommt man schon nicht mehr ins nächste Menü.

Einmal hatte ich alle Eingabeschritte durchlaufen, aber es fand keine Installation statt.

Ein anderes Mal hatte ich da scheinbar Erfolg, das Ding erklärte, es sei alles fertig und bereit zum Reboot, aber der Reboot erfolgte nicht nur nicht, sondern nachdem ich ihn manuell durchgeführt habe, war da auch nichts zum Booten.

Völlige Katastrophe.

Nun wollte ich mal googeln, ob das anderen auch so geht, oder ob ich da in ein lokales Problem gelaufen bin. Das Image hatte ich zwar verifiziert, aber es ist ja immer denkbar, dass es was mit der Geolokalisation, der Hardware zu tun hat, oder dass der USB-Stick Lesefehler produziert und die Software schlicht fehlerhaft läuft, weil irgendwo ein Bit gekippt ist. Ich hatte ja neulich geschrieben, dass ich im Rahmen des großen Ausmistens alle alten USB-Sticks rausgeworfen und mir für solche Installationszwecke auf Amazon günstige (nicht billige, keine Fälschungen) USB-3.0-Sticks mit 64GB (drunter lohnt nicht mehr, ist nicht billiger) im 10er-Pack gekauft hatte, die bisher auch einwandfrei funktionierten. Ich hatte gestern abend dann keine Lust mehr, mich ins Bett gelegt, um dann heute zu googeln, ob das ein Problem nur bei mir ist, dass ich eingrenzen kann, oder ob das anderen auch so geht und alle Mühe vergeblich ist.

Findet sich:

Ubuntu habe die Distributions-CDs zurückgezogen, sie sind derzeit nicht verfügbar. Wegen Problemen mit dem Installer.

Der Knackpunkt ist aber: Sie sagen da nichts von technischen Problemen, sondern von einer Lokalisierung/Sprache. Anders als früher bei Windows gibt es bei Linux in der Regel keine separaten Versionen für alle Regionen, sondern eine Version, bei der man bei der Installation die Region auswählt (deutsch, englisch, griechisch,…) und dann die Texte anhand von Tabellen automatisch übersetzt werden.

Und da scheint nun einer die ukrainischen Übersetzungen mit üblen Beleidigungen vollgepumpt zu haben:

The offensive translations appear(ed) in the new Ubuntu installer at specific points in the process, and only when run in a specific language. The tasteless translations have since been scrubbed from existence, sane translations added, and an updated ISO readied for release.

As well as the main Ubuntu 23.10 desktop ISO the ISOs for Ubuntu Budgie 23.10 and Ubuntu daily builds (those are, AFAIK, the only ones that use the new installer, with other flavours using Ubiquity or Calameres) have also been removed, and new versions prepared.

I’m not 100% certain but having taken a look at the Ubuntu Desktop Installer repo on GitHub — I know, I’m nosey — it appears to be (sadly, but perhaps predictably) the Ukrainian translation file that was hijacked. I ran its contents through a translator and …Wish I hadn’t.

About 75% of the file is normal but the rest is a barrage of unsubtle, offensive sentences relating to politics, sexuality, and current events. The text is crude, provocative, and highly inflammatory – we’re not talking nuanced, fringe political opinions here.

Und tatsächlich ist es auf der Download-Seite nicht verfügbar, stattdessen ein Link auf eine Erklärung zu einem Übersetzungsproblem.

Da stellen sich drei Fragen:

  1. Wie konnte das passieren und durch den Testprozess rutschen? Gut, die Ukrainer haben gerade andere Dinge zu tun, als sich um Linux-Tests zu kümmern und sonst merkt man das ja nicht, wenn man kein Ukrainisch kann. Das erklärt, warum es nicht bemerkt wurde, aber nicht, wie es überhaupt möglich war.
  2. Wenn das möglich war, was war dann noch möglich? Angriffe? Backdoors?
  3. Stimmt die Story mit dem Ukrainisch überhaupt, oder sind da nicht doch noch andere Macken im Installer?

    Würden Beleidigungen auf Ukrainisch überhaupt ausreichen, um gleich so einen Riesen-Stopp zu machen, oder würde man das nicht trotzdem online lassen und dazu sagen, dass die Version gleich behoben wird?

Die Sache gefällt mir nicht. Ganz und gar nicht.

Ich hatte schon öfter geäußert, dass ich den Eindruck habe, dass die Linux Community im Allgemeinen und Ubuntu im Besonderen das Qualitätsniveau nicht halten können.

Und es scheint mir, dass im derzeitigen jeder-gegen-jeden-Kampf auch das Opensource-Konzept mit Freiwilligen nicht mehr funktioniert.