Ansichten eines Informatikers

Der Bagger und die Leitung

Hadmut
18.2.2023 16:46

Beachtlich.

Als ich mit der IT im Bereich Dienstleister angefangen habe, damals, 1998, Karlsruhe, Xlink, waren wir noch in der Frühphase des Internet, damals haben wir noch Firmen, Unternehmen, Behörden, Organisationen erstmalig an das Internet angeschlossen. Und ihnen erklärt, wie das so geht.

Damals haben wir, zumindest ich, aber ich glaube, auch viele der Kollegen, immer die Stilfigur des Baggers bemüht, um den Kunden klarzumachen, dass das Internet nicht ausfallsicher ist, sondern dass man sich überlegen muss, wie lange man dann ohne auskommt, und wenn das nicht passt, man eben redundant sein muss. Ich hatte einen Kunden, der Umsätze so in der Größenordnung einer Milliarde macht, und deshalb täglich Umsatzsteuer im Millionenbereich an das Finanzamt überweisen musste. Ein Tag Verzögerung = Großes Aua. An einer entscheidenden Stelle hatten die da so einen 20-Euro-Repeater stehen. Was machen Sie, wenn der kaputt geht? Antwort: Der geht nicht kaputt. Der ging noch nie kaputt. Ich so: Alles altert, alles ist irgendwann mal durch. Netzteile halten nicht ewig. Was machen Sie dann? Antwort: Wir kennen da einen guten Computerladen, da holen wir dann einen. Ich: Sie überweisen täglich Millionen, haben einen Riesen-Schaden, wenn das Ding ausfällt, kaufen gerade zwei Firewalls zum 6-stelligen Preis von mir, aber wollen nicht die 20 Euro investieren, um ein Ersatzgerät auf Vorrat zu haben? Antwort: Nein, wozu? Das steht doch nur rum.

Damals haben wir das gerne verwendet, um den Kunden klar zu machen, dass auch verbuddelte Kabel – eigentlich eher die Geräte, die mit denen verbunden werden – ausfallen können, und da war das geflügelte Wort eben „Wenn der Bagger das Kabel abreißt“ – obwohl ich damals keinen einzigen Fall kannte, in dem ein Bagger eine Datenleitung unterbrochen hatte.

Das hat sich geändert.

Im Laufe der Jahre sind mir dann immer wieder genau solche Klischee-Fälle untergekommen, in denen bei Bauarbeiten irgendwo die Kabel aus dem Boden gerissen oder abgeschert oder geknickt oder sonst irgendwas wurden. Anfangs nur erfundenes Erklärklischee, ist das dann erstaunlich oft passiert.

Heise hat gerade einen Artikel über den IT-Ausfall der Lufthansa. Auch durch Bagger-Unfall passiert, Kabel durchtrennt.

Tenor: Der Baggerführer kann nichts dafür, die Lufthansa ist selbst schuld.

Njnjnjnjjjainnein.

Die Argumentation bezüglich der Lufthansa ist richtig.

Dass damit der Baggerführer aber aus dem Schneider wäre, weil der ja nur nach den Plänen baggert, die man ihm vorlegt, das stimmt so nicht. Dazu müsste man nämlich erst mal klären, ob der denn überhaupt plankorrekt oder irgendwas gebaggert hat. Denn in vielen Fällen, in denen Kabel abgerissen wurden, lag es nicht an der Divergenz zwischen Plänen und Kabeln, sondern daran, dass da irgendwer rumgebaggert hat, der keine Ahnung hatte und einfach drauf los gemacht hat, wohl auch keine Pläne lesen konnte. Ich hatte mal ein Gebäude besichtigt, Neubau, das erheblich vom Bauplan abwich, sah man schon mit dem bloßen Auge, und die haben es nicht gemerkt, weil sie keine Pläne lesen konnten.

Als ich noch in Karlsruhe wohnte, bekam der Wohnblock noch etwas verzögert eine schöne neue Tiefgarage, die direkt vor einem meiner Fenster gebaut wurde. Ich konnte da also jeden Tag zusehen, wie die das gemacht haben, war sehr interessant. Komische Geräte, mit denen man den Beton spiegelglatt bekommt. Kannte ich vorher nicht.

Und als die die Grube ausgehoben haben, hatten die so einen Schnösel von gegeltem Schönling, die Arroganz auf zwei Beinen, aber die Gottheit des Baggerns. Der Mann war ein Künstler seines Faches. Der hat mit einem einfachen Schaufelbagger die Grube so ausgehoben, dass die direkt bebaut werden konnte. Rechteckt, quaderförmig, der Erdboden völlig eben und glatt. Hat der so ruckzuck mit der Baggerschaufel gemacht.

Dann war der aber weg. Man hatte die Baukosten gesenkt, indem man beim Auftrag gesagt hatte, dass das nicht eilig ist und die das nur machen müssen, wenn sie gerade nichts besseres zu tun haben. Offenbar musste der an einen anderen Bau. Nach der Hälfte des Aushubs mussten deshalb die LKW-Fahrer, die den Aushub abtransportierten, selber ran. Da stand halt der Bagger, nunmehr ohne den Gott des Baggerns, und die mussten aussteigen und ihren LKW selbst vollbaggern. Und so sah es dann auch aus, als wären da Bomben explodiert. Das musste dann hinterher alles zeitaufwändig nachgearbeitet und wieder geglättet und aufgefüllt werden. Das sah man sofort, dass die darin nur so grundlegend Bescheid wussten, aber keine Übung hatten. Seither achte ich aus Interesse darauf, und habe sowas immer wieder gesehen.

Will sagen: Es gibt enorme Unterschiede in der Fähigkeit des Baggerns.

Und wenn dann da eben mal wieder Not am Mann war und die Fahrer selbst baggern mussten, dann würde ich nicht darauf wetten, dass das allzu exakt nach irgendwelchen Plänen verlief. Das müsste man erst mal klären, bevor man großspurig behauptet, dass der Baggerführer da garantiert nichts dafür kann. Vielleicht, vielleicht aber auch nicht.