Ansichten eines Informatikers

Die Romantisierung des Tötens durch die Singularisierung des Bösens

Hadmut
11.2.2023 15:14

Die Steigerung der amygdalischen Rudelmechanik ist die kapazititive Begrenzung des Rudelweltbildes.

Oh, da habe ich böse Zuschriften bekommen. Alice Schwarzer und Sahra Wagenknecht scheinen „rechts“ sehr beliebt zu sein, denn seit ich sie vor ein paar Minuten kritisierte, kamen einige böse Kommentar und Zuschriften herein.

Doppelt erstaunlich. Einmal, was für seltsame Ikonen man sich „rechts“ inzwischen sucht, und welche politische Fraktion die beiden Damen inzwischen erfolgreich ansprechen. Ist notiert.

Man kündigte mir gerade die Leserschaft, unterstellte mir allerlei Dinge wie die Knecht- und Gefolgschaft zur NATO, weil mir Alice Schwarzers Lachen zu blöd ist. Auf den Zusammenhang muss man erst einmal kommen.

Wieder aber wird die alte Leier hervorgekramt, dass die Briten, die Amerikaner, die ganze NATO am Einmarsch der Russen in die Ukraine schuld sei, praktisch alle, nur nicht die Russen selbst. Denen sei ja gar nichts anderes übrig geblieben, die schützten ja nur hohe ehrenwerte Werte wie Patriotismus, Heimat und den Kampf gegen Nazis. Gerade der ist rechts ganz wichtig, seit die Russen einmarschiert sind, auf einmal haben die alle ihren Faible für den Kampf gegen die Nazis entdeckt. Gleichzeitig sieht man sich mit diesen beiden Feministinnen verbunden, weil man dieselbe Denkweise teilt: Jeder ist an den Handlungen von einem selbst schuld, nur nie man selbst. Der ganze Westen, alle haben sich verschworen, und die armen Russen zum Kampf gezwungen. Wie edel.

Mir konnte noch keiner erklären, warum die NATO darauf dann so gar nicht vorbereitet war, wenn sie das doch alles geplant und ausgeheckt habe.

Zwar merkt man inzwischen, dass einigen da auch nicht mehr so klar ist, was die Russen da eigentlich treiben und welchem militärischen Ziel das da eigentlich dient. Und da es ja inzwischen eine Vielzahl – auch unabhängiger – Berichte über Massaker und Folter an der Zivilbevölkerung und grenzenlose Mordlust gibt, und Organisationen wie die Wagner-Gruppe oder Leute wie Kadyrow jetzt auch nicht gerade zur Ehre gereichen, wird das merklich schwerer, diesen Krieg zu romantisieren und zur erzwungenen Heldentat zu stilisieren.

Was ich dabei immer wieder beobachte und als Argumentationslinie feststelle:

Man ist sich einig, dass die Amerikaner die Bösen sind. Da würde ich auch zustimmen, schließlich ist das ein Hauptthema und Existenzmotivation dieses Blogs hier.

Die Kapazität reicht dann aber nicht, die Existenz zweier Böser anzunehmen. Man unterstellt, dass es nur ein Böses, ein singuläres Böses, so nach dem Modell Sauron auf Mittelerde gibt, und deshalb alle, die dagegen Kämpfen, die Guten, die Gefährten sind. So etwas wie eine Konkurrenz der Bösen gibt es nicht. Als hätten die Amerikaner da ein Monopol. Wer gegen das Böse kämpft, ist das Gute. Und das Böse sind die kapitalistischen, imperialistischen Amerikaner. Insofern wieder mal Einigkeit und Deckungsgleichheit zwischen rechts- und linksaußen bis zum Verdacht der Identität.

Der Gedanke, dass dieser Krieg keinem edlen Zweck (mehr) dient, nicht von der moralischen Güte und Selbstaufopferung Putins getrieben wird, sondern sich da blanke Mordlust verselbständigt hat und es da einfach Leute gibt, die nur auf eine Gelegenheit gewartet haben, um Mord-, Folter- und Gewaltorgien zu begehen, und dieser Krieg längst ein Phosphorbrand ist, der nicht zu löschen ist bis er ausgebrannt ist, kommt den Leuten nicht. Man hat sich festgelegt, dass das eine edle Sache ist, und es da um Ehre, Heimat, Vaterland und den tapferen Kampf gegen den Imperialisten USA und die fiesen Nazis geht, um die gepeinigten Russen in der Ukraine zu befreien, die aber – wenn ich frage – als Russen nicht einfach so nach Russland könnten, weil das dort nun einmal ihre „Heimat“ sei, das Herz eben unlösbar an ein paar gammeligen Plattenbauen aus Sowjetzeiten hänge, und schießt auf jeden, der einen abweichenden Gedanken äußert, der Putins Edelmut in Frage stellen könnte, wie beispielsweise Alice Schwarzers Lachen dumm zu finden. Sie sehen sich ja auch zum Verwechseln ähnlich.

Das ist nicht nur eine Rudelmechanik.

Das ist eine primitive Rudelmechanik, weil die Kapazität nur noch für zwei Rudel reicht. Die Guten. Und die Bösen. Unterkomplex.

Bewerbt Euch in Hollywood als Drehbuchautoren, aber verschont mich mit solchem Schwachsinn.

Die Sache ist erstaunlich einfach: Die Russen sind ohne jede Rechtsgrundlage, ohne Kriegserklärung und ohne triftigen erklärten Grund (und wechselnder Ausrede) in die Ukraine einmarschiert und zerbomben da Städte und Zivilbevölkerung. Daran ist in erster Linie niemand, wirklich niemand schuld außer dem Täter selbst, also den Russen. Die haben das getan, und die sind für ihre Handlungen verantwortlich, solange sich Putin nicht zur feministischen Transfrau erklärt und damit als selbstverantwortungsabweisend gilt.

Und diesen ganzen Scheiß und Schwachsinn mit Nazis und Beschuss der Russen in der Ukraine und Kriegsbeginn 2014 und dass man ungebildet sei, wenn man das nicht berücksichtige, könnt Ihr Euch sonstwohin stecken, solange es keine triftige Erklärung dafür gibt, warum die Russen aus der Ukraine nicht nach Russland gegangen sind, wenn sie es da so bitter hatten. Denn wie ich schon erklärte, bin ich nicht nur selbst in meinem Leben schon viel weiter und öfter umgezogen, als es das für die bedeutet hätte, Deutschland ist inzwischen zu einem gerüttelten Teil voll mit Leuten, die kontinentübergreifend hierher gezogen sind. Also wäre es nicht nur die nächstliegende, sondern sogar eine zumutbare Lösung gewesen, wenn die Russen aus der Ukraine nach Russland gezogen wären. Und da man ja angeblich auch Ukrainer, insbesondere Kinder in großem Stil aus der Ukraine raubt und nach Russland bringt, auch um da kinderlose Parteifunktioniäre mit Adoptivkindern zu versorgen, bestehen da offenbar auch „Aufnahmekapazität“.

Also kommt mir nicht mit so einem Scheiß daher, dass es irgendwie gut oder richtig oder geboten oder notwendig oder edel oder heimatlich oder von irgendwem erzwungen wäre, in der Ukraine tausende Menschen zu töten oder hier bei uns dämliche Lachvideos zu drehen.

Wenn ich offenkundiges Morden sehe, brauche ich nicht noch irgendwelche Idioten, die mir vorschreiben, dass ich das Maul zu halten hätte, weil das doch ein edler Krieg sei, an dem nur die Amis schuld wären. Fragt lieber mal bei Al Quaida, dem Islamischen Staat oder den Taliban nach. Die haben nämlich Verwendung für solche Leute. Ich dagegen nicht.

Ich sehe Mord und nenne ihn Mord.

Und ich sehe Mörder und nenne sie Mörder.

So einfach ist das.

Und ich bin weder Kommunist, noch Feminist, noch rechts genug, um einen Haufen Tote für eine Verhandlungsmasse zu halten.