Ansichten eines Informatikers

Von wegen „Lange Nacht der Wissenschaften“ – Teil 2

Hadmut
3.7.2022 12:07

Ich war vorhin (gestern abend, aber ich war dann zu müde, den Artikel ganz fertig zu schreiben) dort.

In Dresden und München bin ich sehr gerne zu den Langen Nächten gegangen, der Wissenschaft, der Musik, der Museen. Ich kann mich erinnern, auf diese Weise in München ins Feuerwehrmuseum gekommen zu sein. Oder im Katasteramt alte Landkarten als Lithographien auf Steinplatten zu sehen und zuzuschauen, wie sie nochmal mit den alten Drucktechniken loslegten, um alte Land- und Vermessungskarten nochmal auszudrucken.

Und an meine erste Wissenschaftsnacht kann ich mich auch erinnern, weil ich in Dresden in der Gegend wohnte, wo kurz zuvor das epochale Hochwasser gewütet hatte. Wenn man ganz genau guckte, konnte man im Keller noch sehen, bis wohin das Wasser mal gestanden hatte. Und da war es überaus spannend, nach Mitternacht ins hydrologische Institut zu gehen, die im Keller ein Modell der Gegend aufgebaut hatten und mit Wasserströmen dann vorführen konnten, was schief gelaufen und wie die Überschwemmung entstanden ist, und wie man sie hätte verhindern können.

In Berlin gefällt mir das alles nicht so. Nicht nur, weil die meist nur bis abends geht und eben gerade keine „Lange Nacht“ ist, sondern auch, weil es in Berlin einfach nicht so gut funktioniert. Berlin ist groß, die Orte sind hier weit voneinander entfernt, und man muss mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, womit man kaum mehr als vielleicht drei oder vier Lokationen in einer „Nacht“ schafft. In München waren die viel enger beisammen und es gab eigene Bus-Routen, die zwischen nah zusammenhängenden Orten Schleifen fuhren. Man musste nicht suchen oder überlegen, wohin man als nächstes geht, oder wie man hinkommt, sondern man konnte blind in den Bus steigen und an der nächsten Station wieder aus und war dann einfach am nächsten Ort der Schleife. Und das dann bis nachts um zwei oder drei. Da hat man noch wirklich viel gesehen. Das geht in Berlin einfach nicht. Schon deshalb finde ich die Lange Nacht in Berlin nicht so prickelnd, weil man im Gegensatz zu meinen damaligen Erfahrungen in Dresden und München hier sehr viel Zeit damit verbringt, in drögen öffentlichen Verkehrsmitteln herumzufahren oder einfach auf den Bus zu warten.

Die letzten zwei Jahre ist die Lange Nacht in Berlin ausgefallen, und wenn ich es nicht zufällig heute gestern morgen im Bad im Radio gehört (oder diese Hinweise auf den vereitelten Biologie-Vortrag bekommen hätte), hätte ich das gar nicht mitbekommen, dass das heute gestern wieder stattfand. Also spontan entschlossen, aber weil ich bis 16:00 Uhr beschäftigt war und die Veranstaltungen um 17:00 losgingen, war mein Einsatzradius von vornherein auf das beschränkt, wohin ich in einer dreiviertel Stunde aus kommen konnte.

Psychoanalyse: „Ich bin Zeuge der Welt, die ich anschaue.“

Beim Durchschauen des Veranstaltungskatalogs unter besonderer Berücksichtigung der Entfernungsanforderungen fand ich da jetzt auch nicht so wahnsinnig viel, was mich angesprochen hätte. Weil ich aber in letzter Zeit viel über das Gehirn geschrieben hatte, und nicht viel besseres fand, dachte ich mir, gehst Du mal wieder zu den Psychoanalytikern. Ich kann mich erinnern, bei meiner ersten Wissenschaftsnacht in Berlin schon mal kurz dort gewesen zu sein und einen Vortrag gehört zu haben, den ich zwar nett und unterhaltsam, aber doch irgendwie doof und nutzlos fand, weil man hinterher kein Stück mehr wusste als vorher. Ich hatte damals Fragen gestellt, mehrere sogar, und keine einzige hatten sie beantworten können. Alles nur so vages Geschwafel, dass man das nicht weiß und sowohl als auch und man sich da jetzt auch nicht festlegen wolle.

Probieren wir es noch mal.

Dort angekommen geht erst mal die Suche los. Wo ist denn der Eingang? Gebäudenummerierung verwirrend, fehlleitende Schilder zu den Gebäuden. Mit den Angaben aus dem Veranstaltungskatalog findet man den Eingang zum Gelände der Berliner Psychoanalytischen Institute, aber mehr auch nicht. Irgendwie mal einen Zettel aufzuhängen, was wo stattfindet, darauf kommen sie nicht. Die sind darauf geeicht, dass die Nummer des Seminarraums in irgendeinem Vorlesungsverzeichnis steht, das muss dann wohl reichen.

Das erste Durchfragen ergibt, dass ich im falschen Gebäude sei. In Gebäude 3 müsste ich mich begeben. Beachtlicherweise wissen nicht einmal die Leute mit den Lange-Nacht-Aufklebern, wo man hin muss.

Dort erfahre ich auf Nachfrage, dass die Veranstaltung in Seminarraum 3b-04 stattfindet.

Aha.

Schließlich gefunden, aber ein paar Minuten zu spät gekommen.

Den Namen des Dozenten lasse ich mal weg, weil ich jetzt nicht so voll des Lobes bin. Steht vorne am Pult und liest so dröge einen gestelzt-geschwurbelten Text ins Mikrofon vor. Zu sehen gibt es nichts, und er schaut das Publikum kaum an, weil er ja liest. Ich finde solche „Vorlesungen“ so entsetzlich, in denen einer vorne steht oder sitzt und einen in Schriftdeutsch verfassten Text so monoton runterleiert ohne aufzublicken, während des Publikum versucht, beim Einschlafen nicht zu schnarchen. So diese verschwurbelte Geisteswissenschaftlersprache, bei der ich mir immer denke, verdammt nochmal, können die sich nicht normal ausdrücken?

Nein, können sie nicht, weil die Verbalschwurbelei den fehlenden Inhalt substitutieren muss.

Und deshalb sprechen sie dann auch nicht frei, weil man so nicht ad hoc schwurbeln kann, sondern das vom Blatt ablesen muss. Und wenn dann im Text noch text-typische Querreferenzen vorkommen, funktioniert das beim Vorlesen auch nicht. Ja, ich weiß, deshalb heißt es ja „Vorlesung“. Wir sind jetzt aber auch nicht mehr zu Zeiten Luthers, und ich bin hier eigentlich auch nicht in einer Vorlesung, sondern in der Langen Nacht der Wissenschaften und nicht in einem Geisteswissenschaftlerseminar des 27. Semesters. Und dann bin ich dann auch so froh, nicht mehr an der Uni zu sein.

Es fing irgendwie mit Freud an, und ging dann – wieder im Geisteswissenschaftlerstil – von Hinz zu Kunz, wer was wie sieht, einfach nur so Wiedergeben und Zusammenfassen dessen, wer was wie behaupten wollte, sich aber dabei nicht gescheit artikulieren konnte.

Nach dem Vortrag fühlte ich mich kein Stückchen schlauer.

In der Fragerunde habe ich dann gesagt, dass ich fachfremd sei, aber die lange Nacht nutzen wolle, um mal in andere Fächer reinzuschnuppern, und ich mich gerne nach ihrer Methodik erkundigen wolle. Ich hätte von ihnen nun gehört, wer da was sage, aber keinerlei Aussage darüber, ob es denn überhaupt stimmt oder nicht. Sie zitierten Freud, gäben aber nicht zu erkennen, ob dessen Aussagen denn zutreffend oder falsch seien. Ob sie einer Nachprüfung standhielten. Und was denn ihre Methodik sei, um Aussagen auf Richtigkeit zu überprüfen, zu verifizieren oder falsifizierne, bevor man sie zitiert.

Und, was mich schon immer störte, alle reden sie von Freud, alle zitieren sie Freud, alle beziehen sich auf Freud, viele halten ihn für die Autorität, andere lehnen ihn ab, aber ich hätte noch nie etwas darüber gehört oder gelesen, ob das eigentlich stimmt oder nicht, was Freud da sagte – hat denn das mal irgendwer nachgeprüft? Sollte man das nicht erst tun, bevor man sich auf jemanden bezieht?

Ääääähhhhhh,,,,

Ja, hieß es, da hätte ich schon eine wichtige und interessante Frage gestellt … aber eine, die sich gar nicht stelle. Das betrachte man nicht.

Moment mal, sagte ich, Sie zitieren da irgendwelche Werke und geben sogar Gutachten vor Gericht ab, und es interessiert Sie an keiner Stelle, ob das überhaupt stimmt?

Ja, was denn das überhaupt sei, ob etwas stimme, was das heißen soll, das sei ja alles nur subjektiv.

Nöh, sagte ich. Ich käme aus dem MINT-Bereich, und sei als Informatiker und Blogger darauf trainiert, Aussagen nachzuprüfen. Beispielsweis im Labor. Es sei so üblich, dass jemand, der in den Naturwissenschaften etwas behauptet, das zur Diskussion stellt, und andere das dann unabhängig überprüfen, ob sich das Experiment nachstellen lässt, oder auch nicht. Ob dieselben Ergebnisse rauskommen oder auch nicht. Ob es zutreffende Prognosen erlaubt.

Nein, machen sie alles nicht.

Die einzige, die erstmal überhaupt eine inhaltliche Antwort gibt, ist eine Städtebauerin, die sich damit als eine Art Ingenieurin ausweist, mir dann aber erzählen will, dass es das da nun mal nicht gibt, und mich ein Buch zu den Unterschieden zwischen Natur- und Sozialwissenschaften interessieren könnte. Eigentlich nicht nötig, denn die Unterschiede offenbaren sich mir ja gerade von selbst.

Ich habe da einige getriggert, denn man erklärt mir noch, dass das mit Erfahrungswerten, Ansehen und so weiter zu tun habe.

Sie wissen nicht, ob ihr Kram stimmt oder falsch ist.

Schlmmer noch: Es interessiert sie nicht einmal. Es ist ihnen völlig egal. Sie wollen es nicht einmal wissen. Es spielt für sie keine Rolle.

Und diese Leute begutachten uns im Zweifelsfall.

Etwas später meldete sich noch eine aus dem Publikum, um mir zu antworten, die ich aber wegen ihres Akzentes nicht ganz lückenlos verstand. Es sei völlig egal, ob etwas stime, sagt sie, weil es doch nur auf die subjektive Komponente ankäme. Wenn ihr ein Patient sage, dass er sich von in seiner Wohnung installierten Überwachungskameras beobachtet fühle, sei es doch völlig egal, ob die Kameras existierten oder nicht.

Ich kam nicht mehr zu Wort, aber halte das für Blödsinn. Denn erstens hatte ich bei der Frage der Nachprüfung ausdrücklich gesagt, dass es mir nicht um die Richtigkeit ihrer Tätigkeit im Einzelfall gehe, sondern allein um ihren Grundlagenkram, das vom Einzelfall unabhängige. Und zweitens, weil es für mich sehr wohl einen Unterschied ausmacht, einen sehr großen sogar, ob jemand sich nur einbildet, von Kameras beobachtet zu werden, oder ob da wirklich welche sind.

Es verfestigt sich der Eindruck, dass sie sich da wild etwas zusammenplagiieren, und nach Gutdünken einsetzen (von Gender war auch mal die Rede), und genau das passiert, was ich von den Geisteswissenschaften schon so oft beschrieben habe: Wenn’s zitiert wird, muss es stimmen. Behauptungen werden durch Abschreiben wahr. Was günstig für die Behauptungen ist, weil sie so viele Plagiatoren haben.

Ich bin da rausgegangen und hatte den Eindruck, den ich von Geisteswissenschaftlern oft habe: Die schwätzen einfach irgendein Zeug, weil sie sich an den Formulierungen und Schwurbelierungen ergötzen, haben keinerlei wissenschaftliche Basis, fragen an keiner Stelle, ob das überhaupt stimmt, was sie da erzählen, sondern lehnen im Gegenteil das Konzept von richtig und falsch ab und ersetzen es durch subjektive Willkür, und kennen als einzige Methode, sich gegenseitig und im Kreis herum zu zitieren und voneinander abzuschreiben, und sich dann nach der Quantität und Intensität des Abgeschriebewerdens zu bewerten. Auf mich wirkt das unfassbar blöd.

Mein Ticket haben sie auch nicht kontrolliert. Zu ihrem Schaden. Denn irgendwer erzählte mir früher mal, dass die Einnahmen aus dem Ticketverkauf besucheranteilig an die Teilnehmer ausgeschüttet würden.

Draußen hatten sie noch einen Fressstand, an dem ich mir dann von Hungers wegen einen Wrap gekauft habe, der sich dann als ihre Rache rausstellte. Am unteren Ende war der nämlich viel zu scharf gewürzt.

„Glaubwürdig“? Wie sich Vertrauen in Medien ändert. Und was Journalist*innen besser machen können.

Nachdem ich da beschlossen hatte, dort nicht länger zu bleiben, führte mich mein Weg weiter zur HMKW, der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft.

Das völlige Gegenteil

Das fing schon draußen an. Es stand groß dran, dass hier Lange Nacht der Wissenschaft ist und wo es reingeht. Schon aus erster Näherung in Richtung Gebäude gut zu sehen.

Drinnen ein zwar nicht trivialer, längerer Weg, von dem man hätte falsch abbiegen können, aber: Der gesamte Weg ist mit Luftballons drappiert. Man muss einfach nur immer den Luftballons hinterherlaufen. Nichts suchen. Nichts fragen. Nichts raten. Einfach nur den Luftballons hinterher.

Oben angekommen, Ticketkontrolle. Als Gegenleistung für das Vorzeigen des Tickets bekomme ich einen Lageplan auf Papier, farbig, mit dem Grundriss, den Raumnummern und der Angabe sämtlicher Veranstaltung direkt mit roter Linie zum Raum, Angabe der Zeiten und der Dozenten. Man muss überhaupt nichts fragen oder suchen. Ein Blatt Papier und alles ist sofort klar. Direkt und übersichtlich.

Warum schaffen die Medienwissenschaftler das so leicht, und die Psychologen so gar nicht?

Auch der Vortrag das genaue Gegenteil.

Großer Bildschirm, ordentliche, informative, etwas zu dicht gepackte Folien. Ein dynamischer Professor Sebastian Köhler „lebt“. Vielleicht ein bisschen zu dynamisch und zappelig, aber der liest nicht ab, der redet frei, guckt das Publikum an, interagiert, und vor allem: Er hat was zu sagen. Und er sagt es auch noch verständlich. Und er ist auch vom üblichen Geisteswissenschaftlerschema abgewichen, dass erst einer einen Monolog hält, und dann das Publikum fragen dazu stellt, sondern er hat das sehr interaktiv gemacht, das Publikum direkt im Vortrag angesprochen und gefragt. Er stellt die Fragen, und das Publikum antwortet, also umgekehrt. Wenngleich ihm anzumerken war, dass ihm meine medienkritischen Antworten, nun ja, sagen wir mal, nicht so gut gefallen haben.

Es ging um eine Studie darüber, dass die Leute weniger etablierte Medien konsumieren und ihnen weniger vertrauen. Leider ist er nicht sehr unparteiisch, sondern steht auf Seite der „Medienschaffenden“ und will dahin, wie man das wieder verbessern kann. Während es einem Wissenschaftler eigentlich egal sein müsste, er es analysieren, aber keine Seite vertreten sollte. Aber egal, der Vortrag war informatik, gut macht, und man wusste hinter etwas, was man vorher nicht wusste.

Und im Ergebnis hatte jedenfalls ich die Befriedigung erfahren zu haben, dass die Medienbranche zwar noch nicht kapiert hat, wie und warum sie Vertrauen verspielt, aber immerhin schon mal gemerkt hat, dass das Vertrauen sinkt.

Danach war ich noch in einer Veranstaltung über Kurzfilme, von der ich aber wegen der zeitlichen Überlappung nur das Ende mitbekommen habe. Das wäre mein Verbesserungsvorlschlag für die HMKW, dass man die Veranstaltungen zeitlich so staffelt, dass man sich leicht mehrere anhören kann und die sich nicht so überschneiden. Denn da die Lange Nacht in Berlin sehr reisezeitintensiv ist, wäre es eigentlich prima, mehrere Veranstaltungen am selben Ort zu sehen.

Jedenfalls war das bei den Medienwissenschaftlern sehr viel angenehmer, interessanter, interaktiver, sachlicher, informativer, einfach erheblich besser, als das, was die Psychoanalytiker da abliefern.

Charite

Am Schluss war ich noch in der Charite, da habe ich jetzt aber nicht so viel zu erzählen, weil ich da nicht in Vorträgen war, sondern nur Sachen zum Angucken gesehen habe, und da war es ziemlich voll.