Ansichten eines Informatikers

Sprachliche Steigerungsformen in Zeiten des Sozialismus

Hadmut
19.4.2022 16:06

Was ist eigentlich schlimmer, was die höhere Steigerungsform?

Anschluss an den Artikel von neulich „Extrem“ ist das neue „sehr“.

„Rechtsextreme“ oder „Ultrarechte“?

Sowas wie Normal-, Durchschnitts-, Mittelrechte gibt es im Sprachgebrauch der Medien ja gar nicht. Es wurde auch noch nie einer als „leicht“ oder „so ein bisschen“ rechts eingestuft, auch Halb-, Semi- oder Teilzeitrechte gibt es nicht. Beim Kurs auf der Kompassrose haben wir sowas wie „Nord-Nordost“, aber sowas wie Mitte-Mitterechts haben sie nicht. Auch von einem 65%-Rechten wurde nie berichtet.

Unter „rechtsextrem“ machen sie es nur in Ausnahmefällen.

Was heißt „extrem“?

Es kommt von lateinisch extremus. Und das ist der Superlativ von exter, was so viel wie außen, draußen, auswärtig, außen befindlich, ausländisch bedeutet. Vergleiche dazu „extern“ oder „exterieur“. Oder auch Exit, exitus = Ausgang. Da geht’s raus.

Der Extremus ist also der, der am weitesten draußen ist. Das Äußerste, der äußere Rand. Kann angeblich auch das Finale, die Abschlussrunde, das Endspiel bedeuten.

Extrem heißt also: Mehr geht nicht, danach kommt nichts mehr.

Schon daher lässt es nicht unbedingt auf Sprachbefähigung schließen, wenn Leute von „extremst“ reden, also auf das lateinische Superlativ noch eines nach deutscher Grammatik obendrauf setzen. Die Besten der Besten der Besten, Sir!

Es ist aber nicht nur ein sprachliches, sondern auch ein logisches Problem, wenn alle gleich im Superlativ sind. Lasst es mich erklären:

Normalerweise haben wir drei Steigerungsformen: Positiv, Komparativ, Superlativ. Schön, schöner, am Schönsten.

Im Positiv kann man auch alleine sein. Schön, groß, blöd, alt kann man auch alleine sein.

Für den Komparativ muss man aber schon mindestens zu zweit sein. Man kann nur schöner, größer, blöder, älter sein, wenn es ein Vergleichsstück gibt, das im Satz nach „als“ kommt. Fritz ist größer als Hans. Man braucht also nicht nur einen zweiten, sondern einen, der in der Eigenschaft geringer ist. Fritz und Hans können zwar auch beide groß sein, aber wenn sie gleich groß sind, kann keiner größer als der andere sein. Dann muss es also schon Unterschiede geben. Und den Superlativ kann man nur im Vergleich mit einer Gesamtheit haben. Fritz ist nur der Größte, wenn er nicht nur größer als Hans, sondern auch größer als Günther, Alois und Rudi ist.

Wenn aber alle gleich „rechtsextrem“ sind, und da keiner rumläuft, der geringer rechts wäre, dann reicht es nicht zum Superlativ, nicht mal zum Komparativ. Man könnte freilich argumentieren, dass jeder Rechte rechter als die politisch korrekten Linken ist, der Vergleich also hergestellt werde. Wenn alle Vergleichsstücke aber Linke sind, besteht kein Anlass für Steigerungsformen, dann würde „Rechte“ schon reichen.

Aber, ach.

Nun hatte man ja bisher schon sprachlich ausgereizt, was geht, weil man sich ja in der Beschimpfung auch nicht bescheiden will, und Positiv und Komparativ gleich übersprungen, um direkt beim Superlativ angefangen, braucht nun aber trotzdem noch eine Steigerungsform, weil man in der Ukraine noch welche verortet hat, die noch viel rechte, noch hitleriger sind:

Also nennt man sie jetzt „Ultrarechte“. Noch rechter als „rechter geht’s nicht mehr“.

Ultra ist auch lateinisch und heißt so viel wie „weiter“, „darüber hinaus“, „über das Erwartete“, und wird vor allem adverbial verwendet.
Quid ultra quaeris? Was willst du mehr?

Rechtsextreme sind also so rechts, rechter geht’s nicht. Danach kommt nichts mehr. Und die, die noch rechter sind, das sind die Ultrarechten.

Oder wie Otto das mal formulierte: Dash wäscht so weiß, weißer geht’s nicht. Das neue Dash wäscht jetzt noch weißer.

Es gab mal eine Zeit, da haben die Leute noch ordentlich, vernünftig gesprochen. Noch bis in die 60er, 70er Jahre wurde Sprache noch gepflegt. Wenn Ihr mal irgendwo welche seht, lest mal die Briefe, die Soldaten im ersten Weltkrieg von der Front geschickt haben. Was für ein Sprachvermögen die noch hatten.